Der Zauberberg. Zweiter Band

Part 10

Chapter 103,516 wordsPublic domain

„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person beschränkte.

Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund, schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten Feuchte des Frühherbstnachmittags.

Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen, Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und alles bedenken zu dürfen.

Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen, – nicht _rite_, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim, nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf, und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er.

Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben, daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab – beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm, dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn (ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung des Hochgebildes, genannt _Homo Dei_, hier oben erwachsen, Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag.

Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal: nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte siebenunddreißig-acht, fast -neun.

Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen Kurve.

„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.

„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter der Glaswand sich schweigend verhielt.

Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie, nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne sich nicht als _rite_ entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert hatte: „_Bon_ und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und Haudegen da. Und so fort.

Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß, sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen, zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, – so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand, sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen.

Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen. Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte, wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie, hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet, ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte.

Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen: vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini – allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder „_Poveretto_“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.

Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst: heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es, indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem „Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht.

Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden auf dem Bock neben dem Kutscher.

Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher.

Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen, grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig dringlich. „_Hans!_“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig, „komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor Jahr und Tag geführt.

Abgewiesener Angriff

Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian, die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.

Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr, nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren aufgespart blieb.

Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war, und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp, getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte. Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.

Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte.

Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.

Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.