Deutsche Humoristen, 3. Band (von 8)
Part 4
O daß die Menschheit immer in Extremen ihre Lebensbahn dahinwackelt und meint, weil der Mensch tätig sein soll, er müsse immer tätig sein. Künstereiche Zeit, die du eine Kunst so ganz verlernt hast: die köstliche Kunst, zu rechter Stunde zu faulenzen! Genüsse suchendes und findendes Geschlecht, das du _einen_ Genuß nicht wiederfinden kannst: den Genuß des Lebens! Armer Mensch, dessen ganzes Leben die Not frißt; ärmerer Mensch, der du Zeit zum Faulenzen hast und sie nicht nützest: »ärmer«, weil du krank bist! Wie ein verdorbener Gaumen die lautere Labe des klaren Wassers verschmäht, so kennen Sinn und Herz den heiter fließenden Trank des reinen Wassers nicht mehr. Nach schwerer Krankheit fühlen sie wohl in der Wonne der Genesung das Glück des reinen Seins, des Lebens an sich. Aber ist es nicht ein niedriger Sinn, der den Reichtum erst dankbar erkennt in der Armut und die Gabe erst schätzt, wenn sie ihm wieder entrückt ward? Fühlt ihr am Morgen nicht in den aufgespannten Augen das Glück des Wachens, das mit neuem Übermut den bunten Mantel der Träume verschmäht vor dem weißen Linnen der Frühe? Fühlt ihr nicht an den Lippen den morgenkühlen Becher des neuen Tags? Fühlt ihr nicht seine bewegliche Flut durch alle Glieder rieseln? Und tragen Muskel und Gebein nicht ihre wohlbemessene Last mit wohliger Lust davon, und singt nicht das ruhig schlagende Herz dazu ein bejahendes Lied? Habt ihr nie in der Glut des Mittags am Ufer des Stromes gelegen und ohne Ziel hinaufgeblinzelt in den blauen Brunnen der Unendlichkeit, in dem die Spenderin unserer Tage wohnt? Sind eure Augen nicht halbe Stunden lang mit den Wellen gewandert, und hat euer Herz nicht leichtsinnig dazu gelächelt: Zeit, fließe nur hin? Habt ihr niemals den silbernen Sand des Ufers durch die Finger rieseln lassen und also harmlos mit dem Stundenglas des Todes gespielt? Und habt ihr nie die letzte Stunde des Abends dahingegeben zum Abschiedsfest mit der Sonne und habt ihr nicht gesehen, wie sie selbst den Rest des Tages über die Höhen ausgießt und den roten Wein verschwendet zur Feier der Schönheit?
Zeit ist Geld, und Geld ist Zeit, und mit beiden haushalten zu müssen, ist Menschenlos. Aber der Zeitfilz ist so klein wie der Geldfilz. Selbst der Arme und gerade der Arme, wenn ihm Stunden der Ruhe blühen, gönnt sich die Lust, bewegungslos auf der Welle des Lebens zu treiben und den Tag ohne Zweck zu trinken als Licht und Luft. Und du, erhabene Macht, die jeder mit anderen Namen nennt, mach' uns alle zu Brüdern vom geruhigen Leben, die auch in gesunden Tagen mit Lust das Leben an seiner Quelle trinken, die auch im ungestörten Besitz jenes Verlangen edler Herzen fühlen, ihren Dank ins Unbekannte emporzusenden. Wessen Seele den Gaben des Himmels offen liegt: jeder wärmende Strahl entzündet auf dem Herd seines Herzens ein Opfer des Dankes; sein ganzes Wesen hebt sich zum heiteren Antlitz des Tages empor, wie die Flut des Meeres sich dem schweigenden Gestirn der Nacht entgegenhebt.
Langstielige Maler, Kellner, Versicherungsagenten u. s. w.
