Deutsche Freiheit: Ein Weckruf
Part 3
Nunmehr kommen wir zur demokratischen Unfreiheit. Zunächst verwahren wir uns dabei gegen die Meinung, als wüßten wir die Bedeutung und das gute Recht der Demokratie nicht zu schätzen. Wir würdigen vollauf die Bedeutung der freien Bewegung und der freien Betätigung des Individuums, wie sie einen Hauptzug der Neuzeit bildet, wir verkennen auch nicht den Reichtum von Bildungen, welche auf dem Boden der Demokratie möglich sind, -- schon Aristoteles hat uns darüber sorgfältig berichtet, -- wir wissen auch, wie glücklich besondere Arten der Demokratie, wie z. B. die schweizerischen, gewirkt haben. Aber hier handelt es sich zunächst um die Demokratie, die in unseren Großstädten, vor allem in Berlin, entstanden ist, und von diesen Berliner Demokraten können wir kein Heil für die Freiheit erwarten. Auf den ersten Blick mag es ja scheinen, als könne von der Freiheit keine Gefahr der Unfreiheit entstehen, in Wahrheit kann sich die vermeintliche Freiheit in eine arge Unfreiheit verwandeln in der Hand der Menschen und durch ein Zusammenwirken der Verhältnisse; man möchte dabei des bekannten Wortes Rousseaus gedenken, daß alles gut von Natur an uns kommt, alles aber unter unseren Händen entartet. Mehr als in einer anderen Zeit erfolgt nämlich ein ungeheures Zusammenhäufen, ein Zusammenballen ungeschiedener Massen, der Mensch erfährt hier keinen Druck von außen her, um so mehr erfährt er ihn durch das gesellschaftliche Zusammensein; dieses erweist sich als eine weit überlegene Macht, der der Einzelne sich unbedingt unterwerfen muß. Tausendfach sind die Wege und Mittel, durch welche die Gesellschaft ihre Macht ausübt. Sie tut das vornehmlich durch die Presse, sie tut das so unmerklich, daß der Leser gar nicht bemerkt, daß er durch sein Blatt bestimmte Ziele und Werte aufnimmt; so denkt weniger er selbst, als daß er seine Zeitung für sich denken läßt. Zugleich aber wirken bestimmte Parteitendenzen, sie ziehen den Einzelnen so geschickt ins Garn, daß er willenlos zum gehorsamen Diener einer Partei wird. Dabei pflegt bei uns Deutschen -- vielleicht mehr als bei anderen Völkern -- eine besondere Lebens- und Weltanschauung zusammenzugehen; es hat hier namentlich die französische Aufklärung gewirkt, sie tat und tut es, indem sie alle schwereren und minder angenehmen Probleme zurückschiebt, beflissen die Größe und Würde der Menschheit predigt, dabei eine verstandesmäßige und überwiegend naturalistisch gehaltene Denkweise entwickelt, aus einer solchen alles verwirft, ja verketzert, was ihren Rahmen überschreitet. Kann man bei solcher Abhängigkeit von einer auf der Höhe des Geisteslebens längst überwundenen Denkart von geistiger Freiheit sprechen?
Auf dem Gebiet der Lebensanschauung mag sich die Sache harmloser ausnehmen, aber auch hier reichen die Wurzeln oft bis in das politische Gebiet hinein. Eine besondere Gefahr für die Freiheit aber entsteht hier aus dem Wirken der Demagogen, der Volksumschmeichler, welche sich mit allen Mitteln um das Gefallen des Volkes bewerben und durch seine Gunst Einfluß oder Macht zu gewinnen suchen. Das ergibt eine Denkart, die alles Streben und Sinnen darauf richtet, den Beifall der großen Menge zu erhalten, die sich selbst zur Unfreiheit verurteilt, aber auch diejenigen erniedrigt, zu denen sie wirken möchte. Der bloße Mensch beherrscht hier die Sache, das Nützliche aber das Gute und Wahre; das ist bloßer Menschendienst, inneres Sklaventum, um es mit dürren Worten zu sagen.
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In verwandter Richtung wirkt zur Unfreiheit ein Mißbrauch des Gleichheitsgedankens. Die Gleichheit finden wir weder in der Natur noch in der Kulturarbeit mit ihrer unbegrenzten Verschiedenheit. Der Gedanke stammt vielmehr aus dem Reiche der Ideen, zunächst von der Idee Gottes, dann von der einer allumfassenden Vernunft, die in allen Menschen wirkt und sie zu gleichem Recht beruft. Diese beiden Ideen sind heute dem modernen Durchschnittsmenschen sehr verblaßt, trotzdem ist er eifrig bedacht, in allen Verhältnissen möglichste Gleichheit durchzusetzen, ist er geneigt, alles, was den Durchschnitt überschreitet, als ein schweres Unrecht, beinahe wie ein persönliches Unrecht, zu behandeln. So nimmt eine weitverbreitete Zeitströmung ohne weiteres Partei für die Jüngeren gegen die Älteren, für die Schüler gegen den Lehrer, für den Untergebenen gegen den Vorgesetzten, als sei alle Ordnung und alle Zucht nur ein Ausfluß selbstherrlicher und brutaler Gesinnung, alle Ehrfurcht ein leeres Gerede. Alle Achtung vor einer Gleichheit, welche von der Gesinnung des ganzen Menschen getragen wird und die alle innerlich zusammenhält, aber keine Achtung vor einer Denkart, welche die Leistungen möglichst egalisieren möchte und neidisch allem Vorzug auflauert! Dafür gilt Goethes Wort: »Der schlimmste Neidhart ist in der Welt, der jeden für seinesgleichen hält«. Ein derartiges Egalisieren ist keine Freiheit, sondern eine traurige Unfreiheit.
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Die letzte und höchste Stufe erklimmt die Unfreiheit unter dem Schein der Freiheit in der sozialistischen Gestaltung des Staates und des Lebens. Auch hier müssen wir uns des Mißverständnisses erwehren, als würdigten wir nicht die Bedeutung und das Recht der großen Probleme, welche uns die sozialistische Bewegung mitteilt. Keine der anderen Theorien hat so sehr die Gegensätze in sich aufgenommen und durchdacht, welche die moderne Arbeit mit ihrer Wendung zur technischen und fabrikmäßigen Arbeit erzeugt hat, keine hat so sehr den schroffen Zusammenstoß von Kapital und Arbeit gewürdigt, keine hat eine so großartige Organisation hervorgebracht, keine hat so auf dem modernen Boden auch einen gewissen Zusammenhang der Seelen zu bewirken gestrebt.
Etwas anderes aber sind solche Probleme, etwas anderes ist die gegenwärtige Gestaltung der politischen Verhältnisse. Hier, wo die bisherige Oppositionsbewegung zur herrschenden Stellung gekommen ist, und wo sie alle überkommenen Bindungen von sich abgeschüttelt hat, da hat die Unfreiheit den höchsten Gipfel erreicht. Das System des Sozialismus erhebt die Freiheit formal zur äußersten Höhe, sachlich aber bedroht es sie mit einer völligen Zerstörung. Hier liegt alle Freiheit schließlich am Gesamtwillen der Menschen; daß die einzelnen Punkte -- von Gliedern kann man hier nicht wohl reden, da alle Verbindung nur eine mechanische Zusammensetzung ist -- an diesem Gesamtwillen in gleicher Weise teilnehmen, das scheint schon volle Freiheit zu verbürgen. Aber von jenem Gesamtwillen besitzt jeder Einzelne nur einen verschwindenden Bruchteil, und was immer er von Freiheit hat, das hat er nur innerhalb des Ganzen und nach dem Maße des Ganzen; damit kann er nie selbständig walten, dem kann er nicht eine selbständige Denkweise und eigene Aufgabe entgegenstellen. Seine Partei ist hier seine Welt, sein Lebenskreis; daß das Ganze keinen Druck gegen den Einzelnen ausübt, und daß es selbst die höchste Vernunftinstanz bildet, die Quelle alles Guten und Wahren bildet, das wird als selbstverständlich vorausgesetzt; daß es das nicht ist, das mußte kenntlich werden, sobald die sozialistische Bewegung von der Verneinung zur Bejahung überging und nun ihr Leistungsvermögen zu erproben hatte; nun mußte die von ihr geübte Unfreiheit aufs Schwerste empfunden werden.
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Es entstehen hier ungeheure Bindungen durch die Allgewalt des Staates, der alles Leben an sich rafft, durch die ausschließliche Unterwerfung alles Lebens und Strebens durch das wirtschaftliche Ziel, durch die Benutzung aller wirtschaftlichen und technischen Kräfte für die erstrebte Sozialisierung. Das ergibt einen sehr begrenzten Lebenskreis, der unendlich viel von den wertvollsten geistigen Gütern der Menschheit unbedenklich preisgibt, und der eine Freiheit nur in dem Sinne einer schroffen Verneinung kennt, ja es entsteht damit eine klägliche Erniedrigung und Unfreiheit des ganzen Lebens, sofern alles Streben auf das sinnliche Wohlergehen des Menschen gerichtet, alles Handeln wegen der Sache, alles erhöhende Schaffen aber verworfen, zugleich alle inneren Probleme verkannt, alle nichtmaterialistischen Ansichten wie ein krasser Unsinn abgelehnt werden. Wenn alles das mit seiner entsetzlichen Unfreiheit uns als ein Werk der Freiheit aufgedrängt wird, so muß das jeden mit Zorn und Unwillen erfüllen, der Freiheit und Unfreiheit zu unterscheiden vermag.
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Wir sehen: die Probleme liegen ein gutes Stück tiefer als jene sozialistische Denkweise uns vorhält; wir überzeugen uns zugleich, daß es wichtig ist, politische und geistige Freiheit in das rechte Verhältnis zu bringen, inneres und gesellschaftliches Leben sowohl miteinander zu verbinden als genügend auseinander zu halten.
Das Staatsleben fordert eine eigentümliche Selbständigkeit, es muß sich an den menschlichen Durchschnitt halten, es verlangt einen gewissen Glauben an den Menschen, an sein Vermögen, an die Bedeutung seines Tuns; wo eine schroff pessimistische Denkweise ihm das verwehrt, wie etwa bei Hobbes und Schopenhauer, da kann das staatliche Leben keinen Reiz und keinen Antrieb gewähren, da kann sich keine politische Freiheit entwickeln, da entbehrt aber auch das geistige Leben wesentlicher Hilfen und Forderungen. Wer dagegen mit Rousseau oder den Sozialisten den Menschen als von Natur vortrefflich ausgestattet erklärt und alle Übelstände auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schiebt, der mag viel politischen Eifer entfalten, aber er entbehrt einer Verbindung mit dem geistigen Leben und Schaffen, er kann daher auch weder dem politischen Leben eine Größe noch seiner Seele eine Tiefe geben.
So gilt es, auf dem Grunde einer selbständigen Geisteswelt ein eigentümliches politisches Leben und eine politische Freiheit zu entfalten und dabei weder einem flachen Optimismus noch einem mißmutigen Pessimismus zu verfallen, wohl aber einen Aktivismus der Überzeugung zu verfechten, der allen Sorgen und Nöten des menschlichen Lebens eine feste Zuversicht und eine tapfere Gesinnung entgegensetzt. Das entspricht dem tiefsten Grund der deutschen Art, und an diesen Grund wollen auch wir uns halten.
Druck von Richard Hahn (H. Otto) in Leipzig.
[ Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt:
Seite 9: Für die Seele unseres Volkes aber, die somit unter sich gegen seitig durchkreuzenden Antrieben stand, => Leerzeichen entfernt: gegenseitig
Seite 9: Seinen Schwerpunkt hatte das deutsche Reich in in einer glänzenden technischen und wirtschaftlichen Kultur, => doppeltes "in" entfernt
Seite 13: Hier vollzog sich ein geistiges Wunder: das Erscheinen und Durchbrechen eines in Gott begründeten Lebens, als der Ouelle des persönlichen Lebens; => Quelle des persönlichen Lebens;
Seite 35: entbehrt aber auch das geistige Leben wesentlicherHilfen und Forderungen. => Leerzeichen vor "Hilfen" hinzugefügt ]