Der Zauberberg. Erster Band

Part 9

Chapter 93,699 wordsPublic domain

Hans Castorp, in seinem Verlangen nach dem gewohnten, geliebten Lebensreiz, hatte sich wieder eine Zigarre angezündet, und wahrscheinlich dank dem vorangegangenen Biere vermochte er zu seiner unaussprechlichen Genugtuung hier und da etwas von dem ersehnten Aroma zu verspüren: nur selten und schwach freilich, – es war eine gewisse nervöse Anstrengung nötig, um eine Ahnung des Vergnügens zu empfangen, und der abscheuliche Ledergeschmack herrschte bei weitem vor. Unfähig, sich in seine Ohnmacht zu finden, rang er eine Weile nach dem Genuß, der sich ihm entweder versagte oder nur spottend ahnungsweise von ferne zeigte, und warf die Zigarre endlich ermüdet und angewidert fort. Trotz seiner Benommenheit fühlte er die Höflichkeitsverpflichtung, Konversation zu machen, und suchte sich zu diesem Zwecke der ausgezeichneten Dinge zu erinnern, die er vorhin über die „Zeit“ zu sagen gehabt hatte. Allein es erwies sich, daß er den ganzen „Komplex“ ohne Rest vergessen hatte und über die Zeit auch nicht den geringsten Gedanken mehr in seinem Kopfe beherbergte. Dafür begann er von körperlichen Angelegenheiten zu reden, und zwar etwas sonderbar.

„Wann mißt du dich denn wieder?“ fragte er. „Nach dem Essen? Ja, das ist gut. Da ist der Organismus in voller Tätigkeit, da muß es sich zeigen. Daß Behrens von mir verlangte, ich sollte mich ebenfalls messen, das war doch wohl nur Spaß, höre mal, – Settembrini lachte ja auch aus vollem Halse darüber, es hätte doch absolut keinen Sinn. Ich habe ja auch nicht mal ein Thermometer.“

„Nun,“ sagte Joachim, „das wäre das wenigste. Du brauchst dir nur einen zu kaufen. Hier sind überall Thermometer zu haben, beinahe in jedem Laden.“

„Aber wozu denn! Nein, die Liegekur, die lasse ich mir gefallen, die will ich wohl mitmachen, aber das Messen wäre zuviel für einen Hospitanten, das überlasse ich denn doch lieber euch hier oben. Wenn ich nur wüßte,“ fuhr Hans Castorp fort, indem er beide Hände zum Herzen führte wie ein Verliebter, „warum ich die ganze Zeit solches Herzklopfen habe, – es ist so beunruhigend, ich denke schon länger darüber nach. Siehst du, man hat Herzklopfen, wenn einem eine ganz besondere Freude bevorsteht oder wenn man sich ängstigt, kurz, bei Gemütsbewegungen, nicht? Aber wenn einem das Herz nun ganz von selber klopft, grundlos und sinnlos und sozusagen auf eigene Hand, das finde ich geradezu unheimlich, versteh mich recht, es ist ja so, als ob der Körper seine eigenen Wege ginge und keinen Zusammenhang mit der Seele mehr hätte, gewissermaßen wie ein toter Körper, der ja auch nicht wirklich tot ist – das gibt es gar nicht –, sondern sogar ein sehr lebhaftes Leben führt, nämlich auf eigene Hand: es wachsen ihm noch die Haare und Nägel, und auch sonst soll physikalisch und chemisch, wie ich mir habe sagen lassen, ein überaus munterer Betrieb darin herrschen ...“

„Was sind denn das für Ausdrücke“, sagte Joachim besonnen verweisend. „Ein munterer Betrieb!“ Und vielleicht rächte er sich damit ein wenig für den Verweis, den er heute früh wegen des „Schellenbaums“ erhalten.

„Aber es ist doch so! Es _ist_ ein sehr munterer Betrieb! Warum nimmst du denn Anstoß daran?“ fragte Hans Castorp. „Übrigens erwähnte ich das nur nebenbei. Ich wollte nichts weiter sagen, als: es ist unheimlich und quälend, wenn der Körper auf eigene Hand und ohne Zusammenhang mit der Seele lebt und sich wichtig macht, wie bei solchem unmotivierten Herzklopfen. Man sucht förmlich nach einem Sinn dafür, einer Gemütsbewegung, die dazu gehört, einem Gefühl der Freude oder der Angst, wodurch es sozusagen gerechtfertigt würde, – so geht es wenigstens mir, ich kann nur von mir reden.“

„Ja, ja,“ sagte Joachim seufzend, „es ist wohl so ähnlich, wie wenn man Fieber hat – dabei herrscht auch ein besonders ‚munterer Betrieb‘ im Körper, um deinen Ausdruck zu gebrauchen, und da mag es schon sein, daß man sich unwillkürlich nach einer Gemütsbewegung umsieht, wie du sagst, wodurch der Betrieb einen halbwegs vernünftigen Sinn bekommt ... Aber wir reden so unangenehmes Zeug“, sagte er mit bebender Stimme und brach ab; worauf Hans Castorp nur mit den Achseln zuckte, und zwar ganz so, wie er es gestern abend zuerst bei Joachim gesehen hatte.

Sie gingen eine Weile schweigend. Dann fragte Joachim:

„Nun, wie gefallen dir denn die Leute hier? Ich meine die an unserem Tisch?“

Hans Castorp machte ein gleichgültig musterndes Gesicht.

„Gott,“ sagte er, „sie scheinen mir nicht sehr interessant. An den anderen Tischen sitzen, glaube ich, interessantere, aber das kommt einem vielleicht nur so vor. Frau Stöhr sollte sich das Haar waschen lassen, es ist so fett. Und diese Mazurka da, oder wie sie heißt, kommt mir etwas albern vor. Immer muß sie sich das Taschentuch in den Mund stopfen vor lauter Kichern.“

Joachim lachte laut über die Namensverdrehung.

„‚Mazurka‘ ist ausgezeichnet!“ rief er. „Marusja heißt sie, wenn du erlaubst, – das ist soviel wie Marie. Ja, sie ist wirklich zu ausgelassen“, sagte er. „Und dabei hätte sie allen Grund, gesetzter zu sein, denn sie ist gar nicht wenig krank.“

„Das sollte man nicht denken“, sagte Hans Castorp. „Sie ist so gut im Stand. Gerade für brustkrank sollte man sie nicht halten.“ Und er versuchte mit dem Vetter einen flotten Blick zu tauschen, fand aber, daß Joachims sonnverbranntes Gesicht eine fleckige Färbung zeigte, wie sonnverbrannte Gesichter sie annehmen, wenn das Blut daraus weicht, und daß sein Mund sich auf ganz eigentümlich klägliche Weise verzerrt hatte, – zu einem Ausdruck, der dem jungen Hans Castorp einen unbestimmten Schrecken einflößte und ihn veranlaßte, sofort den Gegenstand zu wechseln und sich nach anderen Personen zu erkundigen, wobei er Marusja und Joachims Gesichtsausdruck rasch zu vergessen suchte, was ihm auch völlig gelang.

Die Engländerin mit dem Hagebuttentee hieß Miß Robinson. Die Nähterin war keine Nähterin, sondern Lehrerin an einer staatlichen höheren Töchterschule in Königsberg, und dies war der Grund, weshalb sie sich so richtig ausdrückte. Sie hieß Fräulein Engelhart. Was die muntere alte Dame betraf, so wußte Joachim selber nicht, wie sie hieß, wie lange er auch schon hier oben war. Jedenfalls war sie die Großtante des Yoghurt essenden jungen Mädchens, mit dem sie beständig im Sanatorium lebte. Aber am kränksten von denen am Tisch war Dr. Blumenkohl, Leo Blumenkohl aus Odessa, – jener junge Mann mit dem Schnurrbart und der sorgenvoll verschlossenen Miene. Schon ganze Jahre war er hier oben ...

Es war jetzt städtisches Trottoir, auf dem sie gingen, – die Hauptstraße eines internationalen Treffpunktes, das sah man wohl. Flanierende Kurgäste begegneten ihnen, junge Leute zumeist, Kavaliere in Sportanzügen und ohne Hut, Damen, ebenfalls ohne Hut und in weißen Röcken. Man hörte Russisch und Englisch sprechen. Läden mit schmucken Schaufenstern reihten sich rechts und links, und Hans Castorp, dessen Neugier heftig mit seiner glühenden Müdigkeit kämpfte, zwang seine Augen, zu sehen und verweilte lange vor einem Herrenmodegeschäft, um festzustellen, daß die Auslage durchaus auf der Höhe sei.

Dann kam eine Rotunde mit gedeckter Galerie, in der eine Kapelle konzertierte. Hier war das Kurhaus. Auf mehreren Tennisplätzen waren Partien im Gange. Langbeinige, rasierte Jünglinge in scharf gebügelten Flanellhosen, auf Gummisohlen und mit entblößten Unterarmen spielten gebräunten und weiß gekleideten Mädchen gegenüber, die anlaufend sich in der Sonne steil emporreckten, um den kreideweißen Ball hoch aus der Luft zu schlagen. Wie Mehlstaub lag es über den gepflegten Sportfeldern. Die Vettern setzten sich auf eine freie Bank, um dem Spiele zuzusehen und es zu kritisieren.

„Du spielst hier wohl nicht?“ fragte Hans Castorp.

„Ich darf ja nicht“, antwortete Joachim. „Wir müssen liegen, immer liegen ... Settembrini sagt immer, wir lebten horizontal, – wir seien Horizontale, sagt er, das ist so ein fauler Witz von ihm. – Es sind Gesunde, die da spielen, oder sie tun es verbotenerweise. Übrigens spielen sie ja nicht sehr ernsthaft, – mehr des Kostüms wegen ... Und was das Verbotensein betrifft, da gibt es noch mehr Verbotenes, was hier gespielt wird, Poker, verstehst du, und in dem und jenem Hotel auch _petits chevaux_, – bei uns steht Ausweisung darauf, es soll das allerschädlichste sein. Aber manche laufen noch nach der Abendkontrolle hinunter und pointieren. Der Prinz, von dem Behrens seinen Titel hat, soll es auch immer getan haben.“

Hans Castorp hörte das kaum. Der Mund stand ihm offen, denn er konnte nicht recht durch die Nase atmen, ohne daß er übrigens Schnupfen gehabt hätte. Sein Herz hämmerte in falschem Takte zu der Musik, was er dumpf als quälend empfand. Und in diesem Gefühl von Unordnung und Widerstreit begann er einzuschlafen, als Joachim zum Heimgehen mahnte.

Sie legten den Weg fast schweigend zurück. Hans Castorp stolperte sogar ein paarmal auf der ebenen Straße und lächelte wehmütig darüber, indem er den Kopf schüttelte. Der Hinkende fuhr sie im Lift in ihr Stockwerk. Sie trennten sich vor Nummer vierunddreißig mit einem kurzen „Auf Wiedersehn“. Hans Castorp steuerte durch sein Zimmer auf den Balkon hinaus, wo er sich, wie er ging und stand, auf den Liegestuhl fallen ließ und ohne die einmal eingenommene Lage zu verbessern in einen schweren, von dem raschen Schlage seines Herzens peinlich belebten Halbschlummer sank.

Natürlich, ein Frauenzimmer!

Wie lange das dauerte, wußte er nicht. Als der Zeitpunkt gekommen war, ertönte das Gong. Aber es rief noch nicht unmittelbar zur Mahlzeit, es mahnte nur, sich bereit zu machen, wie Hans Castorp wußte, und so blieb er noch liegen, bis das metallische Dröhnen zum zweitenmal anschwoll und sich entfernte. Als Joachim durch das Zimmer kam, um ihn zu holen, wollte Hans Castorp sich umziehen, aber nun erlaubte Joachim es nicht mehr. Er haßte und verachtete Unpünktlichkeit. Wie man denn vorwärts kommen wolle und gesund werden, um Dienst machen zu können, sagte er, wenn man sogar zu schlapp sei, um die Essenszeit einzuhalten. Da hatte er natürlich recht, und Hans Castorp konnte lediglich darauf hinweisen, daß er ja nicht krank, dafür aber im höchsten Grade schläfrig sei. Er wusch sich nur rasch die Hände; dann gingen sie in den Saal hinunter, zum drittenmal.

Durch beide Eingänge strömten die Gäste herein. Auch durch die Verandatüren dort drüben, die offen standen, kamen sie, und bald saßen sie alle an den sieben Tischen, als seien sie nie davon aufgestanden. Dies war wenigstens Hans Castorps Eindruck, – ein rein träumerischer und vernunftwidriger Eindruck natürlich, dessen sein umnebelter Kopf sich jedoch einen Augenblick nicht erwehren konnte und an dem er sogar ein gewisses Gefallen fand; denn mehrmals im Laufe der Mahlzeit suchte er ihn sich zurückzurufen, und zwar mit dem Erfolge vollkommener Täuschung. Die muntere alte Dame redete wieder in ihrer verwischten Sprache auf den ihr schräg gegenübersitzenden Dr. Blumenkohl ein, der ihr mit besorgter Miene zuhörte. Ihre magere Großnichte aß endlich etwas anderes als Yoghurt, nämlich die seimige _Crème d’orge_, welche die Saaltöchter in Tellern serviert hatten; doch nahm sie nur wenige Löffel davon und ließ sie dann stehen. Die hübsche Marusja stopfte ihr Taschentüchlein, das ein Apfelsinenparfüm ausströmte, in den Mund, um ihr Kichern zu ersticken. Miß Robinson las dieselben rundlich geschriebenen Briefe, die sie schon heute morgen gelesen hatte. Offenbar konnte sie kein Wort deutsch und wollte es auch nicht können. Joachim sagte in ritterlicher Haltung etwas auf englisch zu ihr über das Wetter, was sie einsilbig kauend beantwortete, um dann ins Schweigen zurückzukehren. Was Frau Stöhr in ihrer schottischen Wollbluse betraf, so war sie heute vormittag untersucht worden und berichtete darüber, indem sie sich auf ungebildete Weise zierte und die Oberlippe von ihren Hasenzähnen zurückzog. Rechts oben, so klagte sie, habe sie Geräusch, außerdem klinge es unter der linken Achsel noch sehr verkürzt, und fünf Monate, habe „der Alte“ gesagt, müsse sie noch bleiben. In ihrer Unbildung nannte sie Hofrat Behrens „den Alten“. Übrigens zeigte sie sich empört darüber, daß „der Alte“ heute nicht an ihrem Tische sitze. Der „Tournee“ zufolge (sie meinte wohl „Turnus“) sei ihr Tisch heute mittag an der Reihe, während „der Alte“ schon wieder am Nebentische links sitze – (wirklich saß Hofrat Behrens dort und faltete seine riesigen Hände vor seinem Teller). Aber freilich, dort habe ja die dicke Frau Salomon aus Brüssel ihren Platz, die jeden Wochentag dekolletiert zum Essen komme, und daran finde „der Alte“ offenbar Gefallen, obgleich sie, Frau Stöhr, es nicht begreifen könne, denn bei jeder Untersuchung sähe er ja beliebig viel von Frau Salomon. Später erzählte sie in erregtem Flüstertone, daß gestern abend in der oberen gemeinsamen Liegehalle – der nämlich, die sich auf dem Dache befinde – das Licht ausgelöscht worden sei, und zwar zu Zwecken, die Frau Stöhr als „durchsichtig“ bezeichnete. „Der Alte“ habe es gemerkt und so gewettert, daß es in der ganzen Anstalt zu hören gewesen sei. Aber den Schuldigen habe er natürlich wieder nicht ausfindig gemacht, während man doch nicht auf der Universität studiert zu haben brauche, um zu erraten, daß es natürlich dieser Hauptmann Miklosich aus Bukarest gewesen sei, dem es in Damengesellschaft überhaupt nie dunkel genug sein könne, – ein Mensch ohne all und jede Bildung, obgleich er ein Korsett trage, und seinem Wesen nach einfach ein Raubtier, – ja, ein Raubtier, wiederholte Frau Stöhr mit erstickter Stimme, indem ihr auf Stirn und Oberlippe der Schweiß ausbrach. In welchen Beziehungen Frau Generalkonsul Wurmbrand aus Wien zu ihm stehe, das wisse ja Dorf und Platz, – man könne wohl kaum noch von _geheimnisvollen_ Beziehungen sprechen. Denn nicht genug, daß der Hauptmann zuweilen schon morgens zu der Generalkonsulin aufs Zimmer komme, wenn diese noch im Bett liege, worauf er dann ihrer ganzen Toilette beiwohne, sondern am vorigen Dienstag habe er das Zimmer der Wurmbrand überhaupt erst morgens um vier Uhr _verlassen_, – die Pflegerin des jungen Franz auf Nummer neunzehn, bei dem neulich der Pneumothorax mißglückt sei, habe ihn selbst dabei betroffen und vor Scham die gesuchte Tür verfehlt, so daß sie sich plötzlich in dem Zimmer des Staatsanwalts Paravant aus Dortmund gesehen habe ... Schließlich erging Frau Stöhr sich längere Zeit über eine „kosmische Anstalt“, die sich drunten im Ort befinde, und in der sie ihr Zahnwasser kaufe, – Joachim blickte starr auf seinen Teller nieder ...

