Part 42
Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich, daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen, wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des „Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der „Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht entglitten.
Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten, daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als „Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und lächelte.
Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein, mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen werde.
Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten, zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse Niederkunft nahm ihren Fortgang.
Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung, wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen. Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“, und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er, Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde abkürzen können.
„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres holen.
„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie? Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm. Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen. Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch, als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf:
„Die Platte ist hier.“
„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise, erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt zu werden.
Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der „Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun verlassen soll –“
Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs: „O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit piepender, winselnder Stimme sagen:
„Ziem – ßen –!“
Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack. Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
„Ich sehe ihn längst.“
Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen. Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam, merkwürdigerweise.
Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen, unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort. Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, machte kehrt und ging aus dem Zimmer.
Die große Gereiztheit
Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof, ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion unterlag, der niemand in der Runde sich entzog.
Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert – begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet, daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse.
Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen, geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch, eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst, bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu trinken.
Was war das?
Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann, dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm. Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden wie diese:
„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch! Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort gereist“ usw.
„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.
Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus.
Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind, verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte, und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß.
Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit sie ihn desto besser reize.
Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann, nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und tierische Weise in die Haare geraten waren.