Der Zauberberg. Erster Band

Part 7

Chapter 73,611 wordsPublic domain

„Es kam mir so vor. Ich wurde unwillkürlich daran erinnert. Aber höre nur weiter. Sie kommen also auf mich zu, marsch, marsch, im Geschwindschritt, zu dritt, wenn ich nicht irre, voran der Mann mit dem Kreuz, darauf der Geistliche, eine Brille auf der Nase, und dann noch ein Junge mit einem Räucherfäßchen. Der Geistliche hielt das Viatikum an der Brust, es war zugedeckt, und er hielt recht demütig den Kopf schief, es ist ja ihr Allerheiligstes.“

„Eben darum“, sagte Hans Castorp. „Eben aus diesem Grunde wundere ich mich, daß du von Schellenbaum sprechen magst.“

„Ja, ja. Aber warte nur, wenn du dabei gewesen wärst, wüßtest du auch nicht, was du für ein Gesicht machen solltest in der Erinnerung. Es war, daß man davon träumen könnte –“

„In welcher Hinsicht?“

„Folgendermaßen. Ich frage mich also, wie ich mich zu verhalten habe unter diesen Umständen. Einen Hut zum Abnehmen hatte ich nicht auf –“

„Siehst du wohl!“ unterbrach ihn Hans Castorp rasch noch einmal. „Siehst du wohl, daß man einen Hut aufhaben soll! Es ist mir natürlich aufgefallen, daß ihr keinen tragt hier oben. Man soll aber einen aufsetzen, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich schickt. Aber was denn nun weiter?“

„Ich stellte mich an die Wand,“ sagte Joachim, „in anständiger Haltung, und verbeugte mich etwas, als sie bei mir waren, – es war gerade vor dem Zimmer der kleinen Hujus, Nummer achtundzwanzig. Ich glaube, der Geistliche freute sich, daß ich grüßte; er dankte sehr höflich und nahm seine Kappe ab. Aber zugleich machen sie auch schon halt, und der Ministrantenjunge mit dem Räucherfaß klopft an, und dann klinkt er auf und läßt seinem Chef den Vortritt ins Zimmer. Und nun stelle dir vor und male dir meinen Schrecken aus und meine Empfindungen! In dem Augenblick, wo der Priester den Fuß über die Schwelle setzt, geht da drinnen ein Zetermordio an, ein Gekreisch, du hast nie so etwas gehört, drei, viermal hintereinander, und danach ein Schreien ohne Pause und Absatz, aus weit offenem Munde offenbar, ahhh, es lag ein Jammer darin und ein Entsetzen und Widerspruch, daß es nicht zu beschreiben ist, und so ein greuliches Betteln war es auch zwischendurch, und auf einen Schlag wird es hohl und dumpf, als ob es in die Erde versunken wäre und tief aus dem Keller käme.“

Hans Castorp hatte sich seinem Vetter heftig zugewandt. „War das die Hujus?“ fragte er aufgebracht. „Und wieso: ‚aus dem Keller‘?“

„Sie war unter die Decke gekrochen!“ sagte Joachim. „Stelle dir meine Empfindungen vor! Der Geistliche stand dicht an der Schwelle und sagte beruhigende Worte, ich sehe ihn noch, er schob immer den Kopf dabei vor und zog ihn dann wieder zurück. Der Kreuzträger und der Ministrant standen noch zwischen Tür und Angel und konnten nicht eintreten. Und ich konnte zwischen ihnen hindurch ins Zimmer sehen. Es ist ja ein Zimmer wie deins und meins, das Bett steht links von der Tür an der Seitenwand, und am Kopfende standen Leute, die Angehörigen natürlich, die Eltern, und redeten auch beschwichtigend auf das Bett hinunter, man sah nichts als eine formlose Masse darin, die bettelte und grauenhaft protestierte und mit den Beinen strampelte.“

