Part 21
Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A. K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor, seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er, der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“
„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt ...“
„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“
„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“
„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“
„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte. Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei ...“
„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde. Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu war?“
„Nein, das ist mir natürlich neu.“
„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und Obskurantismus zum Vorwurf machten.“
„Und dafür gab es Gründe?“
„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür. Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“
„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“
„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen, tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.
„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.
„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche, Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die Maurer des Obskurantismus zieh ...“
„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“
„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_, Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“
„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“
„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“
Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.
„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor allem die Gruft.“
„Das Grab?“
„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik, nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“
„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin. Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter belehren.“
„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“
„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal etwas zu Ohren gekommen ist.“
„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen, denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen Kirche.“
„Ach so!“
„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit ... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber –“
„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark wie bei den Korpskneipen ...“
„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, – Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten, und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“
„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei? Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten Herrn Settembrini ...“
„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an: auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in Klubgestalt ...“
„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er denn gar nichts mehr davon weiß.“
„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“
„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor Augen.“
„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug, um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
„Ein Emissär?“
„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:
„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung. Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein ... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich Vorsicht geboten.“
Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen, denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten.
Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand am Weltspiele habe.
Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der „_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“
„Rundweg?“
„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
„Kann ich mir denken.“