Deutsche Humoristen, 3. Band (von 8)
Part 5
Mit Belgien also war es auch aus. Seraing war meine letzte Hoffnung gewesen. Die kleineren Fabriken hatte ich schon von Brüssel aus durchgekostet. Verzweiflung gibt Mut. Ich hatte als letzte Möglichkeit die größte, die ersehnteste versucht: die weltberühmten Werke von Cockerill. Nun sah ich durch die trüben Scheiben in die Dämmerung hinaus. Das Schiffsungetüm fraß noch immer an seinem Abendbrot; etwas langsamer, mit widerwärtigem Räuspern. Eben schien ein besonders fetter Bissen an die Reihe zu kommen: ein Riesensarkophag dem Aussehen nach, in Wirklichkeit ein Eisenbahnwagen. Er hing schwarz und viereckig gegen den schmutzigroten Abendhimmel und drehte sich langsam an der Kette des Schiffskranes in der Luft. Dann versank er plötzlich mit wütendem Gerassel in dem nicht zu füllenden Bauch. Der dicke, kurze Schornstein machte eine ganz kleine, behagliche Bewegung. Diesmal hatte es dem Ungetüm sichtlich geschmeckt. Und morgen, um vier Uhr, frißt es auch Menschen!
Ich wandte mich meinem Tischchen zu. Die beiden andern Briefe waren mir von meinem Brüsseler Gasthof nachgesandt worden. Der eine kam von England, von einem Freund und Schulkameraden, der schon ein halbes Jahr vor mir den Sprung in die weite Welt gewagt hatte. »Lieber Eyth,« schrieb er unter manchem andern, das nicht hierher und kaum in seinen Brief gehörte; »wenn Dich meine Epistel noch in Berg trifft und Dir Dein Leben lieb ist, namentlich Dein Seelenleben, so bleibe dort. Ein Waldhornminele findest Du hier nie und Dein tägliches Brot in den ersten sechs Monaten schwerlich. Solltest Du jedoch inkurabel verrückt und dies Deinem Fortkommen in Belgien und am Rhein hinderlich gewesen sein, so komme immerhin. Ich habe seit vier Wochen zwanzig Schilling die Woche und ein Reißbrett in der ersten Fabrik der Welt. Ein Hundeloch und Hundelöcher ringsumher. Whitworth. Aber es soll jetzt alles neu gebaut werden, und geleistet wird Gewaltiges, und interessant ist es, daß man beinahe den Mangel des Kneipens verschmerzt. Es ist noch ein Deutscher hier, oder vielmehr ein Schweizer, dem dies saurer fällt als mir. Wir zwei pausen zu Hause die ganze Nacht Bohrmaschinen und Drehbänke, Hobel- und Fräsmaschinen, mit dem Schwert des Damokles über unsern Köpfen. Den Tag über wird für unsern Herrn und Meister -- ein famoser Kerl voll trockener Energie -- redlich gearbeitet; nachts wird er bestohlen. Und dabei erfreuen wir uns des Gefühls tugendhafter Pflichterfüllung und eines wachsenden Haufens der wertvollsten Werkzeugmaschinenzeichnungen. Findest Du sonst nichts, so stellen wir Dich als Mitpauser an. Werden wir ertappt, so haben wir wenigstens jemand, den man hängen kann. Man muß übrigens auch dem Teufel Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie halten hier nicht jeden alten Bolzen für ein Fabrikgeheimnis, wie bei uns. Und mein Schweizer Associé meint, so oft er allzu durstig wird: in fünf Jahren können wir uns mit all unsern Pausen keine Maß Bier kaufen. Er wird wohl recht haben. Insofern ist die Sache auch vom streng ethischen Standpunkte aus harmlos. Also nochmals: bleibe zu Hause und nähre Dich redlich. Dein alter Gutbrod.«
Ich trat wieder ans Fenster; diesmal erregter. Das war die Gattung von Briefen, bei denen ich nicht mehr auf einem Stuhl sitzen bleiben konnte. Es war jetzt völlig Nacht geworden, man hatte aber ein paar Pechfackeln um das Ungetüm herum angezündet. Es fraß noch immer, es ging sogar wieder rascher: kleine Bissen, die ihm leicht durch die Zähne schlüpften, immer drei Fässer auf einmal. Ich hatte sie schon nachmittags bereit liegen sehen und wußte, daß es dreitausend westfälische Schinken waren. Alles für England; und da sollte es wirklich so hungrig zugehen, wie dieser Gutbrod mir weismachen will. Unsinn! Wenn man mit dreitausend westfälischen Schinken ankommt, kann es einem nicht allzu schlecht ergehen. -- Nun aber zum dritten Brief. Er kam aus der Heimat, von meinem lieben Zeichen- und Leidensgenossen Braun, der jetzt, an meinem Tisch, das alte Leben fortsetzte.
»Lieber Eyth! Zwei Dinge rate ich Dir, von denen Du das eine tun, das andre bleiben lassen sollst, und zwar so bald als möglich. Komme ohne Verzug wieder zurück. Dein alter Zeichentisch ist mir um drei Centimeter zu hoch, und Dein Reißbrett hat zwei Astlöcher, die mir das Leben zur Last machen. Oder, zum zweiten, mache, daß Du so schnell und so weit als möglich fortkommst; denn der Alte -- (in dieser vertraulichen Weise sprachen wir von unserm hochgeachteten Herrn und Meister hinter seinem Rücken) -- ist noch immer wütend über Deine Desertion: ›Da erzieht man die jungen Leute, die völlig unbrauchbar aus ihren polytechnischen Kindergärten kommen, zahlt ihnen noch glänzende 36 Kreuzer täglich dafür, und kaum sind sie im stande, sich einigermaßen nützlich zu machen, so laufen sie einem davon, der Kuckuck weiß, weshalb und wohin; bloß um zu laufen.‹ Er ist in der tiefsten Seele, soweit er eine solche hat, überzeugt, daß Du ein Scheusal von Undankbarkeit bist, und läßt es uns fühlen. Wir suchen uns dadurch einigermaßen schadlos zu halten, daß, wenn irgend etwas unten in den Werkstätten schief geht, eine Welle zu kurz oder zu lang, ein Zapfen zu dick oder zu dünn geraten ist, wir einstimmig versichern: das hat Herr Eyth noch gemacht. Die Bemerkung ist ein Sprichwort geworden, das uns vielfach tröstet; auch über Deinen Abgang, welchen ich anfänglich für ein Unglück hielt, denn wir waren in der ersten Woche wirklich verdrießlich. Jetzt geht es schon wieder. -- Daß Du am Rhein nichts gefunden hast, freut uns. Hoffentlich geht Dir's in Belgien ebenso gut. Dann wirst Du wohl an die Heimkehr denken und an die Fleischtöpfe im Waldhorn, und wir werden vielleicht wieder zu Ehren kommen. Mit Blechmusik sollst Du empfangen werden. Der Alte wird Dir sicher auch etwas blasen, glaube ich. Aber er wird Dich wieder aufnehmen wie den verlorenen Sohn, wenn auch ohne eine Kalbschlächterei zu veranstalten; darauf darfst Du bauen. Der Herr sei mit Dir, wenn Du schon bei den Trebern angelangt sein solltest. Dein getreuer Braun.«
Nachschrift: »Das Waldhornminele läuft mit roten Augen herum. Dies dauert zu lange. Ich will ihr morgen Bleiwasser verordnen, und dann, wenn's besser wird, sehen, was sich machen läßt. Du kannst meinethalben noch ein Jahr fortbleiben. D. O.«
Dazu klatschte jetzt der Regen ans Fenster, und ein kalter Aprilwind fing ordentlich zu blasen an. Man hörte draußen Rahen und Stangen ächzend aneinanderschlagen, und das Kettengerassel der Dampfwinden hörte trotz allem immer noch nicht auf. Die drei Briefe waren gelesen; zweifelnd, schwankend starrte ich in die dunkle Zukunft. Wenn je einem Menschen zu Mut war wie dem ungarischen Bauernjungen in Lenaus Werbung, so war ich jetzt der Mann. Mein alter Freund Braun hatte die richtige Saite angeschlagen, ohne es zu wissen.
»Und er sieht das Hüttlein trauern, Das ihn hegte mit den Seinen, Hört davor die Linde schauern Und den Bach vorüber weinen.«
Den Nesenbach; den damals noch nicht einmal überwölbten Nesenbach. Man glaubt es kaum, wie die Entfernung selbst ein solches Gewässer vergeistigt.
In der Tat, warum sollte ich nicht umkehren? Alle vernünftigen Leute schienen dieser Ansicht zu sein, gleichgültige und teilnehmende. Leer käme ich ja nicht nach Hause. Ich hatte seit zwei Monaten alles mögliche gesehen und einiges gelernt. Meine Notizbücher strotzten von halbfertigen Skizzen. Warum sollte ich nicht einen Strich unter meine Studienreise machen, wenn man mir die Tinte dazu förmlich nachspritzt. Es kostet wohl einige Überwindung, nach den hoffnungsvollen Plänen, mit denen ich auszog; aber man muß sich auch überwinden können. Die größten Geister fanden dies am schwierigsten und achtbarsten. Und zur Stärkung und Belohnung meines heldenhaften Entschlusses der Selbstüberwindung muß etwas geschehen. Ich werde in dieser wilden Welt mit ihrem ewigen Kettengerassel, wenn irgend möglich, zum Abend- und Abschiedsmahl eine gute, deutsche Schützenwurst bestellen! Marie!!
Die Zimmerglocken im zweiten Stock des Schwarzen Ankers waren nämlich nicht immer in Tätigkeit zu sehen. Man war deshalb gezwungen, dem Zimmermädchen bei jeder wichtigeren Veranlassung menschlich näher zu treten. Freilich nicht immer mit Erfolg. Sie ließ mir auch diesmal Zeit, meinen halblauten Monolog fortzusetzen, den die wachsende Erregung wohl entschuldigt. Man hat nicht alle Tage einen Entschluß zu fassen, der das ganze Leben in eine neue Bahn drängt.
Eins aber will ich nicht unterlassen, fuhr ich, noch immer auf meine Belohnung bedacht, eifrig fort: so nahe an England, für das ich seit Jahren als Mensch und Techniker eine stille, beklommene Verehrung pflegte, will ich wenigstens etwas von seinem insularen und weltumspannenden Leben kennen lernen, ehe ich ihm den Rücken kehre! Eine Flasche britisches Ale zu meiner schwäbischen Wurst! Vielleicht sauge ich in dieser Weise kurzerhand die Quintessenz englischer Lebenskraft in mich ein. Ale hatte ich bis heute nur dem Namen nach kennen gelernt. Das wenigstens muß anders werden. Ich kann dann jedenfalls die erste Frage, die Braun, wenn wir uns in Bälde wiedersehen, an mich richten wird, prompt beantworten. Eine Flasche Ale unter dem Herzen und den fernen Salzgeruch der See in der Nase, wie ihn in einer solchen Sturmnacht jeder Windstoß bringt: wozu braucht man eigentlich dann noch nach England zu gehen? Marie! --
Sie geruhte zu erscheinen; ohne Übereilung, mit jener vlämischen, gemessenen Würde, die dem Süddeutschen Achtung einflößt und gelegentlich ein Donnerwetter auspreßt. Nicht ohne kleine sprachliche Schwierigkeiten erklärten wir uns: »Schützenwurst?« -- »Nein!« -- »Wurst im allgemeinen?« -- »Ja!« -- »Das englische Gebräu?«-- »Jawohl, Mynheer!« -- Nach zehn Minuten erschien alles auf einem Puppenstubenkaffeebrettchen; nur die große, wohlversiegelte Flasche machte eine imponierende Ausnahme. Man mag sagen, was man will, es ist doch etwas an den Engländern; ein großer Zug in allem, was sie berührt', dachte ich und streckte mich auf dem kleinen Sofa aus, den Kopf auf der einen, die Beine auf der andern Lehne, um wenigstens eine Stunde lang die englischen Illusionen möglichst aufrecht zu erhalten. Draußen heulte der Sturm. Segel und Rahen klatschten; das Kettengerassel dagegen hatte endlich aufgehört. Und mein Petroleumlämpchen brannte traulich und zutunlich. Ein schweres, goldgelbes Naß winkte mir aus dem Gläschen entgegen, das schlecht zur Flasche paßte. Ich begann; nicht ohne Wehmut.
