Part 18
„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind. Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. „Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: „Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist schlimm in gewisser Hinsicht.“
Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens, war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur, jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat, sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war: diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte? Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ, und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat. Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte, mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ...
Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, – zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm, gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich, angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert hatte.
Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen Fall so pünktlich ereignet hatte.
Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ... ‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer ...
Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen, als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein nehmen, zu meiner Stärkung.“
Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben, als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_, seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal, das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit Sophismen und Wortspielen betören wollte.
„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das Holzbein zu schmeidigen.“
Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen, Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft, voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte, entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang. Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst, den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine, weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen, schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich. Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. „Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf niederging.
Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.