Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 45

Chapter 453,511 wordsPublic domain

Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz, in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren ab.

Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät, verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen.

Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei.

Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen. Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich irgendwie ja verhüten lassen!

Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte. Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das Bevorstehende zuzulassen.

Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen, aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben. Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen. Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen.

Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände. Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit. Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob, und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht hatte.

Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten ... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden. Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage, zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und belebte.

Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die geringen Vorsprung hatten.

„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht, erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu: „Meine Herren, ich bin überzeugt ...“

Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach:

„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann. Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“

Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte jedoch nach einigen Schritten:

„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits ... Wenn er für sein Teil ...“

Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte, daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm leichter ums Herz.

Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte. Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee beschwert.

„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:

„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“

„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem eigenen und dem Settembrinis.

Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben, wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so ungeheuerlichen Sinnes traf?

Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.

„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz allem meine Pflicht ...“

„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“

Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm und niemand sprang für ihn ein.

„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt – hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten zusammenlaufen.

„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung, indem er die Waffe sinken ließ.

Settembrini antwortete:

„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“

„Sie werden noch einmal schießen!“

„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini, erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.

„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den Kopf.

Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht in den Schnee.

Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.

„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“

Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus Naphtas Brusttasche hing.

Der Donnerschlag

Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, – ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht, wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich benahmen.

Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren, Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.

Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle, die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt – zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das letzte Geleite zu geben.

Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit. Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria, mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.

So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.

Da erdröhnte –

Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen.

Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.