Part 15
Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ bekämpft hatte.
Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.
Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?
Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.
Die tiefste Lust?
Die tiefste.
Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte fein:
„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder welchen Ehren stünden.
Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt.
Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen.
Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels Namen da durchkommen solle!
Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum, aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ – und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das Vornehmere gewesen wäre!
Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise, bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des Todes nicht würdig.
Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.
Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen, sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.
Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße: dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre Kreuzestod ...
Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser „brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere: „Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“ auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander, sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der „Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf, uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem „Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen „Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend, daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich _eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die „Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen; aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen. Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror! Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden. Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht beim Streite die Seele bedrückt hätte.
Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.
Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel zusammentrafen.
Schnee