Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 22

Chapter 223,343 wordsPublic domain

„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers Regierungskunst ist –“

„Regierungs...“

„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“

„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen, Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“

„_Perchè!_“

„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher. Glauben Sie an Gott?“

„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“

„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“

„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“

„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“

„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“

„Gott wäre das Böse?“

„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin nachgefolgt ...“

„Wie katholisch!“

„Sie meinen –“

„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“

„Sie wollen ausdrücken –“

„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um desto besser katholisch sein zu können.“

Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach gemessenem Stillschweigen:

„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz ... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“

Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden, war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten, näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand gestützt.

„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen, in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“

Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.

„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst ... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern entweichen‘ –“

Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes befriedigt.

„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.

Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.

Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_ ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede.

Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte:

„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_ nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer Erkenntnis fehlt.“

Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!

Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm gemacht hätten.

Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen _reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.

„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur _eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.

Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.

Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen sei.

In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.

Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde, Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, – weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.

Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“

Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war, da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern, und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner Virgil den Anstoß gegeben.