Der Zauberberg. Erster Band

Part 37

Chapter 373,532 wordsPublic domain

Karoline Stöhr war entsetzlich. Wenn irgend etwas den jungen Hans Castorp in seinen redlich gemeinten geistigen Bemühungen störte, so war es das Sein und Wesen dieser Frau. Ihre beständigen Bildungsschnitzer hätten genügt. Sie sagte „Agonje“ statt „Todeskampf“; „insolvent“, wenn sie jemandem Frechheit zum Vorwurf machte, und gab über die astronomischen Vorgänge, die eine Sonnenfinsternis zeitigen, den greulichsten Unsinn zum besten. Mit den liegenden Schneemassen, sagte sie, sei es „eine wahre Kapazität“; und eines Tages setzte sie Herrn Settembrini in lang andauerndes Erstaunen durch die Mitteilung, sie lese zur Zeit ein der Anstaltsbibliothek entnommenes Buch, das ihn angehe, nämlich „Benedetto Cenelli in der Übersetzung von Schiller“! Sie liebte Redensarten, die dem jungen Hans Castorp, ihrer Abgeschmacktheit und modisch ordinären Verbrauchtheit wegen, auf die Nerven gingen, wie zum Beispiel: „Das ist die Höhe!“ oder: „Du ahnst es nicht!“ Und da die Bezeichnung „blendend“, die das Modemaul lange Zeit für „glänzend“ oder „vorzüglich“ gebraucht hatte, sich als gänzlich ausgelaugt, entkräftet, prostituiert und sohin veraltet erwies, so warf sie sich auf das Neueste, nämlich das Wort „verheerend“, und fand nun, im Ernst oder höhnischerweise, alles „verheerend“, die Schlittenbahn, die Mehlspeise und ihre eigene Leibeswärme, was ebenfalls ekelhaft anmutete. Hinzu kam ihre Klatschsucht, die unmäßig war. Mochte sie immerhin erzählen, Frau Salomon trage heute die kostbarste Spitzenwäsche, denn sie sei zur Untersuchung bestellt und ziere sich dabei vor den Ärzten mit feinem Unterzeug: – es hatte seine Richtigkeit damit, Hans Castorp selbst hatte den Eindruck gewonnen, daß die Prozedur der Untersuchung, unabhängig von ihrem Ergebnis, den Damen Vergnügen bereite, und daß sie sich kokett dafür schmückten. Aber was sollte man zu Frau Stöhrs Versicherung sagen, Frau Redisch aus Posen, die im Verdacht tuberkulösen Rückenmarks stehe, müsse wöchentlich einmal zehn Minuten lang vollständig nackt vor Hofrat Behrens im Zimmer hin und her marschieren? Die Unwahrscheinlichkeit dieser Behauptung kam fast ihrer Anstößigkeit gleich, aber Frau Stöhr verfocht und beschwor sie aufs äußerste, – obgleich schwer begreiflich erschien, wie die Arme auf Dinge, wie diese, so viel Eifer, Nachdruck und Rechthaberei verwenden mochte, da ihre eigensten Angelegenheiten ihr schwer zu schaffen machten. Denn zwischendurch suchten Anfälle von feiger und weinerlicher Besorgnis sie heim, deren Anlaß ihre angeblich zunehmende „Schlaffheit“ oder das Ansteigen ihrer Kurve war. Sie kam schluchzend zu Tisch, die spröden roten Backen von Tränen überströmt und heulte in ihr Taschentuch, daß Behrens sie in ihr Bett schicken wolle, sie aber wolle wissen, was er hinter ihrem Rücken gesagt habe, was ihr fehle, wie es um sie stehe, sie wolle der Wahrheit ins Auge sehen! Zu ihrem Entsetzen hatte sie eines Tages bemerkt, daß ihr Bett mit dem Fußende in der Richtung der Haustür stehe und erlitt fast Krämpfe dieser Entdeckung wegen. Man verstand ihre Wut, ihr Grauen nicht ohne weiteres, Hans Castorp im besonderen verstand sich nicht gleich darauf. Nun und? Wieso? Warum das Bett nicht stehen solle, wie es stehe? – Aber ob er, um Gottes willen, denn nicht begreife! „_Die Füße voran ...!_“ Sie schlug verzweifelten Lärm, und sofort mußte das Bett umgestellt werden, obgleich sie fortan vom Kissen ins Licht sah, was ihren Schlaf beeinträchtigte.

Das alles war unernst; es kam Hans Castorps geistigen Bedürfnissen sehr wenig entgegen. Ein schreckhafter Zwischenfall, der sich um diese Zeit während einer Mahlzeit ereignete, machte besonderen Eindruck auf den jungen Mann. Ein noch neuer Patient, der Lehrer Popów, ein magerer und stiller Mensch, der mit seiner ebenfalls mageren und stillen Braut am Guten Russentisch Platz gefunden hatte, erwies sich, da eben das Essen in vollem Gange war, als epileptisch, indem er einen krassen Anfall dieser Art erlitt, mit jenem Schrei, dessen dämonischer und außermenschlicher Charakter oft geschildert worden ist, zu Boden stürzte und neben seinem Stuhle unter den scheußlichsten Verrenkungen mit Armen und Beinen um sich schlug. Erschwerend wirkte, daß es ein Fischgericht war, das eben gereicht worden, so daß zu befürchten stand, Popów möchte in seiner Krampfverzückung an einer Gräte Schaden nehmen. Der Aufruhr war unbeschreiblich. Die Damen, Frau Stöhr voran, aber ohne daß etwa die Frauen Salomon, Redisch, Hessenfeld, Magnus, Iltis, Levi und wie sie nun heißen mochten, ihr etwas nachgegeben hätten, wurden von den verschiedensten Zuständen betreten, so daß einige es Herrn Popów fast gleichtaten. Ihre Schreie gellten. Man sah nichts als zugekrampfte Augen, offene Münder und verdrehte Oberkörper. Eine einzelne gab stiller Ohnmacht den Vorzug. Erstickungsanfälle, da jedermann von dem wilden Ereignis im Kauen und Schlucken überrascht worden war, spielten sich ab. Ein Teil der Tischgesellschaft suchte durch die verfügbaren Ausgänge das Weite, auch durch die Verandatüren, obgleich es draußen sehr naßkalt war. Es trug aber der ganze Vorfall ein eigentümliches und außer seiner Entsetzlichkeit auch anstößiges Tonzeichen, und zwar vermöge einer allgemein sich aufdrängenden Ideenverbindung, die an den jüngsten Vortrag Dr. Krokowskis anknüpfte. Der Analytiker war nämlich bei seinen Ausführungen über die Liebe als krankheitbildende Macht gerade am letzten Montag auf die Fallsucht zu reden gekommen und hatte dies Leiden, worin die Menschheit in voranalytischen Zeiten abwechselnd eine heilige, ja prophetische Heimsuchung und eine Teufelsbesessenheit gesehen, mit halb poetischen, halb unerbittlich wissenschaftlichen Worten als Äquivalent der Liebe und Orgasmus des Gehirns angesprochen, kurz, es in einem solchen Sinne verdächtigt, daß seine Zuhörer die Aufführung des Lehrers Popów, diese Illustration des Vortrags, als wüste Offenbarung und mysteriösen Skandal verstehen mußten, so daß denn auch in dem verhüllten Entfliehen der Damen eine gewisse Schamhaftigkeit sich ausdrückte. Der Hofrat selbst war bei der Mahlzeit zugegen, und er war es, der, zusammen mit der Mylendonk und einigen jungen, handfesten Tafelgenossen, den Ekstatiker, blau, schäumend, steif und verzerrt, wie er war, aus dem Saal in die Halle schaffte, wo man die Ärzte, die Oberin und anderes Personal noch längere Zeit an dem Sinnlosen hantieren sah, der dann auf einer Bahre davongetragen wurde. Ganz kurze Zeit danach aber sah man Herrn Popów stillvergnügt, in Gesellschaft seiner ebenfalls stillvergnügten Braut, wieder am Guten Russentisch sitzen und, als sei nichts geschehen, sein Mittagessen beenden!

Hans Castorp hatte dem Ereignis mit den äußeren Zeichen respektvollen Schreckens beigewohnt, im Grunde aber mutete auch dies ihn nicht ernst an, Gott mochte ihm helfen. Popów hätte an seinem Fischbissen freilich ersticken können, aber in Wirklichkeit war er ja nicht erstickt, sondern hatte, bei aller bewußtlosen Wut und Lustbarkeit, im Stillsten wohl dennoch ein wenig achtgegeben. Nun saß er heiter, aß fertig und tat, als habe er sich nie wie ein Berserker und rasender Trunkenbold benommen, erinnerte sich gewiß auch nicht daran. Auch seine Erscheinung aber war nicht danach angetan, Hans Castorps Ehrfurcht vor dem Leiden zu stärken; auch sie, in ihrer Art, vermehrte die Eindrücke unernster Liederlichkeit, denen er sich widerstrebend hier oben ausgesetzt fand, und denen er durch eine den herrschenden Sitten widersprechende nähere Beschäftigung mit den Schweren und Moribunden entgegenzuwirken wünschte.

Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag ein ganz junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den Mitteilungen Schwester Alfredas zufolge im Begriffe war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn Tagen vier heftige Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren heraufgekommen, um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien das nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Castorp sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blumentopf und den Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar hatte Leila jetzt nicht Geburtstag, würde diesen auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr erleben, da er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blumenladen, dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphäre er mit bewegter Brust einatmete, und erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne Namensnennung, mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, angenehm benommen vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem Gefühl der Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß.

Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand unmittelbar der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Ärzte; aber Schwester Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie erstattete den jungen Leuten Bericht über die Wirkung ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der aussichtslosen Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch gefreut über den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie liebkoste sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und erfreut gewesen, und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht einmal versuchen konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand, sich nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, auf Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein.

Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf mit genau vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz furchtbarer Blutverluste und einer Atmung, die nur vermittelst eines ganz unzulänglichen Restbestandes von tauglichem Lungengewebe geschah, einen zwar zarten, aber eigentlich nicht elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit etwas tonarmer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die anwesenden Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, wie man es erwartete, und sich gewissermaßen entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt, mit zärtlicher Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb dazu war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf ein Knie niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest, obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß war, denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; beständig verausgabte sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und vertrocknet sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade, von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, der Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll, wie sie waren, hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände der Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Unterhaltung nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – ein Hüne, dessen organische Unschuld an der Disposition und Aufnahmelustigkeit des Töchterchens in die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich vielmehr seine Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem Typus, deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, während ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), und die Vettern, von Schwester Alfreda mit den Blicken dazu gemahnt, sich verabschiedeten, geleitete Frau Gerngroß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in Selbstanklagen, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr allein komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht das geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, habe nur ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein bißchen und obenhin, ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Dann habe sie es überwunden, ganz und gar, wie ihr bezeugt worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so gern heiraten und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und genesen sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann, der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten gedacht habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das Unglück doch nicht verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei dem Kinde, da sei das Schreckliche, das Begrabene und Vergessene wieder zum Vorschein gekommen, und es werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran, während sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben.

Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über die Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin schluchzte nur auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für alles, für die Hortensie und dafür, daß sie das Kind durch ihren Besuch noch ein wenig zerstreut und beglückt. Da läge die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während andere junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust ertöte. Sie hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein Gott, wohl den letzten. Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg und das Geplauder mit den beiden stattlichen Kavalieren wie ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das habe sie, Mutter Gerngroß, wohl gesehen.

Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders da die Majorin das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das heißt nicht englisch, sondern mit deutschem i ausgesprochen hatte, was ihn maßlos irritierte. Auch war er kein stattlicher Kavalier, sondern hatte die kleine Leila aus Protest gegen den herrschenden Egoismus und in medizinisch-geistlicher Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt über den letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte des Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele und Sinn zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete er noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich langweilte, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine ganz kurze Weile beschieden war.

Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Castorps Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist war stärker als seines Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch Schweigen und Niederschlagen der Augen geltend machen konnte, da er sie, ohne Mangel an Christentum zu bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans Castorp sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich nun doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unternehmungen, und wenn sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er über Joachims stillen Widerstand eben hinwegschreiten. Er erwog mit ihm, ob man auch dem jungen Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich dieser Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte sehr, es zu tun; Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich mit der Hortensie, die violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend gefallen; und so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen Zustand ausgeglichen werde, und daß er, um Blumenspenden entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende ohne weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien. So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme Duftatmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rotbein mit einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nelken- und Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen Leute gemeldet hatte.

Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon etwas kahl und grau auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit großen Händen, großer Nase und großen Ohren, zeigte sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und Zerstreuung, – wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden begrüßte und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder Stimme, auf den europäischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der Gärtnereien von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und Postsendungen, die von diesen Orten täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann, und in dieser Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben war. Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort war er erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet und dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät gesetzt, wodurch er so sehr heruntergekommen sei. Hier oben habe er essen dürfen, und er habe es getan: im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette gesessen und sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein Darm sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. Nun sei sein Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens telegraphisch berufen. Denn es solle ja nun ein entscheidender Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm vorgenommen werden, man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich die Chancen verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich hierüber und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der geschäftlichen Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge unter diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte er, sei, die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend Franken fixiert, denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in Betracht, sechs bis acht Rippen, und es frage sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage sein werde. Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig, während das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob er nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben.

Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müsse die hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats bei der Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die Meinung des im Anrollen begriffenen alten Rotbein den Ausschlag geben zu lassen. Bei der Verabschiedung weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es nur aus Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, und sie versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr dazu. Denn da abends der Puppenfabrikant eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur Operation geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr empfangsfähig gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp im Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde. Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof schon verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribundus in einer anderen Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war, die sich ihr einzig eröffnete.

Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei aufeinander getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert wurde, wie man bemerkte, wenn man auf dem Weg in den Speisesaal oder ins Freie daran vorüberkam, – war ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß er einem kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit, von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten Zimmer Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. Zuweilen wußte man, wer auf der betreffenden Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu denken gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand erblickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit. Er stand und schaute, versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des Weges kam.

„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. „Guten Tag, Herr Hofrat. Die kleine Leila ...“

„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach einem Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, setzte er hinzu:

„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den Hof gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lungenpfeiferchen in ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ rüstig wie Sie persönlich sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine Richtigkeit haben, daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem Charakterbild. Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es Sie interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner ‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden Leidensgenossen vor.“

Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom Munde genommen und ihm genau das angeboten, um was er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar mache er Gebrauch von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das denn sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle.

„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. Lassen Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit wenigen Schritten waren sie am Zimmer der „Überfüllten“. Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er seinem Begleiter zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt aus dem Zimmer und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Besucher klang es wieder entgegen, als ihm einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und Behrens ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie halb sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch und silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats Redensarten lachte sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abgehenden vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit der Hand hinter ihm drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne Läufe, stemmte die Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust und konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann.