Part 41
„Herr Urian sitzt oben auf“, erläuterte Settembrini leise mit einer Handbewegung gegen den Hofrat und wurde dann nach Hans Castorps Seite fortgezogen. Auch Dr. Krokowski war anwesend. Klein, stämmig und kernig, sein schwarzes Lüsterhemd mit leeren Ärmeln um die Schultern gehängt, sodaß es dominoartig wirkte, hielt er sein Glas mit gedrehter Hand in Augenhöhe und plauderte fröhlich mit einer Gruppe von Masken travestierten Geschlechts. Musik setzte ein. Die Patientin mit dem Tapirgesicht spielte, von dem Mannheimer pianistisch begleitet, auf der Geige das Largo von Händel und danach eine Sonate von Grieg, deren Charakter national und salonmäßig war. Man applaudierte wohlwollend, auch an den beiden Bridge-Tischen, die aufgeschlagen waren, und an denen Maskierte und Unmaskierte saßen, Flaschen in Eiskühlern neben sich. Die Türen standen offen; auch in der Halle hielten sich Gäste auf. Eine Gruppe um den Rundtisch mit der Bowle sah dem Hofrat zu, der den Anführer zu einem Gesellschaftsspiel machte. Er zeichnete mit geschlossenen Augen, im Stehen, über den Tisch gebückt, dabei aber zurückgelegten Kopfes, damit alle sehen konnten, daß er die Augen geschlossen hielt, zeichnete auf die Rückseite einer Visitenkarte mit Bleistift blindlings eine Figur, – es waren die Umrisse eines Schweinchens, die seine riesige Hand ohne Zuhilfenahme der Augen hinmalte, eines Schweinchens im Profil, – etwas einfach und mehr ideell als lebenswahr, aber es war unverkennbar die Grundgestalt eines Schweinchens, die er unter so erschwerenden Bedingungen zusammenzog. Das war ein Kunststück, und er konnte es. Das Schlitzäuglein kam ungefähr dort zu sitzen, wohin es gehörte, etwas zu weit vorn am Rüssel, aber doch ungefähr an seinen Platz; es verhielt sich nicht anders mit dem Spitzohr am Kopf, den Beinchen, die an dem gerundeten Bäuchlein hingen; und als Fortsetzung der ebenso gerundeten Rückenlinie ringelte das Schwänzchen sich sehr artig in sich selber. Man rief „Ah!“ als das Werk getan, und drängte sich zu dem Versuch, von Ehrgeiz ergriffen, es dem Meister gleichzutun. Allein die Wenigsten hätten ein Schweinchen mit offenen Augen zu zeichnen vermocht, geschweige bei geschlossenen. Was kamen da für Mißgeburten zustande! Es fehlte an allem Zusammenhang. Das Äuglein fiel außerhalb des Kopfes, die Beinchen ins Innere des Wanstes, der seinerseits weit entfernt war, sich zu schließen, und das Schwänzchen ringelte sich irgendwo abseits, ganz ohne organische Beziehung zur verworrenen Hauptgestalt, als selbständige Arabeske. Man wollte sich ausschütten vor Lachen. Die Gruppe fand Zuzug. Aufsehen entstand an den Bridgetischen, und die Spieler kamen, ihre Karten fächerförmig in der Hand, neugierig herüber. Die Umstehenden sahen dem, der sich erprobte, auf die Augenlider, ob er nicht blinzle, wozu einige durch das Gefühl ihrer Ohnmacht sich verführen ließen, kicherten und prusteten, solange er seine blinden Irrtümer beging, und brachen in Jubel aus, wenn er, die Augen aufreißend, auf sein absurdes Machwerk niederblickte. Trügerisches Selbstvertrauen trieb jeden zum Wettstreit. Die Karte, obgleich geräumig, war rasch auf beiden Seiten überfüllt, sodaß die verfehlten Figuren sich überschnitten. Aber der Hofrat opferte aus seinem Portefeuille eine zweite, auf welcher Staatsanwalt Paravant, nach heimlicher Überlegung, das Schweinchen _in einem Zuge_ hinzumalen versuchte, – mit dem Ergebnis, daß sein Mißerfolg alle vorangegangenen übertraf: das Ornament, das er schuf, wies nicht nur mit keinem Schweinchen, sondern überhaupt mit nichts in der Welt die entfernteste Ähnlichkeit auf. Hallo, Gelächter und stürmische Glückwünsche! Man brachte Menükarten aus dem Speisesaal herzu, – so konnten nun mehrere Personen, Damen und Herren, auf einmal zeichnen, und jeder Konkurrierende hatte seine Aufpasser und Zuschauer, von denen wiederum ein jeder Anwärter auf den Stift war, der eben gehandhabt wurde. Es waren drei Bleistifte da, die man sich aus den Händen riß. Sie gehörten Gästen. Der Hofrat, nachdem er das neue Spiel in die Wege geleitet und bestens im Gange sah, war mit dem Adlaten verschwunden.
Hans Castorp, im Gedränge, sah über Joachims Schulter einem Zeichnenden zu, indem er sich mit dem Ellbogen auf diese Schulter stützte, sein Kinn mit allen fünf Fingern erfaßt hielt und die andere Hand in die Hüfte stemmte. Er redete und lachte. Er wollte ebenfalls zeichnen, verlangte laut danach und erhielt den Bleistift, ein schon ganz kurzes Ding, man konnte ihn nur noch mit Daumen und Zeigefinger führen. Er schimpfte auf den Stummel, das blinde Gesicht zur Decke erhoben, schimpfte laut und verfluchte die Undienlichkeit des Stiftes, indem er mit fliegender Hand einen gräulichen Unsinn auf den Karton warf, schließlich sogar diesen verfehlte und auf das Tischtuch geriet. „Das gilt nicht!“ rief er in das verdiente Gelächter hinein. „Wie soll man mit einem solchen – zum Teufel damit!“ Und er warf den beschuldigten Stummel in die Punschbowle. „Wer hat einen vernünftigen Bleistift? Wer leiht mir einen? Ich muß noch einmal zeichnen! Einen Bleistift, einen Bleistift! Wer hat noch einen?“ rief er nach beiden Seiten aus, den linken Unterarm noch auf die Tischplatte gestützt und die rechte Hand hoch in der Luft schüttelnd. Er bekam keinen. Da wandte er sich um und ging ins Zimmer hinein, indem er zu rufen fortfuhr, – ging gerade auf Clawdia Chauchat zu, die, wie er gewußt hatte, nicht weit von der Portiere zum kleinen Salon stand und von hier aus dem Treiben am Bowlentisch lächelnd zugesehen hatte.
Hinter sich hörte er rufen, wohllautende ausländische Worte: „_Eh! Ingegnere! Aspetti! Che cosa fa! Ingegnere! Un po di raggione, sa! Ma è matto questo ragazzo!_“ Aber er übertönte diese Stimme mit der seinen, und so sah man Herrn Settembrini, eine Hand mit gespreiztem Arm über den Kopf geworfen – eine in seiner Heimat übliche Gebärde, deren Sinn nicht leicht auf ein Wort zu bringen wäre, und die von einem langgezogenen „_Ehh –!_“ begleitet war – die Fastnachtsgeselligkeit verlassen. – Hans Castorp aber stand auf dem Klinkerhof, blickte aus nächster Nähe in die blau-grau-grünen Epicanthus-Augen über den vortretenden Backenknochen und sprach:
„Hast _du_ nicht vielleicht einen Bleistift?“
Er war totenbleich, so bleich wie damals, als er blutbesudelt von seinem Einzelspaziergang zur Konferenz gekommen war. Die Gefäßnervenleitung nach seinem Gesichte spielte mit dem Erfolg, daß die entblutete Haut dieses jungen Gesichtes blaßkalt einfiel, die Nase spitz erschien und die Partie unter den Augen ganz so bleifarben wie bei einer Leiche aussah. Aber Hans Castorps Herz ließ der Sympathikus in einer Gangart trommeln, daß von geregelter Atmung überhaupt nicht mehr die Rede sein konnte, und Schauer überliefen den jungen Menschen als Veranstaltung der Hautsalbendrüsen seines Körpers, die sich mitsamt ihren Haarbälgen aufrichteten.
Die im Papierdreispitz betrachtete ihn von oben bis unten mit einem Lächeln, worin keinerlei Mitleid, keinerlei Besorgnis angesichts der Verwüstung seines Äußeren zu erkennen war. Dies Geschlecht kennt ein solches Mitleid und eine solche Besorgnis überhaupt nicht vor den Schrecken der Leidenschaft, – eines Elementes, ihm offenbar viel vertrauter, als dem Mann, der von Natur keineswegs darin zu Hause ist und den es nie ohne Spott und Schadenfreude darin begrüßt. Übrigens würde er sich für Mitleid und Besorgnis ja freilich auch bedanken.
„Ich?“ antwortete die bloßarmige Kranke auf das „Du“ ... „Ja, vielleicht“. Und allenfalls war in ihrem Lächeln und ihrer Stimme etwas von der Erregung, die auftritt, wenn nach langem, stummem Verhältnis die erste Anrede fällt, – einer listigen Erregung, die alles Vorangegangene in den Augenblick heimlich einbezieht. „Du bist sehr ehrgeizig ... Du bist ... sehr ... eifrig“, fuhr sie in ihrer exotischen Aussprache mit fremdem r und fremdem, zu offenem e zu spotten fort, wobei ihre leicht verschleierte, angenehm heisere Stimme das Wort „ehrgeizig“ auch noch auf der zweiten Silbe betonte, so daß es völlig fremdsprachig klang, – und kramte in ihrem Ledertäschchen, blickte suchend hinein und zog unter einem Taschentuch, das sie zuerst zutage gefördert, ein kleines silbernes Crayon hervor, dünn und zerbrechlich, ein Galanteriesächelchen, zu ernsthafter Tätigkeit kaum zu gebrauchen. Der Bleistift von damals, der erste, war handlich-rechtschaffener gewesen.
„_Voilà_“, sagte sie und hielt ihm das Stiftchen vor die Augen, indem sie es zwischen Daumen und Zeigefinger an der Spitze hielt und leicht hin und her schlenkerte.
Da sie es ihm zugleich gab und vorenthielt, nahm er es, ohne es zu empfangen, das heißt: hielt die Hand in der Höhe des Stiftes, dicht daran, die Finger zum Greifen bereit, aber nicht vollends zugreifend, und blickte aus seinen bleifarbenen Augenhöhlen abwechselnd auf den Gegenstand und in Clawdias tatarisches Gesicht. Seine blutlosen Lippen standen offen, und sie blieben so, er benutzte sie nicht zum Sprechen, als er sagte:
„Siehst du wohl, ich wußte doch, daß du einen haben würdest.“
„_Prenez garde, il est un peu fragile_“, sagte sie. „_C’est à visser, tu sais._“
Und indem ihre Köpfe sich darüber neigten, zeigte sie ihm die landläufige Mechanik des Stiftes, aus dem ein nadeldünnes, wahrscheinlich hartes, nichts abgebendes Graphitstänglein fiel, wenn man die Schraube öffnete.
Sie standen nahe gegeneinander geneigt. Da er im Gesellschaftsanzug war, trug er heute abend einen steifen Kragen und konnte das Kinn darauf stützen.
„Klein, aber dein“, sagte er, Stirn an Stirn mit ihr, auf den Stift hinunter mit unbewegten Lippen und folglich unter Auslassung des Labiallautes.
„Oh, auch witzig bist du“, antwortete sie mit kurzem Lachen, indem sie sich aufrichtete und ihm das Crayon nun überließ. (Übrigens mochte Gott wissen, womit er witzig war, da er ja offensichtlich keinen Tropfen Blut im Kopfe hatte.) „Also geh, spute dich, zeichne, zeichne gut, zeichne dich aus!“ Witzig auch ihrerseits schien sie ihn fortzutreiben.
„Nein, _du_ hast noch nicht gezeichnet. _Du_ mußt zeichnen“, sagte er unter Auslassung des m von „mußt“ und trat auf ziehende Art einen Schritt zurück.
„Ich?“ wiederholte sie wieder mit einem Erstaunen, das etwas anderem mehr als seiner Forderung zu gelten schien. In einer gewissen Verwirrung lächelnd blieb sie noch stehen, folgte aber dann seiner magnetisierenden Rückwärtsbewegung ein paar Schritte gegen den Bowlentisch.
Es zeigte sich jedoch, daß die Unterhaltung dort nicht mehr vorhielt, in den letzten Zügen lag. Jemand zeichnete noch, hatte aber keine Zuschauer mehr. Die Karten waren mit Unsinn bedeckt, jedermann hatte seine Ohnmacht erprobt, der Tisch stand fast verlassen, zumal eine Gegenströmung eingesetzt hatte. Da man gewahr geworden, daß die Ärzte fort waren, lautete plötzlich die Parole auf Tanz. Schon wurde der Tisch beiseite geschleppt. Man postierte Späher an die Türen des Schreib- und des Klavierzimmers, mit der Anweisung, durch ein Zeichen den Ball zum Stehen zu bringen, falls etwa „der Alte“, Krokowski oder die Oberin sich wieder zeigen sollten. Ein slawischer Jüngling griff mit Ausdruck in die Tastatur des kleinen Nußbaumpianinos. Die ersten Paare drehten sich im Inneren eines unregelmäßigen Kreises von Sesseln und Stühlen, auf denen Zuschauer saßen.
Hans Castorp verabschiedete sich von dem eben fortschwebenden Tisch mit der Handbewegung: „Fahr hin!“ Mit dem Kinn deutete er dann auf freie Sitzgelegenheiten, die er im kleinen Salon gewahrte, und auf die geschützte Zimmerecke rechts neben der Portiere. Er sagte nichts, vielleicht, weil ihm die Musik zu laut war. Er zog einen Stuhl – es war ein sogenannter Triumphstuhl, mit Holzrahmen und einer Plüschbespannung – für Frau Chauchat an den Ort, den er vorher pantomimisch bezeichnet hatte, und eignete sich selbst einen knisternden, krachenden Korbstuhl mit gerollten Armlehnen an, auf den er sich zu ihr setzte, gegen sie vorgebeugt, die Arme auf den Lehnen, ihr Crayon in den Händen, die Füße weit unter dem Stuhl. Sie ihrerseits lag allzu tief in dem Plüschgehänge, ihre Knie waren emporgehoben, doch schlug sie trotzdem das eine über das andere und ließ ihren Fuß in der Höhe wippen, dessen Knöchel über dem Rande des schwarzen Lackschuhs von der ebenfalls schwarzen Seide des Strumpfes überspannt war. Vor ihnen saßen andere Leute, standen auf, um zu tanzen und machten solchen Platz, die müde waren. Es war ein Kommen und Gehen.
„Du hast ein neues Kleid“, sagte er, um sie betrachten zu dürfen, und hörte sie antworten:
„Neu? Du bist bewandert in meiner Toilette?“
„Habe ich nicht recht?“
„Doch. Ich habe es mir kürzlich hier machen lassen, bei Lukaček im Dorf. Er arbeitet viel für Damen hier oben. Es gefällt dir?“
„Sehr gut“, sagte er, indem er sie mit dem Blick noch einmal umfaßte und ihn dann niederschlug. „Willst du tanzen?“ fügte er hinzu.