Im Münchener Löwenbräukeller saß einst ein Mann vor einer hohen Maß Bier. Von Zeit zu Zeit nahm er den Krug, hob den Deckel, schaute hinein, indem er den Krug schüttelte, und stellte ihn, ohne zu trinken, wieder hin. Dies wiederholte sich dreimal. Ein Bruder vom geruhigen Leben fragte ihn nach der Bedeutung solchen Tuns. Der gefragte Münchener sprach: »Wann der Schaum mitwackelt, nacha is's guat g'schenkt; aber er wackelt net.« Und sieh, als sich aller Schaum verdichtet hatte, da fehlte wohl ein Sechstel am richtigen Maß. Schweigend, aber »mit Knotenstock im Blicke«, reichte er den Krug der Kellnerin; schweigend nahm sie ihn entgegen und brachte bald ein voll gerüttelt und geschüttelt Maß zurück.
Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben rechnet zwar ein Sechstel Liter Löwenbräu gewiß zu den Dingen, die ein großzügiger Mensch verachten darf; aber im Prinzip bewundert sie den Mann mit dem wackelnden Schaum. Denn wenn auch ein gewisses Quantum erlittenen Unrechts zur täglichen Würze des Lebens gehört und die Menschheit zur Beschaffung dieses Gewürzes eine Versicherung auf Gegenseitigkeit geschlossen hat -- ein Unrecht mit Widerhaken soll man nicht verschlucken. Solch ein Unrecht will dann monatelang, jahrelang doch nicht hinunter, soviel man auch schluckt, und richtet mehr Schaden an, als die ganze Duldung wert ist. Auch kommt das meiste Unrecht in der Welt auf Rechnung derer, die Unrecht leiden. Die Brüder vom geruhigen Leben erstreben nicht die Ruhe jener Vegetabilien, die von den Ziegen gefressen werden. Sie sind groß genug, das Kleinliche zu verachten, und ein paar tausend Mikroben schaden ihrem gesunden Magen nicht; aber sie entwickeln eine sanft- und stillsinnige Kratzbürstigkeit, wo sie auf Gewohnheit und System im Unrecht treffen. So trifft der moderne Mensch in Hotels und Restaurants, auf Reisen und daheim immer häufiger auf eine Art von Wesen, die dem Gaste, was sie ihm nicht entraffen, auf jegliche Weise verekeln, und es nahezu als gewiß erscheinen lassen, daß Homer und Hesiod bei den Harpyien an eine Art Oberkellner und Hoteliers gedacht haben. Auch Kellnerinnen können sehr langstielig und unangenehm sein, wenn man von ihnen Dinge verlangt, die nicht zweifellos zur Bedienung ihres jeweiligen Studenten oder Sergeanten gehören. Ein anderer, ebenfalls sehr ehrenwerter Stand hat Angehörige, die, mit der Eleganz von Gesandtschaftsattachés gekleidet, unserm Dienstboten ihre hochfeine Visitenkarte überreichen, sämtlichen Hütern unseres Hausfriedens auf das Bestimmteste versichern, daß sie »den Herrn selbst« in einer wichtigen Sache sprechen müßten, endlich mit dem Anstand von Trägern diplomatischer Missionen in unser Arbeitszimmer treten, die persönlichen Grüße hervorragender Männer der Kunst, der Wissenschaft, der Politik überbringen, mit intimer Kenntnis von deren Gewohnheiten plaudern und bald bei einem großen Manne verweilen, der eine rührende Liebe und Fürsorge für seine Familie bekunde und infolgedessen erst kürzlich bei ihm, unserm geschätzten Besucher, sein Leben mit 100000 Mark versichert habe. Eine andere Menschenart übernimmt die Anstreichung eines Hauses, erscheint pünktlich am festgesetzten Tage und beginnt den Anstrich, um dann dich und dein viertelbemaltes Haus vierzehn Tage oder auch drei Wochen lang miteinander allein zu lassen, nach dieser Zeit abermals ein einmaliges Gastspiel zu geben u. s. w. ~in infinitum~. Ein Bruder vom geruhigen Leben pflegt schon nach dem ersten Ausbleiben des Malers einen andern kommen und von diesem das Haus zu Ende malen zu lassen, so daß es bei der Wiederkehr des ersten Mannes stets einen überraschend heiteren Eindruck macht. Die Brüder vom geruhigen Leben kennzeichnet überhaupt _Heiterkeit_ und _Handlung_. Sie werfen die kleinen Ärger des Tages von sich, ohne sich zu ärgern. In all den Quisquilien des alltäglichen Lebens befolgen sie den Grundsatz: Es geht ohne Aufregung auch, und besser.
