Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 20

Chapter 203,239 wordsPublic domain

Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die _ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“

Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.

„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...

„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“

„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“

„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“

Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder famosen Neuigkeit.

Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.

„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den Ausreißer zu schlachten.

Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes, ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.

Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang, sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer. Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant. Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht, den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen. Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut, sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten. Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren hinunter.

Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims, turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft, unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den Augen hatte.

Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen, unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja, was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.

Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen ...

„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße von ihr.

Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven, die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:

„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“

Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“

„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten, das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition, gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der Osten nach Spanien gehe ...

Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr.

Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren, zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa, als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu, als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja Verwandtengesellschaft hatte.

„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden; du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“

Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im letzten Augenblick unterlegen war.

„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine Nachkur vorbei.“

Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun „_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter, zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch Frau Ziemßen eingenommen hatten.

So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja, damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO. Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner Haut verhinderten.