„Sagst du, daß sie mit den Beinen strampelte?“

„Aus Leibeskräften! Aber es nützte ihr nichts, das Sterbesakrament mußte sie haben. Der Pfarrer ging auf sie zu, und auch die beiden anderen traten ein, und die Tür wurde zugezogen. Aber vorher sah ich noch: der Kopf von der Hujus kommt für eine Sekunde zum Vorschein, mit wirrem hellblonden Haar, und starrt den Priester mit weitaufgerissenen Augen an, so blassen Augen, ganz ohne Farbe und fährt mit Ah und Huh wieder unters Laken.“

„Und das erzählst du mir jetzt erst?“ sagte Hans Castorp nach einer Pause. „Ich verstehe nicht, daß du nicht schon gestern abend darauf zu sprechen gekommen bist. Aber, mein Gott, sie mußte doch noch eine Menge Kraft haben, so wie sie sich wehrte. Dazu gehören doch Kräfte. Man sollte den Priester nicht holen lassen, bevor einer ganz schwach ist.“

„Sie war auch schwach“, erwiderte Joachim. „... Ach, zu erzählen gäbe es viel; es ist schwer, die erste Auswahl zu treffen ... Schwach war sie schon, es war nur die Angst, die ihr soviel Kräfte gab. Sie ängstigte sich eben fürchterlich, weil sie merkte, daß sie sterben sollte. Sie war ja ein junges Mädchen, da muß man es schließlich entschuldigen. Aber auch Männer führen sich manchmal so auf, was natürlich eine unverzeihliche Schlappheit ist. Behrens weiß übrigens mit ihnen umzugehen, er hat den richtigen Ton in solchen Fällen.“

„Was für einen Ton?“ fragte Hans Castorp mit zusammengezogenen Brauen.

„‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ sagt er“, antwortete Joachim. „Wenigstens hat er es neulich zu einem gesagt, – wir wissen es von der Oberin, die dabei war und den Sterbenden festhalten half. Es war so einer, der zu guter Letzt eine scheußliche Szene machte und absolut nicht sterben wollte. Da hat Behrens ihn angefahren: ‚Stellen Sie sich gefälligst nicht so an!‘ hat er gesagt, und sofort ist der Patient still geworden und ist ganz ruhig gestorben.“

Hans Castorp schlug sich mit der Hand auf den Schenkel und warf sich gegen die Rückenlehne der Bank, indem er zum Himmel aufblickte.

„Na, höre mal, das ist doch stark!“ rief er. „Fährt auf ihn los und sagt einfach zu ihm: ‚Stellen Sie sich nicht so an!‘ Zu einem Sterbenden! Das ist doch stark! Ein Sterbender ist doch gewissermaßen ehrwürdig. Man kann ihn doch nicht so mir nichts, dir nichts ... Ein Sterbender ist doch sozusagen heilig, sollte ich meinen!“

„Das will ich nicht leugnen“, sagte Joachim. „Aber wenn er sich nun doch dermaßen schlapp benimmt ...“

„Nein!“ beharrte Hans Castorp mit einer Heftigkeit, die zu dem Widerstand, den man ihm leistete, in keinem Verhältnis stand. „Das lasse ich mir nicht ausreden, daß ein Sterbender etwas Vornehmeres ist, als irgend so ein Lümmel, der herumgeht und lacht und Geld verdient und sich den Bauch vollschlägt! Das geht nicht –“ und seine Stimme schwankte höchst sonderbar. „Das geht nicht, daß man ihn so mir nichts, dir nichts –“ und seine Worte erstickten im Lachen, das ihn ergriff und ihn überwältigte, dem Lachen von gestern, einem tief heraufquellenden, leiberschütternden, grenzenlosen Gelächter, das ihm die Augen schloß und Tränen zwischen den Lidern hervorpreßte.

„Pst!“ machte Joachim plötzlich. „Sei still!“ flüsterte er und stieß den haltlos Lachenden heimlich in die Seite. Hans Castorp blickte in Tränen auf.

Auf dem Wege von links kam ein Fremder daher, ein zierlicher brünetter Herr mit schön gedrehtem schwarzen Schnurrbart und in hellkariertem Beinkleid, der, herangekommen, mit Joachim einen Morgengruß tauschte – der seine war präzis und wohllautend – und mit gekreuzten Füßen, auf seinen Stock gestützt, in anmutiger Haltung vor ihm stehen blieb.

Satana

Sein Alter wäre schwer zu schätzen gewesen, zwischen dreißig und vierzig mußte es wohl liegen, denn wenn auch seine Gesamterscheinung jugendlich wirkte, so war sein Haupthaar doch an den Schläfen schon silbrig durchsetzt und weiter oben merklich gelichtet: zwei kahle Buchten sprangen neben dem schmalen, spärlichen Scheitel ein und erhöhten die Stirn. Sein Anzug, diese weiten, hellgelblich karierten Hosen und ein flausartiger, zu langer Rock mit zwei Reihen Knöpfen und sehr großen Aufschlägen, war weit entfernt, Anspruch auf Eleganz zu erheben; auch zeigte sein rund umgebogener Stehkragen sich von häufiger Wäsche an den Kanten schon etwas aufgerauht, seine schwarze Krawatte war abgenutzt, und Manschetten trug er offenbar überhaupt nicht, – Hans Castorp erkannte es an der schlaffen Art, in der die Ärmel ihm um das Handgelenk hingen. Trotzdem sah er wohl, daß er einen Herrn vor sich habe; der gebildete Gesichtsausdruck des Fremden, seine freie, ja schöne Haltung ließen keinen Zweifel daran. Diese Mischung aber von Schäbigkeit und Anmut, schwarze Augen dazu und der weich geschwungene Schnurrbart, erinnerten Hans Castorp sogleich an gewisse ausländische Musikanten, die zur Weihnachtszeit in den heimischen Höfen aufspielten und mit emporgerichteten Sammetaugen ihren Schlapphut hinhielten, damit man ihnen Zehnpfennigstücke aus den Fenstern hineinwürfe. „Ein Drehorgelmann!“ dachte er. Und so wunderte er sich nicht über den Namen, den er zu hören bekam, als Joachim sich von der Bank erhob und in einiger Befangenheit vorstellte:

„Mein Vetter Castorp, – Herr Settembrini.“

Hans Castorp war ebenfalls zur Begrüßung aufgestanden, die Spuren seiner Heiterkeitsausschreitung noch im Gesicht. Aber der Italiener bat beide in höflichen Worten, sich nicht in ihrer Bequemlichkeit stören zu lassen und nötigte sie auf ihre Plätze zurück, während er selbst in seiner angenehmen Pose vor ihnen stehen blieb. Er lächelte, wie er da stand und die Vettern, namentlich aber Hans Castorp, betrachtete, und diese feine, etwas spöttische Vertiefung und Kräuselung seines einen Mundwinkels unter dem vollen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts bog, war von eigentümlicher Wirkung, es hielt gewissermaßen zur Geistesklarheit und Wachsamkeit an und ernüchterte den trunkenen Hans Castorp im Augenblick, so daß er sich schämte. Settembrini sagte:

„Die Herren sind aufgeräumt, – mit Grund, mit Grund. Ein prächtiger Morgen! Der Himmel ist blau, die Sonne lacht –“ und er hob mit einem leichten und gelungenen Schwung seines Armes die kleine, gelbliche Hand zum Himmel, während er zugleich einen schrägen, heiteren Blick ebenfalls dort hinaufsandte. „Man könnte in der Tat vergessen, wo man sich befindet.“

Er sprach ohne fremden Akzent, nur an der Genauigkeit seiner Lautbildung hätte man allenfalls den Ausländer erkennen können. Seine Lippen formten die Worte mit einer gewissen Lust. Man hörte ihn mit Vergnügen.

„Und der Herr hat eine angenehme Reise zu uns gehabt?“ wandte er sich an Hans Castorp ... „Ist man schon im Besitz seines Urteils? Ich meine: hat die düstere Zeremonie der ersten Untersuchung schon stattgehabt?“ – Hier hätte er schweigen und warten müssen, wenn es ihm darauf ankam, zu hören; denn er hatte seine Frage gestellt, und Hans Castorp schickte sich an, zu antworten. Aber der Fremde fragte gleich weiter: „Ist sie glimpflich verlaufen? Aus Ihrer Lachlust –“ und er schwieg einen Augenblick, indes die Kräuselung seines Mundwinkels sich vertiefte, „lassen sich ungleichartige Schlüsse ziehen. Wieviel Monate haben unsere Minos und Radamanth Ihnen aufgebrummt?“ – Das Wort „aufgebrummt“ nahm sich in seinem Munde besonders drollig aus. – „Soll ich schätzen? Sechs? Oder gleich neun? Man ist ja nicht knauserig ...“

Hans Castorp lachte erstaunt, wobei er sich zu erinnern suchte, wer Minos und Radamanth doch gleich noch gewesen seien. Er antwortete:

„Aber wieso. Nein, Sie sind im Irrtum, Herr Septem–“

„Settembrini“, verbesserte der Italiener klar und mit Schwung, indem er sich humoristisch verneigte.

„Herr Settembrini, – Verzeihung. Nein, also Sie irren. Ich bin gar nicht krank. Ich besuche nur meinen Vetter Ziemßen auf ein paar Wochen und will mich bei dieser Gelegenheit auch ein bißchen erholen –“

„Potztausend, Sie sind nicht von den Unsrigen? Sie sind gesund, Sie hospitieren hier nur, wie Odysseus im Schattenreich? Welche Kühnheit, hinab in die Tiefe zu steigen, wo Tote nichtig und sinnlos wohnen –“

„In die Tiefe, Herr Settembrini? Da muß ich doch bitten! Ich bin ja rund fünftausend Fuß hoch geklettert zu Ihnen herauf –“

„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, sagte der Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. „Wir sind tief gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, wandte er sich an Joachim, der sich über diese Anrede nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte und besonnen erwiderte:

„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann sich schließlich wieder zusammenreißen.“

„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, sagte Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem S, indem er sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalzte dann ebensooft mit der Zunge leise am oberen Gaumen. „Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf, ebenfalls dreimal und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so unverwandt ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort:

„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen und wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen. Nun, das ist schön. Und welche Frist haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage nicht fein. Aber es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man sich zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“

„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, da er merkte, daß er beneidet wurde.

„_O dio_, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es nicht fast etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Wochen hierher und reise dann wieder? Wir kennen das Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir rechnen im großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen, welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – oder wohl richtiger: auf welchen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“

„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft.

„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini. „Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich meine eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“

„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für Carducci geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen.

„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich hatte die Ehre, Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Poeten und Freidenkers zu erzählen, als es abgeschlossen war. Ich kannte ihn, ich darf mich seinen Schüler nennen. In Bologna habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm verdanke ich, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zusehends emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, als der Vertreter einer ganzen Welt der Arbeit und des praktischen Genies!“

„Aber Herr Settembrini – ich bin ja eigentlich noch Student und fange erst an.“

„Gewiß, und aller Anfang ist schwer. Überhaupt, alle Arbeit ist schwer, die diesen Namen verdient, nicht wahr?“

„Ja, das weiß der Teufel!“ sagte Hans Castorp, und es kam ihm von Herzen.

Settembrini zog rasch die Brauen empor.

