Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8)
Part 7
Die Wirtsleute und die Gäste vom Engel an der Ach hatten ihn mit ziemlicher Verwunderung beobachtet, wie er geduckt vor seinem Schoppen saß. Sie hatten natürlicherweise auch mehr als einmal versucht, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; allein er hatte selbst auf die höflichste Frage nicht Rede und Antwort stehen wollen, sondern nur grimmig in seinen Krug gesehen, oder denselben stumm zu neuer Füllung hingereicht. Kopfschüttelnd hatte das gutmütige Volk ihm nachgeblickt, als er sich endlich, schwer ächzend, erhob, ohne Gruß aus dem Schatten der Bäume fortschritt und weiter marschierte auf dem Wege durch die Felder, Schwarzach zu; und alle, die ihm begegneten, blieben gleichfalls stehen und sahen ihm verwundert und kopfschüttelnd nach. Einige Male sagte auch wohl jemand: „Den sollte ich ja doch kennen!“ aber wohin er ihn tun solle, das wußte er dann doch nicht, und erst, als der Alte auf seinem Marsche durch das große Dorf Schwarzach vor der Tür des Löwen angelangt war, fand sich einer, der es wußte.
Auch hier wollte der Rotrock verstohlen an der entgegengesetzten Seite der Straße vorüberschleichen; allein es sollte ihm nicht gelingen.
„Halt ihn, halt ihn! Bigott, da, da! Er ist es! Halt ihn!“ schrie eine quäkige Stimme aus dem offenen Fenster herab, und rückwärts sich in die Stube wendend, schien der Schreier eine seltsame Neuigkeit dem gedrückt vollen Raume zu verkünden. Es entstand ein gewaltiges Gepolter und Aufstehen, ein lachendes, verwundertes Durcheinander von Stimmen in der Zechstube des Löwen, und hervor aus dem Hause quollen die Gäste, und die Treppe hinunter hüpfte hinkend Meister Macedon Trafojer, ein armselig, halblahm, dürr Schneiderlein, welches von Zeit zu Zeit auch nach Alberschwende auf die Flickarbeit kam und die Frau Fortunata Madlener, sowie ihren Haushalt und ihre Wirtschaft zum Genauesten kannte.
„Er ist es! Da ist er wieder! Halt ihn, halt ihn!“ schrie das heldenmütige Schneiderlein und jagte dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd vom Regiment Wangelin-Dragoner einen gewaltigen Schrecken ein, einen panischen Schrecken in der vollsten Bedeutung des Wortes; der Korporal fuhr zusammen, sah auf, sah die Bewegung in der lachenden Gruppe sonntäglich geputzter Gäste auf der Treppe des Löwen, sah aller Blicke auf sich gerichtet, sah den koboldhaften Schneider Macedon im glühenden Eifer, der Frau Fortunata einen Gefallen zu tun, heranspringen und -- -- -- riß aus!
Er lief. Er lief, so schnell ihn die alten, müden Beine tragen wollten, und ihm nach klang es jubelnd, lachend und höhnisch:
„Halt ihn, halt ihn! ’s ist der Schwed’ von Alberschwend’! Halt ihn; die Taubenwirtin hält den, so ihn tot oder lebendig bringt, ein Jahr lang frei in Kost und Getränke!“
Das mochte nun der tapfere Meister Trafojer ganz ernsthaft nehmen; aber die anderen begnügten sich doch mit dem baucherschütternden Hinterdreinlachen und stellten nur verwunderte Fragen über das plötzliche Wiedererscheinen des schwedischen Mannes untereinander. Auch das Schneiderlein mußte in Anbetracht seiner lahmen Füße die Jagd an der nächsten Ecke aufgeben, und nur die Kinder von Schwarzach gaben sie fürs erste noch nicht auf, sondern verfolgten selbstverständlich in hellen Haufen den Mann von der Lorena bis zum Dorfe hinaus, allwo er zuerst den Mut fand, sich zu stellen, und sie mit donnerndem Zornesruf und geschwungenem Stocke zurückzuscheuchen versuchte.
Das gelang ihm aber schlecht. Sie schrieen nur ärger:
„Der Schwed’ von Alberschwend’! Ho he, der Schwed’ vom roten Egg! Er ist wieder da! Er kriegt’s, jetzt kriegt er es, der Schwed’ von Alberschwend’!“
Mit diesen Worten, doch auch mit einigen Steinwürfen begleiteten sie ihn, bis hoch hinauf in die Berge, immer den rauschenden Bach entlang. Und als sie dann endlich doch zurückblieben, als die Felsen drohender, der Hochwald dunkler wurde, und es wieder still hinter und um den armen Korporal Sven geworden war, da hielt auch er an, hielt sich den Kopf mit beiden Händen, wie auf der ersten Rast nach der Flucht von der Havelbrücke bei Rathenow, und warf sich unter einem Baume nieder, zerschlagen und wie gerädert, und was das Schlimmste war, voll großer Sorgen wegen seines Empfanges -- zu Hause.
Damals führte noch keine Kunststraße durch den Wald, und wer den Weg bei dämmerndem Abend oder gar bei Nacht zu machen hatte, der mußte wohlbekannt in der Gegend und dazu recht sicher auf den Füßen sein, wenn man ihn nicht am andern Morgen mit zerbrochenen Gliedmaßen am Ufer der Schwarzach finden sollte. Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd war eigentlich beides nicht; aber um keinen Preis in der Welt wäre er heute noch bei hellem Tageslichte in Alberschwende eingezogen.
Da lag er denn unter seiner Tanne, zerschlagen und hinfällig, und es war ihm sehr schlecht zu Mute. Ein uralter nordischer Waffensegen fiel ihm gerade jetzt ein, und er summte ihn vor sich hin:
„Sieg in Deine Hand! Sieg in Deinen Fuß! Sieg in alle Deine Glieder gut! Gott der heilige Herr segne Dich! Wach und regiere über Dich!“
Aber viel Erquickung und Ermunterung zog er nicht heraus. Sehr kläglich war ihm zu Mute, und so lag er, mit beiden Händen unter dem Kopfe, bis die rote Abendsonne erst von den Stämmen, dann von den höchsten Wipfeln und zuletzt von den allerhöchsten Felsenkuppen sich verzog. Dann erst erhob er sich tief seufzend und wankte weiter bergan, durch die beginnende Nacht. Gegen elf Uhr Abends erreichte er Alberschwende.
In der Taube war natürlich ebenfalls Musik und Tanz, und der arme Sven sah schon von weitem die hellen Fenster und vernahm schaudernd die lustigen Jauchzer.
„Das ist schlimmer als der Angriff des Homburgers, des Prinzen mit dem silbernen Bein, bei Fehrbellin!“ murmelte er. „Der Faustschlag Seiner Exzellenz, des Herrn Generalfeldmarschalls Derfflinger an der Rathenower Bruck’ war nichts Geringes; aber -- o du liebster Himmel, was wird sie sagen?!“
Die Tür des Wirtshauses zur Taube stand weit offen, und der Korporal stieg die Treppe, welche zu ihr emporführte, langsam und mit eingezogenen Schultern hinauf. Die Hausflur war augenblicklich leer, und da die Stubentür ebenfalls offen stand, so hinderte ihn nichts, geduckt und vorsichtig um die Ecke in das weite, trüb erleuchtete, niedere Gemach, in das kreischende, jubelnde Tanzgewirbel zu lugen. Er fuhr sofort zurück; denn als in diesem Moment die Reihen der Tanzenden sich lösten, da sah er sie -- da sah er sie mit in die Hüften gestemmten Armen neben ihrem Schenktisch stehen, an demselbigen Tische, neben welchem er Anno 1647 nach dem Überfall am Fallenbach aus seiner Ohnmacht erwachte und sie, die Frau Fortunata Madlener, ebenfalls mit in die Seiten gestützten Armen vor sich stehen sah.
„Es ist nicht menschenmöglich“, stöhnte der Deserteur. „Selbst der tapfere Karl Gustavus, der Feldmarschall Wrangel, würde es nicht fertig bringen! Selbst der große Gustavus Adolfus, der streitbare Löwe aus Mitternacht, brächt’ es nicht zu stande, ihr jetzo unter die Augen zu treten!“
Rückwärts schreitend zog sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd von Wangelins Dragonern zurück und schlich sich wieder aus dem Hause, stieg die Treppe wieder herab und verlor sich von neuem in der dunkeln Nacht.
Um die zwölfte Stunde hörte der Bub in der obersten Hütte auf der Lorena, plötzlich aus dem Schlafe erwachend, erst ein wildes, wütendes Anschlagen des Hundes, dann ein unterdrücktes Freudewinseln des Tieres und zuletzt ein Gepoch an der Tür. Zitternd und entschlossen zu gleicher Zeit, griff er nach dem Handbeil neben seinem Bett und schrie:
„Wer ist draußen? Hex’, Unhold und Strolch soll draußen bleiben -- gut Freund komm eini!“
Da antwortete ihm eine heisere Stimme:
„Gut Freund, gut Freund!“ und der Bub schlug Licht und kam mit dem Kienspan an die Tür und öffnete. Eine schwere, harte Hand legte sich ihm auf den zu einem lauten Schrei aufgerissenen Mund, und Sven Knudson Knäckabröd flüsterte:
„Ja, Bursch, ich bin’s. Schrei’ nur nicht. Den Hund nehm’ ich mit herein -- schließ’ die Tür, Melchior; ich bin’s in Fleisch und Blut; marsch auf dein Stroh zurück, ich krieche in meinen eigenen Winkel dorten; morgen früh wird sich ja wohl das übrige finden.“
Das war der festeste Schlaf, den der Korporal Sven Knudson Knäckabröd je schlief, aber der Bub Melchior Rädler schlief gar nicht wieder ein in dieser Nacht. Solange es noch dunkel war, saß er aufrecht auf seinem harten Lager und horchte auf das donnernde Geschnarch aus entgegengesetzter Ecke der Hütte. Und als es dann allgemach licht wurde, saß er noch aufrecht und blickte stier nach dem Schlafgenossen hinüber. Als aber die Spitzen der Berge im ersten Lichte des neuen Tages zu scheinen begannen, da erhob er sich; fuchsartig, verstohlen beugte er sich noch einmal über den heimgekehrten Korporal und schlich aus der Tür. In dem Augenblick, wo er sich draußen fand, fing er an zu laufen; in den weitesten Sätzen sprang er bergab, nach Alberschwende hinunter, und klopfte und hämmerte wie wahnsinnig an der Pforte seiner Brotherrin. Nach zehn Minuten befand sich das ganze Haus im hellen Alarm, und nach einer weitern Viertelstunde, als sich schon der Himmel im Osten mit schönster Glut färbte, hatte sich der Lärm bereits durch das ganze Dorf verbreitet.
Noch sprachen zwar die Bequemsten und Ungläubigsten von ihrem Bette aus: „Der Bub Melchior hat geträumt!“ Allein der Bub Melchior war seiner Sache eben gewiß, und die Frau Fortunata Madlener war um diese Zeit schon -- auf dem Marsche zur Lorena empor.
Sie stieg bergan, gestützt, geschoben und gezogen von den stärksten Händen ihres Haushaltes. Aber auch der schwächere Teil ihres Haushaltes stieg mit. Daß die Hunde sich nicht ausschlossen, verstand sich von selber; aber auch das halbe Dorf folgte dem Zuge, und es war freilich ein sonderlicher Zug durch die graue Frühe, über die taufeuchten Halden und durch den noch phantastisch in Wolken und Nebel gehüllten Tannenwald.
„Ich will sanft gegen ihn sein, wie ein eintägig Lämmle“, murmelte die Taubenwirtin. „O, er soll es schon verspüren, wie sanft ich gegen ihn sein will; aber gestehen soll er, wo er sich umgetrieben hat. Was meinst, Aloysle, ob ich es wohl aus ihm herausschmeicheln und streicheln werd’? Ei, er soll sich schon wundern, wie schön man einem solchen, wie er, tut, wann er endlich nach Hause kommt. Ah -- oh -- uh, den Stein überleb’ ich nicht; stemm’ die Schulter an, Kasperle! Sachte, Fridolin, den Arm braucht er mir nicht ausreißen; -- uh -- oh -- da -- jetzt noch einmal zum letzten -- da wä--ren -- wir -- o--ben!“
14.
Aus dem tiefen Schlafe des Korporals Sven war allmählich ein sehr unruhiger geworden. Der Bub hatte die Tür der Hütte offen stehen lassen, und die scharfe Gebirgsluft, die eindrang, mochte wohl mit schuld daran sein, daß sich der Schläfer unruhig hin und her warf; allein an dem kuriosen Traum, den er jetzo träumte, war sie jedenfalls nicht schuld.
Er befand sich mitten im Schlachtgetümmel von Fehrbellin, und sein guter Kamerad, Rolf Rolfson Kok, hielt zehn Schritte von ihm ab in derselben Linie, und er sah ihn dann und wann deutlich durch den Dampf und Regennebel. Sie hatten sich zum letzten Mal gestellt vor dem brandenburgischen Andrang, ehe sie über die pommersche Grenze zurückwichen. Er sah alles wie in einem sich wandelnden Bilde: den weiten Weg von der Havel her, bedeckt mit abgeworfenen Kürassen und Eisenhüten, zerbrochenen Wagen, halb versunkenen Kanonen und Leichen von Mensch und Tier, -- und zugleich sah er rundum den letzten Kampf der Trümmer der tapfern Armada des großen Feldmarschalls Wrangel, die letzte Aufstellung hinter der Landwehr zwischen Ribbeck und Hackeberg. Er winselte in seinem Traum; über seinem Haupte flatterten die Standarten des Regiments Dalwig, und er sah sie deutlich mit ihrer goldenen Inschrift: _Auro et ferro!_ Da brauste es heran, und er schrie auf im Traum -- um ihn her schwankte und schwirrte es, er lag unter den Hufen der Gäule, der Feind ritt über ihn weg, und da -- war er allein auf dem Felde mit dem guten Kameraden, kniete neben ihm, hielt seinen zerschossenen Kopf im Arme; aber der Korporal Rolf konnte ihm nimmer wieder die Hand drücken und zunicken, der Korporal Rolf war tot und nun freilich zu Hause angelangt nach so langem, beschwerlichem Marsche.
Wie war denn das? der Traum verwirrte alles zu sonderbar! Nun war der Korporal Rolf wieder nicht tot, sondern der Korporal Sven erblickte ihn in einem betrüblichen Zuge eiliger Männer, die mit einer Sänfte fliehend über graue Heidehügel dahinzogen. In der Ferne lag es noch grauer -- aber das regte sich und bewegte sich -- die See dehnte sich dorten, und große Orlogschiffe unter schwedischer Kriegsflagge kreuzten hin und wieder. Aber aus der Sänfte beugte sich ein verwelkt, kummervoll Greisengesicht, -- das war der glorreiche, sieghafte Feldherr Karolus Gustavus Wrangel selber, den der Korporal Sven schon als junger Mensch gekannt hatte in allem Glanz und Triumph. Der Korporal Rolf war aber doch tot; denn wie er neben der Sänfte des Generals einherschritt, zog er plötzlich den Reiterhandschuh ab und legte eine fleischentblößte Faust, die Hand eines Gerippes, auf den Fensterrand. Da schwankte und schwirrte es wieder um den ächzenden Sven Knudson Knäckabröd. Die Wolken zogen sich zusammen und stiegen nieder, aber des Meeres Horizont stieg immer höher auf, immer dunkler, schwärzer. Und aus den Wassern wurden steinerne, graue Mauern, die Mauern eines alten, festen schwedischen Schlosses; -- der Korporal Sven stand unter einer großen Menge bewaffneter Männer in einem düstern Saal, und in der Mitte des Saales stand ein Block und daneben ein Mann in schwarzem Kleide und Mantel. Es kniete aber ein anderer Mann vor dem Block, und wieder ein anderer hatte ihm sanft auf die Knie nieder geholfen; -- beide waren alt, sehr alt, und beide waren auch Kameraden seit langen, langen Jahren: der mächtige Konnetable Wrangel und der brave Korporal Rolf Rolfson Kok. Der Mann im schwarzen Kleid hob sein mächtig Beil und schlug -- -- da mußte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd in der Sennhütte auf der Lorena freilich wohl erwachen, denn sie schüttelten ihn, die Leute von Alberschwende, und vor allen anderen schüttelte ihn derb die tapfere Freundin, Frau Fortunata Madlener, die Wirtin zur Taube in Alberschwende, und der alte heimgekehrte Sünder saß aufrecht auf seinem Strohsack und sah sich verstört und blinzelnd um!
Natürlich, nachdem sie ihn nach Herzenslust und Bedürfnis abgeschüttelt hatten, überschwemmten sie ihn mit einer Flut von Fragen! Er aber brauchte längere Zeit, um ihnen alles mitzuteilen, was sie, nicht ohne eine Berechtigung, zu wissen verlangten. Er hatte für manchen Winterabend, wenn der Schnee erst bis zum Dachrande hinauflag, genug erlebt: wir jedoch haben hier uns an das Zunächstliegende zu halten.
„Wo will er gewesen sein, er Landläufer?“ schrie die tapfere Wirtin zur Taube. „Saget es noch einmal und lüget nicht, Schwen; -- ihr kennet mich und werdet nicht verlangen, daß ich in dieser Stunde Spaß verstehen soll.“
„Auf Ehre und Gewissen, Frau Fortuna“, ächzte der Korporal. „Am Rhin war ich -- zu Hause war ich -- bei den Fahnen, bei dem Feldmarschall -- ja, auf Ehr’ und Gewissen.“
„Schwen, Schwen, ihr lügt, wie ihr es weder vor unseren katholischen noch euren lutherischen lieben Heiligen verantworten könnet. Stellt ihr euch auf die Zehen, so könnet ihr den Rhin aus dem Graubündnerland herfließen und in den See gehen sehen: hab’ ich euch nicht auf sechs Meilen in die Rund’ suchen und aufbieten lassen? Wie wollt’ ich euch nicht gefunden haben, wenn ihr nur am Rhi’ die Straßen und die Wirtshäuser unsicher gemacht hättet! Schämet euch, schämet euch, Schwen; das hat niemand vor dem Arlberg um euch verdienet, und ich am wenigsten! O Schwen, hab’ ich euch darum an die dreißig Jahre wie meinen Bruder, wie meinen Sohn, wie meinen allerbesten Freund gehalten?“
„Bei meiner Ehr’ und Gewissen, Frau; sie nannten im Generalstab das Wasser, wo wir die schlimmen Schläge kriegten, den Rhin. O, nun lasset mich ausschlafen; nachher will ich euch gern auf alles des Ferneren dienen. Nimmer in meinem Leben bin ich so gelaufen, und hab’ so mächtig Herzeleid erlitten, wie in diesem Jahr. Ich habe sie liegen sehen im Sumpf und auf den Sandhügeln zu Tausenden, und ich hab’ sie in heller Flucht gesehen, daß ich blutige Tränen wein’, im Wachen und im Schlafe.“
„Wen habet ihr liegen und auf der Flucht gesehen?“
„Uns -- die wir den Sieg behalten hatten vom ersten Sprung auf den deutschen Boden an -- Nördlingen ausgenommen.“
„Und wer, saget ihr, hat euch niedergeleget?“
„Der Brandenburger, Frau. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der Fürst von Homburg mit dem silbernen Bein, und der Derfflinger, Frau. Ja, da möcht’ ich wahrlich wohl lügen, wenn es anginge! Die Brandenburger haben das Feld behalten.“
„Sehet ihr, Schwen, da habe ich euch schon! Eine solche Völkerschaft, als ihr da nennet, gibt es gar nicht! Nun verantwortet euch noch einmal vor Gott und den Menschen; da vor der Aloysia, und vor den Kindern drunten im Ort, die sich nach euch schier die Augen aus dem Kopfe gegreint haben.“
„Frau, bringet mich nicht auch zum Greinen! Ach, ich wollte, ihr könntet den Wrangel fragen, dem würdet ihr ja wohl glauben; denn er war ja hier bei euch Anno siebenundvierzig. Wisset ihr nicht, wie er Bregenz da unten nahm, und wie wir über den Pfänder aus purem Übermut zu euch auf Besuch kamen, und wie ihr uns so übel aufnahmet am roten Egg?! O Frau Fortuna, jetzo lieget der Wrangel tief zu Boden; und obgleich euch die Geschichte dort bei Fehrbellin nicht so nah’ auf die Haut brennt, als der Bregenzer Sturm, so möget ihr wohl noch ärger Viktoria schreien, als damals am Fallenbach über unseren blutigen Leibern. Auf Ehr’ und Gewissen, Frau Fortuna, die Brandenburger haben den großmächtigen Konnetable Wrangel niedergeleget in dem Rhinluch, und der Generalfeldmarschall Derfflinger hat über mich gelacht nach der Schlachtung und mich aus Spaß ranzionieret auf dem Markte zu Fehrbellin, als ich mich bei ihm bedankte, weilen er mich auf der Rathenower Brück’ nur mit der Faust traktierete. Er hat mir auch sechs Brandenburger Taler aus Generosität geschenkt, damit bin ich heimkommen zu euch; -- ach Gott! ohne den Rolf, den tapfern Herzbruder, den Korporal Rolf Rolfson Kok, den die Spießbürger zu Lindau das Gockele nannten und zum Hafenvogt gemacht hatten, weil sie nicht wußten, was er wert war. Ach Gott, wir haben ja beid’ zusammen das Heimweh zu Lindau in der Krone gekriegt; aber ich allein bin zurückkommen von unserem Marsche zu den Fahnen; -- der gute Korporal Rolf Rolfson Kok, der liegt verscharrt an der Landwehr bei Hackeberg.“
Die alte Taubenwirtin und Oberkommandantin vom Fallenbach schüttelte bedenklicher denn je den Kopf:
„Jetzt wär’s mir am End’ gar noch ein Gaudium, wenn ich ihm glauben dürft’“, murmelte sie. „Als wir um die Weihnacht sechsundvierzig allhier bei Tag und Nacht zu Haufen standen und bei Tage den Rauch, bei Nacht den roten Feuerschein rund um den See sahen, da war’s ja freilich der Wrangel der uns die grausame Angst, das Zittern und Beben schuf. Schwen, Schwen, euch traue ich noch lange nicht; aber wenn das wahr wär’ mit dem Wrangel -- -- -- Schwen, ich sage euch, ich erfahr’ es noch, ob es wahr ist, daß es solch’ ein Volksspiel gibt, von welchem ihr gelogen habt und was euch eure Sünden so derb heimzahlte! Ich erfahr’ es, und nachher wollen wir weiter sehen.“
„Geträumt habe ich es nicht, Frau, verlasset euch drauf; obgleich es mir jetzo wahrlich so zu Mute sein könnt’, als sei das alles, was ich erleben mußte auf dem Marsche, nur das Gespinste einer boshaftigen Trold gewesen, so sie mir nächtlicher Weile über den Kopf und das Hirn geworfen hätt’. Ich hab’ wahrhaftig nicht gewußt, wie weit ich von euch und der Aloysia und den Kindern abkäm’, als ich euch vor’m Jahr auf dem Gebhardsberg bei den Gevatterinnen ließ und allein meines Weges am See hin lustwandeln ging! Ich konnt’ es doch sicherlich nicht wissen, wer zu Lindau auf der Hafenmauer sechsundzwanzig Jahre lang auf mich wartete! Und dann -- dann war da die Krone, und der vom Regiment Strozzi, der Titinio Raffa, und die Kugel -- unsere Kugel am Gebälk, und das Bildnis des Feldmarschalls -- unseres Feldherrn! Saget selber, wie weit wäret ihr gelaufen, Frau Fortunata, wenn euch das Heimweh also ans Herz gegriffen hätt’? Und saget, bin ich nicht um euch heimkommen, als alles aus war, in alter Freundschaft und Dankbarkeit?“
„Nun soll ich ihm gar noch eins drauf zu gute tun“, sprach die Frau Wirtin zur Taube, aber der Korporal Sven Knudson Knäckabröd faßte jetzt plötzlich ihre Hand, schüttelte sie wacker und rief:
„So ist es, und es wird das Beste sein. Und Frau -- es ist doch ein Vergnügen, euch allda so dick und stattlich sitzen zu sehen, und jetzo -- saget, wie ist es denn euch ergangen in dem Jahre, wo ich mit dem armen Korporal Rolf auf dem Marsche nach Hause war?“
„Lieber Himmel, Schwen, bei uns hier im Walde ist noch alles beim alten. Seit wir Anno siebenundvierzig gegen euch auszogen, hab’ ich nichts von Merkwürdigkeiten erlebt, als heut’ eure verwunderliche Historie. Nach dem andern müßt ihr die Aloysia und die Kinderle fragen, und -- na -- weil es denn eben so ist, und ich es doch nicht ändern kann, so -- +grüeß di Gott daheim, du alter Schwed’!+“
Fritz Reuter:
Woans ick tau ’ne Fru kamm.
Mit freundlicher Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem 3. Bande der „Sämmtlichen Werke“ von Fritz Reuter (Wismar: Verlag der Hinstorffschen Hofbuchhandlung, 1902).
Woans ick tau ’ne Fru kamm.[1]
Nah de Hochtid[2] hett ’t en Enn’;[3] Vör de Hochtid möst du s’ wenn’n.[4]
Ick was mit de Wil[5] en ollen Knaw’[6] worden, ick was in de Welt ’rümme schält[7] worden, hir hen un dor hen, ick hadd minen Kopp[8] männigmal[9] up en weiken Pähl[10] leggt[11] un männigmal up en Bund Arwtstroh;[12] äwer as ick öller[13] würd, geföll[14] mi dat Arwtstroh lang’ nich mihr so gaud[15] as in mine twintiger Johren,[16] denn wer in sin Kinnerjohren girn gele Wörteln ett,[17] versmad’t[18] dorüm in sinen Öller[19] grad keinen Gaus’braden.[20] -- De Lüd’ säden:[21] „Frigen“,[22] un ick säd: „Bedenken“, un gung[23] üm den heiligen Ehestand herümmer, as de Voß[24] üm de Gaus’bucht,[25] un dacht: „Hewwen müggst[26] du woll ein’! ’Rin kümmst[27] du dor sacht ok![28] äwer wenn du s’ di irst[29] upsackt[30] hest, kümmst du denn[31] ok wedder ’rute?“[32] -- Wenn ick denn äwer wedder an den Gastwirt sinen ewigen Swin- un Hamel-Braden[33] dacht, un dat dat in mine Stuw’[34] utsach,[35] as up de leiwe[36] Gottesird’[37] +vör+ den irsten[38] Schöpfungsdag, un dat mi de ein oll ßackermentsche Knop[39] ümmer afret,[40] denn säd ick: „Frigen“, un denn säden de dummen Lüd’ wedder: „Bedenken“. So satt[41] ick denn ümmer twischen Bom un Bork;[42] un de bedenklichen Johren fungen all an,[43] mi gris[44] äwer den Kopp tau wassen,[45] dunn stah[46] ick mal an ’n Aben[47] un heww mi ’ne Pip[48] Tobak anstickt[49] un kik[50] in ’t Weder.[51]