Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 43

Chapter 433,306 wordsPublic domain

Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend, wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte.

So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei, sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden, von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten.

Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze bildeten. Hans Castorp las:

„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19.. wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘.

„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.

„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:

‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘,

‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch satisfaktionsfähig wäre.

‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘

„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit, die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – (Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“

Ferner las Hans Castorp:

„Protokoll

„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski, Herrn Michael Lodygowski

„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends.

„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion wird geben können, da:

1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich sein wird,

2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,

hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage zu verlassen,

und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.

„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.

„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare Unrecht, worauf noch,

„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.

„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:) Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“

Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite, wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er, Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.

So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören, zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie. Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, – Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.

Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser. Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram, sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen, eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp, natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden. Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten.

Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen. Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik, das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.

Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen- und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war. Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch „Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.

Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören. Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten, unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie, Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein, vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine, sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“ verübe!

Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!

Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord, sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu Gegenständliches zu erzählen gibt.