Deutsche Freiheit: Ein Weckruf

Part 2

Chapter 23,435 wordsPublic domain

Die geistige Freiheit deutscher Art erweist sich weiter in einer eigentümlichen Gestaltung des erkennenden Denkens. Das deutsche Denken trägt den Charakter der Freiheit, insofern es sich nicht damit begnügt, eine gegebene Welt festzustellen und zu ordnen, daß es vielmehr die ganze Wirklichkeit an sich zu ziehen und sie in einen eigenen Besitz zu verwandeln strebt. Daraus entsprang ein gewaltiges Ringen, die Welt von innen her zu durchleuchten, hier galt es nicht eine Anzahl der Lehren aufzustellen, sondern ein Ganzes der Gedankenwelt in schöpferischem Entwerfen aufzubauen und dadurch alles Empfangene umzuwandeln. Demnach waren die deutschen Systeme nicht bloße Lehrsysteme, nicht bloß intellektuelle Leistungen, sondern sie waren Weiterbildungen der Wirklichkeit, sie waren innere Belebungen dieser Welt. So hat das deutsche Denken tief auf den Stand des deutschen Lebens gewirkt, es hat etwas Neues aus dem Menschen gemacht und alle Verzweigungen des Lebens ergriffen. Ihm wurde das Erkennen aus einem Aufnehmen einer fremden Welt zu einem Erkennen des eigenen Vermögens und der eigenen Bewegung des Geistes, zu einem Selbsterkennen größten Stiles. Die leitende Idee des Ganzen aber war dabei die der Freiheit, sie sollte alles Fremde und Dunkle vertreiben, alle Wirklichkeit in lichte Klarheit erheben; nur eine solche schien dem Denken und Leben echte Wahrheit zu geben. Gewiß war mit dieser Kühnheit des Unternehmens viel Gefahr verbunden, aber in diesen Dingen alle Gefahren meiden, das heißt auch auf alle Größe verzichten; so gewiß wir als gute Deutsche auf einem echten und durchdringenden Erkennen bestehen, so gewiß ein Stück Faustnatur in uns steckt, so gewiß werden wir mit Hegel ein gebildetes Volk ohne Metaphysik für einen Tempel ohne Allerheiligstes erklären. -- Die spekulative Philosophie als Metaphysik ist aber nur der Höhepunkt eines durchgehenden deutschen Strebens. Dies Streben geht nicht an erster Stelle auf den Nutzen, den das Wissen und Erkennen dem Menschen gewährt, sondern es behandelt jenes als einen Selbstzweck, der die vollste Freude in sich selbst trägt. Mit welchem Eifer und mit welcher Hingebung war der Deutsche um die Erweiterung des Wissensbereiches bemüht, wie viele Mühe und Opfer hat er dafür dargebracht! Er erträgt es nicht, die Welt als etwas Fremdes zu behandeln, er will im Ganzen der Wirklichkeit zu Hause sein und dadurch geistige Freiheit erringen.

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Die deutsche Freiheit erweist sich weiter in der Gestaltung des künstlerischen Schaffens. Sie will den Menschen nicht nur ergötzen und angenehm unterhalten, sie gewinnt ihn nicht durch blendende oder einschmeichelnde Eindrücke, auch nicht durch strenge Formen und Gesetze, sondern an erster Stelle ist sie bemüht, der Seele neue Quellen des Lebens zu erschließen, ein Ganzes der Welt von innen heraus zu bauen, sich rein in die Entfaltung des Lebens zu versetzen und dieses in einen vollen Aufstieg zu bringen, mehr und mehr verborgene Tiefen aus ihm zu entdecken. Die deutsche Kunst möchte den Menschen sich selbst innerlich näher bringen, sie begleitet ihn treulich in alle Probleme und Kämpfe des Lebens, sie möchte ihm den tiefsten Sinn seines Lebens enthüllen. So hat vornehmlich die deutsche Musik eine durchdringende innere Befreiung der Seele vollzogen, sie hat nicht bloß vorhandene oder naheliegende Gefühlslagen dargestellt, sondern sie hat neue Werte erzeugt, neue Zusammenhänge gebildet, ein unbegrenztes Vermögen des Vordringens und des Bewältigens erwiesen. Daher ist die deutsche Musik kein nebensächlicher Anhang, sondern ein Hauptstück des deutschen Lebens, ein Hauptweg, die Welt dem Geist und seiner Freiheit zu unterwerfen.

Ebenso wurde auf der Höhe unseres klassischen literarischen Schaffens die Kunst zum Träger einer Welt der Freiheit, sie strebte dahin, den Menschen von aller Schwere des Stoffes zu befreien, alle Mannigfaltigkeit einem Ganzen einzufügen, die Grundgestalten der Wirklichkeit klar und rein hervorzuheben, in dem allen aber den Geist als das Herrschende und Durchwaltende zu erweisen. Wie dabei die Kunst durchgängig der Freiheit dient, so hat namentlich Goethe befreiend zu den Menschen und den Dingen gewirkt; wenn er selbst sein Lebenswerk in Eins zusammenfaßte, so hat er es als ein Befreien erklärt, es war ihm ein Befreien von aller engen Menschlichkeit, von aufdringlicher Subjektivität, von aller Enge der Parteien und Interessen, es war ihm ein lauteres Enthüllen der Natur und ein Entdecken ihres innigen Zusammenhanges mit der Welt. Daraus entsprang die bekannte »gegenständliche« Art Goethes, sie schiebt kein Fremdes zwischen die Seele und die Welt, sondern sie läßt beide miteinander vertraut verkehren, sie versteht es, die Seele in der Welt und die Welt in der Seele zu finden. So wird die Wahrheit unmittelbar zur geistigen Freiheit, der ganze Mensch aber wird in ein neues Verhältnis zur Welt gehoben. Von der Kunst der Musik wie der Poesie strömt aber ein eigentümliches Leben in das Ganze unseres Volkes ein; wie nahe sich bei uns Dichtkunst und Musik berühren, das zeigt namentlich das Volkslied und seine Stellung bei uns.

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So gewahren wir eine wunderbare Entwicklung der geistigen Freiheit im deutschen Leben; verschiedene Arten der inneren Freiheit begegneten uns: die religiöse des deutschen Glaubens, die moralische der deutschen Gesinnung, die intellektuelle des deutschen Erkennens, die künstlerische des deutschen Kunstschaffens; aber durch alle Mannigfaltigkeit geht ein beherrschender Grundzug: durchgehend ist uns die Freiheit an erster Stelle nicht eine verneinende, sondern eine bejahende Macht, wir wollen die Religion nicht nur befreien, sondern sie vertiefen und durch die Vertiefung im vollen Sinne erst gewinnen, wir wollen die Moral nicht nur von äußeren Fesseln befreien, sondern sie auf die Höhe voller Selbständigkeit und Ursprünglichkeit heben, wir wollen das Erkennen nicht bloß von äußeren Schranken ablösen, sondern es zu einer höheren Art führen, wir wollen das Kunstschaffen nicht nur nicht an äußere Hemmungen oder niedere Stufen binden, sondern wir wollen es aus der innersten Tiefe der Seele beleben.

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In solcher bejahenden Art liegt unmittelbar enthalten, daß uns die Freiheit nicht eine bloße Lebensform, sondern die Eröffnung eines neuen Inhalts ist, daß sie große Lebenstatsachen erweist, große Weltzusammenhänge offenbart. Die religiöse Freiheit gibt uns die Gewißheit einer unmittelbaren Verbindung mit der weltbeherrschenden Macht der Liebe, zugleich aber zeigt sie eine schroffe Kluft zwischen dem naturhaften und dem geistig gehobenen Menschen, die Verneinung selbst aber gibt uns die Gewißheit einer endgültigen freudigen Bejahung; die moralische Freiheit hebt uns über allen Mechanismus der bloßen Natur und auch des seelischen Getriebes hinaus, aber sie zeigt uns die Eröffnung eines neuen Lebensinhalts, der in einer Welt des persönlichen Lebens gipfelt und uns die feste Überzeugung von einem schaffenden Beisichselbstsein der Wirklichkeit gibt; die intellektuelle Freiheit befreit uns von dem Reich der Gegebenheit und Gebundenheit und erschließt uns eine von Selbsttätigkeit getragene Welt als den Kern der Dinge; die künstlerische Freiheit offenbart uns einen unmittelbaren Zusammenhang mit der gegenständlichen Welt und entwindet uns damit der Herrschaft des bloßen Subjekts mit seinen schwankenden und leeren Zuständen.

So wirken in der Freiheit große Tatsachen, große Lebensmächte, Lebensprozesse, die hoch über den Bestrebungen und Neigungen der Individuen liegen. Alles zusammen versetzt uns aus dem bloßen Dasein in ein Reich des Schaffens, in eine Tatwelt; alles trägt hier insofern einen ethischen Charakter, als es durchgängig einen Aufstieg zu einer neuen Wirklichkeit, ja eine völlige Umwälzung vollzieht, sowie ein Hindurchgehen durch ein entschiedenes Nein, ein Stirb und Werde verlangt. So wird hier nicht nur der Standort des Lebens verändert, sondern der Mensch selbst von Grund aus umgewandelt, er bildet nunmehr nicht ein bloßes Stück einer gegebenen Welt, sondern er wird ein Teilnehmer, ja Mitträger der ganzen Welt; so kann es mit Leibniz heißen: »In unserem Selbstwesen steckt eine Unendlichkeit, ein Fußstapf, ein Ebenbild der Allwissenheit und Allmacht Gottes«. So erstreckt sich hier das Leben als geistiges über den einzelnen Punkt hinaus, der Mensch hat nunmehr teil an der Unendlichkeit und Ewigkeit des Alls; er bedeutet damit unvergleichlich mehr als ein bloßes Stück einer natürlichen und gesellschaftlichen Verkettung, er bildet eine Weltnatur; was gewöhnlich Welt heißt, das erscheint damit als eine unendliche Welt der Welten.

Damit müssen sich alle Ziele und Werte des Lebens wesentlich erhöhen, damit müssen völlig neue Kräfte entspringen, welche dem Vermögen des Einzelwesens weit überlegen sind.

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Dies alles kann nicht ein Werk eines einzelnen Volkes sein, die ganze Menschheit hat dazu gewirkt. Aber wir dürfen ohne Selbstüberhebung sagen, daß das deutsche Volk auf der Höhe seines Vermögens diese wesenhafte und schaffende Art des Menschen besonders kräftig und rein herausgearbeitet hat, es hat mit besonderer Energie eine Befreiung des Lebens nicht nach einzelnen Richtungen hin, sondern in seinem tiefsten Grunde vollzogen, es hat den Menschen von sich selbst befreit, ihm ein neues Grundverhältnis zum All eröffnet, es hat etwas Wertvolleres aus ihm gemacht.

Hier erst kann eine volle geistige Freiheit entstehen, sie ist untrennbar von einer Welt der Freiheit. Insofern enthält alles echte deutsche Leben ein entschiedenes Bekenntnis von den letzten Gründen und von unserer Stellung in der Welt. So verstanden aber hat das deutsche Volk eine große Aufgabe innerhalb des Ganzen der Menschheit; andere Völker mögen uns in anderen Richtungen übertreffen: im Reich reiner Innerlichkeit und innerer Freiheit stehen wir einzigartig da; so würde die Verkümmerung und Vernichtung dieses Volkes für die Menschheit einen schweren Verlust bedeuten.

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Die Größe der vom deutschen Wesen vollzogenen geistigen Befreiung kann demnach keinem Zweifel unterliegen. Aber gerade wer jene Größe vollauf würdigt, muß die Schwäche der deutschen Art im Bereich des gesellschaftlichen Lebens schmerzlich empfinden; ein starkes Mißverhältnis der beiden Hauptentwicklungen ist unverkennbar. Ist es nicht bezeichnend für uns, daß die Höhepunkte des deutschen geistigen Schaffens in trübe oder doch gespannte Zeiten fielen. Bald nach Luthers Tod erfolgte der jähe Zusammenbruch des Schmalkaldischen Bundes im Kampf gegen die spanische Macht, Kant verlebte mehrere Jahre unter der russischen Militärgewalt, Goethe aber war bei aller liebenswürdigen persönlichen Behandlung zeitweise den Franzosen politisch unterworfen. Mochte das geistige Vermögen der Deutschen durch derartige Schicksale nicht gebrochen werden, es war doch ein schwerer Mangel, daß unser staatliches Leben nicht fest auf sich selber stand, daß die geistige Größe einer entsprechenden politischen Grundlage entbehrte; so drohte das Leben uns schroff auseinander zu fallen: einerseits war eine überlegene Größe der reinen Innerlichkeit, das freie Schalten und Walten über unsichtbare Welten vorhanden, andererseits aber eine abhängige und gedrückte Lage im sichtbaren Dasein. Wir hatten daher bis zur Gegenwart kein großes gemeinsames Leben und keine ihm entsprechende Freiheit. Unser Leben hat zunächst nicht die Ursprünglichkeit und die Festigkeit der Gesinnung, welche den nationalen Zusammenhang als etwas Selbstverständliches behandelt. Ferner neigen wir in politischen Fragen fortwährend zu einer höchst bedauerlichen Uneinigkeit, sie schädigt aufs schwerste unsere Leistung gegenüber der Welt. Dazu kommen besondere Schwächen unserer Art: wir leiden an Schwerfälligkeit und Umständlichkeit, wir neigen dazu, Prinzipienfragen weit auszuspinnen, wir sind ungeschickt, den Augenblick frisch zu ergreifen und voll zu nutzen. Unsere vielgepriesene Gründlichkeit hat den Nachteil, uns mit viel Ballast zu belasten; wir müssen ferner zugestehen, daß nicht nur die einzelnen Bevölkerungsklassen, sondern auch die verschiedenen Kulturschichten bei uns einen größeren Abstand voneinander zeigen als bei anderen Völkern; so kann sich uns auch das nationale und politische Leben leicht als etwas Fremdartiges, künstlich Bereitetes darstellen. In unserem Inneren haben wir viel Kraft gesammelt, wir verstehen es aber schwer, sie nach außen hin zu wenden. Auch in den politischen Lehren ergeben wir uns leicht dem überwiegenden Einfluß fremder Völker, und verkennen wir oft, was uns eigentümlich und groß ist, was uns selbst weiterbringen kann.

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Nehmen wir zu allem diesem die jüngsten traurigen Erfahrungen unseres Volkes, so kann das Urteil über uns nur ungünstig lauten. Trotzdem sollten wir nicht schlechthin von einer politischen Unfähigkeit des deutschen Volkes reden. Es ist doch merkwürdig, daß sowohl die Holländer als die Schweizer nach ihrer Absplitterung vom alten Reiche ausgezeichnete politische Leistungen hervorgebracht haben; ferner aber sind unsere einzelnen Stämme durchweg kräftig und tüchtig; es fehlt nur eine feste Verbindung zu einem Ganzen, und das ist allerdings für die politische Aufgabe die Hauptsache. Aber wir dürfen billigerweise auch erwägen, daß wir mit recht vielen Hemmnissen zu kämpfen hatten, wir besaßen eine zersplitterte und vielfach unglückliche Geschichte; wie viel davon auf die eigene Schuld oder auf die Ungunst des Schicksals kam, das ist schwer zu ermessen. Unsere Natur war mit manchen Mängeln behaftet; wer aber ein Volk nicht als eine von bloßer Natur gegebene Rasse ansieht, sondern als einen lebendigen Strom des geschichtlichen Lebens würdigt, der braucht die Hoffnung auf die Möglichkeit eines Aufstiegs nicht aufzugeben. Ein Volk, namentlich ein durch manche Erfahrungen und Leiden gereiftes und geläutertes Volk, ist an erster Stelle eine ethische Macht; es wird sich jetzt zu zeigen haben, ob wir genügende Kraft und genügenden Mut aufbringen oder ob unser Schicksal sich an uns durch unsere eigene Schuld erfüllt. Verbleiben wir in der kläglichen Unentschlossenheit, die uns jetzt befallen hat, und unterliegen wir der elenden Selbstsucht, die nur darauf denkt und sinnt, ob die Einzelnen oder die Parteien aus dem erschütternden Schiffbruch möglichst viele Vorteile für sich selbst ziehen, so ist uns nicht zu helfen. Erwachen wir aber endlich aus der jetzigen Trägheit und der überwiegenden Selbstsucht, kommen wir endlich durch das überwältigende Unglück zum Bewußtsein unserer Tiefe und unserer Kraft, so dürfen wir hoffen, trotz aller Hemmungen uns und unser Volk zu retten. Diese Rettung ist für uns die alles überwiegende Sorge; nur wenn sie gelingt, wird es möglich sein, die reichen Schätze, welche das deutsche Volk im Laufe der Jahrhunderte, ja der Jahrtausende gesammelt hat, in vollen Eigenbesitz zu nehmen, nur so wird es möglich sein, daß geistige und politische Freiheit bei uns sich zusammenfinden, und das, was jene gewirkt hat, auch dieser zugute kommt. Vor allem aber ist es notwendig, daß die ethischen Mächte, welche in unserem Volke schlummern, vollauf erwachen und ihre Selbständigkeit erweisen. Dann -- und nur dann -- behält Luther Recht mit dem Wort: »Wo Mut bleibt, da folgt auch die Tat gewißlich«, dann mögen wir auch seines Wortes gedenken: »Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern sind zwei Dinge«. Viel Großes und Schönes war in uns angelegt, und wir hatten auch viele Arbeit darauf verwandt; wir durften hoffen, daß sich unsere geistige Freiheit kräftiger in unserem gemeinsamen Leben verkörpere, die politische Freiheit aber sich über die bloße Tagespolitik vertiefe, beides aber miteinander die Freiheit des ganzen Menschen fördere. Wir durften hoffen, daß das Ganze unseres Volkes zu einer lebendigen Persönlichkeit, nicht einem bloßen Zweckverband, wachse; wir durften hoffen, daß wir durch ein Zusammenarbeiten geistigen Schaffens und politischer Tätigkeit einen eigentümlichen, auch den anderen Völkern wertvollen Typus des Lebens erzeugen würden, nicht bloß für die Gegenwart, sondern für die Kette der Jahrhunderte; nun aber ist alles Große und Erhöhende, wenn auch nicht verloren, so doch aufs ärgste gefährdet. Was ist nun an erster Stelle zu tun, um dieser unerträglichen Lage zu entgehen?

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Wir flüchteten uns an erster Stelle zu dem Gedanken der Freiheit, der von Anfang an unser Leitstern war; er hat durch die Erfahrungen und die Nöte der Zeit eine besondere Färbung gewonnen. Um unsere Freiheit zu entwickeln und von hier aus die rechten Wege zu finden, bedarf es zunächst einer Befreiung von der Enge und von dem Druck, wodurch das übliche Parteiwesen uns hemmt und unsere Kräfte schwächt. Parteien sind unentbehrlich, um das staatliche Leben in Fluß zu halten und seinen Bewegungen Macht über die Menschen zu verleihen; sie sollen uns willkommene Mittel und Hilfen sein. Zu einer Gefahr aber werden sie, wenn sie den ganzen Menschen unter sich ziehen, wenn sie seine Überzeugungen und, was noch schlimmer ist, seine Interessen sich unterwerfen. Parteien muß es geben, Parteimenschen aber sind ein Unglück. Ein solcher Parteimensch betrachtet alles nur von seinem Standpunkt aus, er dünkt sich nicht nur klüger, sondern auch besser als seine Gegner. Die Enge seines Gesichtskreises nimmt ihm alle Möglichkeit eines gegenseitigen Verstehens; er vermengt ewige Werte und bloße Augenblicksfragen; er behandelt das am meisten Problematische als etwas Selbstverständliches und umgekehrt das Selbstverständliche als etwas völlig Problematisches; er legt selbst in die Namen seine Affekte hinein, indem er die eigene Sache möglichst emporhebt, die andere möglichst herabsetzt. Die Vieldeutigkeit der Begriffe wird ihm ein willkommener Anlaß, die eigene Fassung den anderen als unentbehrlich und schlechthin vernünftig aufzudrängen. Wie schwankend und vieldeutig ist heute z. B. der Begriff der Demokratie, und wie viel wird jetzt in den des Sozialismus hineingelegt? So kann jeder Parteimann getrost seine Netze ausbreiten, die Menschen, die sich darin fangen, sind stets in großer Mehrzahl.

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Dies alles war von altersher eine große Gefahr, heute aber droht es uns ganz und gar in einen Stand der Unfreiheit zu versetzen. Es hat aber die Unfreiheit sehr verschiedene Grade, sie ist um so größer und selbstbewußter, je mächtiger sich eine Parteibewegung fühlt, sie wird gemäßigter und bescheidener, wo sie in überwiegender Verteidigung kämpft.

Bei den Aufregungen und Leidenschaften der Gegenwart erreicht das Problem seinen höchsten Gipfel, wir werden sehen, wie sehr verschiedene Grade der Unfreiheit daraus hervorgehen. Zunächst gilt es verschiedene Arten der Unfreiheit zu unterscheiden; sie unterscheiden sich aber gemäß den beiden Mächten, welche unser politisches, ja gesamtes Leben beherrschen und zusammenhalten, das sind aber Ordnung und Freiheit. Beide erzeugen entgegengesetzte Wirkungen, die Ordnung wird mehr Hemmungen, die Freiheit mehr Beschleunigungen unserer Tätigkeit bringen; wir wissen, wie auch unser körperliches Leben für sein Wohlergehen eines richtigen Verhältnisses von Hemmungen und Beschleunigungen bedarf.

Nicht anders steht es im politischen Leben, auch bei ihm läßt sich von gesunden und ungesunden Verhältnissen reden; wir können daran nicht zweifeln, daß wir uns heute in einem Stande übergroßer Beschleunigung befinden. Darnach bemißt sich aber auch der Grad der Unfreiheit bei uns. Es gibt eine Unfreiheit der Ordnung, sie hat in früheren Zeiten drückend genug auf uns gelastet; es gibt aber auch eine Unfreiheit, die aus der Freiheit selbst, aus einer verkehrten und falsch angewandten Freiheit hervorgeht; diese im Namen der Freiheit geübte Unfreiheit ist gegenwärtig weit gefährlicher und verderblicher als die andere Unfreiheit, sie sucht die Freiheit nicht sowohl von außen her zu schädigen als sie von innen heraus zu zerstören. Es sind hier drei Hauptgrade der Unfreiheit auseinander zu halten, wovon der erste der Positiv, der zweite der Komparativ, der letzte der Superlativ der Unfreiheit genannt werden könnte; daß dieser Superlativ noch weiter übertroffen wird, dafür sorgen bekanntlich die extremen Gruppen. Betrachten wir nun etwas genauer, wie sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Schädigung der Freiheit und das Überwuchern der Unfreiheit bei uns ausnimmt.

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Unzweifelhaft war auf deutschem Boden die politische Tätigkeit durch mannigfache geschichtliche Tatsachen und Mächte gebunden, so durch den Staat, der aber doch nicht bloßer Obrigkeitsstaat war, so durch die ständische Gliederung, die aber doch nicht bloßer Eigendünkel war, so durch die kirchlichen Überlieferungen und Einrichtungen, die aber doch in vielen Herzen lebten, so überhaupt durch das Ganze einer vorhandenen und eingewöhnten Lebensordnung und Weltanschauung. Es war sicherlich in unserem Leben manches ohne einen auslangenden Grund, manches schleppte sich mühsam durch die Zeiten, eine gründliche Revision dieses Bestandes wurde von vielen Seiten verlangt, unser Leben bedurfte einer gewissen Verjüngung, wir arbeiteten zu sehr mit altgewordenen Kräften und ließen schöne Jugendjahre durch schwerfällige Einrichtungen nicht genügend genutzt. Alles das hat manche Mißstände erzeugt, aber ist durch dieselbe eine wesentliche Unterdrückung unserer Freiheit entstanden, lag es nicht auch an den Einzelnen selbst, wenn sie zu wenig Mut und Kraft zu einer freien Bewegung fanden? Gewiß sind alle künstlichen Hemmungen ein Übel, es frägt sich aber, ob es nicht auch andere, unentbehrliche Hemmungen gibt. Hier treibt es uns zwingend zu einem Urteil über die moralischen Bedürfnisse und das Verhalten des menschlichen Durchschnittes; die erfahrenen Politiker und die Anhänger von abstrakten Theorien pflegen dabei völlig auseinander zu gehen. Jene pflegen den Menschen als überwiegend von Selbstsucht und Begier erfüllt darzustellen, sie richten darnach auch ihr eigenes Verhalten ein, so waren alle großen Politiker als Praktiker entschiedene Pessimisten; jene Theoretiker dagegen schmücken ihr Bild mit den glänzendsten Farben, natürlich nur sofern der Betreffende ein Parteigenosse ist, denn der Gegner wird unbesehens zur Hölle verdammt. Hat aber die politische Erfahrung recht, so wird die Frage unvermeidlich, ob der Mensch nicht für sein eigenes Wohlergehen, ja für seine Selbsterhaltung starker Hemmungen dringend bedarf. Alle Erhebung über die bloße Natur kostet Mühe und Arbeit, paradiesische Zustände sind ein gefährlicher Traum. Wenn daher eine demagogische Denkart dem Menschen eine solche Lage vorspiegeln und ihm alles Hemmende, alle Strenge, alle Zucht als überflüssig ausreden möchte, so begeht sie einen Frevel am Menschen selbst, so wird sie zu einem Zerstörer und Verderber. Aus derartigen Überzeugungen werden wir über das, was überkommene Verhältnisse an Hemmungen enthielten, etwas anders denken als jene Volksverführer. Prüfen wir mit unbefangenem Urteil, was von jenen Hemmungen für die geistige Erhaltung des Menschen notwendig war, und stellen wir dann mit genügender Klarheit und Entschiedenheit fest, wie viel davon aus menschlicher Schuld hervorging. Sicherlich wird dabei manches verbleiben, und es sei eine Unfreiheit dieser Art in keiner Weise beschönigt. So viel ist aber gewiß, daß alles, was nach dieser Richtung wirkt, heute bei weitem nicht so gefährlich ist als die Unfreiheit, welche aus der Freiheit hervorgeht, natürlich nicht aus der echten Freiheit, wohl aber aus der unter der bloßen Form und unter dem Deckmantel der Freiheit verübten. So liegt hier heute die niederste Stufe der Unfreiheit.

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