Part 11
Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten.
„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach dem Rechten sehen wollte.
Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein _exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten Schläfen ab.
Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort „Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie; von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß, von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung, die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als „Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig, gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen, einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche, seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen, den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte, „loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp denn freilich doch nicht umhin konnte.
Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm, und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort, baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte, ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig zusammensetzte.
Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben, deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden, der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie, Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd, und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.