Das Mittagessen war sowohl meisterhaft zubereitet wie auch im höchsten Grade ausgiebig. Die nahrhafte Suppe eingerechnet, bestand es aus nicht weniger als sechs Gängen. Dem Fisch folgte ein gediegenes Fleischgericht mit Beilagen, hierauf eine besondere Gemüseplatte, gebratenes Geflügel dann, eine Mehlspeise, die jener von gestern abend an Schmackhaftigkeit nicht nachstand, und endlich Käse und Obst. Jede Schüssel ward zweimal gereicht – und nicht vergebens. Man füllte die Teller und aß an den sieben Tischen, – ein Löwenappetit herrschte im Gewölbe, ein Heißhunger, dem zuzusehen wohl ein Vergnügen gewesen wäre, wenn er nicht gleichzeitig auf irgendeine Weise unheimlich, ja abscheulich gewirkt hätte. Nicht nur die Munteren legten ihn an den Tag, die schwatzten und einander mit Brotkügelchen warfen, nein, auch die Stillen und Finsteren, die in den Pausen den Kopf in die Hände stützten und starrten. Ein halbwüchsiger Mensch am Nebentisch links, ein Schuljunge seinen Jahren nach, mit zu kurzen Ärmeln und dicken, kreisrunden Brillengläsern, schnitt alles, was er sich auf den Teller häufte, im voraus zu einem Brei und Gemengsel zusammen; dann beugte er sich darüber und schlang, indem er zuweilen mit der Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen.

Zwei Zwischenfälle ereigneten sich während der großen Mahlzeit und erregten Hans Castorps Aufmerksamkeit, soweit sein Befinden dies zuließ. Erstens fiel wieder die Glastür zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und sagte dann in zornigem Eifer zu sich selbst, daß er unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Er dachte es nicht nur, er sagte es auch mit den Lippen, so ernst war es ihm. Ich muß es wissen! flüsterte er mit übertriebener Leidenschaftlichkeit, so daß Miß Robinson sowohl wie die Lehrerin ihn verwundert anblickten. Und dabei wandte er den ganzen Oberkörper nach links und riß seine blutüberfüllten Augen auf.

Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges Mädchen wohl eher, nur mittelgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen um den Kopf gelegt trug. Hans Castorp sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie ging ohne Laut, was zu dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem Gegensatz stand, ging eigentümlich schleichend und etwas vorgeschobenen Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür stand, dem „Guten Russentisch“ nämlich, wobei sie die eine Hand in der Tasche der anliegenden Wolljacke hielt, die andere aber, das Haar stützend und ordnend, zum Hinterkopf führte. Hans Castorp blickte auf diese Hand, – er hatte viel Sinn und kritische Aufmerksamkeit für Hände und war gewöhnt, auf diesen Körperteil zuerst, wenn er neue Bekanntschaften machte, sein Augenmerk zu richten. Sie war nicht sonderlich damenhaft, die Hand, die das Haar stützte, nicht so gepflegt und veredelt, wie Frauenhände in des jungen Hans Castorp gesellschaftlicher Sphäre zu sein pflegten. Ziemlich breit und kurzfingrig, hatte sie etwas Primitives und Kindliches, etwas von der Hand eines Schulmädchens; ihre Nägel wußten offenbar nichts von Maniküre, sie waren schlecht und recht beschnitten, ebenfalls wie bei einem Schulmädchen, und an ihren Seiten schien die Haut etwas aufgerauht, fast so, als werde hier das kleine Laster des Fingerkauens gepflegt. Übrigens erkannte Hans Castorp dies eher ahnungsweise, als daß er es eigentlich gesehen hätte, – die Entfernung war doch zu bedeutend. Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nachzüglerin ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite des Tisches, den Rücken gegen den Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort den Vorsitz hatte, wandte sie, noch immer die Hand am Haar, den Kopf über die Schulter und überblickte das Publikum, – wobei Hans Castorp flüchtig bemerkte, daß sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte ... Eine vage Erinnerung an irgendetwas und irgendwen berührte ihn leicht und vorübergehend, als er das sah ...

Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Castorp, und wieder murmelte er es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehrerin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. Die dürftige alte Jungfer lächelte gerührt.

„Das ist Madame Chauchat“, sagte sie. „Sie ist so lässig. Eine entzückende Frau.“ Und dabei verstärkte sich die flaumige Röte auf Fräulein Engelharts Wangen um eine Schattierung, – was übrigens immer der Fall war, sobald sie den Mund öffnete.

„Französin?“ fragte Hans Castorp streng.

„Nein, sie ist Russin“, sagte die Engelhart. „Vielleicht ist der Mann Franzose oder französischer Abkunft, das weiß ich nicht sicher.“

Ob es _der_ dort sei, fragte Hans Castorp noch immer gereizt und deutete auf einen Herrn mit vorhängenden Schultern am Guten Russentisch.

O nein, er sei nicht hier, entgegnete die Lehrerin. Er sei überhaupt noch nicht hier gewesen, sei hier ganz unbekannt.

„Sie sollte die Tür ordentlich zumachen!“ sagte Hans Castorp. „Immer läßt sie sie zufallen. Das ist doch eine Unmanier.“

Und da die Lehrerin den Verweis demütig lächelnd einsteckte, als sei sie selber die Schuldige, so war nicht weiter die Rede von Madame Chauchat. –

Das zweite Vorkommnis bestand darin, daß Dr. Blumenkohl vorübergehend den Saal verließ, – weiter war es nichts. Plötzlich verstärkte sich der leise angewiderte Ausdruck seines Gesichtes, sorgenvoller als sonst blickte er auf einen Punkt, schob dann mit bescheidener Bewegung seinen Stuhl zurück und ging hinaus. Hier aber zeigte sich Frau Stöhrs große Unbildung im vollsten Licht, denn wahrscheinlich aus gemeiner Genugtuung darüber, daß sie weniger krank war als Blumenkohl, begleitete sie seinen Weggang mit halb mitleidigen, halb verächtlichen Glossen. „Der Ärmste!“ sagte sie. „Der pfeift bald aus dem letzten Loch. Schon wieder muß er sich mit dem Blauen Heinrich besprechen.“ Ganz ohne Überwindung, mit störrisch unwissender Miene, brachte sie die fratzenhafte Bezeichnung „der blaue Heinrich“ über die Lippen, und Hans Castorp empfand ein Gemisch von Schrecken und Lachreiz, als sie es sagte. Übrigens kehrte Dr. Blumenkohl nach wenigen Minuten in der gleichen bescheidenen Haltung zurück, in der er hinausgegangen war, nahm wieder Platz und fuhr fort, zu essen. Auch er aß sehr viel, von jedem Gerichte zweimal, stumm und mit sorgenvoll verschlossener Miene.

Dann war das Mittagessen beendet: dank einer gewandten Bedienung – denn die Zwergin besonders war ein sonderbar raschfüßiges Wesen – hatte es nur eine gute Stunde gedauert. Hans Castorp, schwer atmend, und ohne recht zu wissen, wie er heraufgekommen war, lag wieder auf dem vorzüglichen Stuhl in seiner Balkonloge, denn nach dem Essen war Liegekur bis zum Tee, – sogar die wichtigste des Tages und streng einzuhalten. Zwischen den undurchsichtigen Glaswänden, die ihn von Joachim einerseits und dem russischen Ehepaar andererseits trennten, lag er und dämmerte mit pochendem Herzen, indem er Luft durch den Mund holte. Als er sein Taschentuch benutzte, fand er es von Blut gerötet, aber er hatte nicht die Kraft, sich Gedanken darüber zu machen, obgleich er ja etwas ängstlich mit sich war und von Natur ein wenig zu hypochondrischen Grillen neigte. Wieder hatte er sich eine Maria Mancini angezündet, und diesmal rauchte er sie zu Ende, mochte sie nun wie immer schmecken. Schwindelig, beklommen und träumerisch bedachte er, wie sehr sonderbar es ihm hier oben ergehe. Zwei- oder dreimal ward seine Brust von innerem Lachen erschüttert über die schauderhafte Bezeichnung, deren Frau Stöhr sich in ihrer Unbildung bedient hatte.

Herr Albin

Drunten im Garten hob sich das Phantasie-Fahnentuch mit dem Schlangenstabe zuweilen im Windhauch. Der Himmel hatte sich wieder gleichmäßig bedeckt. Die Sonne war fort, und sogleich war es fast unwirtlich kühl geworden. Die gemeinsame Liegehalle schien voll besetzt; es herrschte Gespräch und Gekicher dort unten.

„Herr Albin, ich flehe Sie an, legen Sie das Messer fort, stecken Sie es ein, es geschieht ein Unglück damit!“ klagte eine hohe, schwankende Damenstimme. Und:

„Bester Herr Albin, um Gottes willen, schonen Sie unsere Nerven und bringen Sie uns das entsetzliche Mordding aus den Augen!“ mischte sich eine zweite darein, – worauf ein blondköpfiger junger Mann, welcher, eine Zigarette im Munde, seitwärts auf dem vordersten Liegestuhl saß, in frechem Tone erwiderte:

„Fällt mir nicht ein! Die Damen werden mir doch wohl erlauben, etwas mit meinem Messer zu spielen! Nun ja, gewiß, es ist ein besonders scharfes Messer. Ich habe es in Kalkutta einem blinden Zauberer abgekauft ... Er konnte es verschlucken, und gleich darauf grub sein Boy es fünfzig Schritte von ihm entfernt aus dem Boden ... Wollen Sie sehen? Es ist viel schärfer als ein Rasiermesser. Man braucht die Schneide nur zu berühren, und sie geht einem ins Fleisch wie durch Butter. Warten Sie, ich zeige es Ihnen näher ...“ Und Herr Albin stand auf. Ein Gekreisch erhob sich. „Nein, jetzt hole ich meinen Revolver!“ sagte Herr Albin. „Das wird Sie mehr interessieren. Ein ganz verflixtes Ding. Von einer Durchschlagskraft ... Ich hole ihn aus meinem Zimmer.“

„Herr Albin, Herr Albin, tun Sie es nicht!“ zeterten mehrere Stimmen. Aber Herr Albin kam schon aus der Liegehalle hervor, um auf sein Zimmer zu gehen, – blutjung und schlenkricht, mit rosigem Kindergesicht und kleinen Backenbartstreifen neben den Ohren.