Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 40

Chapter 403,575 wordsPublic domain

Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.

Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.

Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens gerichtet.

Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig.

Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet, daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen begnügen möge.

„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann kippte das Glas und bejahte.

„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.

Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis. Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.

Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es hatte „Dichtr“ buchstabiert.

Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_ aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e hinzufügend, das er vorhin vergessen.

Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort „Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“ lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen, Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? – Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_ Holger wohl blonde Locken habe.

„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“ ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.

Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte. Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.

Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_ Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen, wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor, das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten, gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...

So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde?

„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.

Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die Tür.

Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.

Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.

Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.

Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.

Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. „Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.

Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.

Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu werden.

Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.

Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.