So wäre denn mein Wanderleben zu Ende! Warum auch nicht? »Das Hüttlein« wird bald wieder vergnügt sein, alter Lenau! Das alte Leben hatte doch wahrhaftig auch sein Schönes, wenn man es im rechten Lichte besah; namentlich im Abendsonnenschein oder noch besser: in der Dämmerung. Die Kinderzeit in dem Waldkloster, in dem ich aufgewachsen bin, mit ihrer unverstandenen Sehnsucht nach der großen Welt, welche zwei Stunden hinter dem Wald mit einem Eisenhammer anfing. Und nun hatte ich mir die große Welt schon ziemlich gründlich angesehen; was war sie anders? Tatsächlich Eisenhämmer, einer hinter dem andern! Sind sie all die Sehnsucht des kleinen, klopfenden Herzens wert gewesen? -- Dann die lustige Schulzeit mit ihren Freundschaften für eine vierjährige Ewigkeit und der ungeduldigen Ahnung von all dem Großen und Schönen, das der nächste Schritt im Leben unfehlbar bringen mußte, wenn man endlich den Staub und Moder der fürchterlichen Klassiker abschütteln durfte. Darauf die Kneip- und Arbeitsfreudigkeit des jungen Polytechnikers, der mit ganzem Herzen bei der Sache ist, durchdrungen von der Weisheit seiner verehrten Lehrer und der Höhe seines eignen Wissens und jederzeit bereit, mit einer liebenden Gattin von fünfzehn Jahren die Rosenpfade des Daseins zu durchwandeln. Nun aber plötzlich aus all diesen Herrlichkeiten der zermalmende Sturz in das Werkstättenleben, die Vernichtung aller Träume, die zerklopften Finger, die schwarze Nase. Und die ersten selbstverdienten Groschen, die ersten, mit selbstverdientem Geld gekauften Stiefel, in denen man mit bisher ungekannter Vorsicht auftritt. Und dann, trotzig und halb gebrochen, aus der Tiefe der Vernichtung langsam wieder emporsteigend. --
Übrigens ist dieses Ale ein wunderbares Getränk! Süffig wie das kostbarste Olivenöl -- darüber habe ich keinen Zweifel mehr; stark wie zwei Männer -- aber kaum bitter genug -- so ganz anders als ehrliches schwäbisches Bier!
Ja -- man ist an dem Sturz in die unerwarteten Tiefen des praktischen Lebens allerdings nicht gestorben, wenn auch beinahe. Mir wurde es vielleicht doppelt sauer, denn in der alten Klosterzeit hatte ich im Träumen eine ganz besondere Fertigkeit erlangt und öfter versucht, die etwas dunstigen Luftgebilde in Reimen festzunageln, so daß ich jetzt noch, sobald es mir wieder etwas besser ging, anhub, meinen Schraubstock zu besingen, und den Fabrikschornstein in Verse brachte. Es schadete niemand; sogar mir selbst nur einmal. Doch das harte Jahr ging vorüber. Aus meiner ersten Fabrik hatte man mich zwar zu meiner unaussprechlichen Verblüffung hinausgeworfen; sechs Wochen, nachdem mir von meiner technischen ~Alma mater~ der erste Preis in höherer Mathematik und praktischem Maschinenzeichnen zugesprochen worden war. In der zweiten stieg ich jedoch aus den tiefsten Tiefen mit zusammengebissenen Zähnen, und verschmierter als der schmierigste Lehrjunge, langsam empor und wurde 36 Kreuzer, 48, ja schließlich einen Gulden täglich wert. Dann holte mich ein Engel vom Himmel -- er hieß Wolf und war Bureauchef und erster Konstrukteur -- ins Zeichenbureau.
Die Wurst war nicht schlecht, wenn auch himmelweit entfernt von den Idealen, die meine teure schwäbische Heimat erzeugt. Es fehlte ihr die schlichte Treuherzigkeit, die man am Neckar auch in einer Knackwurst findet. Aber das Ale -- wie man ein solches Getränke Bier nennen kann! ~C'est magnifique, mais ce n'est pas la guerre!~ -- und stark! -- es lebe ~old England!~
Das Pausen macht nicht überglücklich, aber man war wieder gewaschen wie ein Mensch und ahnte die kommenden Freuden, wenn man nach Tisch in dem noch leeren Zeichensaal neugierig an den Reißbrettern der gewiegteren Herren Zeichner vorüberschlich: ernster, bärtiger Männer, denen man die harmlosen Dummheiten nicht ansah, deren sie nach längerem, tiefem Nachdenken oder schneidigem Winkel- und Reißschienengeklapper fähig waren. Welch erhebendes Gefühl, den ersten, selbstkonstruierten Lagerbock aus dem Nichts entstehen zu sehen; zu wissen, daß auch ich in der Zuckerfabrik zu Böblingen in der Form eines Holzgestells für zehn Zentrifugen weiter leben werde. Von den Sonnenblicken, welche Liebe und Freundschaft wieder auf meinen Lebenspfad zu werfen begannen, will ich gar nicht reden. Es war wie ein zweiter Frühling in sprossendem Ackerfeld nach dem ersten im kindlichen Heidekraut, der schon weit hinter mir lag. -- Ein tüchtiger Schluck von solchem Bier war damals nicht nötig, um mir den Lebensmut zu heben, und dies war ein weiteres Glück. Denn das Bier im Waldhorn war um ein beträchtliches schwächer.
Die Tage folgten sich und glichen sich nicht mehr. Schritt für Schritt gings höher hinauf. Es kamen die kleinen Geschäftsreischen: hier die Aufnahme einer alten Sägemühle, dort der Besuch eines verkehrt aufgebauten Fundaments. Man hatte das fröhliche Gefühl des Entchens, das zum erstenmal halb verwundert, halb selbstbewußt in seiner Pfütze plätschert. Man fühlte die Bedeutung des neunzehnten Jahrhunderts, und daß man am Webstuhl einer großen Zeit das eigne Schiffchen hin und her warf. Abends am Wirtstische predigte man dem Pfarrer des Städtchens und wurde vom Bürgermeister den Gemeinderäten als der Herr Ingenieur aus Stuttgart vorgestellt, welcher uns alles über die Gasfabrik mitzuteilen in der Lage sei, deren Anlage möglicherweise doch in nicht allzu ferner Zeit in Erwägung zu ziehen wäre. Wenn es dann gar gelang, die Bestellung eines unerwarteten Seifenkessels nach Hause zu bringen, zu der sich der Herr Gemeinderat Angele in plötzlich erwachtem Vertrauen entschlossen hatte! Aber auch Lieblicheres als Seifenkessel sproßte frühlingsartig in allen Ecken und Enden des Ländchens, kleine Blumenbeete der Freundschaft und Liebe in buntwechselnder Farbenpracht. ~Fiducit~, du alte Jugendzeit! Prosit, ihr fernen Herzensbrüder; desgleichen ihr Schwestern! In einem besseren Nektar habe ich euch noch nie meine Grüße zugewinkt!
Und das alles wollte ich verlassen? Ist es nicht schnöder Undank, um von positiver Schlechtigkeit in einem oder zwei Fällen nur mit gebührender Zurückhaltung zu sprechen? Ist das Neckartal nicht ein halbes Paradies und das Waldhornminele eine kleine Eva, ohne Falsch, wie die meisten Schwabenmädchen, an denen wahrhaftig kein Mangel war? Der erste Versuch, all diesen teuern Banden zu entschlüpfen, hatte verdientermaßen kläglich geendet. Zu Immendingen, im Schwarzwald, war die Stelle eines Zeichenbureauchefs ausgeschrieben. Wer nichts wagt, gewinnt nichts! Ich meldete mich, trotz des Jammers meiner guten Mutter: Immendingen sei gar so weit entfernt! Wenn es wenigstens nicht im Ausland läge! Es ist nämlich badisch, und wir schrieben 1859. Und wahrscheinlich hätte ich die Stelle bekommen, wenn mein wackerer Vater, stets auf mein Wohl bedacht, mich nicht unterstützt hätte. Er war ein Mann des Fortschritts, trotz der hervorragenden philologischen Stellung, die er in seiner Welt einnahm. Um meine Bewerbung zu fördern und um mich zugleich später freudig zu überraschen, schickte er hinter meinem Rücken an die Direktion von Immendingen eine Abschrift meiner sechs besten »Lieder am Schraubstock«, überzeugt, wie er beifügte, daß die in den kurzen Gedichten hervortretende ideale Auffassung des praktischen Lebens und die nicht unbeträchtliche sprachliche Gewandtheit, welche sich namentlich in dem fünften Gedicht, »Der Schornstein«, zeigte, einige Berücksichtigung finden dürfte. Erst zwei Jahre später erfuhr ich von der Sache durch einen Schreiber, der den »Schornstein« und die andern fünf Lieder aus dem direktorialen Papierkorb gerettet hatte. Denn der junge Herr war zufällig beim Empfang des Schreibens im Zimmer anwesend gewesen. »Sehen Sie mal!« hatte der Direktor zu seinem Prokuristen gesagt, der ihm gegenüber saß, »solches Zeug schickt mir ein alter Professor! Glaubt der Mann, wir machen Gedichte in Immendingen! Muß eine intelligente Familie sein, das!«
Prosit, prosit, liebevollster und besorgtester aller Väter! Ich weiß, du hast es herzlich gut gemeint, wenn wir auch in diesem Falle hineinfielen. Es tat nicht allzu weh; der Papierkorb war geräumig genug für uns beide. -- Übrigens ist dieses Bier das Bier aller Biere! Wenn bei den Engländern alles so ist wie ihr Ale -- wer weiß, ob es nicht doch meine Pflicht wäre, diesem Volke näher zu treten. Nur zu stark, wirklich zu stark! Ich glaube, drei Flaschen könnte ich beim besten Willen nicht auf mich nehmen. Das hat auch seine Nachteile.
Aber meine Ruh' war hin. Der Blick über den Schwarzwald hinaus hatte den Zauber der Heimat vernichtet. Eine geheime Sehnsucht nagte an meinem Herzen. Dazu kam eine kurze Geschäftsreise nach Paris, mit dem Auftrage, Lenoirs Gasmotoren zu studieren und den Franzosen nach Möglichkeit zu bestehlen, von wo ich verwirrten Kopfes nach Hause kam. Meine angeborene deutsche Ehrlichkeit bewährte sich schon bei dieser Gelegenheit. Aber ich ahnte mehr und mehr, wie weit die Welt ist, wie sich's draußen regt, wie die Zeit, _unsre_ Zeit, an ihrem großen Webstuhl die Schiffchen hin und her wirft. Liebe und Freundschaft und die komplizierteste Schiebersteuerung, an der ich viel und emsig herumklügelte, wollten mir den Seelenfrieden nicht wiedergeben. Ich mußte hinaus.
Es lebe der Fortschritt; es lebe die Freiheit! Unbedenklich kann man das Ale das Bier der Befreiung, den Trank der Freiheit nennen; wie ja schon unserm wackern Schiller England als das gelobte Land der Freiheit erschien, weil und obgleich er der beste Deutsche war. Daher wird wohl auch der Unterschied im Geschmack rühren. Man muß sich an das Beste gewöhnen. Es lebe die Freiheit!
Ich hatte mir ein paar hundert Gulden erspart und besaß eine Großmutter, die mir fünfhundert lieh. Dann -- Ehre, dem Ehre gebührt -- gibt die württembergische Zentralstelle für Handel und Gewerbe ihren hoffnungsvolleren jungen Schwaben gelegentlich ein paar hundert auf den Weg, für Studienzwecke, oder um sie mit Ehren los zu werden. Das machte zusammen etwas über tausend Gulden; damit kann man bequem eine Strecke gleich der Erdbahn durchreisen! Und als sich die ersten Spuren des Frühlings von 1861 zeigten, zog ich den Neckar hinunter in die weite Welt hinaus.
Es lebe die Freiheit! Und nun sollte ich wieder umkehren, weil die Rheinländer nicht merkten, wer vor ihren Türen stand, und die Belgier -- konnte man's ihnen verargen? -- ebenso blind sind? Unsinn! Ich gehe nach England! Natürlich gehe ich nach England. Vor der Quelle eines solchen Nektars darf eine deutsche Studienreise nicht Halt machen. Ich könnte mir's wahrhaftig in meinen alten Tagen nie verzeihen. Soll ich beschämt vor meinen Enkeln stehen, wenn sie die Jugendgeschichten ihres Großvaters ausgraben? Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben. Ich begreife nicht, wie ich, noch mit sechshundert Gulden in der Tasche, auch nur einen Augenblick daran zweifeln konnte. Es war eine schmähliche Schwäche. Alles, was mich zu Hause liebt, soll leben. Aber ich gehe. Mit jedem Augenblick fühle ich einen neuen Zuwachs von Kraft und Mut in mir lebendig werden. Lebendige Kraft von der harten Art, mit der etwas zu machen ist.
Lebe wohl, Kinderzeit! Ernst muß es werden, und das Ungetüm draußen mag mich verschlingen, sobald es Lust hat. Es soll mich als Mann wieder ausspeien an dem fremden Strande. Das ist beschlossene Sache, die deine roten Augen, Waldhornminele, nicht mehr ändern können. Der Mann will hinaus! -- Jetzt aber zum letztenmal -- und ganz gewiß zum letztenmal!
Ich riß ein Blatt aus meinem Notizbuch und schrieb auf die Rückseite einer Kesselschmiede zu Aachen Abschiedsverse an meine armen, zurückgebliebenen Freunde, an Mina, an Minas zahlreiche Freundinnen und an meine ganze Jugendzeit, die ich unbarmherzig im Meer versenkte. Dann folgten etliche trotzige Strophen an die Stürme der Zukunft und ein fragwürdiges Schiff, das ich mit großer Zuversicht um brandungumtoste Klippen zu steuern vorgab. Die Reime flogen mir zu. Dagegen weiß ich heute noch nicht genau, wie ich in den Wandschrank kam, in dem sich nach holländischer Weise mein Bett befand. Es ging alles in schönster Ordnung. Aber ein gütiger Himmel mußte mich auch damals geleitet haben, wie später mannigfach, wenn ich, in Freud' und Leid, das Steuer nicht mehr allzufest in der Hand hielt.
Ein sonniger Morgen weckte mich aus wogenden Träumen. Draußen rasselten die Dampfwinden mit einer Lebenslust und Arbeitswut, die fast wehe tat. Mein schwarzer Freund mit seinem unerschöpflichen Appetit war schon am ersten Frühstück. Er verspeiste soeben zehntausend Bretter. Dazu Geschrei und Peitschenknallen, Pfeifen und zischendes Abblasen von Dampf in allen Richtungen.