Part 24
Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde. Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst, dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst; denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld, entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand, daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren.
So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht, da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm, ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte und sagte:
„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“
Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf, der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck, vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend noch gönnte.
Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend, bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres mit dem ersten Blick darin lese.
Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben, wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens werde sie ja selber sehen.
Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene „Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares, phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war, nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem Ohre, neugierig auszuspähen.
Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief, sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust, aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht, von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt, und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine. Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte. „Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht; so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen, es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des Objektiven, so ist es damit.“
Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen, daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also, nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart, wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte Belästigung.
Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar; – die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor, er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen, antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an, äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und sammle er etwas ein.
Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor, nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der „knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches, kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen. Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen, aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz. Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim. „Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“ rief er wiederholt.
Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung ausnutzend, scharf sententiös bemerkte: