Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8)
Part 3
Das hatte seine Schwierigkeiten! Denn kurz nachdem sie entdeckt hatte, es sei noch einiges Leben in dem gleichfalls arg mitgenommenen armen Sven, war dieselbe Bemerkung von drei anderen Kriegsgesellinnen gemacht worden, und diese drei befanden sich noch nicht in der Stimmung, den alten, lieben Beruf der Frauen, die barmherzigen Schwestern und Krankenwärterinnen zu spielen, schon jetzt wieder aufzunehmen. Im Gegenteil! Mit den Waffen in den Händen hatten sie sich auf den unseligen, zappelnden Tropf gestürzt und wie die Frau Fortunata zugepackt, und es gab ein arges Gezerr an Arm und Bein, an den Fetzen des Wamses oder am Bandelier, und die Taubenwirtin hatte alle Mühe, die erbosten Hiebe und Stöße durch ihr Geschrei oder mit dem guten Schwerte, welches ihr seliger Gatte im Winkel hatte stehen lassen, abzuwehren. Es war ein großes Glück für den Korporal Sven, daß ihr Ansehen mächtig war unter den Wälderinnen, daß sie den Plan zum Überfall angegeben hatte, und daß ihr Haus und Zeichen in Alberschwende einen herrlichen Ruhm und Ruf besaß, weit hinaus nach allen vier Weltgegenden; denn dem allein verdankte er sein Leben nach der Niederlegung seiner Genossen an dem Fallenbache am roten Egg!
Als doppelte Siegerin führte ihn seine Retterin auf einem Karren in ihr Haus zu Alberschwende unter der Lorena, ließ ihn da zuerst hinter verriegelter Tür auf ein Strohlager neben ihrem Schanktisch, dann in ein besseres Bett legen und besorgte den ersten Verband seiner Wunden selber. Er aber erwachte erst nach längeren Wochen aus seiner Betäubung und wußte dann durchaus nicht anzugeben, was mit ihm vorgefallen sei, und wo er sich befinde.
Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd wußte eigentlich noch heute, d. h. im Jahre 1674, nicht, wo er sich eigentlich befinde, und das war gar nicht so sonderbar. Seit er Anno Dreißig mit dem großen Gustavus Adolfus, dem streitbaren Löwen aus Mitternacht, auf Usedom in der pommerschen Bucht landete, war er sechzehn Jahre lang durch solchen Wirrwarr hin- und hermarschiert, daß für einen Mann, der nicht Gelegenheit gehabt hatte, die Geographie zu studieren, sich das Bild der Welt wohl verwirren mochte. Hatte doch selbst der Oberst Wrangel, unter dessen Kommando er damals seine Kriegszüge begann, und der während der Zeit längst Feldmarschall geworden war, Mühe, sich in dieser Beziehung die Landkarte klar zu halten.
„Donner und Nordlicht!“ sagte der Korporal am 7. August 1674, legte sich schwer auf den rechten Ellenbogen und schlug mit der linken Faust auf den Tisch. Ja wohl, ein Mann, dessen Leben dicht an der Grenze des ewigen Eises, dem Nordpol nahe, begonnen hatte, der den Krieg mit allen Nationen Europas, mit Deutschen, Franzosen und Hispaniern, mit Italienern, Dänen, Polen und Moskowitern sah, der dann sechsundzwanzig Jahre des tiefsten Friedens unter dem Hirtenvolk des Vorarlberges vollendet hatte, mochte wohl bei einiger Überlegung seines Daseins: Donner und Nordlicht! sagen.
Die Frau Fortunata hatte am Fallenbach wohl nicht gedacht, welch eine schwere Last sie sich für die nächsten Zeiten durch ihr gutes Herz auf den Hals lud. Sie bekam ihre große Not mit ihrem Schweden, dem noch drei Jahre lang nach dem Sturm auf Bregenz das ganze Land rings umher nach dem Leben stand. Es fand sich, daß sie ihn nur dadurch vor allen den verschiedenen Nachstellungen retten konnte, daß sie ihn zur Kindsmagd machte, dem wilden Arkebusierer ihr unmündig Töchterlein zur Wartung in die Arme gab und ihn im Haus an ihr Schürzenband geknüpft hielt, bis das erste Gras über die Blutzeit gewachsen war, bis die Alten den „schwedischen Mann“ ohne Mordsinn ansehen konnten, und die Jungen ihn als ein natürlich gegeben Ding nahmen.
Da saß der Korporal Sven Knäckabröd denn in den Bergen verzaubert neben der Wiege der kleinen Aloysia: er, der mit dem glorreichen und sieghaften König Gustavus Adolfus über das Meer gefahren war und in hundert grimmigen Schlachten in die Linie rückte gegen den Tilly, den Wallenstein, den Pappenheim und hundert andere gewaltige Kriegshauptleute! Da saß er und spann nicht nur Trübsal, sondern auch wirklichen Flachs und Werg, und wenn das Kind schrie, so rief die Frau Fortunata: „He, Schwen, sing ihm!“ und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd sang.
Potz Lappland und kein Ende -- dabei ließ sich dann recht hübsch an allerhand anderes denken! Zum Beispiel an die graue, nebelige, flammende Ebene von Breitenfeld oder von Lützen, an den Kommandoruf vor der Front, an die rasselnden Reitergeschwader, die blauen und gelben Fußregimenter, wie sie gegen die kaiserlichen Batterieen am Floßgraben vorstürzten, zurückfluteten, wieder vorstürzten, unter den Hufen und Füßen die Toten und die Verwundeten in Harnisch und in Büffelwams zerstampften!
Wenn dann wieder der Kommandoruf der Wirtin zur Taube in solche Träumereien klang, gab es wohl ein sonderlich Auffahren, und ohne die kleine Aloysia hätte das Ding am letzten Ende doch noch einen traurigen Ausgang mit dem armen, verloren gegangenen schwedischen Mann genommen.
3.
Du lieber Himmel, eine Zeitlang, so um das Jahr 1665 herum, trug er, der Korporal, sich mit dem Gedanken, ob er sich nicht dadurch am leichtesten ranzionieren und zugleich seinem dankbaren Gemüte am angenehmsten Genüge leisten könne, wenn er die junge Wittib freie und selber Taubenwirt zu Alberschwende werde. Eine Weile lang hatte der gute Sven die größte Lust, auch einmal das Wagstück auszuführen und zu rufen: „Ho, Frau Fortunata, sing!“, aber zuletzt wagte er es doch nicht, abgesehen davon, daß er seinen lutherischen Glauben, oder vielmehr den Glauben hochseliger königlicher Majestät Gustavi Adolfi -- denn er selbst machte sich nicht viel daraus -- doch nicht gern in die Schanze schlagen wollte.
Es blieb also dabei: „He, Korperal, sing!“ und Sven Knudson Knäckabröd sang; aber wie melodisch, das wollen wir lieber doch nicht weiter aufrühren. Er war eine gute Kindsmagd, und als seine Dienstjahre in dieser Hinsicht als beendet angesehen werden konnten, da tat ihm das fast leid, und als braver Veteran behielt er für alle Zeiten eine tiefe Zuneigung zu dem frühern Dienstverhältnis. Als die kleine Aloysia zehn Jahre alt geworden war, hatte das Gebirgsvolk so ziemlich vergessen, auf welche Art und Weise der schwedische Mann in seine Mitte geraten war, und die Frau Fortunata konnte ihn allein laufen lassen.
Er lief aber immer noch nicht allein; auch die kleine Aloysia Madlener hielt fürderhin in Treuen an ihm, und die beiden schickten sich gar wohl in einander im Dorf, im Wald und auf den Matten bei jeglicher Lust und Arbeit.
Wer jene holdselige Gegend kennt, der weiß, daß im Süden des Dorfes Alberschwende der Pfad sich steil, anfangs durch Gehölz und dann über schöne Wiesen, zu einem Bergsattel emporzieht, die Lorena geheißen. Wer ihn heute geht, der findet unterwegs, ehe er zu dem herrlichen Gipfel gelangt, drei Sennhütten; um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts aber lag nur eine dort, und diese ein wenig höher, der Kuppe näher, am Rande eines Tannenwaldes, und die Hütte, der Wald und die Wiesen ringsumher gehörten dem Taubenwirtshaus drunten im Dorfe, und die Frau Fortunata hatte das Besitztum einst als ein trefflich Nestei dem jetzo seliglich abgeschiedenen Gatten mit in die Ehe gebracht.
In dieses Haus auf der Lorena versetzte die Taubenwirtin ihr Beutestück aus dem Schwedenkriege um das Jahr 1656, gab ihm Vieh und Weide zu bester Pflege und Wartung unter, wie sie ihm vordem ihr Töchterlein anvertraut hatte, und verwendete den Korporal wiederum also geziemlich und nützlich.
„Sie sagen, ihr treibt auch daheim sonderliche Zucht mit allerlei absonderlichen Kreaturen in Milcherei und Käserei, Schwen. Nun seid ihr lang genug bei uns, um zu wissen, was eine Kuh ist, und könnet wohl einen Ochsen von einem Kalbe unterscheiden. Einen Bub kriegt ihr mit auf den Berg: also jetzt zeiget euch als einen mit Verstand begabten Menschen, haltet mir gute Ordnung und zeigt den Nachbarn, daß ich mir keinen Narren in euch großgezogen habe,“ sprach die Frau Fortunata Madlener, und Sven Knudson Knäckabröd zeigte sich wahrlich als einer, der nicht nur mit Renntieren, Elentieren und der Luntenbüchse, sondern auch, wie mit dem Kinderwiegen, so mit der Milch, der Butter und dem Käse umzugehen wußte. Es hätte nun bald wenig gefehlt, daß er jetzt ebenso berühmt wurde, wie er vordem berüchtigt war.
Nun ließ es sich freilich auf der Lorena lustiger hausen, als in der niedrigen, dumpfigen, holzvertäfelten Stube drunten in der Taube; vorzüglich für einen, welcher von früher Jugend an die frische Luft gewöhnt war; und der Korporal Sven saß manch lieb langes Jahr dort oben, und ein undankbarer, hartherziger Gesell von Grund aus hätte er sein müssen, wenn er jetzt nicht sein Geschick allmählich gelobt hätte. Wir wollen zwar nicht behaupten, daß gerade er vor den anderen Sterblichen der damaligen Zeiten berufen war, jubilierenden Herzens in die Pracht und Schönheit der Natur zu blicken, allein er hatte doch auch seine Freude an dem, was er von seiner Tür aus überschaute. Da hatte er zu seiner Linken den mächtigen See bis in die fernste verschleierte Ferne; zu seiner Rechten aber, über dem Tal von Schwarzenberg, da hob es sich empor: Giebel an Giebel, Zacken an Zacken, Wand über Wand; und die Glocken seiner Kühe klingelten um ihn her, und Aloysia Madlener kam, erst ein jung, leichtfüßig Kind, dann eine hübsche Jungfer, und saß wieder bei ihm und suchte ihm jetzt die Zeit zu vertreiben, wie er früher sie ihr vertrieben hatte.
Tagelang saß sie oft bei ihm auf der Lorena, und bald kam die Zeit, wo der kriegerische Kuhhirt Besuche bekam, die ihm gar schön um den Bart gingen und doch nicht seinetwegen von allen Höhen herab und aus allen Tälern hinauf zu ihm stiegen. Eitel jung Volk besuchte ihn, die besten Buben weit umher, und einige gab es darunter, die kamen mit der Mette und gingen erst mit dem Abendgeläut, bis die Katz’ aus dem Sack war, und der Fidel Unold, der reiche Sägmüllerssohn, es allen anderen abgewonnen hatte. Da gingen denn dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd auch wieder einmal die Augen auf, und als er seiner Verblüffung gegen die Frau Fortunata Luft machte, da stemmte diese auch wieder einmal die Arme in die Hüften und sprach:
„Schwen, daß ich einen Esel am roten Egg aufgehoben habe, das wußte ich nach den ersten drei Tagen unserer Bekanntschaft. Na, Alterle, laßt’s gut sein, ich habe hier unten die Augen offen behalten, während ihr da oben nur das Maul aufsperrtet und vermeintet, das ganze junge Volksspiel gehe nur deshalb zu euch her, um eure Lügen und Heldentaten anzuhören. In acht Wochen ist Hochzeit, und ihr seid freundlich geladen.“
In acht Wochen war wirklich die Hochzeit der schönen Aloysia Madlener und des glücklichen Fidel Unold, und der Korporal Knäckabröd spielte, obgleich er ein Esel war, doch keine geringe Rolle an dem hohen Tage. Er tanzte sogar; -- erst zu allgemeiner Bewunderung einen schwedischen Tanz, dann unter lautem Aufkreischen der Weiber und brüllendem Gelächter der Mannsleute einen Kroatentanz, und zuletzt zu seinem allereigensten Vergnügen einen zierlichen Ländler mit der Brautmutter, der Frau Fortunata Madlener; und nur verschiedene alte Weiber, die ihm einst am roten Egg mit aufgegeigt hatten, schüttelten jetzt noch den Kopf über ihn.
Nach den Hochzeiten pflegen die Taufen zu folgen, und so geschah es auch hier. Gar häufig holte man ihn auch zu solchen Feierlichkeiten von seiner Höhe herunter, und dann stiegen wiederum kleine Füße zu ihm hinauf, und -- so gingen die Jahre vorüber und hin, und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, der in seinen jungen Jahren so vieles durchgemacht hatte mit Märschen, Stürmen, Schlachten, Hunger und Durst, und es gar nicht besser gewußt und gewollt, der saß nun im Fett und im Frieden und wußte und wollte nichts mehr von der Welt da draußen vor den Bergen.
4.
„Wenn sie mich zu Hause und in Ruhe gelassen hätten, wär’s besser und mir lieber gewesen,“ brummte der schwedische Mann an seinem Tische auf dem Gebhardsberge unruhig auf- und abrückend. „Das Weibsvolk, das Weibsvolk, -- gibt es wohl Frieden? Nimmer! Kann es wohl einen in seinem Winkel sitzen lassen? Niemalen! Das muß immer herumwuseln und zerren und zupfen und einem den Bart streicheln und einem im Notfall mit Gift anschrillen, wie eine Million Heugaisen, bloß um seine eigene Million Grillen durchzusetzen. Da sitze ich nun, aber wo sind sie jetzt, meine Weibsen? Da geht es mir doch wie königlicher Majestät mit den lappländischen Regimentern Anno Dreißig. Die sollt’ man gegen den Feind führen?! Kaum hatt’ man sie zusamm’, so hupft’s auseinander mit Gequak und Gegecker wie ein Sack voll Frösch’, und der Hauptmann steht allein vor der Batterie und kann aus der Haut fahren. O potz Käs und Kuhglocken, als die Kleinen gestern Nachmittag heraufkrabbelten und einen Gruß brachten von Mutter und Großmutter und die Nachricht, heute gehe es nach Hohen-Bregenz zum heiligen Gebhard, da hab’ ich mir bei ihrer Lust gleich gedacht, daß das für mich ein sonderlich Vergnügen werden würde. Der Tiroler ist es nicht, die Erinnerung ist’s, was mich auf den Kopf stellt. Dem roten Egg bin ich seit einem Menschenalter nicht nahe gekommen, und nun muß ich der Alberschwendener Weiberstreifpartei hierher als Führer dienen! Ja, sicher wär’s besser gewesen, wenn sie einen anderen dazu kommandiert hätten, und doch -- o, o, es ist, es ist ein sonderlich Vergnügen. Da hielt der Wrangel! Und dort fanden wir den Fähndrich Olafsson mit eingeschlagenem Schädel. Ja, klingelt nur und räuchert nur; ihr klingelt und räuchert uns nicht weg! Es war eben eine gloriose Wirtschaft, und es ist nur ein Elend, daß man nicht einen hat, mit welchem man anstoßen könnte: trink, Bruder, die schwedische Gloria soll leben, -- alle guten Gesellen zu Roß und zu Fuß sollen leben, und du sollst auch leben, Bruderherz! -- Wo stecken nur die Weibsen? Das ist doch keine Art, einen mit der alten Zeit an einem solchen Ort alleine zu lassen! Ja, wenn ich nur die Kinder hätt’, da könnt’ ich mich doch woran halten -- ho, ho, der rote Tiroler und der General Wrangel, die haben nun die Oberhand über dich, Sven Knudson Knäckabröd -- o Käs und schwer Geschütz, Sven, es ist doch eine Lust und Annehmlichkeit, heut allhier auf Hohen-Bregenz zu sitzen und Anno Sechsundvierzig mit dabei gewesen zu sein, als man es mit Sturm nahm; Herrgott, die Tränen kommen einem vor Wehmütigkeit in die Augen, und wann ich heut schwedisch reden hört’, ich glaub’, das Heimweh stieße mir das Herz ab.“
Die „Weibsen“, welche der Korporal Sven zum heiligen Gebhard hatte führen müssen, nämlich die Frau Fortunata, die Frau Aloysia und die kleinen Mädchen der letzteren, hatten ihn natürlich sogleich nach der Ankunft auf dem Pfannenberge seinem Geschick und eigenen Gaudium überlassen. Den schwedischen Mann hatten sie immer zur Hand, aber um den Altar des heiligen Gebhard da gab es Bekannte und Verwandte, Freunde und Freundinnen, die man nicht immer zur Hand hatte.
„Ich vertret’ mir die Füß’,“ sagte der Korporal, „es hilft nichts, hier festzuwachsen. Sie werden mich heute nicht als Spionen hängen, wenn ich des Ortes Gelegenheit wieder einmal erkunde. Donner, es war doch eine tüchtige Arbeit, damals bei dem gefrorenen Boden, Schnee und Eis, die Artillerie den Berg hinauf zu bringen!“
Er hatte sich erhoben und reckte und dehnte sich und wandelte schwerfällig durch das Getümmel und betrachtete von neuem und von allen Seiten aus den Schauplatz, auf welchem er selber einst mit der Pike in der Hand so tapfer mit agieret hatte. Er stieg um die Ringmauern.
„Da kamen wir mit den Leitern und verloren manchen guten Mann. Da wollten die Herren Generals zuerst Bresche legen lassen; aber wir besannen uns eines Besseren und führten das Geschütz weiter ab. Dort hinein kamen wir! Vivat, vivat! sieh, sieh, dort stürzt’ ich die zehn Schuh tief hinunter auf den Kopf und dacht’, es wär’ mein Letztes; aber ich kam doch schnell genug wieder auf die Füße und war mit unter den ersten im Tanz! Es ist nicht zum Aushalten, -- man muß vor seinen lieblichsten Erinnerungen Reißaus nehmen, wann es einem so ergangen ist wie mir. Da sollt’ man ja ersticken. Die Mauern fallen einem auf den Kopf. Ich denk’, ich nehme wirklich Reißaus und steige nieder zum See. Solch’ groß’ Wasser hab’ ich ja auch seit dem Elend am Fallenbach nimmer wieder in der Näh’ zu Gesicht gehabt.“
Wer des Veltliners zur Genüge trank, der weiß wohl, wie blau ihm der Himmel werden mag. Dem braven Korporal Sven wurde mehr als eine Fiedel auf dem Wege, welchen er jetzo ging, gestrichen; aber es klang ihm wie der Schall von hunderten in das Ohr, und dazu viel andere Instrumente, Pauken und Posaunen, und dann durch alles ein fernes Grummeln, gleich schwerer Konstablerei in geordneter Feldschlacht. Alle Leute, die ihm begegneten, freuten sich über ihn; er aber ging so gravitätisch seines Pfades, als es sich bei der Steilheit des Berges eben tun lassen wollte, und so kam er hinab an das Ufer des Sees und blickte mit ernstem Kopfschütteln auf die breite Wasserfläche und wandelte langsam am Gestade hin, bis zu der Seekapelle, allwo, wie wir bereits sagten, die Kähne der Gäste, die über das Wasser gekommen waren, an Stricken und Ketten lagen.
Wenn es in Bregenz und auf Hohen-Bregenz, in der Stadt und auf dem Pfannenberg hoch, lustig und lebhaft zuging, so war es desto stiller am Wasser um diese Zeit. Klar und ruhig lag der See da; die Enten und Gänse ruderten und tauchten am Ufer, und fern auf der Höhe des Spiegels schwangen sich blitzend wie silberne Punkte die weißen Seeschwalben im Kreise, und weiße Segel stiegen über den Horizont herauf, oder tauchten über ihn hinab, und die Stadt Lindau zur Rechten der Bucht streckte ihre Türme und Giebel so klar in die Tiefe, wie sie dieselben in den lichten Himmel emporhob.
Der schwedische Mann von der Lorena nahm den Hut ab, trocknete sich die schweißtriefende Stirn und atmete tief und erleichtert; dann aber schüttelte er mehr denn je den Kopf, nachdem er sich auf einen Stein am Ufer gesetzt und die Hände auf die Kniee geschlagen hatte.
„Ich hätt’ auch dem nicht nahe gehen dürfen,“ murrte er nach einer Weile. „Vom Berg aus darauf hinzusehen, hat mir nichts gemacht; aber in der Nähe ist’s ein anderes, und schlimmer als da oben die Rudera. Die Weibsen können es nimmermehr verantworten, daß sie mich hierher geschleppt haben, denn wenn ich sie darhingegen nach Jönköping am Wetternsee setzen wollt’, so würd’ ich mir wohl allerlei in die Ohren stopfen müssen, von wegen ihres Geheuls und Heimweh. Jönköping! Da bin ich umhergezogen mit dem großen Gustav, und nachher mit dem Banner, dem Torstenson, dem Königsmark und dem Wrangel und hab’ nimmer an den Wetternsee und meines Vaters Haus zu Jönköping gedacht, und heut hab’ ich selber Lust, darüber zu heulen wie ein Weib. Jetzt ist mir das Wasser noch ärger als das Land; -- ja wahrlich, als ich mit dem großen Gustavus Adolfus über das Meer fuhr, da hab’ ich noch nicht gewußt, daß es doch zuletzt nur zum Kühmelken und Käsemachen ging -- o Donner und Nordlicht, hab’ ich das nur geträumt diese langen sechsundzwanzig Jahre, oder hab’ ich es wirklich und wahrhaftig erlebt? O ja, da möcht’ man doch auf Nimmerwiederaufgucken in den See untertauchen!“
Er war wild aufgesprungen, und dann tat er noch einen Sprung, hinab vom Uferrande, doch nicht in das Wasser, sondern in den nächstliegenden Kahn, den er durch die mächtige Erschütterung fast zum Sinken gebracht hätte. Schwer fiel er auf die Bank und sah beinahe erschrocken nach der Stadt Bregenz und dem Berge des heiligen Gebhard hinüber. Aber niemand hatte ihm auf seine Schliche gepaßt, niemand auf seine Tat Acht gegeben. Im nächsten Augenblick schon hatte er das Messer gezogen und mit einem Hieb das haltende Seil zerschnitten. Er war im Rausch, als er die Ruder ergriff, doch nicht vom roten Tiroler. Drei kräftige Schläge führten das leichte Fahrzeug hinaus auf den jetzt im linden Südwest sich kräuselnden See. Es gelang dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd, den kleinen Mast aufzurichten und -- er hatte nicht umsonst in seiner Jugend dem Herrgott halbe Tage mit dem Fischfang auf dem Wetternsee abgestohlen -- das Segel schiffermäßig zu entfalten und zu richten. Er war nicht im geringsten Schuld daran; allein es war richtig, -- er war seinen Weibsen, der Frau Fortunata, der Frau Aloysia und den kleinen drei Schmelgen durchgegangen und befand sich bei günstigem Winde auf der Fahrt nach des heiligen römischen Reiches freier Stadt Lindau im See.
5.
Es war gar lieblich auf den Wassern, vorzüglich für einen, der in so seltsamer Stimmung darüber hinfuhr, wie der schwedische Hirt von der Lorena. Wenn es still am Ufer unter dem Fürberg war, so war’s noch viel stiller auf der von der Nachmittagssonne beglänzten Bucht von Bregenz, und der Korporal Sven hatte eine gute Fahrt. Er saß und hielt die Hände vor dem Bauch gefaltet und ließ sein Schifflein gleiten vor dem Winde. Wie jetzt das Ufer hinter ihm versank, oder die Berge sich vielmehr heraushoben, so hob sich nun auch vor ihm das niedrigere Hügelland des Allgäus, und vor allem wie eine Stadt aus dem Wunderschatz der Frau Saga die freie Reichsstadt Lindau.
Die grauen Mauern, deren Grund der römische Kaiser Tiberius Claudius Nero legte, als er hier die Rhätier und Vindelicier besiegt hatte, lagen noch stiller da als der See. Die alten Linden nickten freundlich-schläfrig von den Bastionen, und die grün und silbern, rot und goldfarbig glänzenden Turmdächer von Sankt Peter und der heiligen Dreifaltigkeit -- den Diebesturm nicht zu vergessen -- luden förmlich behaglich wie aus der Luft, so aus dem Wasser, den braven Korporal Sven Knudson Knäckabröd zum Näherkommen ein. In dem kleinen Hafen lagen ruhig, nur da und dorten von einem weißen Spitzhund bewacht, die Lädinen und Halblädinen, die Segner und Halbsegner und dazwischen die Lustgondeln der wohlhabenden Reichsstädter, soweit sie sich nicht zu Bregenz befanden. Nur eine Bürgerschildwacht war auf der Mauer zu erblicken, und die schlummerte sanft auf ihre Partisane gestützt. Das Lebendigste auf dem Wall zu Lindau im See waren um diese Stunde die Fliegen, welche in Scharen über den erwärmten Geschützrohren summten.
Der Kahn des Schweden schoß, durch den Schatten der Lastschiffe hin, in den Hafen hinein und an die Hafentreppe, und als der Korporal sein Schifflein mit einem letzten Ruderschlag dort antrieb, fragte ihn niemand um das Wohin und Woher, und das war recht gut; denn im Augenblick hätte er vielleicht auf beides keine Antwort zu geben gewußt. Seit dem Kolbenschlag am roten Egg war ihm nicht so verworren zu Mute gewesen, aber trotz allem war ihm heut’ doch die Welt behaglicher als damals, wo er sich auf dem blutigen Strohlager am Schanktisch in der Taube zu besinnen suchte.
Doch wer auf eine solche Weise, wie er, im Hafen von Lindau anlangte, der mochte, nachdem das Schifflein am Lande lag, wohl selbst den Hut hin und wieder rücken um die Frage: Was nun? und wohin nun? Der Korporal Sven stand und blickte an der nahen Stadtmauer empor und durch den dunklen Bogen, welcher in das Innere der Stadt führte, hindurch und rieb sich die Stirne. In dem nämlichen Augenblick aber erschien über der Mauerbrüstung ein dicker, roter, von schneeweißem Haar umflusterter Kopf, der sich ächzend auf zwei gewaltige Fäuste legte und entsetzlich gähnend auf den See hinausstarrte. Dasselbige Haupt spie verächtlich von der Mauer der freien Reichsstadt hinab; ein nicht geringer Mund öffnete sich, und -- plötzlich -- ganz unvermutet und von einer solchen Erscheinung auch gar nicht zu vermuten, fing das Ding an zu singen, und zwar eine Weise, welche im Munde des schwedischen Volkes schon seit mehr denn hundertfünfzig Jahren umging.
Und in schwedischer Zunge sang das Unding auf der Mauer heiser und gräßlich:
„König Gustav reitet nach Dalarne Zum Thing mit den Dalkarlen sein; Doch Christiern liegt vor Södermalm Und frißt gestohlene Schwein;“