„Würdest du wollen?“ fragte sie mit erhobenen Brauen lächelnd dagegen, und er antwortete:
„Ich täte es schon, wenn du Lust hättest.“
„Das ist weniger brav, als ich dachte, daß du seist“, sagte sie, und da er wegwerfend auflachte, fügte sie hinzu: „Dein Vetter ist schon gegangen.“
„Ja, er ist mein Vetter“, bestätigte er unnötigerweise. „Ich sah auch vorhin, daß er fort ist. Er wird sich gelegt haben.“
„_C’est un jeune homme très étroit, très honnête, très allemand._“
„_Étroit? Honnête?_“ wiederholte er. „Ich verstehe Französisch besser, als ich es spreche. Du willst sagen, daß er pedantisch ist. Hältst du uns Deutsche für pedantisch – _nous autres allemands_?“
„_Nous causons de votre cousin. Mais c’est vrai_, ihr seid ein wenig bourgeois. _Vous aimez l’ordre mieux que la liberté, toute l’Europe le sait._“
„_Aimer ... aimer ... Qu’est-ce que c’est! Ça manque de définition, ce mot-là._ Der Eine hat’s, der Andere liebt’s, _comme nous disons proverbialement_“, behauptete Hans Castorp. „Ich habe in letzter Zeit,“ fuhr er fort, „manchmal über die Freiheit nachgedacht. Das heißt, ich hörte das Wort so oft, und so dachte ich darüber nach. _Je te le dirai en français_, was ich mir dachte. _Ce que toute l’Europe nomme la liberté, est peut-être une chose assez pédante et assez bourgeoise en comparaison de notre besoin d’ordre – c’est ça!_“
„_Tiens! C’est amusant. C’est ton cousin à qui tu penses en disant des choses étranges comme ça?_“
„Nein, _c’est vraiment une bonne âme_, eine einfache, unbedrohte Natur, _tu sais. Mais il n’est pas bourgeois, il est militaire._“
„Unbedroht?“ wiederholte sie mühsam ... „_Tu veux dire: une nature tout à fait ferme, sûre d’elle-même? Mais il est sérieusement malade, ton pauvre cousin._“
„Wer hat das gesagt?“
„Man weiß hier voneinander.“
„Hat Hofrat Behrens dir das gesagt?“
„_Peut-être en me faisant voir ses tableaux._“
„_C’est-à-dire: en faisant ton portrait!_“
„_Pourquoi pas. Tu l’as trouvé réussi, mon portrait?_“
„_Mais oui, extrêmement. Behrens a très exactement rendu ta peau, oh vraiment très fidèlement. J’aimerais beaucoup être portraitiste, moi aussi, pour avoir l’occasion d’étudier ta peau comme lui._“
„_Parlez allemand, s’il vous plaît!_“
„Oh, ich spreche Deutsch, auch auf Französisch. _C’est une sorte d’étude artistique et médicale – en un mot: il s’agit des lettres humaines, tu comprends._ Wie ist es nun, willst du nicht tanzen?“
„Aber nein, das ist kindisch. _En cachette des médecins. Aussitôt que Behrens reviendra, tout le monde va se précipiter sur les chaises. Ce sera fort ridicule._“
„Hast du so großen Respekt vor ihm?“
„Vor wem?“ sagte sie, das Fragewort kurz und fremdartig sprechend.
„Vor Behrens.“
„_Mais va donc avec ton Behrens!_ Es ist auch viel zu eng zum Tanzen. _Et puis sur le tapis_ ... Wollen wir zusehen, dem Tanze.“
„Ja, das wollen wir“, pflichtete er bei und schaute neben ihr hin, mit seinem bleichen Gesicht, mit den blauen, sinnig blickenden Augen seines Großvaters, in das Gehüpf der maskierten Patienten hier im Salon und drüben im Schreibzimmer. Da hüpfte die Stumme Schwester mit dem Blauen Heinrich, und Frau Salomon, die als Ballherr, in Frack und weiße Weste, gekleidet war, mit hochgewölbter Hemdbrust, gemaltem Schnurrbart und Monokel, drehte sich auf kleinen Lack-Stöckelschuhen, die unnatürlicherweise aus ihren schwarzen Herrenhosen hervorkamen, mit dem Pierrot, dessen Lippen blutrot in seinem geweißten Antlitz leuchteten, und dessen Augen denen eines Albino-Kaninchens glichen. Der Grieche im Mäntelchen schwang das Ebenmaß seiner lila Trikotbeine um den dekolletierten und dunkel glitzernden Rasmussen; der Staatsanwalt im Kimono, die Generalkonsulin Wurmbrand und der junge Gänser tanzten sogar selbdritt, indem sie sich mit den Armen umschlungen hielten; und was die Stöhr betraf, so tanzte sie mit ihrem Besen, den sie ans Herz drückte und dessen Borsten sie liebkoste, als wären sie eines Menschen aufrecht stehendes Haupthaar gewesen.
„Das wollen wir“, wiederholte Hans Castorp mechanisch. Sie sprachen leise, unter den Tönen des Klaviers. „Wir wollen hier sitzen und zusehen wie im Traum. Das ist für mich wie ein Traum, mußt du wissen, daß wir so sitzen, – _comme un rêve singulièrement profond, car il faut dormir très profondément pour rêver comme cela ... Je veux dire: C’est un rêve bien connu, rêvé de tout temps, long, éternel, oui, être assis près de toi comme à présent, voilà l’éternité._“
„_Poète!_“ sagte sie. „_Bourgeois, humaniste et poète, – voilà l’allemand au complet, comme il faut!_“
„_Je crains, que nous ne soyons pas du tout et nullement comme il faut_“, antwortete er. „_Sous aucun égard. Nous sommes peut-être des_ Sorgenkinder des Lebens, _tout simplement_.“
„_Joli mot. Dis-moi donc ... Il n’aurait pas été fort difficile de rêver ce rêve-là plus tôt. C’est un peu tard, que monsieur se résout d’adresser la parole à son humble servante._“
„_Pourquoi des paroles?_“ sagte er. „_Pourquoi parler? Parler, discourir, c’est une chose bien républicaine, je le concède. Mais je doute, que ce soit poétique au même degré. Un de nos pensionnaires, qui est un peu devenu mon ami, M. Settembrini ..._“
„_Il vient de te lancer quelques paroles._“
„_Eh bien, c’est un grand parleur sans doute, il aime même beaucoup à réciter de beaux vers, – mais est-ce un poète, cet homme-là?_“
„_Je regrette sincèrement de n’avoir jamais eu le plaisir de faire la connaissance de ce chevalier._“
„_Je le crois bien._“
„_Ah! Tu le crois._“
„_Comment? C’était une phrase tout-à-fait indifférente, ce que j’ai dit là. Moi, tu le remarques bien, je ne parle guère le français. Pourtant, avec toi je préfère cette langue à la mienne, car pour moi, parler français, c’est parler sans parler, en quelque manière, – sans responsabilité, ou comme nous parlons en rêve. Tu comprends?_“
„_A peu près._“
„_Ça suffit ... Parler_“, fuhr Hans Castorp fort, „_– pauvre affaire! Dans l’éternité, on ne parle point. Dans l’éternité, tu sais, on fait comme en dessinant un petit cochon: on penche la tête en arrière et on ferme les yeux._“
„_Pas mal, ça! Tu es chez toi dans l’éternité, sans aucun doute, tu la connais à fond. Il faut avouer, que tu es un petit rêveur assez curieux._“
„_Et puis_“, sagte Hans Castorp, „_si je t’avais parlé plus tôt, il m’aurait fallu te dire »vous«!_“
„_Eh bien, est-ce que tu as l’intention de me tutoyer pour toujours?_“
„_Mais oui. Je t’ai tutoyée de tout temps et je te tutoierai éternellement._“
„_C’est un peu fort, par exemple. En tout cas tu n’auras pas trop longtemps l’occasion de me dire »tu«. Je vais partir._“
Das Wort brauchte einige Zeit, bis es ihm ins Bewußtsein drang. Dann fuhr er auf, wirr um sich blickend, wie ein aus dem Schlaf Gestörter. Ihr Gespräch war ziemlich langsam vonstatten gegangen, da Hans Castorp das Französische schwerfällig und wie in zögerndem Sinnen sprach. Das Klavier, das kurze Zeit geschwiegen hatte, tönte wieder, nunmehr unter den Händen des Mannheimers, der den Slawenjüngling abgelöst und Noten aufgelegt hatte. Fräulein Engelhart saß bei ihm und blätterte um. Der Ball hatte sich gelichtet. Eine größere Anzahl der Pensionäre schien horizontale Lage eingenommen zu haben. Vor ihnen saß niemand mehr. Im Lesezimmer spielte man Karten.
„Was tust du?“ fragte Hans Castorp entgeistert ...
„Ich reise ab“, wiederholte sie, scheinbar verwundert lächelnd über sein Erstarren.
„Nicht möglich“, sagte er. „Das ist nur Scherz.“
„Durchaus nicht. Es ist mein vollkommener Ernst. Ich reise.“
„Wann?“
„Aber morgen. _Après dîner._“
In ihm ereignete sich ein umfangreicher Zusammensturz. Er sagte:
„Wohin?“
„Sehr weit fort.“
„Nach Daghestan?“
„_Tu n’es pas mal instruit. Peut-être, pour le moment ..._“
„Bist du denn geheilt?“
„_Quant à ça ... non._ Aber Behrens meint, es sei vorläufig hier nicht mehr viel für mich zu erreichen. _C’est pourquoi je vais risquer un petit changement d’air._“
„Du kommst also wieder!“
„Das fragt sich. Es fragt sich vor allem, wann. _Quant à moi, tu sais, j’aime la liberté avant tout et notamment celle de choisir mon domicile. Tu ne comprends guère ce que c’est: être obsédé d’indépendance. C’est de ma race, peut-être._“
„_Et ton mari au Daghestan te l’accorde, – ta liberté?_“
„_C’est la maladie qui me la rend. Me voilà à cet endroit pour la troisième fois. J’ai passé un an ici, cette fois. Possible que je revienne. Mais alors tu seras bien loin depuis longtemps._“
„Glaubst du, Clawdia?“
„_Mon prénom aussi! Vraiment tu les prends bien au sérieux les coutumes du carnaval!_“
„Weißt du denn, wie krank ich bin?“
„_Oui – non – comme on sait ces choses ici. Tu as une petite tache humide là dedans et un peu de fièvre, n’est-ce pas?_“
„_Trente-sept et huit ou neuf l’après-midi_“, sagte Hans Castorp. „Und du?“
„_Oh, mon cas, tu sais, c’est un peu plus compliqué ... pas tout-à-fait simple._“
„_Il y a quelque chose dans cette branche de lettres humaines dite la médecine_,“ sagte Hans Castorp, „_qu’on appelle bouchement tuberculeux des vases de lymphe._“
„_Ah! Tu as mouchardé, mon cher, on le voit bien._“
„_Et toi ..._ Verzeih mir! Laß mich dich jetzt etwas fragen, dich dringlich und auf Deutsch etwas fragen! Als ich damals von Tische zur Untersuchung ging, vor sechs Monaten ... Du blicktest dich um nach mir, erinnerst du dich?“
„_Quelle question? Il y a six mois!_“
„Wußtest du, wohin ich ging?“
„_Certes, c’était tout-à-fait par hasard ..._“
„Du wußtest es von Behrens?“
„_Toujours ce Behrens!_“
„_Oh, il a représenté ta peau d’une façon tellement exacte ... D’ailleurs, c’est un veuf aux joues ardentes et qui possède un service à café très remarquable ... Je crois bien qu’il connaît ton corps non seulement comme médecin, mais aussi comme adepte d’une autre discipline de lettres humaines._“
„_Tu as décidément raison de dire, que tu parles en rêve, mon ami._“
„_Soit ... Laisse-moi rêver de nouveau après m’avoir réveillé si cruellement par cette cloche d’alarme de ton départ. Sept mois sous tes yeux ... Et à présent, où en réalité j’ai fait ta connaissance, tu me parles de départ!_“
„_Je te répète, que nous aurions pu causer plus tôt._“
„Du hättest es gewünscht?“
„_Moi? Tu ne m’échapperas pas, mon petit. Il s’agit de tes intérêts, à toi. Est-ce que tu étais trop timide pour t’approcher d’une femme à qui tu parles en rêve maintenant, ou est-ce qu’il y avait quelqu’un qui t’en a empêché?_“
„_Je te l’ai dit. Je ne voulais pas te dire »vous«._“
„_Farceur. Réponds donc, – ce monsieur beau parleur, cet italien-là qui a quitté la soirée, – qu’est-ce qu’il t’a lancé tantôt?_“
„_Je n’en ai entendu absolument rien. Je me soucie très peu de ce monsieur, quand mes yeux te voient. Mais tu oublies ... il n’aurait pas été si facile du tout de faire ta connaissance dans le monde. Il y avait encore mon cousin avec qui j’étais lié et qui incline très peu à s’amuser ici: Il ne pense à rien qu’à son retour dans les plaines, pour se faire soldat._“
„_Pauvre diable. Il est, en effet, plus malade qu’il ne sait. Ton ami italien du reste ne va pas trop bien non plus._“
„_Il le dit lui-même. Mais mon cousin ... Est-ce vrai? Tu m’effraies._“