Der Zauberberg. Erster Band

Part 40

Chapter 403,485 wordsPublic domain

„Magnifik!“ antwortete Settembrini, dem die Vettern wieder einmal bei der Vormittagsmotion begegnet waren. „Splendide!“ antwortete er. „Das ist so lustig wie im Prater, Sie werden sehen, Ingenieur. Dann sind wir gleich im Reihen hier die glänzenden Galanten“, sprach er, und fuhr dann prallen Mundes zu medisieren fort, indem er seine Hechelreden mit gelungenen Arm-, Kopf- und Schulterbewegungen begleitete: „Was wollen Sie, auch in der _maison de santé_ finden bisweilen ja Bälle statt, für die Narren und Blöden, wie ich gelesen habe, – warum nicht auch hier? Das Programm umfaßt die verschiedensten _danses macabres_, wie Sie sich denken können. Leider kann ein gewisser Teil der vorjährigen Festteilnehmer diesmal nicht erscheinen, da das Fest schon um 9½ Uhr sein Ende findet ...“

„Sie meinen ... Ach so, vorzüglich!“ lachte Hans Castorp. „Sind Sie ein Witzbold –! ‚Um 9½‘, – hast dus gehört, du? Allzu früh nämlich, als daß ‚ein gewisser Teil‘ der Vorjährigen noch ein Stündchen teilnehmen könnte, meint Herr Settembrini. Ha, ha, unheimlich. Das ist nämlich der Teil, der dem ‚Fleisch‘ unterdessen schon endgültig valet gesagt hat. Verstehst du mein Wortspiel? Aber da bin ich denn doch gespannt“, sagte er. „Ich finde es richtig, daß wir hier so die Feste feiern, wie sie fallen, und auf die übliche Art die Etappen markieren, die Einschnitte also, damit es kein ungegliedertes Einerlei gibt, das wäre zu sonderbar. Da haben wir Weihnachten gehabt und wußten, daß Neujahr war, und nun kommt also Fastnacht. Dann rückt Palmsonntag heran (gibt es hier Kringel?), die Karwoche, Ostern und Pfingsten, was sechs Wochen später ist, und dann ist ja bald schon der längste Tag, Sommersonnenwende, verstehen Sie, und es geht auf den Herbst ...“

„Halt! halt! halt!“, rief Settembrini, indem er das Gesicht gen Himmel hob und die Handteller gegen die Schläfen preßte. „Schweigen Sie! Ich verbiete Ihnen, sich in dieser Weise die Zügel schießen zu lassen!“

„Entschuldigen Sie, ich sage ja im Gegenteil ... Übrigens wird Behrens sich am Ende nun doch wohl zu den Injektionen entschließen, um meine Entgiftung zu erzielen, denn ich habe unentwegt siebenunddreißig-vier, -fünf, -sechs und auch -sieben. Das will sich nicht ändern. Ich bin und bleibe nun mal ein Sorgenkind des Lebens. Langfristig bin ich ja nicht, Radamanth hat mir nie was Bestimmtes aufgebrummt, aber er sagt, es wäre sinnlos, die Kur vor der Zeit zu unterbrechen, wo ich nun doch schon so lange hier oben bin und soviel Zeit investiert habe, sozusagen. Was nützte es auch, wenn er mir einen Termin setzte? Das hätte nicht viel zu bedeuten, denn wenn er zum Beispiel sagt: ein halbes Jährchen, so ist es sehr knapp gerechnet, man muß sich auf mehr gefaßt machen. Das sieht man an meinem Vetter, der sollte Anfang des Monats fertig sein – fertig im Sinne von ausgeheilt –, aber das letztemal hat Behrens ihm vier Monate zugelegt, zu seiner völligen Ausheilung, – na, und was haben wir dann? Dann haben wir Sommersonnenwende, wie ich sagte, ohne daß ich Sie reizen wollte, und es geht wieder auf den Winter zu. Aber für den Augenblick haben wir nun freilich erst einmal Fastnacht, – Sie hören ja, ich finde es gut und schön, daß wir hier alles der Reihe nach, und wie’s im Kalender steht, begehen. Frau Stöhr sagte, daß es in der Conciergeloge Kindertrompeten zu kaufen gibt?“

Das traf zu. Schon beim ersten Frühstück am Faschingsdienstag, der sofort da war, ehe man ihn von weitem nur recht ins Auge gefaßt, – schon in der Frühe gab es im Speisesaal allerlei Töne aus scherzhaften Blasinstrumenten, schnarrend und tutend; beim Mittagessen flogen vom Tische Gänsers, Rasmussens und der Kleefeld bereits Papierschlangen, und mehrere Personen, zum Beispiel die rundäugige Marusja, trugen papierne Kopfbedeckungen, die ebenfalls bei dem Hinkenden vorn in der Loge zu kaufen waren; aber abends entfaltete sich im Saal und in den Konversationsräumen eine Festgeselligkeit, die in ihrem Verlauf ... Nur wir wissen vorderhand, wozu, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, diese Fastnachtsgeselligkeit in ihrem Verlaufe führte. Aber wir lassen uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer Bedächtigkeit reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und überstürzen nichts, – vielleicht sogar zögern wir die Ereignisse hin, weil wir die sittliche Scheu des jungen Hans Castorp teilen, die den Eintritt dieser Ereignisse so lange hintangehalten hatte.

Allgemein war man nachmittags nach „Platz“ gepilgert, um das Faschingsstraßenleben zu sehen. Masken waren unterwegs gewesen, Pierrotten und Harlekine, die klappernde Pritschen gehandhabt hatten, und zwischen den Fußgängern und den ebenfalls maskierten Insassen der vorüberläutenden, geschmückten Schlitten waren Konfetti-Scharmützel geliefert worden. Schon sehr hochgestimmt fand man sich zur Abendmahlzeit an den sieben Tischen ein, entschlossen, den öffentlichen Geist in geschlossenem Kreise fortzupflegen. Die Papiermützen, Schnarren und Tuten des Concierge hatten starken Abgang gefunden, und Staatsanwalt Paravant hatte mit weiterer Travestierung den Anfang gemacht, indem er einen Damenkimono und einen falschen, laut vielseitigem Zuruf, der Generalkonsulin Wurmbrandt gehörigen Zopf angelegt, auch seinen Schnurrbart mit einem Brenneisen schräg nach unten gezogen hatte und so wirklich aufs Haar einem Chinesen glich. Die Verwaltung war nicht zurückgestanden. Sie hatte jeden der sieben Tische mit einem Papierlampion geschmückt, einem farbigen Mond mit brennender Kerze im Inneren, so daß Settembrini beim Eintritt in den Saal, an Hans Castorps Tische vorbeistreifend, einen auf diese Illumination bezüglichen Dichterspruch zitierte:

„Da sieh nur, welche bunten Flammen! Es ist ein muntrer Klub beisammen“,

äußerte er mit feinem und trockenem Lächeln, indem er zu seinem Platze weiterschlenderte, um dort mit kleinen Wurfgeschossen empfangen zu werden, dünnwandigen und mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllten Kügelchen, die beim Anprall zerbrachen und den Getroffenen mit Parfüm überschütteten.

Kurzum, die Festlaune war von Anfang an sehr ausgesprochen. Gelächter herrschte, Papierschlangen, von den Kronleuchtern herabhängend, wehten im Luftzuge hin und her, in der Bratensauce schwammen Konfetti, bald sah man die Zwergin mit dem ersten Eiskübel, der ersten Champagnerflasche geschäftig vorübereilen, man mischte den Sekt mit Burgunder, wozu Rechtsanwalt Einhuf das Signal gegeben, und als nun gar gegen Ende der Mahlzeit das Deckenlicht ausging und nur noch die Lampions den Speisesaal mit buntem Dämmer italienisch-nächtig erleuchteten, war die Stimmung vollkommen, und es erregte am Tische Hans Castorps viel Zustimmung, als Settembrini einen Zettel herübersandte (er händigte ihn der ihm zunächstsitzenden, mit einer Jockei-Mütze aus grünem Seidenpapier geschmückten Marusja ein), auf den er mit Bleistift geschrieben hatte:

„Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll, Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, So müßt Ihr’s so genau nicht nehmen.“

Doktor Blumenkohl, dem es eben wieder sehr schlecht ging, murmelte mit jenem ihm eigentümlichen Gesichts- oder eigentlich Lippenausdruck etwas vor sich hin, woraus man entnehmen konnte, was das für Verse seien. Hans Castorp seinerseits meinte die Antwort nicht schuldig bleiben zu dürfen, fühlte sich scherzhaft verpflichtet, eine Replik auf den Zettel zu schreiben, die freilich nur höchst unbedeutend hätte ausfallen können. Er suchte in seinen Taschen nach einem Bleistift, fand aber keinen und konnte auch von Joachim und der Lehrerin keinen erhalten. Seine rot geäderten Augen gingen nach Aushilfe gen Osten, in den links-rückwärtigen Winkel des Saales, und man sah, wie sein flüchtiges Vorhaben in so weitläufigen Assoziationen ausartete, daß er erbleichte und seine Grundabsicht überhaupt vergaß.

Zum Erbleichen gab es Gründe auch sonst. Frau Chauchat dort hinten hatte zur Fastnacht Toilette gemacht, sie trug ein neues Kleid, jedenfalls ein Kleid, das Hans Castorp noch nicht an ihr gesehen, – aus leichter und dunkler, ja schwarzer, nur manchmal ein wenig goldbräunlich aufschimmernder Seide, das am Halse einen mädchenhaft kleinen Rundausschnitt zeigte, kaum so tief, daß die Kehle, der Ansatz der Schlüsselbeine und hinten die bei leicht vorgeschobener Kopfhaltung etwas heraustretenden Genickwirbel unter dem lockeren Nackenhaar sichtbar blieben, das aber Clawdias Arme bis zu den Schultern hinauf frei ließ, – ihre Arme, die zart und voll waren zugleich, – kühl dabei, aller Mutmaßung nach, und außerordentlich weiß gegen die seidige Dunkelheit des Kleides abstachen, auf eine so erschütternde Art, daß Hans Castorp, die Augen schließend, in sich hineinflüsterte: „Mein Gott!“ – Er hatte diese Art Kleiderschnitt noch nie gesehen. Er kannte Balltoiletten, festlich statthafte, ja vorschriftsmäßige Enthüllungen, die weit umfassender gewesen waren als diese hier, ohne im entferntesten so sensationell zu wirken. Als Irrtum erwies sich vor allem die ältere Annahme des armen Hans Castorp, daß die Lockung, die vernunftwidrige Lockung dieser Arme, deren Bekanntschaft er durch dünne Gaze hindurch bereits gemacht hatte, ohne eine so ahndevolle „Verklärung“, wie er es damals genannt, sich vielleicht als weniger tief erweisen werde. Irrtum! Verhängnisvolle Selbsttäuschung! Die volle, hochbetonte und blendende Nacktheit dieser herrlichen Glieder eines giftkranken Organismus war ein Ereignis, weit stärker sich erweisend, als die Verklärung von damals, eine Erscheinung, auf die es keine andere Antwort gab, als den Kopf zu senken und lautlos zu wiederholen: „Mein Gott!“

Etwas später kam noch ein Zettel, auf dem es hieß:

„Gesellschaft, wie man wünschen kann. Wahrhaftig, lauter Bräute! Und Junggesellen Mann für Mann, Die hoffnungsvollsten Leute!“

„Bravo, bravo!“ wurde gerufen. Man war schon beim Mokka, der in kleinen irden-braunen Kännchen serviert wurde, beziehungsweise auch bei den Likören, zum Beispiel Frau Stöhr, die Süß-Geistiges für ihr Leben gern schlürfte. Die Gesellschaft begann sich aufzulösen, zu zirkulieren. Man besuchte einander, wechselte die Tische. Ein Teil der Gäste hatte sich schon in die Konversationsräume verzogen, während ein anderer seßhaft blieb, dem Weingemisch weiter zusprechend. Settembrini kam nun persönlich herüber, sein Kaffeetäßchen in der Hand, den Zahnstocher zwischen den Lippen, und setzte sich hospitierend an die Tischecke zwischen Hans Castorp und die Lehrerin.

