Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 34

Chapter 343,560 wordsPublic domain

Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen und sprach:

„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan, und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt, und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl. Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“

Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war.

„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann. Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“

„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, – zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“

„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“

„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“

Mynheer Peeperkorn (Schluß)

Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will, den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und „Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde.

Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert, verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.

Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten.

Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp, unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“, dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform, soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme vervollständigt hatte.

Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.

Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.

„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“

„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ...

Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden, der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung.

Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen.

„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?“

„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es nächstens mal wieder tun.“

„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften Qualen hinab ...“

„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“

„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an, etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn, denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los, das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf, aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, – wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp? Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum Angesicht ist Seelenliebe ...“

„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen hier Gott weiß was für Töne an ...“

„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir, Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in der ich mich winde ewiglich!“

„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß er zuhört.“

„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter! Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt ...“

„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt. Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl aufs Mundhalten verlegt haben wird.“

„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“

„Es ist sogar ein Menschen_recht_, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“

Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher, der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein: Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte.

Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete.

Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier, gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen, Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte, und auf das man gefesselten Fußes horchte.

„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit, – machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“

So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu, voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt; mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald.

Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick. Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach.