Part 8
„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“
„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“
„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens, nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“
So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu verhalten. Er sagte:
„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“
„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig ‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“
„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.
Settembrini sah ihn mit großen Augen an.
„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er, wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der menschlichen Persönlichkeit hängt.“
„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden. Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte, wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler- und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäftes.“
„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur schwärzesten Reaktion bekennen!“
„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“
„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, Padre!“
Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband, leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden, nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, – was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide, separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher, gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte sich erboten, die Vettern heimzugeleiten.
Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta, und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:
„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“
Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte.
„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“
„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben, daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt, mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –
„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft, resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit ... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie, Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“
Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen, und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...
Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert verhalte –“
„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.
„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er, glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“
„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische Geschmacksrichtung.“
„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter, „die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“
„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig Kapitalist wie ich.“
„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer Rede, Herr Settembrini.“
„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“
„Wer, ‚die dort‘?“
„Jene Väter.“
„Väter? Väter?“
„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“
Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans Castorp rief:
„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“
„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.
„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also haben Sie ihn Padre tituliert?“
„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini. „Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen, indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“
„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“
Settembrini zuckte die Achseln.
„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“
„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen, entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend, inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was Sie denken.“
Settembrini lächelte.
„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen, in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig genug, gräßlich genug ...“
„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das Alter dazu.“
„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran gehindert hat.“
„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit der Krankheit zu tun hat?“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen, gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_ mit einem _petite tache humide_.“
Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte: