Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8)
Part 6
Es hätte des Faustschlags des greisen Generalfeldmarschalls gar nicht bedurft, um den armen Korporal Sven zu überzeugen, daß die Welt im Begriff sei, unterzugehen. Nah und fern klangen die Trompeten, oder wie der Korporal, mühsam und zwischen die Pfeiler der Zugbrücke gedrückt sich aufrappelnd meinte, die Posaunen des jüngsten Gerichts. Immer mächtiger wogte und dröhnte es durch den Morgennebel heran, und Zug an Zug rasselte es über die erste Brücke und ergoß sich über den Werder zwischen den beiden Armen des Flusses, allwo der Derfflinger, den Degen in der Faust, Schwadron über Schwadron durch die Fluten trieb, während von den Mauern der Stadt schon das Gewehrfeuer blitzte und krachte, und Generalmajor Götze und Oberstleutnant Kanne bereits den Fuß in die erstaunten Gassen setzten.
„O heiliger Olaf!“ stöhnte Sven Knudson Knäckabröd, sich das strömende Blut von der Nase wischend und sich aus seiner geschützten Lage dicht an der Brüstung der Brücke mit Vorsicht aufrichtend. „Träume ich +das+, so habe ich auch so noch niemalen geträumt! Aber mit einer solchen Nase träume da einer! Wetter, mir wächst ein Kürbis im Gesicht, -- also das war der Derfflinger? O Rolf, Rolf, Rolf, das ist wieder eine Geschichte, wie sie nur uns beiden passieren kann; -- o Korporal Kok, wenn es nur dem großen Marschall Wrangel nicht eben so ergehet wie uns zweien!“
Es hatte allen Anschein, daß das wohl der Fall sein könne. Um diese Zeit nämlich war an dem Havelübergang, von Genthin her, ein Reiter mit großem Gefolge von, wie es sich anließ, hohen Offizieren, die alle ihre Pistolen auf den Sattelknopf gestützt hatten, -- mit einem mächtigen Gefolge von Wachen, Trompeten und Standarten erschienen und hielt, nach der Stadt hinüberhorchend. Dort hörte das Feuer allmählich auf, und einzelne Reiter sprengten von ihr wieder zurück: die zweite Zugbrücke mußte demnach auch genommen sein. Und einer dieser Kavaliere näherte sich dem hohen Befehlshaber, riß den Hut ab und neigte sich bis auf die Mähne seines Gauls:
„Kurfürstliche Durchlaucht, wir haben Rathenow, wir haben den Wangelin und den Weg zum Rhin!“
„Der Brandenburger! der Brandenburger auch!“ ächzte der schwedische Mann an der Brüstung zwischen dem Pfahlwerk der Brücke, und ohne die Antwort Kurfürstlicher Durchlaucht abzuwarten, kroch er über den Rand, rutschte die Böschung hinab, glitt in das Weidengebüsch der Havelinsel und fand daselbst trotz Nebel, Betäubung, Aufregung und Blutverlust noch zwei von den Dragonerpferden der Wacht-Abteilung des Korporals Gockele, angstvoll an ihren Strängen zerrend. Im nächsten Moment schon saß der brave Alte im Sattel des einen Tieres und jagte über den Werder hin, links ab. Da die Passage auf Rathenow von dem Generalfeldmarschall Derfflinger jetzt vollständig frei gemacht war, so ging der Marsch der sechstausend, vom Rhein her zu Hause anlangenden brandenburgischen Reiter über die Brücken. Der Werder, über welchen die Obersten Kanne und Kannowsky zuerst an die Stadt gelangten, war wieder leer; der Nebel hatte sich allmählich in einen feinen Regendunst verwandelt, und der sumpfige Boden dröhnte nur wieder von dem Stampfen einiger verwundeter Pferde, die wie Geistererscheinungen durch den grauen Dunst taumelten, strauchelten und schossen.
Die Furt, welche die Dragoner des Derfflingers erst mit einiger Mühe gefunden hatten, kannte der Korporal Sven, von mehreren Rekognoszierungen aus, gut genug. Er befand sich mitten im Strom und erreichte den Steindamm am linken Ufer, ohne sich umzusehen.
„Es ist aus, Rolf Kok! Sie haben dich mit dem Obristen tot oder lebendig!“ rief er jammernd und jagte weiter. Unschlüssig, ob er sich gegen Havelberg zum Feldmarschall Karl Gustav oder gegen Pritzerbe zu dessen Stiefbruder, dem Grafen Waldemar, wenden solle, jagte er fürs erste gradaus in die lieblichen Sümpfe und Heiden der wackern Mark Brandenburg hinein, im Sinn und Ohr verfolgt von einem ganz andern Klingen, als dem melodischen Läuten der Kuhglocken im Lande vor dem Arlberg und dem ermutigenden Wort der Taubenwirtin zu Alberschwende: „He, Korporal, sing’!“
Das waren eilige Tage, und nimmer ist in der Welt so scharf geritten worden, wie in diesem Juni des Jahres 1675 in der Mark, sowohl vom Kurhut Brandenburg als auch von der Krone Schweden!
Neun Tage schon hatte die kurfürstliche Kavallerie nicht abgesattelt, und nun sprangen auf die Kunde von der Einnahme von Rathenow, im jähen Schreck und aller Verstörung, auch die schwedischen Herren in die Sättel. Von Havelberg brach eilends der Feldmarschall Wrangel auf; von Brandenburg und Pritzerbe sein Stiefbruder. In aller Hast ging der Marsch der beiden so unvorsichtig geteilten Heeresflügel, ein spitzwinkelig Dreieck durch Bruch, Moor, Heide und Kieferwald ziehend, auf den durch alte Schlachten berühmten Kremmerdamm zu, um eine Vereinigung daselbst herzustellen und, was noch zu retten war, vor dem zornigen Hausherrn zu retten, ehe Kurfürstliche Durchlaucht, die in der Mitte der beiden Schenkel dieses Dreiecks gradaus ebenfalls einen Strich auf Fehrbellin zogen, den ungebetenen Gästen auch da an der Tür aufwarteten.
Drei Tage ritten sie noch, da trafen sie zusammen, und geschah die wundervolle Schlacht, die wir leider hier nicht zu beschreiben haben: unsere Aufgabe ist es, uns nach dem tapfern Korporal Rolf Rolfson Kok umzutun und zu erkunden, wie es ihm zu Hause weiter erging.
Wir haben gesehen, wie auch er sich eilends aufmachte, als er die Ankunft der Brandenburger in Erfahrung gebracht hatte. Obgleich ihn mehr als sechzigjährige Beine trugen, so beflügelte die Vorstellung, daß der Generalfeldmarschall Derfflinger mit seinen neunundsechzig Jahren hinter ihm sei, seine Schritte auf den Havelbrücken nicht wenig, und er kam richtig noch vor dem alten Herrn in der Stadt Rathenow an.
„Alarm! Alarm! Feindio! Feindio!“
Ach, der Korporal Rolf Rolfson Kok hatte leider bei seinem Ruf zu den Waffen nicht auf den Herrn Landrat von Briest gerechnet. Der hatte nämlich in Erwartung der Dinge, welche von Südwesten her kommen sollten, seinen schwedischen Gästen eine große Bewillkommungsfestivität zurecht gemacht, den Offizieren selber und mit Beihilfe eines löblichen Magistrates zugetrunken und auch der gemeinen Soldateska durch gemeine Bürgerschaft auf seine Kosten wacker zutrinken lassen. Die Folge davon war, daß die Brandenburger, als sie unter dem Derfflinger und dem Prinzen mit dem silbernen Bein, dem Prinzen von Hamburg, eindrangen, die meisten der Helden aus Mitternacht im tiefsten Rausch und süßesten Schlummer vorfanden und sie somit ohne viele Mühe totschlagen konnten. Die, welche etwas bei Besinnung waren, wehrten sich freilich tapfer genug in den Gassen und auf und an den alten, morschen, mittelalterlichen Mauern und Toren; allein auch sie wurden mit verhältnismäßig geringer Mühe niedergemacht oder gefangen. Von den sechs Kompagnieen, die mit dem Obristen von Wangelin in Rathenow eingerückt waren, rettete höchstens ein Dutzend Leute das Leben und die Freiheit, und unter diesen vom Glück Begünstigten befand sich gottlob auch unser guter Freund, der Korporal Rolf. Wie der Korporal Sven an der Böschung des Haveldammes, so glitt er an Wall und Mauer der Stadt Rathenow hinunter, fiel, von Fortuna noch einmal in Schutz genommen, auf ein ledig Reiterpferd des Herrn Obristleutnants Kanne und galloppierte nunmehr gleichfalls, und ebenso betäubt und schwindelnd wie der Kamerad, in den Morgen und in die Mark Brandenburg hinein.
12.
Am siebenzehnten Juni alten und siebenundzwanzigsten neuen Stils, nachdem am Tage vorher der Schwed’ im Zug auf Nauen gesehen worden war, regnete es schlimm, obgleich es am folgenden glorreichen Tage, solange die Schlacht dauerte, noch viel schlimmer regnete. Was aber die Sümpfe zwischen der Havel und dem Rhin bei anhaltendem Regen zu bedeuten haben, das erprobe ein jeglicher, der Lust dazu hat, selber und lobe nachher seine Erfahrungen, wann er wieder im Trockenen sitzt!
Und von der Havel bis zum Rhin ritten bereits seit dem sechzehnten die Streifparteien der beiden schwedischen Heeresteile und der vorwärts drängenden Brandenburger gegeneinander und umeinander herum, während überall das aufgeregte, wütende Landvolk mit allerhand Gewehr und Gewaffen der Not auf den Beinen war: kurz, es war ein schwer Durchkommen selbst für zwei alte Korporale des Königs Gustav Adolf, die dem Überfall von Rathenow entwischten und nun die ihrigen suchten, ein jeglicher bis jetzt noch für sich allein.
„Wenn mir heute einer sagte, daß ich einmal Hafenvogt zu Lindau im Bodensee gewesen sei, so schlüge ich ihm die Zähne in den Hals hinein, so wenig glaube ich dran“, brummte der Korporal Rolf Rolfson Kok, indem er am 17. Juni am Spätnachmittag zum dritten Mal seit der letzten Viertelstunde vor einem neuen Sumpfe vom Pferd stieg, um das Terrain als vorsichtiger Mann zu untersuchen, bevor er sich ihm mit seinem ermüdeten Gaul anvertraute, nachdem er wieder einmal mit Mühe einer nachsetzenden Patrouille des Herrn Generalmajors Lüdecke entgangen war. Ritterlich hatte er einen seiner Verfolger erlegt und dadurch den Jagdeifer der übrigen ungemein erhöht; allein einen einzelnen Mann zu jagen, lohnte sich heute eigentlich unter keinen Umständen, und so hatten die kurfürstlichen Kürassiere zuletzt doch in einem Kieferngehölze die Verfolgung aufgegeben, und der Korporal Rolf stak naß, triefend, hungrig und durstig zwischen Sumpf und Moor und suchte vorsichtig, wie wir gesagt haben, einen Übergang gen Nordost. Das war keine geringe Aufgabe, und mit steigendem Verdruß tastete und platschte er und rettete sich von neuem auf festeren Grund, bis er endlich eine Art von Fußpfad durch das tröpfelnde Gebüsch fand und ihn behutsam beschritt, seinen abgehetzten Gaul am Zügel hinter sich drein ziehend. Immerfort mit sich selber redend, oder vielmehr in den Bart brummend, tappte er zu; aber schon nach zehn Minuten hielt er horchend von neuem an; denn plötzlich vernahm er vor sich aus dem Dickicht ein Schnauben und Stampfen, vermischt mit lauten und halblauten Schimpfworten und Verwünschungen, die sämtlich nicht auf dem märkischen Boden gewachsen waren. Der Korporal Rolf stand und horchte atemlos. Derjenige, welcher dort hinter den Rüstern, wie es schien, gleichfalls im Sumpfe feststeckte, verwünschte sein Schicksal in schwedischer Zunge, und nachdem der vormalige Hafenwärtel der freien Reichsstadt Lindau nochmals die Hand hinter das Ohr gehalten hatte, schrie er:
„Vivat Schweden! Ich komme, Kamerad!“ und drang mutvoll tiefer in das Moor ein, den kläglichen und verdrießlichen Kundgebungen nach.
Aus dem Gebüsche hatte ihm ein Gegenruf geantwortet und der erboste Wunsch: wenn der Kamerad wirklich ein gutes schwedisches Herz habe, so möge er eiligst kommen, es sei Not vorhanden. Der Korporal Rolf hatte geantwortet: „Hier auch!“ war aber doch drauf losmarschiert, und wieder nach einigem beschwerlichen Durchwinden drang er aus dem Gebüsch hervor und hatte das Schauspiel, das er erwartete, vor sich, wie er es sich vorgestellt hatte.
Ein großes Gestampf und Geplatsch im Moor und Röhricht, -- zerstampfte Binsen und Gesträuche, -- ein halb versunken Roß, und darauf ein rotlockiger, schwedischer Reitersmann, mohrenfarbig vom Sumpfwasser, -- triefend wie alles umher vom Regen, -- und dem gänzlichen Versinken in die schlammige Tiefe nahe!
„Wenn es mein leiblicher Vater wär’, so würde ich ihn nicht in dem Kerl erkennen!“ murrte der Korporal Rolf; dagegen erkannte der Mensch im Röhricht den Korporal Rolf und schrie:
„Alle guten und bösen Geister -- bist du es, Rolf Rolfson Kok? O, du himmlische Güte, kommen wir wirklich noch einmal zusammen auf dieser niederträchtigen Welt? Ich bin es, Wachtkommandant! Kennt ihr mich nicht? Ja, Herzbruder, meine eigene Mutter möcht’ mich wohl nach einem solchen Ritt und in solcher Farb’ und Zerzausung nicht erkennen!“
„Sven Knäckabröd?! Sven, Sven?“ schrie der andere. „Hat dich der Derfflinger nicht ganz und vollständig geholt? Das ist freilich bei allem Elend das beste Abenteuer, was mir noch zu Teil werden konnte. So schickt sich alles, und darum bin ich vorgestern von der Rathenower Stadtmauer auf einen brandenburgischen Profossengaul gefallen, um dir heute hier aus dem Malheur helfen zu können! Halt’ gut, noch einen Augenblick halt’ den Kopf über dem Wasser, Sven! gleich hab’ ich dich auf dem Trockenen, soweit es bei diesem Regen von oben und diesem Morast von unten zu machen ist.“
Er hatte sofort nach dem Bündel Hanfstricke, welches von dem Sattelknopf seines Vorgängers in eben diesem Sattel herabhing, und für die Hälse der Marodeurs, Spione und sonstigen soldatischen Übeltäter beider Heere bestimmt war, gegriffen, es heruntergerissen und auseinandergewickelt. Mit vielem Geschick verknüpfte er die einzelnen Stricke miteinander und hatte bereits im nächsten Augenblick dem armen Korporal Sven Knudson Knäckabröd ein tüchtig und haltbar Seil zugeworfen; -- nicht um ihn damit in die Ewigkeit hineinzubefördern, sondern um ihn so sanft als möglich aus dem Sumpfe der Mark Brandenburg hervorzuziehen. Nach einem ängstlichen und schweißtriefenden Abzappeln von einer Viertelstunde waren beide gerettet -- der Korporal Sven wie sein Roß -- und standen beide keuchend und schnaufend am Rande des verräterischen, grün überwachsenen Schlammes. Selbst der Frau Fortunata Madlener hatte Sven Knudson Knäckabröd, als er nach der Schlacht am roten Egg unter ihrer Pflege erwachte, nicht so zärtlich die Hand geschüttelt, wie er sie jetzt dem guten Kameraden aus der Krone zu Lindau schüttelte.
„Und nun, Bruder Sven, wie ist dir außerdem, daß du aussiehst wie ein Mohrenpauker bei einer Leibtrabantengarde?“ fragte der Korporal Rolf.
„Danke für die Nachfrage! Dumm, leer im Magen und jammerhaft im Sinn, Rolf Kok. Ach, Rolf Rolfson Kok, schauderhaft verbiestert!“
„In Lindau in der Krone haben sie eine Art Würste, an welche ich jetzo schon anderthalb Tage lang habe denken müssen. Und was den Wein vom vorigen Herbst betreffen möchte --“ der Korporal Sven ließ ein dumpfes Geheul vernehmen, gleich einem angeketteten Hofhund, welchem man ein Stück Schinken von Ferne zeigt; glücklicherweise geriet der Korporal Rolf schnell auf etwas anderes.
„Und Rathenow haben sie; und wer weiß, was sie noch alles haben. Zu Hunderten liegen die Unsrigen vom Regiment Wangelin in den Gassen und in den Häusern. O Sven, ich gäb’ heut’ noch mehr darum, als damals auf der Bastion zu Lindau, wenn ich den Weg zum Wrangel fände. Bei solchem Hunger und Durst solche Wehmütigkeit und solchen Grimm erdulden zu müssen, das hält nicht einmal ein Mensch aus, der mit dem großen Gustavus Adolfus auf Usedom landete und nachher alles mit durchmachte.“
„Das nächste Mal reiß’ ich nicht wieder aus, wenn die Brandenburger mich zu Gesicht kriegen; -- ich halte Stand und lasse dem Trübsal ein Ende machen“, ächzte Sven.
„Das beste ists; ich bin mit von der Partie, Bruder“, sprach Rolf ebenso verzweifelt-grimmig. Im nächsten Moment horchte er wieder und rief sodann:
„Sieh, da ist die angenehme Gelegenheit schon. Horch, da sind sie wieder aneinander! Zu Pferde, zu Pferde und darauf los. Die Mähren brauchen eben doch nicht länger bei Atem zu bleiben als wir. Heraus mit den Plempen, und: Vivat ein ehrlicher schwedischer Reitertod! Was aber das übrige anbetrifft, so wäre es mir allmählich einerlei, wer den Weltball hinnähme, ob die Kron Schweden, oder dieser Kurfürst von Brandenburg mit seiner verwetterten Kavallerie!“
Sie stiegen mühselig von neuem auf ihre Gäule, die auch wieder und zwar fast menschlich seufzten. Um den verräterischen Sumpf herum ritten sie abermals in den Kiefern- und Rüsternwald hinein, dem vernommenen Schall des fernen Kanonendonners und der nahen Büchsenschüsse, Trompetenstöße und Menschenstimmen nach.
„Das ist Nauen, um welches die Konstabler spielen; und jetzo weiß man wenigstens wieder, nach welcher Richtung man die Nase zu drehen hat. Das ist auch ein Trost; aber der andere Lärm beweist mir, daß Schweden noch immer auf dem Rückzuge ist. Vorwärts, Bruderherz; einmal müssen wir unsere Löffel noch in den Brei tunken!“
„Sprich mir nicht von Brei, Rolf Rolfson Kok!“ bat Sven Knäckabröd kläglich. „Du könntest eben so gut von einem gebratenen Ochsen reden. Das Herz wendet sich mir jedesmal, wenn ich dich von Löffel, Messer und Gabel diskurrieren hör’, im Leibe um. Ja, vorwärts, Kamerad, und wollt’, es würde endlich einmal wieder licht vor uns; was wir auch auf der Landstraße finden möchten!“
Der Wunsch, welchen der Korporal Gockele vollkommen teilte, sollte ihnen noch vor Sonnenuntergang, -- wenn man an einem solchen Regentage von Sonnenuntergang reden konnte, -- gewährt werden. Nachdem sie noch manche Fährlichkeit des Weges überwunden hatten, kamen sie endlich wirklich aus dem Walde heraus, und zwar mit immer heftiger pochenden Herzen, und das war wahrhaftig kein Wunder.
Es war ein Brausen, Schwirren, Brüllen, Rufen und Kreischen in den Lüften, als ob sich auf der Erde Tausende und aber Tausende auf einem engen Pfade in höchster Not drängten -- ein Brausen und Geschrei wie von Tausenden auf dem Marsche, und zwar auf einem Rückzugsmarsche! Das hallte von ferne unter den schweren, grauen Regenwolken her, als ob der Himmel es nicht hören wolle und das Gewölk wie eine Wand zwischen sich und den irdischen Jammer gelegt habe.
Näher und näher erscholl’s, je weiter die beiden Korporale vorwärts drangen, und als sie endlich den Wald sich lichten sahen, da erblickten sie schon zwischen den letzten Kiefernstämmen den Grund des Getöses, und als sie hervorritten aus der Dämmerung des Gehölzes, da spielte das große, aber schreckliche Schauspiel auf Entfernung von einigen hundert Schritten vor ihren Augen sich ab!
In der graufahlen Beleuchtung des abendlichen Regenhimmels dehnten sich die großen Sümpfe, das Havelland-Luch -- und durch das Luch zog sich der schmale Damm, und auf demselben, so weit das Auge reichte, von einem Horizont zum andern, wälzte sich der schwedische Rückzug. Reiterei und Fußvolk, Geschütz, Bagage, Weiber und Schlachtvieh durcheinander, im wirren grausigen Getümmel vorüber; fern im Süd’ aber klang und donnerte das Gefecht der Nachhut. Die Brandenburger taten dort ihr Möglichstes, den Schrecken und die Verwirrung in den Gliedern des Feindes zu erhalten und den Kehraus nach besten Kräften vorzunehmen.
Wie zwei Bildsäulen saßen die zwei alten Kriegsgenossen des großen Königs Gustav Adolf auf ihren Pferden und starrten auf das erstaunliche Spektakel. Hunger, Durst und Ermüdung waren vollständig vergessen. Für sich und an sich selber fühlten sie nichts mehr. Sie starrten -- stierten -- und dann nickten sie beide zu gleicher Zeit mit den Köpfen, und dann -- rollten wirklich ihnen die Tränen hell aus den Augen und verloren sich mit den ihnen ins Gesicht schlagenden Regentropfen in den weißen Bärten -- --
„O Sven“, stöhnte endlich Rolf Kok, „sind wir darum so weit hergekommen? Sind wir darum aus dem Schlaf auferwecket, um das zu erleben? O Sven, o Sven, es ist aus mit uns, und ich wollte, der Herrgott hätte uns in unserer Versprengung belassen und uns nicht das Herz erregt durcheinander und durch den welschen Signor Tito Titinio Raffa, oder wie er hieß, der Ruffian!“
„Ich wollt’ es auch, Rolf“, seufzte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. „Auf mich und dich kommt es wohl nicht an, und was wir darüber denken, ist auch gleichgültig: aber daß dieses dem Karl Gustav, dem gewaltigen Konnetable Wrangel passieren muß, das ist das Elend! Sieh, und da sind die Kürassiers von Wachtmeisters Regiment. Da sieh nur, wie die Schufte in den Sätteln hängen und wie reitende Feldhasen über die Schultern gucken. Und das trägt Harnisch und Schwert! Da, da -- sieh -- da drängen sie sich gar gegenseitig von der Straße, um nur ja die eigene Schande unversehrt in Sicherheit zu bringen! Ach Schweden, Schweden, an manchem Sommerabende hab’ ich dich über die Berge und den See weg gesehen, sitzend wie eine Königin in Purpur. Da hab’ ich mein Heimweh stillen müssen, und nun sehe ich dich als ein Bettelweib, wie mit dem Knüttel aus einem fremden Hause gejagt! Was sagst du, Bruder? Ich sage, wir reiten nun eben mit bis zum Ende.“
„Wir reiten mit bis zum Ende!“ rief der Korporal Rolf Kok, und blind trieben die beiden tapferen Grauköpfe unter den letzten Bäumen und aus dem letzten Gestrüpp des Waldes ihre Rosse mit wilden Sporenstößen hervor und hinab in den Sumpf, der sie von dem berühmten Damme trennte. Ihr Fatum aber schien sie wirklich bis zum Schlusse der Tragödia mitspielen lassen zu wollen. Der Sumpf verschlang sie nicht, sie erreichten den betrüblichen Strom von Menschen und Vieh, der in dem dunkelnden Abend durch die verregnete Mark heranwogte, und so wurden sie fortgerissen und fortgewirbelt -- zwei Tropfen in der kläglichen Flut der schwedischen Retraite, -- fortgewirbelt, dem Rhin entgegen.
13.
Der Herbst des Jahres 1675 war gekommen, lachend wie ein rechter Bruder des Frühlings. Im weichverschleierten Sonnenlicht lag die Rheintalebene zwischen den Bergen des Bregenzerwaldes und den Bergen von St. Gallen und Appenzell. Lachend tanzte der junge Fluß dem Bodensee zu, als ob er nie Felsentrümmer und Hochwaldsbäume vor sich hergeschleudert, als ob er nie die Felder und Wiesen schwerarbeitender Menschen mit haushohem Schlamm und wüstem Steingeröll bedeckt habe; oder als ob er doch wenigstens die Absicht habe, von jetzt an es nicht wieder zu tun.
Es war ein Sonntag in den letzten Tagen des Septembers. In jeder Schenke am Wege klang die Fiedel. Von der Höhe des Steusberges glänzten hell und weiß die Türme von Maria-Bildstein herab; es war auch ein Wallfahrtstag zu Maria-Bildstein, und alle Wege weit umher waren mit den bunten Gruppen der frommen Christen und Christinnen bedeckt, die entweder noch zum Gebet auf der Höhe emporstiegen, oder bereits wieder herunter und hinab in das irdische Jubelgetümmel.
Zu Schwarzach im Löwen herrschte vor allem ein lustiges Leben; aber da das muntere Treiben, hier wie in jeder andern Schenke, sich wenig von dem zu Anfang dieser ziemlich historischen Geschichte beim Geburtstagsfeste des heiligen Gebhard geschilderten unterschied, so haben wir nicht nötig, uns an dieser Stelle auf eine abermalige Beschreibung einzulassen. Wir haben Sonderbareres zu berichten.
Den ganzen Morgen hindurch hatte unter den Kastanienbäumen vor dem Wirtshause zum Engel an der Achbrücke bei Oberrieden ein Mann gesessen, der, ein wenig scheu, einen gewaltigen Durst zu löschen hatte, und der jetzo langsamen und müden Schrittes durch das Dorf Schwarzach zog und, dem Anschein nach, auch auf dem Wege am liebsten niemandem ins Gesicht gesehen haben würde.
Es war ein alter, weißköpfiger, gebückter Mensch, der schwerfällig auftrat und seinen Stab nicht als eine überflüssige Zierde trug und handhabte. Er war bekleidet mit einem abgeblichenen roten Tuchkoller, über dem ein rostig-gelblicher Schimmer lag, als ob sich lange Zeit ein Eisenküraß dran gerieben habe. Er trug ein gelbledern Wehrgehäng, doch fehlte das Schwert; er trug desolate hohe Reiterstiefel, an welchen die Sporen fehlten, und er trug einen breitkrämpigen, an der Seite aufgeschlagenen Filzhut, welchem jedoch Feder und Kokarde ermangelten, der dafür aber mit einigen Rissen und Schrammen, die nur von naher Berührung mit blanken Waffen herrühren konnten, geziert war.