Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 13

Chapter 133,322 wordsPublic domain

Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.

Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.

Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.

In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.

Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem Wege körperlichen Ruins.

Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches Studium aufzunehmen.

Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...

* * * * *

Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.

Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der „_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ...

War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer _bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“

Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste Tod der christlichen Liebe“.

Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu legen.

Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.

Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.

Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.

Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.

Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel zu ernst genommen habe.

Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –

Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.