Dreiecke im Frack, Rußflecken auf der Nase u. dgl.
Es gibt eine Sorte von Unglücklichen, die mit erschreckender Regelmäßigkeit, gerade wenn sie vor eine mächtige Persönlichkeit hintreten sollen, ausgleiten und hinstürzen, und denen dabei quer übers Knie das Beinkleid zerreißt, oder die just, wenn sie einem allerliebsten Mädchen eine Rose überreichen, einen schwarzen Fleck auf der Nase haben. Ein noch weit größeres Unglück aber ist die beständige Furcht vor solchen Nasflecken und Kniefällen, und diese Furcht peinigt oft die besten und anmutigsten Seelen. Sie genieren sich nicht nur, sondern sie sind bange, daß sie sich genieren könnten, und sind ceremonieller als der Ceremonienmeister, um sich nur immer tiefer in Ungemach und Befangenheit zu verstricken. Große Seelen und liebreiche Herzen haben um deswillen Beruf und Glück verfehlt. Niemand glaube, daß solchen Armen mit einer Tanzmeistererziehung geholfen wäre! Die Ruhe des Zentrums fehlt ihnen, die die Brüder vom geruhigen Leben so heiter und glücklich macht. Der unterzeichnete Bruder Schreiber sah einst, wie ein baumlanger Mensch, der bei einem wahrhaft anmutigen Mädchen einen möglichst guten Eindruck zu erwecken redlich bemüht war, seiner ganzen Länge nach vor ihr in den Sand fiel. Das Verkehrteste bei solchem Falle ist es, sich stückweise aufzusammeln, die Kniee abzuputzen und Entschuldigungen zu stottern, wo es nichts zu entschuldigen gibt. Unser langer Freund lachte. Er wurde so von der Komik seiner Situation geschüttelt, daß er liegen bleiben mußte und nichts vermochte, als den Kopf zu erheben und zu der Angebeteten emporzulachen, und er lachte so innerlich, so hell und strahlend, so mit der vollen, hallenden Resonanz des Herzens, daß sie in gefährlichster Weise angesteckt wurde, und man deutlich bemerken konnte, wie er mit seinem Fall auf dem Wege zu ihrem Herzen einen Schritt von der ganzen Länge seiner Persönlichkeit vorwärts getan habe. Nehmt die Dinge und euch selbst nicht schwerer, als ihr seid, dann tragt ihr leicht, dann fallt ihr leicht. Seid versichert, arme, gehetzte Selbstpeiniger: wenn ihr im Vorzimmer eines Fürsten oder einer umworbenen Dame oder ähnlicher Souveräne euch ein Dreieck in den Frack reißt, oder eure Krawatte sich löst, oder der schädelsprengende Schnupfen des redlichen Albert Einhart euch überfällt, und der Fürst oder die Dame euch darum abfallen lassen, dann handelt es sich um Damen und Fürsten, mit denen ein Bruder vom geruhigen Leben überhaupt nicht verkehren sollte. Resigniert mit Lachen und seid gewiß, daß euch bessere Dinge aufgehoben sind.
Diners von 3--12.
Noch verbreiteter als die Meinung, überall mitwirken zu müssen, ist unter uns armen Sterblichen die Überzeugung, daß wir überall mitessen müßten. Nicht, daß die Brüsseler Poularde mit Kompot und Salat nicht schließlich auf jeden ihre ermüdende Wirkung ausübte! Nein, es ist der Glaube an die Allmacht der »Gesellschaft«, der die Menschen feige macht und die Meinung in ihnen erweckt, sie müßten jährlich einmal bei sämtlichen Lehmanns essen, jährlich einmal sämtliche Lehmanns bei sich sehen, sämtlichen Lehmanns Verdauungsvisiten machen und von sämtlichen Lehmanns dergleichen Visiten entgegennehmen, wobei noch zu bedenken ist, daß die Lehmanns außerdem die Gewohnheit haben, sich zu verloben, zu heiraten, sich fortzupflanzen, zu avancieren und Jubiläen zu feiern.
»Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt, Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.«
Und
»Wer sich der Einsamkeit ergibt, Ach, der ist bald allein!«
sagt Goethe, wie immer, mit Recht; aber nicht alle Lehmanns sind Menschen, und man kann sehr wohl mit einem Menschen in demselben Ozean gebadet haben, ohne deshalb »gesellschaftliche Verpflichtungen« gegen ihn zu fühlen. Eine Dame der Plutokratie erzählte unserm Bruder Tibull mit jenem seltsamen Lachen, dessen Geheimnis in Elend und Morphium besteht: »Mein Mann und ich sind kaum drei Abende im Winter zu Hause. Sehr oft haben wir drei Einladungen an einem Tage: eine um drei, eine um sechs und eine nach dem Theater.« Die gute Frau wies überzeugend nach, daß das so sein müsse. Je wohlhabender ein Mensch, je angesehener seine Stellung, desto mehr Diners muß er geben und einnehmen: das ergab sich aus den Reden der Dame wie ein ehernes Lohngesetz. Wenn Meyers sich nämlich zurückhalten, so heißt es: »Meyers sind ~pauvre~« oder »Meyers sind geizig« oder »Meyers sind eingebildet« oder »Meyers sind ungebildet; sie wissen nicht, was sich gehört.« Weil Meyers nämlich wissen, daß der _Mensch_ sich gehört. Und dabei können Meyers die ganz merkwürdige Beobachtung machen, daß die Leute, die anfangs klatschten, bald mit einer unverkennbaren Hochachtung klatschen, und schließlich von allem nur die Hochachtung übrig bleibt, und Meyers um so höher im Preise steigen, je seltener sie zu haben sind!
Menschheit, verachte deinen Klatsch! Kennst du die Geschichte von unserm Timotheus? Ein neidgeplagter, armer Teufel hatte seine Künstlerschaft mit so geschickter Verlogenheit verunglimpft, daß auch auf den Charakter unseres Bruders ein Schatten fiel und der Verleumder doch nicht zu fassen war. Timotheus aß nicht, trank nicht und schlief nicht. Da geschah es, daß sein Söhnchen krank wurde, totkrank. Wochenlang schwebte das Bübchen zwischen Tod und Leben. Und mitten in der flackernden Qual seines Herzens fiel ihm unvermittelt die Verleumdung seines Feindes ein. Und mitten in den tiefsten Ängsten der Nacht mußte er lächeln, und wohl zehnmal sagte er zu sich selbst: du Narr -- du Narr -- du Narr! -- Der Knabe wurde wieder gesund, und als Timotheus eines Tages wieder an die Lügen des Neidharts dachte, da lagen sie nur noch wie ein ganz, ganz schmaler, schmutziggelber Streifen am Horizont, weit hinter Stallupönen, und die Abonnenten des Verleumders glaubten längst an andere Lügen. In jenen Tagen fand Timotheus eines der Grundgesetze unserer Gemeinschaft, das Gesetz: Gewinne die große Distanz zu den Dingen! Denn wenn der Mensch nach acht Wochen oder nach drei Jahren über ein Ärgernis lachen kann, dann ist der Mensch ein Esel, wenn er nicht schon heute lacht! Mit diesem Gesetz zwingt ein Bruder vom geruhigen Leben den Schlaf auf seine Lider, wenn die Niedertracht der Welt ihn wach zu halten droht. Er legt sich auf sein sanftes Ruhekissen und nimmt die erste Dosis seines Schlafmittels, die lautet: »Durch Schlaflosigkeit schwächst du nur deine Kraft.« Hilft das nicht, so stellt er sich deutlich vor, wie er in Zukunft einmal über die Widerwärtigkeiten dieser Tage lächeln wird, und mit dem vorgestellten Lächeln auf den Lippen entschlummert er. Nur in besonderen Fällen wendet er die dritte Dosis an, die da lautet: »Wie würden sich deine Feinde freuen, wenn du um ihretwillen wachtest.« In der nächsten Minute schnarcht er.
Bleib Herr über deinen Schlaf und gib das Scepter auch um jenes höheren Klatsches willen, den man fälschlich »Ruhm« nennt, nicht aus den Händen. Bruder Tarquinius ist ein dramatischer Dichter; aber der Arzt hat ihm Vorsicht mit seinem Herzen geboten. Er hat einen simplen Gedanken ein für allemal zum Amulett erhoben, und diesen Gedanken zieht er vor jeder Première hervor und küßt ihn; er lautet: Herz ist besser als Ruhm. Freilich denkt er dabei an jenen Ruhm, der darin besteht, daß Hans genau dasselbe meint, was Peter meint, weil Peter meint, was August meint, der sich für seine Meinung auf jenen Hans berufen kann. Der wahre Ruhm ist freilich was ganz anderes.
Der wahre Ruhm wächst nicht aus den Mäulern der Menge, sondern aus den Herzen der Werke. Hast du Anwartschaft auf solchen Ruhm, so sei versichert, daß er in deinen Werken durchaus mündelsicher angelegt ist. Kein anderer kann an dies Vermögen herankommen, und es wird wachsen durch Zins und Zinseszinsen, langsam aber sicher. Vielleicht kommt ein richtiger Ruhm erst nach deinem Tode heraus. Aber Nachruhm ist gerade der beste. Denn dann ist man nicht mehr dabei.
Und hat doch sein fernes Kommen in einsamen Zeiten wie einen erdefremden Duft gefühlt.
* * * * *
Hier schließt die Vorlesung aus den Protokollen der Brüderschaft. Niemand wird die Gemeinschaft der Brüder für eine Bier- und Ruhebank halten, die Faulenzern und Feiglingen Gelegenheit gibt, stumpfzusinnen. Die geruhigen Brüder haben ein Verständnis dafür, daß es Invaliden des Lebens gibt, die sich darauf zurückziehen, täglich an derselben Stelle dasselbe Glas bis zur bestimmten Höhe gefüllt vorzufinden, es in der immer gleichen Zeit zu leeren und dabei auf dieselbe allgemeine Schnupftabaksdose in der Mitte der Tafel zu starren und in der sanften Betäubung dieses stillen Zirkeltanzes das bißchen Lebensrest zu verdämmern -- die Brüder vom geruhigen Leben respektieren die Haken, die für die Hüte dieser Invaliden ein für allemal reserviert sind -- aber sie haben nichts mit ihnen gemein. Die Brüder vom geruhigen Leben sind Kämpfer. Nur wollen sie den Kampf nicht dort führen, wo er sich nicht lohnt, wollen sie das Leben nicht dort schon tragisch nehmen, wo die Tragödie noch gar nicht beginnt, wollen sie ihre Eingeweide nicht schon opfern in den Vorhöfen des Lebens, wollen sie nicht wie die törichten Jungfrauen ihr Öl verbrennen, bevor der Bräutigam kommt. Sie wollen in dem verdammten »Objekt« keinen Machtkitzel erwecken, indem sie seine kleinen und gemeinen, niedrigen und widrigen, schäbigen und klebigen Nücken und Tücken mit nervösem Ernst behandeln, und wollen ihre Kraft sparen, um das Große zu verteidigen und das Größte, das Schicksal, mit Würde zu tragen. Denn das ist der allerhöchste und allerheiligste Grundsatz unserer Brüderschaft:
»Ein Leben in Wacht und in Waffen wider die Großmächte der Finsternis ist eines Erdenpilgers tiefste Ruhe.«
Max Eyth:
Der blinde Passagier.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers und des Verlegers abgedruckt aus dem 1. Bande des Buches »Hinter Pflug und Schraubstock. Skizzen aus dem Taschenbuch eines Ingenieurs« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlagsanstalt, 5. Auflage 1902).
Der blinde Passagier.
Es war kein Hotel erster Klasse, auch keins der zweiten. Für beides hatte ich meine Gründe. Ein erfahrenerer Weltreisender als ich es damals war, hätte behaupten können, der Schwarze Anker zu Antwerpen grenze bedenklich nahe an eine anständige Matrosenkneipe. Aber seine Lage behagte mir, seine Preislage hatte selbst für mich nichts Erschreckendes, wenigstens im zweiten und letzten Stock. Seit zwei Tagen bewohnte ich dort ein Stübchen von holländischer Größe und Sauberkeit. So lange blieben die Gäste im Schwarzen Anker selten; die runde, vlämische Kellnerin zeigte bereits die ersten Spuren mütterlicher Zuneigung, wenn sie mir ein frisches, schneeweißes Handtuch brachte, fast so groß wie ein Taschentuch. Alles schien für die niedlichste Zwergwirtschaft eingerichtet zu sein, in welcher gute, pausbackige Menschen hausten, groß wie Riesen; namentlich in der Breitenrichtung. Man konnte kaum begreifen, wie sie ein und aus gingen. Mein Fensterchen sah nach der Schelde auf eins der großen Wassertore des Kontinents, die in die weite Welt hinausführen. Als ich vorgestern zum erstenmal die glänzende Fläche im Licht der untergehenden Sonne schimmern sah, mit ihren Masten und Segeln, ihren behaglich rauchenden Dampfschiffen, den plätschernden, hin und her schießenden Schleppbooten, die in der größten Eile schienen, heute noch fortzukommen, und immer wieder da waren, klopfte mir das Herz fühlbar. Ich selbst -- soll ich oder soll ich nicht?
Etwas müde und nicht so hoffnungsfroh wie gestern und vorgestern war ich nach Hause zurückgekehrt. Das Wetter hatte sich geändert. Ein schwerer Aprilhimmel hing in schwarzen Wolkenfetzen über der Stadt. Bleigrau starrte die Schelde zu ihm empor. Von Zeit zu Zeit fegte ein Windstoß über den Strom und kräuselte ein silbernes Band in die tote Fläche. Die Masten der Schiffe wackelten nachdenklich hin und her, scheinbar ohne Ursache; doch schien es ihnen mit jeder Viertelstunde unbehaglicher zu werden. Jetzt, als ich eintrat, klatschten sogar schwere Regentropfen an die Fensterscheiben. In einer solchen Nacht hinaus in die weite, nasse, fremde Welt? Keines der Schiffe entlang dem dämmerigen Staden, das nicht den Kopf schüttelte!
Ein höflicher, unermüdlich schwatzhafter, kleiner Zeichner aus Lüttich hatte mir den ganzen Nachmittag lang die Werften gezeigt, welche die große Fabrik von Seraing hier im Betrieb hält. Es war die erste Schiffswerfte, die ich als rassenreine schwäbische Landratte zu sehen bekam. Sie war im Jahr 1861 nicht sehr groß; aber für den Maßstab, mit dem ich mich auf die Wanderschaft gemacht hatte, doch gewaltig genug. Ein halbes Dutzend großer Schleppkähne für die Wolga und ein kleiner Küstendampfer waren im Bau begriffen. Vor einer Woche hatte man angefangen, den Kiel für ein Dampfschiff von 800 Pferdekraft zu legen. Alles rohe Arbeit, wie mir schien. Und niederdrückend war es, daß es so viel rohe Arbeit in der Welt gab, von der man nichts verstand, trotz eines Bildungsganges, an dem die alten Griechen und Römer nicht ohne Anstrengung mitgeholfen hatten. Diese Werfte zu sehen war der eine, unwesentlichere Zweck meines Hierherkommens gewesen, auf einen Brief zu warten der andre. Der Brief sollte mein Schicksal für die nächste Zeit entscheiden. Ich hatte in den letzten Wochen mehrmals ähnlichen Schreiben entgegengesehen, in Köln, in Essen, in Brüssel, und fing an, mich an die Spannung zu gewöhnen, die einer milden Neugier -- wie es wohl weiter gehen werde? -- Platz gemacht hatte. Doch heute handelte es sich um das letzte Wort aus Belgien. Klang es wie alle andern, so stand ich ziemlich ratlos vor einer ernsten Lebensfrage.
In der Mauer von Schiffen, welche dem Staden entlang lagen, war die helle Lücke, die quer über der Straße gestern einen herrlichen Blick auf den munteren Strom gestattet hatte, plötzlich verschwunden. Ein schwarzes Ungetüm von Dampfer füllte sie aus, stieß träge Wolken Rauchs in die tiefhängenden Regenwolken und rasselte an vier Stellen zugleich mit Ketten und Dampfwinden, von denen jede ihre eigne schnarrende Tonart aufdringlich zur Geltung brachte. Unten im feuchten Halbdunkel verwirrte sich ein Dutzend Wagen und Karren, welche Waren aller Art herbeischleppten. Fässer, Kisten und Ballen flogen zuckend in die Luft, um mit einem behaglichen Grunzen im Bauch des Schiffs zu versinken. Peitschenknallen und Fluchen kam stoßweise zu mir herüber. Immer neue Karren kamen angerumpelt. Das Ungeheuer fraß mit Appetit, schwarz und schweigend. Frißt es wohl auch Menschen?
Ich fragte die runde Kellnerin, die in diesem Augenblick eintrat. Erst morgen nachmittag, gegen vier Uhr, antwortete sie in ihrem pausbackigen Vlämisch und hielt mir Briefe entgegen, die ich ihr mit befremdender Lebhaftigkeit entriß. Nicht bloß den einen, den ich erwartete; es waren drei. Mein zwei Wochen altes Vlämisch sprudelte stürmisch über meine Lippen. Kein Sprachlehrer der besten deutschen Gymnasien hat je ähnliche Erfolge erzielt. In zwei Minuten stand ein Petroleumlämpchen auf dem runden Tisch, ein Stühlchen war unter mir zusammengebrochen, ich saß auf dem krachenden Sofa und riß meine Briefe auf.
Der erste war in der Tat von Seraing, im höflichsten Französisch.
»Mein Herr! Wir bedauern aufs lebhafteste, daß die gegenwärtige Besetzung unsers Zeichenbureaus uns der Möglichkeit beraubt, von Ihren Talenten Gebrauch zu machen, für die uns ebensosehr Ihre vortrefflichen Zeugnisse (die wir dankend beilegen) als die Empfehlung unseres sehr verehrten Mitglieds des Verwaltungsrats, ~Dr.~ Orban, bürgen. Wir sind überzeugt, daß andre Etablissements, namentlich in Ihrem eignen Vaterlande, mit Ungeduld den Augenblick erwarten, in dem sie von Ihren vielseitigen Fähigkeiten Gebrauch zu machen Gelegenheit finden werden, und wünschen denselben Glück zu den ihnen hieraus erwachsenden außerordentlichen Vorteilen. Genehmigen Sie den Ausdruck unsrer sehr distinguierten Hochachtung. Die Administration der ~Socicété anonyme de Seraing~,« würdig vertreten von zwei unlesbaren Namen, von denen der eine in Keilschrift ausgeführt war, der andre die Anfänge der später beliebt gewordenen Spritzmalerei andeutete.
Es bleibt etwas Schönes um Stil und Höflichkeit. Ich faltete das Schreiben liebevoll zusammen und legte es auf ein Häuflein zumeist minder gut stilisierter Briefe, die sich in den letzten Wochen angesammelt hatten und fast als Tagebuch einer Forschungsreise von Mainz bis Antwerpen dienen konnten, mit Kreuz- und Querzügen in allen Seitentälern des Rheins und der Maas, in denen Gott Eisen wachsen ließ. Vorgestern noch hatte mich ein Schreiben aus dem Ruhrgebiet erreicht, das mir von Stadt zu Stadt, von Gasthof zu Gasthof nachgelaufen war. Ein alter Spartaner schien es mit Streichhölzchen, mit denen er noch nicht umzugehen wußte, angefertigt zu haben. Mühsam entziffert lautete es: »Unser Bureau ist besetzt. Wir können Sie nicht brauchen. Hochachtend R. R.« -- Selbst _nützlich_ kann Stil und Höflichkeit manchmal sein. Dieser Brief mußte sich eine geringschätzige, ja grobe Behandlung gefallen lassen.