„Sogar den Teufel rufen Sie an,“ sagte er, „um das zu bekräftigen? Den leibhaftigen Satan? Wissen Sie auch, daß mein großer Lehrer eine Hymne an ihn gerichtet hat?“

„Erlauben Sie,“ sagte Hans Castorp, „an den Teufel?“

„An ihn selbst. Sie wird in meiner Heimat zuweilen gesungen, bei festlichen Gelegenheiten. _O salute, o Satana, o Ribellione, o forza vindice della Ragione ..._ Ein herrliches Lied! Aber dieser Teufel war es wohl kaum, den Sie im Sinne hatten, denn er steht mit der Arbeit auf ausgezeichnetem Fuß. Der, den Sie meinten, und der die Arbeit verabscheut, weil er sie zu fürchten hat, ist vermutlich jener andere, von dem es heißt, daß man ihm nicht den kleinen Finger reichen soll –“

Das alles wirkte recht sonderbar auf den guten Hans Castorp. Italienisch verstand er nicht, und das Übrige war ihm auch nicht behaglicher. Es schmeckte nach Sonntagspredigt, obgleich es in leichtem und scherzhaftem Plauderton vorgetragen wurde. Er sah seinen Vetter an, der die Augen niederschlug, und sagte dann:

„Ach, Herr Settembrini, Sie nehmen meine Worte viel zu genau. Das mit dem Teufel war nur so eine Redewendung von mir, ich versichere Sie!“

„Irgend jemand muß Geist haben“, sagte Settembrini, indem er melancholisch in die Luft blickte. Aber sich wieder belebend, erheiternd und anmutig einlenkend fuhr er fort:

„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, daß Sie da einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf erwählt haben. Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen, so aufrichtig der Respekt ist, den ich Ihnen zolle. Aber vorstellen kann ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen klaren und scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, – ist es nicht so?“

„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, antwortete Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich bemühte, ein wenig beredt zu sprechen. „Die Anforderungen sind kolossal heutzutage, man darf es sich gar nicht so klar machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man wahrhaftig den Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausgezeichnet bekäme. Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“

„Zum Beispiel jetzt?“

„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt, können Sie sich denken.“

„Ah, – verwirrt.“

„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann war das erste Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja ein ordentliches Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es scheint, zu kompakt für mich, _too rich_, wie die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich etwas beklommen, und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur, wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte sie mir heute wie Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es forcierte. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann können Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäuschung das für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, wie ich ...“

„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte Settembrini, „und befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit in keiner schlechten Gesellschaft. Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut. Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden Sie bei unserem Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres Lasters.“

„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“

„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft bezeichnen. Das verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe Laster.“

„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender Mann.“

„Sie finden? Ah, Sie haben also schon seine Bekanntschaft gemacht?“

„Ja, vorhin, als wir fortgingen. Es war beinahe so etwas wie eine Konsultation, aber _sine pecunia_, wissen Sie. Er sah gleich, daß ich ziemlich anämisch bin. Und dann riet er mir, hier ganz so zu leben, wie mein Vetter, viel auf dem Balkon zu liegen, und messen soll ich mich auch gleich mit, hat er gesagt.“

„Wahrhaftig?“ rief Settembrini ... „Vorzüglich!“ rief er nach oben in die Luft hinein, indem er sich lachend zurückneigte. „Wie heißt es doch in der Oper Ihres Meisters? ‚Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, heisa, hopsassa!‘ Kurz, das ist sehr amüsant. Sie werden seinen Rat befolgen? Zweifelsohne. Wie sollten Sie nicht. Ein Satanskerl, dieser Radamanth! Und wirklich ‚stets lustig‘, wenn auch zuweilen ein wenig gezwungen. Er neigt zur Schwermut. Sein Laster bekommt ihm nicht – sonst wäre es übrigens kein Laster –, der Rauchtabak macht ihn schwermütig, – weshalb unsere verehrungswürdige Frau Oberin die Vorräte in Verwahrung genommen hat und ihm nur kleine Tagesrationen zuteilt. Es soll vorkommen, daß er der Versuchung unterliegt, sie zu bestehlen, und dann verfällt er der Schwermut. Mit einem Wort: eine verworrene Seele. Sie kennen auch unsere Oberin schon? Nicht? Aber das ist ein Fehler! Sie tun unrecht, sich nicht um ihre Bekanntschaft zu bewerben. Aus dem Geschlechte derer von Mylendonk, mein Herr! Von der mediceischen Venus unterscheidet sie sich dadurch, daß sie dort, wo sich bei der Göttin der Busen befindet, ein Kreuz zu tragen pflegt ...“

„Ha, ha, ausgezeichnet!“ lachte Hans Castorp.

„Mit Vornamen heißt sie Adriatica.“

„Auch das noch?“ rief Hans Castorp ... „Hören Sie, das ist merkwürdig! Von Mylendonk und dann Adriatica. Es klingt, als müßte sie längst gestorben sein. Geradezu mittelalterlich mutet es an.“

„Mein geehrter Herr,“ antwortete Settembrini, „hier gibt es manches, was ‚mittelalterlich anmutet‘, wie Sie sich auszudrücken belieben. Ich für meine Person bin überzeugt, daß unser Radamanth einzig und allein aus künstlerischem Stilgefühl dieses Petrefakt zur Oberaufseherin seines Schreckenspalastes gemacht hat. Er ist nämlich Künstler, – das wissen Sie nicht? Er malt in Öl. Was wollen Sie, das ist nicht verboten, nicht wahr, es steht jedem frei ... Frau Adriatica sagt es jedem, der es hören will, und den andern auch, daß eine Mylendonk Mitte des dreizehnten Jahrhunderts Äbtissin eines Stiftes zu Bonn am Rheine war. Sie selbst kann nicht lange nach diesem Zeitpunkt das Licht der Welt erblickt haben ...“

„Ha, ha, ha! Ich finde Sie aber spöttisch, Herr Settembrini.“

„Spöttisch? Sie meinen: boshaft. Ja, boshaft bin ich ein wenig –“, sagte Settembrini. „Mein Kummer ist, daß ich verurteilt bin, meine Bosheit an so elende Gegenstände zu verschwenden. Ich hoffe, Sie haben nichts gegen die Bosheit, Ingenieur? In meinen Augen ist sie die glänzendste Waffe der Vernunft gegen die Mächte der Finsternis und der Häßlichkeit. Bosheit, mein Herr, ist der Geist der Kritik, und Kritik bedeutet den Ursprung des Fortschrittes und der Aufklärung.“ Und im Nu begann er von Petrarca zu reden, den er den „Vater der Neuzeit“ nannte.

„Wir müssen nun aber in die Liegekur“, sagte Joachim besonnen.

Der Literat hatte seine Worte mit anmutigen Handbewegungen begleitet. Nun rundete er dies Gestenspiel mit einer Gebärde ab, die auf Joachim hinwies, und sagte:

„Unser Leutnant treibt zum Dienst. Gehen wir also. Wir haben den gleichen Weg, – ‚rechtshin, welcher zu Dis, des Gewaltigen, Mauern hinanstrebt‘. Ah, Virgil, Virgil! Meine Herren, er ist unübertroffen. Ich glaube an den Fortschritt, gewiß. Aber Virgil verfügt über Beiwörter, wie kein Moderner sie hat ...“ Und während sie sich auf den Heimweg machten, fing er an, lateinische Verse in italienischer Aussprache vorzutragen, unterbrach sich jedoch, als irgendein junges Mädchen, eine Tochter des Städtchens, wie es schien, und durchaus nicht sonderlich hübsch, ihnen entgegenkam, und verlegte sich auf ein schwerenöterhaftes Lächeln und Trällern. „T, t, t“, schnalzte er. „Ei, ei, ei! La, la, la! Du süßes Käferchen, willst du die Meine sein? Seht doch, ‚es funkelt ihr Auge in schlüpfrigem Licht‘“, zitierte er – Gott wußte, was es war – und sandte dem verlegenen Rücken des Mädchens eine Kußhand nach.