Part 38
Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte einige Wochen lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen Schülers gesessen und immer viel gelacht. Dann war sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich weiter darum gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er gemeint, soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der „Überfüllten“, auf dessen Erklärung er wartete.
„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. „Furchtbar komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und amüsanter Mann, zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr Carsten, oder wie Sie heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, entschuldigen Sie! Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, aber erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte sie offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich lassen.“
Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber angenehme Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen waren bläulich, und auch die Nasenspitze wies diese Tönung auf, zweifellos infolge Luftmangels. Ihre Hände, die von sympathischer Magerkeit waren, und die die Spitzenmanschetten des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit „Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die Brust, unter dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unruhig knapper und ringender Bewegung gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von Nizza und Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimmte er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit ein.
„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte sie. „Wie amüsant und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Sie aber, ich bin gar nicht hochgradig, das heißt, ich war es eigentlich gar nicht, noch bis vor kurzem, nicht im geringsten ... Bis mir neulich diese Geschichte ... Hören Sie nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen war.
Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, denn sonst wäre sie nicht gekommen, nicht _ganz_ leicht vielleicht sogar, aber eher leicht als schwer. Der Pneumothorax, diese noch junge und rasch zu großer Beliebtheit gelangte Errungenschaft der chirurgischen Technik, hatte sich auch in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war vollkommen gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie war verheiratet, wenn auch kinderlos – durfte sie in drei bis vier Monaten zurückerwarten. Da machte sie, um sich zu amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag kein anderer Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch, hahaha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, und kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter Herzbeklemmungen und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier oben wieder eingetroffen und von Behrens, der mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt worden. Denn nun sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich, aber verpfuscht, verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem Finger hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch ihre Stirn sich blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, sagte sie, sei Behrens mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, – schon im voraus habe sie darüber lachen müssen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie schweben in absoluter Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne Umschweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen Sie.
Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Erklärung so perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen und weil sie nicht daran glaubte, oder obgleich sie daran glaubte – denn das mußte sie doch wohl tun –, aber die Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie schwebte, eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle, trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten worden, war sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Gatten denn richtig gestorben, – eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp es hörte, von sich aus hinzufügte.
Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Unternehmungsgeist mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals weitere Beziehungen zu den Schwerkranken des Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit zu dem Sohne von „_Tous les deux_“, dem zweiten, der noch übrig war, nachdem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und mit H₂CO geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der kürzlich aus dem „Fridericianum“ genannten Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu schwer gewesen, heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder. Ferner zu der unglückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und die von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern und barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini Hans Castorp eines Tages in diesem Sinne an.
„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wandel. Sie haben sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen Rechtfertigung durch gute Werke?“
„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, wovon es lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und ich ...“
„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es mit Ihnen zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das ist gewiß. Der Leutnant ist eine respektable, aber einfache und geistig unbedrohte Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe verursacht. Sie werden mich an seine Führerschaft nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der Gefährdetere sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“
„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen. Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, das ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter, nach den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die sterben.“
„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, sagte der Italiener.
Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene aus, daß gar so manches geschrieben stehe, dies und auch wieder jenes, so daß es schwer sei, das Rechte herauszufinden und es zu befolgen. Selbstverständlich hatte der Drehorgelmann einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, das war zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach wie vor bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise hörenswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beeinflussen zu lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwelcher erzieherischer Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz Mutter Gerngroß und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der Überfüllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von bedeutender Tragweite erschienen.
Der Sohn _Tous-les-deux’_ hieß Lauro. Er hatte Blumen erhalten, erdig duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“, und da die Anonymität zur reinen Formsache geworden war und jedermann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete _Tous-les-deux_ selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, bei einer Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, indem sie sie mit rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch ein gramvoll einladendes Gebärdenspiel aufforderte, den Dank ihres Sohnes – _de son seul et dernier fils qui allait mourir aussi_ – persönlich entgegenzunehmen. Das geschah auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen sproßte, – zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Gebaren, daß die Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh waren, als sich die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß. Denn während _Tous-les-deux_ in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen Winkel ihres großen Mundes harmvoll tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am Bette Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu wiederholen: „_Tous les dé, vous comprenez, messiés ... Premièrement l’un et maintenant l’autre_“ – erging sich der schöne Lauro, ebenfalls auf französisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, _comme héros, à l’espagnol_, gleich seinem Bruder, _de même que son fier jeune frère Fernando_, der ebenfalls wie ein spanischer Held gestorben sei, – gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den Streichen des Todes die gelbe Brust zu bieten, und betrug sich so fort, bis ein Hustenanfall, der ihm dünnen, rosafarbenen Schaum auf die Lippen trieb, seine Rodomontaden erstickte und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen hinauszugehen.
Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und auch im stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über sein Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton Karlowitsch Ferge aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen Schnurrbart und seinem ebenfalls mit gutmütigem Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und sich nur langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf der Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen Chok dabei erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt bei diesem modischen Eingriff. Bei ihm aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher Form, als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen und vorläufig vertagen müssen.
Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen kam, der für ihn grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne Narkose, meine Herren. Gut, unsereiner verträgt das nicht, es verbietet sich in diesem Fall, man begreift und findet sich als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das Örtliche reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin links. Es ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist das Fleisch, das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den Herrn Hofrat sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt er an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, damit es nicht vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlassen kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf meinem Rippenfell herumfährt, – meine Herren, meine Herren! da war es um mich geschehen, es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das darf und will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt, isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt und tastete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich, entsetzlich, meine Herren, – nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal scheußliches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle riechen muß, und bei alldem hörte ich mich lachen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein Mensch lacht, sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, die ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die allerinfamste, übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt würde, so und nicht anders ist es mit dieser verdammten Schande und Qual, und das ist der Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.“
Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Karlowitsch Ferge auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück und ängstigte sich nicht wenig vor seiner Wiederholung. Übrigens hatte er sich von vornherein als einen einfachen Menschen bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und an den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem früheren Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Leben eines Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: von Petersburg aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland die assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum sei er denn ausgesandt worden, um unter diesem und jenem Vorwande einen Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu rechter Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von winterlichen Reisen durch das weite Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, unter Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen über dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in Stücken mitgenommene Kohlsuppe ausgelaufen.
In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und wieder seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles recht schön, aber wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit dem Pneumothorax bei ihm gemacht werden müsse. Es war nichts Höheres, was er vorbrachte, aber faktischer Natur und ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem es förderlich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen Kirchen mit so vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien glichen. Auch von der dortigen Menschenart, ihrer nördlichen und darum in seinen Augen desto abenteuerlicheren Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem asiatischen Einschuß ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, verwaschen, wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn Ferges gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor –, und desto besser (wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp von alldem unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf dem er sich tummelte.
Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“, einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes mehr, als eben immer nur dies, erwarte.
Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogen war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken. Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband, den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck, begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen Herren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog.
Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten, das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach, indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte, einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte.
Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen. Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, – neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da sie infolge der Vergiftung offen waren.