„Harzgebirg“, sagte er. „Gegend von Schierke und Elend. Habe ich Ihnen zu viel versprochen, Ingenieur? Heiß ich mir das doch eine Messe! Aber warten Sie nur, unser Witz erschöpft sich nicht so bald, wir sind noch nicht auf der Höhe, geschweige am Ende. Nach allem, was man hört, wird es noch mehr Masken geben. Gewisse Personen haben sich zurückgezogen, – das berechtigt zu allerlei Erwartungen, Sie werden sehen.“

Wirklich tauchten neue Verkleidungen auf: Damen in Herrentracht, operettenhaft und unwahrscheinlich durch ausladende Formen, die Gesichter bärtig geschwärzt mit angekohltem Flaschenkork; Herren, umgekehrt, die Frauenroben angelegt hatten, über deren Röcke sie strauchelten, wie zum Beispiel Studiosus Rasmussen, welcher, in schwarzer, jettübersäter Toilette, ein pickliges Dekolleté zur Schau stellte, das er sich mit einem Papierfächer kühlte, und zwar auch den Rücken. Ein Bettelmann erschien knickbeinig, an einer Krücke hängend. Jemand hatte sich aus weißem Unterzeug und einem Damenfilz ein Pierrotkostüm hergestellt, das Gesicht gepudert, so daß seine Augen ein unnatürliches Aussehen gewannen, und den Mund mit Lippenpomade blutig aufgehöht. Es war der Junge mit dem Fingernagel. Ein Grieche vom Schlechten Russentisch, mit schönen Beinen, stolzierte in lila Trikotunterhosen, mit Mäntelchen, Papierkrause und einem Stockdegen als spanischer Grande oder Märchenprinz daher. Alle diese Masken waren nach Schluß der Mahlzeit eilig improvisiert worden. Es litt Frau Stöhr nicht länger auf ihrem Stuhl. Sie verschwand, um nach kurzer Zeit als Scheuerweib wiederzukehren, mit geschürztem Rock und aufgestülpten Ärmeln, die Bänder ihrer Papierhaube unter dem Kinn geknotet und bewaffnet mit Eimer und Besen, die sie zu handhaben begann, indem sie mit dem nassen Schrubber unter die Tische, den Sitzenden zwischen die Füße fuhr.

„Die alte Baubo kommt allein“,

rezitierte Settembrini bei ihrem Anblick und fügte auch den Reimvers hinzu, klar und plastisch. Sie hörte es, nannte ihn „welscher Hahn“ und forderte ihn auf, seine „Zötchen“ für sich zu behalten, wobei sie ihn im Geiste der Maskenfreiheit duzte; denn diese Verkehrsform war schon während des Essens allgemein aufgenommen worden. Er schickte sich an, ihr zu antworten, als Lärm und Gelächter von der Halle her ihn unterbrachen und Aufsehen im Saal erregten.

Gefolgt von Gästen, die aus den Konversationsräumen kamen, hielten zwei sonderbare Figuren ihren Einzug, die mit der Kostümierung wohl eben erst fertig geworden waren. Die eine war als Diakonissin angezogen, doch war ihr schwarzes Habit vom Hals bis zum Saume mit weißen Bandstreifen quer benäht, kurzen, die nahe untereinander lagen, und seltneren, die über jene hinausragten, nach Art der Liniatur eines Thermometers. Sie hielt den Zeigefinger vor ihren bleichen Mund und trug in der Rechten eine Fiebertabelle. Die andere Maske erschien blau in Blau: mit blau gefärbten Lippen und Brauen, auch sonst im Gesicht und am Halse noch blau bemalt, eine blaue Wollmütze schief übers Ohr gezogen und bekleidet mit einem An- oder Überzuge aus blauem Glanzleinen, der, aus einem Stück gearbeitet, an den Knöcheln mit Bändern zugezogen und in der Mitte zum Rundbauche ausgestopft war. Man erkannte Frau Iltis und Herrn Albin. Beide trugen Pappschilder umgehängt, auf denen geschrieben stand: „Die stumme Schwester“ und: „Der blaue Heinrich“. In einer Art Wackelschritt zogen sie selbander um den Saal.

Das gab einen Beifall! Die Zurufe schwirrten. Frau Stöhr, ihren Besen unter dem Arm, die Hände auf den Knien, lachte maßlos und ordinär nach Herzenslust, unter Vorwendung ihrer Rolle als Scheuerweib. Nur Settembrini zeigte sich unzugänglich. Seine Lippen, unter dem schön geschwungenen Schnurrbart, wurden äußerst schmal, nachdem er einen kurzen Blick auf das erfolgreiche Maskenpaar geworfen.

Unter denen, die im Gefolge des Blauen und der Stummen aus den Konversationszimmern wieder herübergekommen waren, befand sich auch Clawdia Chauchat. Zusammen mit der wollhaarigen Tamara und jenem Tischgenossen mit dem konkaven Brustkasten, einem gewissen Buligin, der Abendanzug trug, strich sie in ihrem neuen Kleid an Hans Castorps Tische vorbei und bewegte sich schräg hinüber zu dem des jungen Gänser und der Kleefeld, wo sie, die Hände auf dem Rücken, mit schmalen Augen lachend und plaudernd stehen blieb, während ihre Begleiter den allegorischen Gespenstern weiter folgten und mit ihnen den Saal wieder verließen. Auch Frau Chauchat hatte sich mit einer Faschingsmütze geschmückt, – es war nicht einmal eine gekaufte, sondern von der Art, wie man sie Kindern anfertigt, aus weißem Papiere einfach zum Dreispitz zurechtgefaltet, und kleidete sie übrigens, quer aufgesetzt, vorzüglich. Das dunkelgoldbraune Seidenkleid war fußfrei, der Rock etwas bauschig gearbeitet. Wir sagen von den Armen hier nichts mehr. Sie waren nackt bis zu den Schultern hinauf.

„Betrachte sie genau!“ hörte Hans Castorp Herrn Settembrini wie von weitem sagen, während er ihr, die bald weiterging, gegen die Glastür, zum Saal hinaus, mit den Blicken folgte. „Lilith ist das.“

„Wer?“ fragte Hans Castorp.

Der Literat freute sich. Er replizierte:

„Adams erste Frau. Nimm dich in acht ...“

Außer ihnen beiden saß nur noch Dr. Blumenkohl am Tische, an seinem entfernten Platz. Die übrige Speisegesellschaft, auch Joachim, war in die Konversationsräume übergesiedelt. Hans Castorp sagte:

„Du steckst heute voller Poesie und Versen. Was ist nun das wieder für eine Lilli? War Adam also zweimal verheiratet? Ich hatte keine Ahnung ...“

„Die hebräische Sage will es so. Diese Lilith ist zum Nachtspuk geworden, gefährlich für junge Männer besonders durch ihre schönen Haare.“

„Pfui Teufel! Ein Nachtspuk mit schönen Haaren. So etwas kannst du nicht leiden, was? Da kommst du und drehst das elektrische Licht an, sozusagen, um die jungen Männer auf den rechten Weg zu bringen, – tust du das nicht?“ sagte Hans Castorp phantastisch. Er hatte ziemlich viel von der Weinmischung getrunken.

„Hören Sie, Ingenieur, lassen Sie das!“ befahl Settembrini mit zusammengezogenen Brauen. „Bedienen Sie sich der im gebildeten Abendlande üblichen Form der Anrede, der dritten Person _pluralis_, wenn ich bitten darf! Es steht Ihnen gar nicht zu Gesicht, worin Sie sich da versuchen.“

„Aber wieso? Wir haben Karneval! Es ist allgemein akzeptiert heute abend ...“

„Ja, um eines ungesitteten Reizes willen. Das ‚Du‘ unter Fremden, das heißt unter Personen, die einander von Rechtes wegen ‚Sie‘ nennen, ist eine widerwärtige Wildheit, ein Spiel mit dem Urstande, ein liederliches Spiel, das ich verabscheue, weil es sich im Grunde gegen Zivilisation und entwickelte Menschlichkeit richtet, – sich frech und schamlos dagegen richtet. Ich habe Sie auch nicht ‚Du‘ genannt, bilden Sie sich das nicht ein! Ich zitierte eine Stelle aus dem Meisterwerk Ihrer Nationalliteratur. Ich sprach also poetischerweise ...“

„Ich auch! Ich spreche auch gewissermaßen poetischerweise, – weil mir der Augenblick danach angetan zu sein scheint, darum spreche ich so. Ich sage gar nicht, daß es mir so ganz natürlich ist und leicht fällt, dich ‚Du‘ zu nennen, im Gegenteil, es kostet mich eine gewisse Selbstüberwindung, ich muß mir einen Ruck geben, um es zu tun, aber diesen Ruck gebe ich mir gern, ich gebe ihn mir freudig und von Herzen ...“

„Von Herzen?“

„Von Herzen, ja, das kannst du mir glauben. Wir sind nun schon so lange beieinander hier oben, – sieben Monate, wenn du nachrechnest; das ist ja für unsere Verhältnisse hier oben noch nicht einmal sehr viel, aber für untere Begriffe, wenn ich zurückdenke, ist es doch eine Menge Zeit. Nun, und die haben wir nun miteinander verbracht, weil das Leben uns hier zusammenführte, und haben uns fast täglich gesehen und interessante Gespräche miteinander geführt, zum Teil über Gegenstände, von denen ich unten überhaupt keinen Deut begriffen hätte. Aber hier sehr wohl; hier waren sie mir sehr wichtig und naheliegend, so daß ich immer, wenn wir diskutierten, in höchstem Grade bei der Sache war. Oder vielmehr, wenn du mir die Dinge als _homo humanus_ expliziertest; denn ich hatte natürlich aus meiner bisherigen Unerfahrenheit nicht viel beizutragen und konnte immer nur außerordentlich hörenswert finden, was du sagtest. Durch dich habe ich so viel erfahren und verstanden ... Das mit Carducci war das Wenigste, aber wie beispielsweise die Republik mit dem schönen Stil zusammenhängt oder die Zeit mit dem Menschheitsfortschritt, – wohingegen, wenn keine Zeit wäre, auch kein Menschheitsfortschritt sein könnte, sondern die Welt nur ein stagnierendes Wasserloch und ein fauliger Tümpel wäre, – was wüßte ich davon, wenn du nicht gewesen wärst! Ich nenne dich einfach ‚Du‘ und rede dich sonst nicht weiter an, entschuldige, weil ich nicht wüßte, wie das geschehen sollte, – ich kann es nicht gut. Da sitzest du, und ich sage einfach ‚Du‘ zu dir, das genügt. Du bist nicht irgend ein Mensch mit einem Namen, du bist ein Vertreter, Herr Settembrini, ein Vertreter hierorts und an meiner Seite, – das bist du“, bestätigte Hans Castorp und schlug mit der flachen Hand auf das Tischtuch. „Und nun will ich dir einmal danken,“ fuhr er fort und schob seinen Glasbecher mit Sekt und Burgunder an Herrn Settembrinis Kaffeetäßchen heran, gleichsam, um auf dem Tisch mit ihm anzustoßen, – „dafür, daß du dich in diesen sieben Monaten so freundlich meiner angenommen hast und mir jungem _mulus_, auf den so viel Neues eindrang, zur Hand gegangen bist bei meinen Übungen und Experimenten und berichtigend auf mich einzuwirken gesucht hast, ganz _sine pecunia_, teils mit Geschichten und teils in abstrakter Form. Ich habe das deutliche Gefühl, daß der Augenblick gekommen ist, dir dafür und für all das zu danken und dich um Verzeihung zu bitten, wenn ich ein schlechter Schüler war, ein ‚Sorgenkind des Lebens‘, wie du sagtest. Es hat mich sehr gerührt, wie du das sagtest, und jedesmal, wenn ich daran denke, rührt es mich wieder. Ein Sorgenkind, das war ich wohl auch für dich und deine pädagogische Ader, auf die du damals gleich am ersten Tage zu sprechen kamst, – natürlich, das ist auch einer von den Zusammenhängen, die du mich gelehrt hast, der von Humanismus und Pädagogik, – es würden mir mit der Zeit gewiß noch mehrere einfallen. Verzeih mir also und denke meiner nicht im Bösen! Dein Wohl, Herr Settembrini, sollst leben! Ich leere mein Glas zu Ehren deiner literarischen Anstrengungen zur Ausmerzung der menschlichen Leiden!“ schloß er, trank, hintenüber geneigt, mit ein paar großen Schlucken sein Weingemisch aus und stand auf. „Nun wollen wir zu den anderen hinübergehn.“

„Hören Sie, Ingenieur, was ist Ihnen in die Krone gefahren?“ sagte der Italiener, die Augen voller Erstaunen, und verließ gleichfalls den Tisch. „Das klingt wie Abschied ...“

„Nein, warum Abschied?“ wich Hans Castorp aus. Er wich nicht nur figürlich aus, mit seinen Worten, sondern auch körperlich, indem er mit dem Oberkörper einen Bogen beschrieb, und hielt sich an die Lehrerin, Fräulein Engelhart, die eben kam, sie zu holen. Der Hofrat verzapfe im Klavierzimmer mit eigener Hand einen Fastnachtspunsch, den die Verwaltung gestiftet habe, meldete sie. Die Herren, sagte sie, möchten gleich kommen, wenn sie auch noch ein Glas zu erwischen wünschten. So gingen sie hinüber.

Wirklich stand dort drinnen, umdrängt von der Gästeschaft, die ihm kleine Henkelgläser entgegenhielt, Hofrat Behrens an dem runden Tisch in der Mitte, der weiß gedeckt war, und hob mit einem Schöpflöffel dampfendes Getränk aus einer Terrine. Auch er hatte sein Äußeres ein wenig karnevalistisch aufgemuntert, indem er nämlich zu dem klinischen Kittel, den er auch heute trug, da seine Tätigkeit ja niemals ruhte, einen echten türkischen Fez, karminrot, mit schwarzer Troddel, die ihm über das Ohr baumelte, aufgesetzt hatte, – Kostüm genug für ihn, dies beides zusammen; es reichte hin, seine ohnehin markante Erscheinung ins durchaus Wunderliche und Ausgelassene zu steigern. Der weiße Langkittel übertrieb des Hofrats Größe; brachte man die Nackenbeugung in Anschlag, indem man sie in Gedanken beseitigte und seine Gestalt zur vollen Höhe aufrichtete, so erschien er geradezu überlebensgroß, mit kleinem, buntem Kopf von eigentümlichstem Gepräge. Dem jungen Hans Castorp wenigstens war dies Gesicht noch nie so sonderbar vorgekommen, wie heute unter der närrischen Bedeckung: diese stutznäsig flache und bläulich hitzige Physiognomie, in der unter weißblonden Brauen die blauen Augen tränend quollen und über dem bogenförmigen, nach oben sich bäumenden Mund das helle und schief geschürzte Schnurrbärtchen stand. Abgeneigt von dem Dampfe, der vor ihm aus der Terrine wirbelte, ließ er das braune Getränk, einen zuckerigen Arrak-Punsch, im Bogen aus der Schöpfkelle in die dargereichten Gläser rinnen, unaufhörlich in seinem aufgeräumten Kauderwelsch sich ergehend, sodaß Lachsalven rund um den Tisch den Ausschank begleiteten.