Part 16
Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh. Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen. „Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe ...
Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage, die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig, wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen, an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich, Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer, wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter gewonnen hatte ...
Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu verändern, vor einer Felswand.
Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch. Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte, phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls, über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan, und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren, und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste, eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen mochte.
Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen.
Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche: der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus vorzudringen.
So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen, soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, – Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte, zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten, unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der „Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen, und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und stapfte vorbei.
Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch befriedigt nach Hause.
Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer boten.
Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.