Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 32

Chapter 323,483 wordsPublic domain

„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht, weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, _sur le chantier_, oder wo es war ...“

„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum, daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit daraus erwachsen ...“

Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen, den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen.

„_Quelle générosité! Oh là, là, vraiment_, genau so habe ich mir einen _homme de génie_ schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“

„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein _homme de génie_, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott, nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff, der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale Prinzip, die _res bina_, der _lapis philosophorum_, und er ist auch das pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“

„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken, aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich _en philosophe_ benommen, man muß es dir lassen ...“

„Zu sehr _en philosophe_ für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“

„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst gewartet hast?“

„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr, und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“

„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft halten.“

„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit! Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“

„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“

„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“

Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen.

„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich, ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst! Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“

„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“

„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“

„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes haben muß.“

„_C’est exact_ ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt, viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit zusammengezogenen Brauen auf und fragte:

„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“

„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit, und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“

„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“

„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du vorhin zu mir in betreff der _timbres poste_, in dem Ton, worin du sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“

„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen. Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute halten.“

„Das war sehr gütig von dir.“

Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem innerlichen Alleinsein, _tu sais_ ... Er ist beängstigend ... Ich fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ... _Enfin_, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm hierhergekommen ...“

Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht gesprochenen Worten. Er sagte:

„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“

Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge, reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen? Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich! Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur _ein_ Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft. Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich um sein Schwanken Sorge zu machen.

Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem 4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach einen _shopping_-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe.

„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil. Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte:

„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort ‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen kranken alten Mann –“

„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn. Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. Kein Mensch würde darauf kommen, daß _Sie_ das sein sollen. Es gibt ja ein völlig falsches Bild.“

„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen, das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“

„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt werde.“

„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“

„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher, er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“

„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie – Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade –“

„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen durch die Tatsache, _daß_ sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig hier und da einmal gefragt.“

„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn. „Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages war erheblich.“

„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer bereit.“

„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre.

„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt. „Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere Verpflichtung, unsere _religiöse_ Verpflichtung zum Gefühl. Unser Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank.