Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 35

Chapter 353,452 wordsPublic domain

Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, – es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen, Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen. Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe Männerstimmen.

Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder zu Gesichte.

Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“ Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber. Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte, mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen, auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse.

Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte, den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen, gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe, idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand. Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß, Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch.

Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten.

Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt. Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man sich trennte. –

War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe, die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde.

Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht ihres Reisebegleiters.

„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“

Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige Hemmung der Lebensfunktionen.

Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin.

„_Suicidium?_“ fragte er gedämpft und fachlich ...

„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie Brandblasen.“

Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.

„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.

„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“, sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen, und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben hergestellt.“

„Sicher!“ sagte Hans Castorp.

„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort. „Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“

„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp.

„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt, – vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat, Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod, wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“

„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend. Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett wieder näherte.

„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie.

„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in seinen letzten Augenblicken?“

„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete sie.

„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ... Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte Andachtsworte.“

„_C’est une abdication_“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“

„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“

Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß sie ihr Weißes zeigten.

Der große Stumpfsinn

Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu Hans Castorp:

„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“

Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich Finsternis walten in seinem Innern.

„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na, nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache, ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht. Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“

„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“

Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus.

„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre Symptome von jeher nicht ausschließlich auf _tuberculosis_ zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein. Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“

„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“

(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der Hofrat ihn hypothetisch versetzte.)

„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“

Hans Castorp fand das recht bemerkenswert.

„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben. Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund. Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“

„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff.

„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an, Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die segensreichsten Effekte zeitigen ...“

Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm vorbereitet hatten.