Part 41
In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener.
Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde verlangt werden.
Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte, und der sang:
„Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn, Will schützend ich auf dich herniedersehn, O Margarete!“
Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen geglaubt hatte.
Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der Mittlerin, Elly Brand.
Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen, während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern, doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her, die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster, dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm, einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem Gewande wenig trage.
Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete. „Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen, irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn wandte.
„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke umfaßte.
Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder, zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein, hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...
Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse Verstärkung erfuhr.
Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.
„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend, wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr. Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn, so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.
„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich schleppenden Bariton die Frage tun:
„Ist Holger zur Stelle?“
Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen drückte.
„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort. „Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester, herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“
Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr ein heißes „Ja!“
Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“ bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte. Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.
„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort. Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren, nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns Freund Holger zeigen?“
Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen. Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit, unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht wünschen zu können.
So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten, und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte – bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr. Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du bereit, ihn uns herbeizuführen?“
Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er. „Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.