Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8)

Part 4

Chapter 43,754 wordsPublic domain

und wie heulend in Verdruß, Ärger, Entrüstung und Wehmut:

„König Christiern sitzt in Stockholmschloß Und säuft unsern Met und Wein!“

„Blitz und Donner! Alle guten Geister!“ stöhnte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, versteinert nach dem Sänger aufstarrend; doch der da oben gähnte noch einmal und scheußlicher als zuvor, und fuhr fast noch unmelodischer fort:

„Hört alles, was ich euch biete an, Vom Tal, ihr meine Mannen: Wollt ihr mir folgen nach Stockholm Und schlagen die Jüten von dannen?“

Mit beiden Händen griff der Korporal Sven Knudson Knäckabröd nach seinem Haupte, wie im wilden Zweifel, ob er dasselbige auch noch auf den Schultern trage; und als er es noch an Ort und Stelle fand, tat er einen Satz und brüllte seinerseits zu dem Sänger auf der Mauer hinauf:

„Um’s Rebhuhn und um’s Eichhorn ist’s, Sobald wir zielen, geschehn; Und dem Blutracker Christiern, Dem soll’s nicht besser gehn;“

und die Wirkung nach oben hinauf war nicht geringer, als die von oben hinunter.

Auch der da oben schnellte empor und beugte sich über die Brüstung und schrie:

„Bei der blauen Fahne Wasa’s, ist ein Spuck, ein Trold aus dem See aufgestiegen, oder ist’s ein Landsmann? Ho Landsmann? Landsmann!“

„Ho Landsmann!“ rief der Hirte von der Lorena; aber da er einmal im Zuge war, so brüllte er weiter, daß die Bastionen der freien Reichsstadt Lindau wie im Schrecken widerhallten:

„Das reißt nun in meiner Seite, Ich fühle mich so beengt; Auch ich hab’ von den Fischen gekostet, Die man in Dalarne fängt.“

Die Bürgerschildwacht im Lindenschatten erwachte bei den Mißtönen aus ihrem süßen Schlummer und faßte zusammenfahrend die Pike an. Die Mauertreppe aber herab stürzte der Hafenwärtel der freien, frommen und biderben Reichsstadt Lindau im See, Rolf Kok, umfaßte mit beiden Armen den Mann von der Lorena, schüttelte ihn heftig und rief:

„Kerl, in aller Welt Namen, Kerl, Kerl, wo kommst du her? wo bist du jung geworden? wer bist du?“

„Arkebusierer Korporal Sven Knudson Knäckabröd im gelben Regiment Oxenstierna -- versprengt im Gebirge -- dorten! Melde mich zurück, Korporal Rolf Rolfson Kok, denn der seid ihr und kein anderer! Die Finne da auf eurem linken Nasenflügel habe ich sechzehn Jahre lang beim Aufmarsch in die Linie zur Rechten gehabt, und die Schmarre da habt ihr von dem Nürnberger Malheur, Korporal Kok. Melde mich zurück, Korporal!“

„Und wir schreiben Vierundsiebenzig! Mensch, o Mensch, Mensch, du bist der Sven, den wir hinter seinem Rücken Hahnentritt nannten, von wegen seiner Gangart? Und das passieret einem, nachdem man sich seit Anno Sechsundvierzig nicht mehr zu Gesicht gekriegt hat, heut hier zu Lindau an der Hafenmauer? O Sven, wo ist die Kumpaneia? wo Hauptmann, Leutnant und Fähndrich? wo sind die Fahnen und Trommeln? wo der Herren Generale Gnaden? Sven Knäckabröd, wo du herkommst, weiß ich noch nicht; aber ich, ich sitze hier seit dem Lindauer Sturm -- erst als Invalid, dann als Bürger und Ehemann -- und als Witwer und Hafenvogt, und sie haben mir noch nicht einmal meinen Namen gelassen: Meister Gockele nennen sie mich! ja das Gockele nennen sie mich; und du bist Sven Knudson Knäckabröd, und wir sind beide mit dem König herübergekommen und standen mit bei Breitenfeld, bei Lützen und liefen mit bei Nördlingen und zogen mit dem Wrangel gegen die Schneeberge, o Sven, Korporal Sven, Kamerad Sven, ich heule wie ein Kind!“

„Und ich heule mit, Korporal, Kamerad Rolf“, schluchzte der andere. „Siebenundzwanzig Jahre habe ich bei dem Vieh sitzen müssen, und nach so großer Gloria und gewaltigen Schlachten habe ich die Kühe gemolken und Käse gemacht, siebenundzwanzig Jahre durch. Rolf, o Rolf, Rolfson Kok, am Fallenbach, am roten Egg haben die Weiber uns alle totgeschlagen, nachdem wir Bregenz da drüben genommen hatten, und heut’ hat mich erst die gute alte Zeit in den Ruderibus verwirret, und nachher hat mich der Nix über den See gelockt. Im Traum bin ich über den See gefahren, und der Nix hat gewußt, daß ihr hier auf der Mauer von Lindau auf mich wartet, Korporal Rolf Rolfson Kok.“

Sie hielten sich in den Armen, die beiden alten Schweden. Sie küßten sich, und die Tränen rollten ihnen über die gelbbraunen Backen. Sie tätschelten sich zärtlich die breiten Buckel und hatten eine Freude aneinander wie ein Brautpaar im Maienmond. Es war aber auch keine Kleinigkeit, was ihnen begegnete an diesem Festtage des heiligen Bischofs Gebhard, den sie und ihre Kriegsgenossen vordem so hart mit Geschütz und Sturmanlauf bedrängt hatten, und dessen Wiege und Burg der eine von ihnen mit niederwerfen half.

Sie waren sehr gerührt, die beiden braven schwedischen Korporale; aber nach der Rührung kam natürlich wieder um so heftiger der Durst, und dessen wurden sie nunmehr mit großer Lust inne. Da faßte der Korporal Gockele den Korporal Hahnentritt unter den Arm und sprach:

„Komm, Herzensbruder, ich weiß unsern Ort, und will dir daselbsten etwas zeigen, so dir das Herze erfrischen soll, besser als der kühlste Trunk aus des Kronenwirtes Keller.“

Er führte ihn in das Wirtshaus zur Krone.

6.

Wer heute zu Lindau im See, sei’s mit dem Dampfboot landet, oder mit dem Bahnzug anpfeift, der findet die Krone noch immer an ihrer Stelle. Einst zog sich die Stadtmauer dem Wasser entlang davor her: die Mauer ist längst gefallen, aber das gute, alte Wirtshaus steht noch fröhlich aufrecht.

Wer heute durch den gewölbten Torweg geht und die Treppe hinaufsteigt, der findet auch heute noch zu Anfang eines langen, hellen, weißen Ganges das, was der Korporal Rolf dem Korporal Sven zu höchster Herzerfrischung weisen wollte, und mag sich ebenfalls daran erfrischen. Da hängt nämlich von der Decke herab eine eiserne Kugel an eiserner Kette, -- eine Bombe des Feldmarschalls Karl Gustav Wrangel, und das Bild des Feldmarschalls hängt an der Wand daneben.

Beides gehört zu dem Hause seit dem Jahre 1647, seit dem Momente, in welchem der Herr Feldmarschall diese Bombe in die freie Reichsstadt Lindau hineinschoß und Grimmiges mit ihr im Sinn hatte, was sich gottlob nicht erfüllte, denn das Untier durchschlug nur das Dach des guten Wirtshauses und blieb, ohne weitern Schaden anzurichten, auf dem Hausboden liegen, -- 180 Pfund schwer.

Damals hat man den unfreundlichen Gast vorsichtig aufgehoben, ihn seiner verderblichen Füllung entledigt und ihn bei ruhiger Zeit an besagter Kette am Gebälk aufgehängt zum ewigen Gedächtnis des Generals Wrangel und seines groben Geschützes. Der Korporal Rolf aber hatte vollständig Recht: im Jahre 1674 gab es keinen bessern Augentrost für den schwedischen Mann der Wirtin zur Taube in Alberschwende, als diese Kugel und dies Bildnis in der Krone zu Lindau.

Im Jahre 1674 sah die Krone nicht so hell und freundlich aus als heute. Die Wände waren nicht mit Kalk getüncht und noch weniger al fresco mit heidnischen und christlich ritterlichen mittelalterlichen Festivitäten bemalt. Aber das Haus war schon damals gut und verdiente seinen Ruf weit übers Allgäu hinaus, und der Hafenwärtel Rolf Kok, genannt das Gockele, kannte das Getränk und hatte sein Kerbholz fröhlich hinter der schwarzbraunen Eichentür der Zechstube. Fürs erste aber stellte er den wiedergefundenen Kriegskameraden unter die Schwedenkugel, wies auf sie hin und wies auf das Bild des Feldmarschalls und sagte:

„Da, Herzbruder, da!“

Der Hirt von der Lorena rieb sich die trüben Augen, starrte auf die Bombe, starrte auf das Bildnis seines Generals, tat einen Sprung und schüttelte sich, als ob er die Jahre und sein Leben unter dem Kommando der Frau Fortunata und sein Leben auf der Lorena mit einem Ruck abschütteln wolle. Er streckte die ausgebreiteten Arme dem Feldmarschall und der schwedischen Kugel zu und rief aus vollem Halse:

„Vivat Gustavus Adolfus! Vivat Gustavus Wrangel! Es leben die Löwen aus Mitternacht!“

Und er tat einen zweiten Satz und schrie zum zweiten Mal, daß die Wände erzitterten, und ein einsamer Zecher nebenan in der Trinkstube sich von seinem Tisch im Winkel erhob, aufstand und den Kopf aus der offenen Tür in den Gang vorstreckte. Dem Kopfe nach folgte der übrige Mann, und das Ganze war wohl einer Schilderung wert.

In dem alten, langen, hagern und gelben Gesichte mit dem eisgrauen, spitzgewichsten Knebel- und Schnurrbart umfunkelten zwei kohlschwarze Augen eine lange, scharfe Nase. Zwei lange, einknickende Beine in engen, schwarzen Hosen und schwarzen Strümpfen trugen den mit schwarzer Schoßweste und schwarzem Rock angetanen dünnen Leib, und als die Kreatur den Hut abnahm und in die Luft schwang, da entblößte sie einen ratzenkahlen, gelblichen Schädel:

„Cospetto! O Jesus Maria! Vivat Ferdinandus!“

Wie auf ein Kommandowort fuhren die beiden Korporale herum, als ihnen so unvermutet auf ihren eigenen schwedischen Schlachtruf das wohlbekannte Feldgeschrei und die Losung des kaiserlichen Heeres entgegen schrillte. Und siehe, schon kam der schwarze, lange Mann, auf sein spanisch Rohr mit dem Messingknopf gestützt, herangehinkt, fegte in tiefer Verbeugung den Boden mit dem Hutrande und sprach höflichst:

„Bitte um Permission, Signori; -- Kriegskameraden von der andern Seit? Groß Ehr! groß Ehr! -- -- Hab das Vergnügen, mich denen Herren zu rekommandir. Signor Tito Titinio Raffa, Zahlmeister im Regiment zu Pferd Strozzi. Hatt schon die Ehr vordem bei Breitenfelda, -- groß Ehr, groß Ehr, groß Battaglia! Woll die Herren eintret und niedersitz zu einem Trunk und freundlich Diskurs? Groß Ehr, viel Vergnügen und gut Kameradschaft!“

Mit allem Eifer schüttelten die beiden versprengten schwedischen Kriegsleute dem versprengten Reitersmann vom Regiment Strozzi die dargebotene Rechte, und im nächsten Augenblick saßen sie mit behaglichem Ächzen nieder an dem Tische, von welchem der Herr Zahlmeister aufgestanden war, um sie zu begrüßen: die Frau Wirtin zur Taube in Alberschwende hatte um diese Tageszeit, das heißt um Sonnenuntergang, auf dem Gebhardsberg gut suchen und rufen nach ihrem treuen Knecht Sven Knudson Knäckabröd aus Jönköping am Wetternsee.

7.

Die Lichter des Tages waren längst verglüht auf Gefild, Berg, Wald, Tal und See. Die glänzenden Spitzen des Kamor, des Hohen Kasten und des Säntis drüben in Appenzellerland hatten sich in der Nacht verloren: der Mond sollte erst später aufgehen.

Die Lichter in den Wohnungen der Menschen waren angezündet worden, und der Tisch der drei Helden in der Krone zu Lindau bot jetzt ein seltsam Schauspiel dar.

Wenn der aus dem Land Tirol, der Rote, ein sauber Getränk ist, das des Menschen Herz erhebt, so hat der Bayern Bier auch seine löblichen Verdienste, und die drei Krieger tranken davon und hatten davon getrunken. Die beiden wackeren Schweden saßen wie aus Granit zurechtgehauen fest, mit den kurzen Tonpfeifen im Munde; aber der italienische Sprachlehrer Tito Titinio Raffa, vordem Zahlmeister im Regiment Strozzi, stand aufrecht, soviel ihm das möglich war, focht wild mit beiden Händen in der Luft umher und beweinte gellend die schönere Vergangenheit und das Elend der Gegenwart, ja, die schönere Vergangenheit, deren er Genuß gehabt hatte von dem Tage an, wo sich bei Breitenfeld nach des Schwedenkönigs Wort eine Krone und zwei Kurhüte an einem alten Korporal rieben.

„Da ging es freilich mit Sang und Klang, mit Pauken und Posaunen herum im deutschen Lande,“ winselte er. „Die güldenen Ketten fielen einem aus dem Pulverdampfe um den Hals, und die güldenen Dukaten raffte man zu Haufen vom Erdboden auf und kümmerte sich wenig drum, wie arg er zerstampft war. Die Fackeln und Lichter brannten im Tanzsaal von einem Jahr ins andere, -- und die Lust war immer dieselbe, ob man den Feind schlug oder ihm die Fersen zeigte. Im letzten Grund gab es ja gar keinen Feind, sondern nur einen lustigen Bruder, der auch zum Fest von der dummen deutschen Nation eingeladen worden war, einen vergnügten Bruder und Kriegsgesellen, mit dem man bei Geigen- und Trompetenklang eben sein Tänzlein machte, wie es sich schicken wollte: heut’ oben an der See, morgen mitten im Land; heut’ am grünen Rheinstrom, morgen an der gelben Weser und übermorgen an der blauen Donau. Gute Kameraden, nichts als gute Kameraden in jedem Lager, unter jeglicher Fahn’ und Standarte! Das war ein Leben, wie es die Welthistorie noch niemalen aufgezeichnet hatte, und wie kein Kriegsmann zu Roß und zu Fuß es sich jemalen lieblicher ausdenken mag. Das Herz geht mir heut’ noch im Galopp gegen die gute alte Zeit durch, wenn ich daran denk’, wie der Leutnant Schneeberg von Götzens Kavallerieregiment nach der Lützner Schlacht, nach verlorener Bataille, des Königs Gustavi Adolfi goldene Kette in Halle auf den Tisch warf und für sich allein Viktoria rief.“

„So ist’s, obgleich ihr davon gerade nicht reden solltet, Zahlmeister,“ murrte der Korporal Sven. „Ein Türkis hing dran von der herrlichsten Art. Sie hatten ihn ausgegraben in dem Gebirg Piruskua, zehn Meilen von der Stadt Moscheda; ich hab’ ihn tausendmal blitzen sehen, wenn die Majestät die Front hinabritt, und wir vermeinten alle, der Stein mache schuß-, hieb- und stichfest; doch es war nicht an dem, wie sich ausgewiesen hat; aber der Teufel soll euch doch holen, Zahlmeister, weil ihr gewagt habt, die Hand daran zu legen!“

„_Di grazia, prego perdono!_ Verzeihung, ihr Herren; ich rede nur davon, um des Elends von heute willen. Der Domeneddio stand damals auf jeder Seite. Ihr hattet den Sieg, wir den Türkisen schwedischer Majestät. Jeglichem seinen Spaß, und -- freie Hand überall! Das war die Parol’ bis zum Jahr achtundvierzig. Nun ist es lange für alle aus, und keiner hat dem anderen einen Groll nachzutragen.“

„Nein, keine Feindschaft um das, was vergangen ist; ich trinke auf eure Gesundheit, Herr Zahlmeister vom Regiment Strozzi!“ rief der Korporal Rolf Rolfson Kok. „Was uns schwedische Männer insbesondere betrifft, so brauchen wir uns wenig zu grämen. Wir haben behalten, was wir gewonnen, und decken ein gut Stück deutschen Landes von Greifswald bis Verden mit unseren Piken und Musketen.“

In demselben Augenblick setzte sich der Italiener kurz nieder, und ein Grinsen der Schadenfreude überzog, trotz aller guten Gesinnungen gegen seine früheren Feinde, sein gelbes Gesicht. Er pfiff auch einen langen Pfiff und zischelte:

„Decket es mit, Kamarado, es tut Not. Dorten werden freilich bald genug die Trompeten noch einmal zum Antraben rufen; aber für unser einen ist keine Freude mehr dabei, so wenig als bei des französischen Louis und des Kaisers Spektakel drüben am Rhein. Diesmal sollet ihr die Prügelsuppe für euch allein haben, ihr nordländischen Bären.“

Vier Fäuste krachten auf einmal auf den Tisch; ein halb Dutzend grausamlicher schwedischer Flüche schmetterte dazwischen, und auf den Füßen standen nunmehr die zwei Korporale und riefen wie aus einem Munde:

„Was singet der Herr da?“

Der Italiener lachte und winkte begütigend dem Hafenvogt:

„Könnt ihr es leugnen, Kamarado, daß ihr euch da unten Gewaltiges und Tückisches vorgenommen habt? Der Signor aus der Wildnis hat freilich bei seinen Murmeltieren geschlafen; aber wir anderen wissen doch noch ein wenig, wie es in der Welt zugehet, und meine Opinion ist augenblicklich, daß ihr euch diesmal bei dem Handel tüchtig die Pfoten verbrennen werdet. Ha, leugnet es nur, aber es ist so! Ihr werdet ihn mit nichten halten, den zehnjährigen Neutralitätsvertrag, nun da die Katz’ vom Haus ist, und die kurfürstlichen Gnaden von Brandenburg mit dero hohen Sposa, dero Kurprinz und dero glorreicher Armada zum kaiserlichen Kommandeur, dem Duc de Bournonville am Rhein aufgebrochen sind.“

„Man wird ihn halten!“ rief der Hafenwärtel.

„Ich sage no! und ich sage dazu, nehmet euch in acht! Die Welt ist älter geworden seit unseren jungen Tagen, und neue Hände sind an einem neuen Werke.“

„Zahlmeister! Zahlmeister!“ rief Rolf Rolfson Kok drohend.

„_Pazienza! adagio!_ möcht’ wohl einmal in eure Magazine in Stettin hineingucken. Das wird schon jetzt ein lustig Zufahren von Piken und Musketen, Pulver, Blei und Geschütz im Hafen von Wismar sein. Ohe, Signori, das wird ein lustiges Klingen von französischem Geld auf den Tischen von Stockholm und in den Taschen eurer Generale geben!“

„Ihr seid ja ein recht feiner, politischer Kopf, Herr Kamerad vom Regiment Strozzi,“ brummte Sven Knudson Knäckabröd, ungewiß, ob er das Ding für eine Schmeichelei oder das Gegenteil nehmen solle.

„Bin ich doch Zahlmeister gewesen!“ lächelte Signor Tito Titinio Raffa. „Erzürnet euch nicht, wir haben es auch nie anders gehalten. _Cospetto_, wünsch’ euch aus vollem Herzen, daß ihr euren Wunsch durchsetzen möget. Der Herr Turennius mit Eisen und Stahl am Rheinstrom, und der klingende französische Sack in Stockholm werden wohl nach Kräften dazu helfen; aber -- aber nehmet euch in acht, daß euch der Brandenburger nicht doch die Karten aus der Hand schlage.“

„Er wird es wohl nicht,“ meinte Rolf bärbeißig.

„Will es euch wünschen; aber -- aber saget doch: mit dem Herrn Feldmarschall Karolo Gustavo Wrangelio, dessen Bild und eisern Gastgeschenk da draußen aufgehängt ist, seid ihr vordem hierher gekommen?“

„Mit demselbigen!“

„Nun denn; wenn ihr heut’ Abend noch von hier abreiset, so trefft ihr ihn vielleicht schon auf dem Marsche nach Berlin“.

„Vivat! es lebe der Held aus Mitternacht!“ schrie der Korporal Sven, der bis jetzt mit immer steigender Verwunderung von einem der beiden Politiker auf den anderen gesehen hatte und nur mit Mühe den Sprüngen ihrer Unterhaltung gefolgt war. Jetzo aber war es ihm auf einmal ganz klar geworden, wieviel Welthistoria er im Bann und Dienste der Frau Wirtin zur Taube in Alberschwende und bei seinen Kühen und Geißen auf der Lorena versäumt habe.

„Schulterts Gewehr! An die Piken! Aufgesessen, Kürassiers und Dragoner!“ brüllte er und fügte in leiserem Ton hinzu: „Aber es gehet mir auf wie ein Nordlicht, daß ich schon einmal dabei gewesen bin mit den Brandenburgern, und damals war’s nichts Großes, und wir lachten auch allsamt über den Spaß. Ja, es war Anno Einunddreißig, Korporal Rolf, ihr wisset, als auch wir zuerst auf Berlin marschierten, fünfzehnhundert Mann zu Fuß und zu Pferde mit dem Könige und vier Kanonen. Wir kamen von Köpenik, allwo das große Lager war, und hatten unsere Lust mit dem damaligen Kurfürsten Georg Wilhelm und seiner Kurfürstin. Sie handelten mit uns bis zum letzten Augenblick und kamen zum Vergleich erst, als die Konstabler die Lunte aufschlagen wollten, um ihnen das Verständnis zu wecken. Ja wohl, jetzt fällt es mir genau bei. Sie gaben uns nach endlich abgeschlossenem Pakt das Geleit vor die Stadt, und da wollten ihnen beim Abschied königliche Majestät doch noch eine unverdiente Ehre antun und ließen eine Generalsalve geben aus großem und kleinem Gewehr. Das war der Spaß! Der Feuerwerker hatte vergessen, das Geschütz von der Stadt abzurichten, und weil wir zuerst als Feinde gekommen waren, so schossen wir nun auch als Freunde scharf und deckten ihnen ganz ohne bösen Willen die Dächer ab. Das gab denn freilich ein groß’ Geschrei der Damens, und königlicher Majestät war’s sehr unangenehm.“

„Ich war nicht dabei, Korporal Sven,“ sprach der Korporal Rolf, „ich stand damals in Köpenik mit der Hauptmacht. Aber die Sache ist so, und zu viel ist da auch niemandem geschehen; denn während wir ihnen nur ein paar lumpige Schindeldächer abdeckten, deckte uns der alte Korporal, der Tilly, die ganze Stadt Magdeburg ab. Der Gustavus Adolfus hat es dem Brandenburger nie vergeben.“

„Das sind alles alte Geschichten,“ meinte der Signor Raffa gähnend. „Auch ist es nicht weit von Mitternacht, und morgen früh reis’ ich zurück nach Augsburg, sintemalen niemand der hiesigen Barbaren, weder Mann noch Weib, ein Gelüst zeigt, die bella _lingua toscana_ zu erlernen. _Cospetto_, um nichts Ärgeres zu sagen! Die Herren und Kameraden mögen einen guten Schlaf tun; -- es war mir ein’ groß’ Ehr’ und Vergnüg’, mit meiner angenehm’ Konversatione aufzuwarten.“

„Möge dem Herrn unsere schlechte Gesellschaft gleichfalls gefallen haben,“ sprach der Korporal Rolf, während der Korporal Sven stumm, aber mit militärischem Anstand salutierte. Die Schenkstube der Krone hatte sich allmählich mit Gästen sehr gefüllt; aber die drei Kriegsmänner hatten wenig davon gemerkt und gar nicht sich darum gekümmert. Sven und Rolf verwunderten sich dann erst darüber, als der Zahlmeister vom Regiment Strozzi zierlich Abschied genommen hatte.

8.

Wer in dieser Nacht durch die Gassen der alten freien Reichsstadt Lindau wandelte, und, was freilich nicht zu vermuten stand, einen Sinn für Naturschönheit hatte, der mochte wohl über der augenblicklichen Lieblichkeit der Erde vergessen, wie wild es auf eben dieser Erde immer noch aussah, trotzdem die drei greisen Kriegsgesellen sich soeben erst über die nichtswürdige Friedensseligkeit und jammerhafte Langeweile, die ihnen in ihrem Alter zu Teil geworden waren, so herzzerbrechend beklagt hatten. Im silbernen Mondenglanz lag jetzt der See rund um die Inselstadt her und spülte nur lind und leise an die uralten Mauern. Drüben kam der junge Rhein wahrlich friedlich aus dem Graubündnerland hervor; aber auch der, nachdem er den großen See durchströmt, Konstanz gegrüßt und bei Schaffhausen den lustigen Sprung gewagt hatte, sah und vernahm in seinem fernern Laufe mancherlei, was nicht nach Frieden klang und aussah. Sie waren hart am Werke miteinander: der Kaiser Leopoldus, daß er das Elsaß, um der ewigen Verdrießlichkeiten darob entledigt zu werden, so anständig und still als möglich losschlage, -- König Louis, daß er es mit größtmöglichstem éclat, Jubel und Feuerwerksgeprassel in Empfang nehme. „Uns gefällt nicht ein mächtiger Fürst der Wenden an der Ostsee!“ hatte der allezeit Mehrer des römischen Reiches deutscher Nation in Wien gesagt und seinem Feldherrn im Lager bei Straßburg, dem Herzog von Bournonville, Befehl gegeben, sich lieber dreimal von den Franzosen schlagen zu lassen, als einmal dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm Gelegenheit zu geben, seine Pflicht gegen das Reich mit Gloria zu erfüllen. Da hatte denn der Herr von Turenne natürlich ein leicht’ Spiel, und hat es auch trefflich benutzt; -- doch das sind alte Geschichten, wie Signor Tito Titinio Raffa sagen würde, und wir haben uns an dieser Stelle nicht weiter damit zu beschäftigen.

Auf den Mauern der Inselstadt Lindau schritten die wenigen Wachen unter den Linden und zwischen den Geschützen langsam auf und ab, und auch auf ihren Partisanen und Musketen blitzte das Mondenlicht. Der berühmte Gasthof zur Krone, dicht hinter der Stadt- und Hafenmauer gelegen, lag im tiefsten Schatten, bis auf die gleichfalls weiß glänzenden Giebel und die Wetterfahnen. Die beiden späten Zecher, welche jetzt aus demselben hervortraten, standen anfangs ziemlich unschlüssig, ob ihres Weges in dem Dunkel.

„Nicht unter Dach,“ schluchzte der Korporal Sven Hahnentritt. „Bruderherz, nicht unter Dach! Ich hielt’s nicht aus! Mir summt’s im Kopfe, als ob zehntausend Trompeten drin zum Angriff bliesen, mir kocht es in den Adern, als ob die Regimentssudler drin für eine Armee von zwanzigtausend Mann die Feuer schürten. Unter Dach, und wäre es von purem Golde, müßt’ ich ohne Gnad’ und Ranzion elend ersticken.“

„Nicht unter Dach, Bruder,“ schluchzte auch der Korporal Rolf, zu Lindau genannt das Gockele. „Du hältst mich und ich dich, und so kommen wir ohne Halsbrechen jene Walltreppe hinauf, und da setzen wir uns und reden weiter vom glorreichen Schweden und dem großen Könige und dem großen Kriege. Hupp -- marsch -- hoho, ich glaube, die Weiber nennen das Wehmut, was uns beide am Schopf gepackt hält; ich glaub’, wenn’s möglich wär’, käm’ ich heut’ Nacht zum erstenmal in meinem Leben zum Heulen und Greinen.“

Sie schwankten hinein in den Mondschein und kamen glücklich auf die Mauer, und da saßen sie nieder auf der Bastion auf einer alten bronzenen, wirklich schlangenhaften Wallschlange, die vielleicht schon den Kaiser Maximilian begrüßt hatte, als er zum Reichstag nach Lindau kam, um „die Reichskammergerichtsordnung zu Faden zu schlagen“.