Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 33

Chapter 333,635 wordsPublic domain

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken. Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien, bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten –“

„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp erschrak. Er stammelte:

„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich schon in ihrer Eigenschaft als –“

„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“

„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu schütten, solange sie frisch waren –“

„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge behielt.

Hans Castorp verfärbte sich.

„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt zu haben.“

„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. ‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung – das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“

Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie „wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“.

„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden _einer_ Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen nicht ‚Sie‘ zu ihr.“

„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“

„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen hinein.“

Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“ dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“

Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können.

Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.

„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind. Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“

„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da befinde!“

Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand Peeperkorns umfaßt.

„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und _er_ hat sich meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“

So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise:

„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“

Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug:

„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will, daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“

„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren, Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam.

„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“ sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein _hors d’œuvre_, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“

Peeperkorn antwortete nicht.

„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an, „Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag, ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist, daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, – das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt –, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“

Keine Antwort.

„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann. _Sie_ wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt. Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch heute.“

„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank mehr und mehr in Dämmerung.

„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“

„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese Empfindungen auch heute noch?“

„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia ist jedenfalls eine Frau.“

„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen.

„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp, „und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“

„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein, daß wir so über sie sprechen?“

„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, – verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“

„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.

Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen den Knien.

„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht. Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch vorwärts ...“

„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske.

„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um mich handle. Meine Worte bezwecken, daß _Sie_ sich nicht beklagen, Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“

„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“

„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar verbunden.“

„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“

„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag; denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber zusammenhalten.“

„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin.

„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie, Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“

„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp fortfuhr:

„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre, darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber schließlich, warum fällt sie mir ein?“