Der Zauberberg. Erster Band

Part 36

Chapter 363,438 wordsPublic domain

Der Tag war ausgezeichnet durch eine musikalische Veranstaltung am Abend, ein richtiges Konzert mit Stuhlreihen und gedruckten Programmen, das Denen hier oben vom Hause „Berghof“ geboten wurde. Es war ein Liederabend, gegeben von einer am Orte ansässigen und Unterricht erteilenden Berufssängerin mit zwei Medaillen seitlich unter dem Ausschnitt ihres Ballkleides, Armen, die Stöcken glichen, und einer Stimme, deren eigentümliche Tonlosigkeit über die Gründe ihrer Ansiedelung hier oben betrübende Auskunft gab. Sie sang:

„Ich trage meine Minne mit mir herum.“

Der Pianist, der sie begleitete, war ebenfalls ortsansässig ... Frau Chauchat saß in der ersten Reihe, benutzte jedoch die Pause, um sich zurückzuziehen, so daß Hans Castorp von da an der Musik (es war Musik unter allen Umständen) mit ruhigem Herzen lauschen konnte, indem er während des Gesanges den Text der Lieder mitlas, der auf dem Programm gedruckt stand. Eine Weile saß Settembrini an seiner Seite, verschwand aber ebenfalls, nachdem er über den dumpfen _bel canto_ der Ansässigen einiges Pralle, Plastische angemerkt und sein satirisches Behagen darüber ausgedrückt, daß man auch heute abend so treu und traulich unter sich sei. Die Wahrheit zu sagen, spürte Hans Castorp Erleichterung, als sie beide fort waren, die Schmaläugige und der Pädagog, und er in Freiheit den Liedern seine Aufmerksamkeit widmen konnte. Er fand es gut, daß in der ganzen Welt und noch unter den besondersten Umständen Musik gemacht wurde, wahrscheinlich sogar auf Polarexpeditionen.

Der zweite Weihnachtstag unterschied sich durch nichts mehr, als durch das leichte Bewußtsein seiner Gegenwart, von einem gewöhnlichen Sonn- oder auch nur Wochentag, und als er vorüber war, da lag das Weihnachtsfest im Vergangenen, – oder, ebenso richtig, es lag wieder in ferner Zukunft, in jahresferner: zwölf Monate waren nun wieder bis dahin, wo es sich im Kreislauf erneuern würde, – schließlich nur sieben Monate mehr, als Hans Castorp hier schon verbracht hatte.

Aber gleich nach dem diesjährigen Weihnachten, noch vor Neujahr, starb denn also der Herrenreiter. Die Vettern erfuhren es von Alfreda Schildknecht, genannt Schwester Berta, der Pflegerin des armen Fritz Rotbein, die ihnen das diskrete Vorkommnis auf dem Gange erzählte. Hans Castorp nahm eindringlich Anteil daran, teils weil die Lebensäußerungen des Herrenreiters zu den ersten Eindrücken gehört hatten, die er hier oben empfangen, – zu denen, die zuerst, wie ihm schien, den Wärmereflex in seiner Gesichtshaut hervorgerufen hatten, der seitdem nicht mehr daraus hatte weichen wollen, – teils aus moralischen, man möchte sagen: geistlichen Gründen. Er hielt Joachim lange im Gespräch mit der Diakonissin fest, die Ansprache und Austausch mit klammernder Dankbarkeit genoß. Es sei ein Wunder, sagte sie, daß der Herrenreiter das Fest noch erlebt habe. Längst habe er sich als zäher Kavalier erwiesen gehabt, allein womit er zuletzt noch geatmet, sei keinem begreiflich gewesen. Seit Tagen schon habe er sich freilich nur mit Hilfe gewaltiger Mengen Sauerstoffes gehalten: gestern allein habe er vierzig Ballons konsumiert, das Stück zu sechs Franken. Das müsse ins Geld gelaufen sein, wie die Herren sich ausrechnen könnten, und dabei sei zu bedenken, daß seine Gemahlin, in deren Armen er danach verschieden, völlig mittellos hinterbleibe. Joachim mißbilligte diesen Aufwand. Wozu die Quälerei und kostspielig künstliche Hinfristung in einem ganz aussichtslosen Fall? Dem Mann sei es nicht zu verargen, daß er das teure Lebensgas blindlings verzehrt, da man es ihm aufgenötigt hatte. Dagegen die Behandelnden hätten vernünftiger denken und ihn in Gottes Namen seines unvermeidlichen Weges ziehen lassen sollen, ganz abgesehen von den Verhältnissen und gar nun mit Rücksicht auf diese. Die Lebenden hätten doch auch ein Recht und so weiter. Dem widersprach Hans Castorp mit Nachdruck. Sein Vetter rede ja fast schon wie Settembrini, ohne Achtung und Scheu vor dem Leiden. Der Herrenreiter sei doch am Ende gestorben, da höre der Spaß auf, man könne nichts weiter tun, um seinen Ernst zu erweisen, und einem Sterbenden gebühre jeder Respekt und Ehrenaufwand, darauf bestehe Hans Castorp. Er wolle nur hoffen, daß Behrens den Herrenreiter zuletzt nicht angeschrien und pietätloserweise gescholten habe? Kein Anlaß, erklärte die Schildknecht. Einen kleinen, unbesonnenen Versuch zu entwischen habe der Herrenreiter zwar zuletzt noch gemacht und aus dem Bett springen wollen; aber ein leichter Hinweis auf die Zwecklosigkeit solchen Beginnens habe genügt, ihn ein für allemal davon abstehen zu lassen.

Hans Castorp nahm den Verblichenen in Augenschein. Er tat es aus Trotz gegen das herrschende System der Verheimlichung, weil er das egoistische Nichts-wissen-, Nichts-sehen-und-hören-wollen der andern verachtete und ihm durch die Tat zu widersprechen wünschte. Bei Tische hatte er den Todesfall zur Sprache zu bringen versucht, war aber auf einmütige und so verstockte Ablehnung dieses Themas gestoßen, daß es ihn beschämt und empört hatte. Frau Stöhr war geradezu grob geworden. Was ihm einfalle, von so etwas anzufangen, hatte sie gefragt, und was er denn eigentlich für eine Kinderstube genossen. Die Ordnung des Hauses schütze sie, die Patientenschaft, sorgfältig davor, von solchen Geschichten berührt zu werden, und da komme nun so ein Grünschnabel und rede ganz laut davon, noch dazu beim Braten und dazu wieder in Gegenwart des Dr. Blumenkohl, den es täglich ereilen könne. (Dies hinter der Hand.) Wiederhole sich das, so werde sie klagbar werden. Da war es, daß der Gescholtene den Entschluß gefaßt und ihm auch Ausdruck verliehen hatte, für seine Person dem abgeschiedenen Hausgenossen durch einen Besuch und stille Andachtsverrichtung an seinem Lager die letzte Ehre zu erweisen, und auch Joachim hatte er bestimmt, das zu tun.

Durch Vermittlung Schwester Alfredas erlangten sie Eintritt in das Sterbezimmer, das im ersten Stock unter ihren eigenen Zimmern gelegen war. Die Witwe empfing sie, eine kleine, zerzauste, von Nachtwachen mitgenommene Blonde, das Taschentuch vor dem Munde, mit roter Nase und in dickem Plaidmantel, dessen Kragen sie aufgestellt hatte, denn es war sehr kalt im Zimmer. Die Heizung war abgestellt, die Balkontür offen. Gedämpft sagten die jungen Leute das Erforderliche und gingen dann, durch eine Handbewegung schmerzlich eingeladen, durch das Zimmer zum Bett, – mit ehrerbietig vorwärts wiegenden Schritten gingen sie, ohne Benutzung der Stiefelabsätze, und standen in Betrachtung am Lager des Toten, ein jeder nach seiner Art: Joachim dienstlich geschlossen, in salutierender Halbverbeugung, Hans Castorp gelöst und versunken, die Hände vor sich gekreuzt, den Kopf auf der Schulter, mit einer Miene, ähnlich derjenigen, mit der er Musik zu hören pflegte. Des Herrenreiters Kopf lag hoch gebettet, so daß der Körper, dieser lange Aufbau und vielfache Zeugungskreis des Lebens, mit der Erhöhung der Füße am Ende unter der Decke, desto flacher, fast brettartig flach erschien. Ein Blumengewinde lag in der Gegend der Knie, und der daraus hervorragende Palmzweig berührte die großen, gelben, knöchernen Hände, die auf der eingefallenen Brust gefaltet waren. Gelb und knöchern war auch das Gesicht mit dem kahlen Schädel, der gehöckerten Nase, den scharfen Backenknochen und dem buschigen, rotblonden Schnurrbart, dessen Dicke die grauen, stoppligen Höhlen der Wangen noch stärker vertiefte. Die Augen waren auf eine gewisse unnatürlich feste Weise geschlossen, – zugedrückt, mußte Hans Castorp denken, nicht zugemacht: den letzten Liebesdienst nannte man das, obgleich es im Sinne der Überlebenden mehr, als um des Toten willen geschah. Auch mußte es beizeiten, gleich nach dem Tode geschehen; denn wenn erst die Myosinbildung in den Muskeln vorgeschritten war, so ging es nicht mehr, und er lag und starrte, und um die sinnige Vorstellung des „Schlummers“ war es getan.

Sachkundig und in mehr als einer Beziehung in seinem Elemente stand Hans Castorp am Lager, bewandert, aber fromm. „Er scheint zu schlafen“, sagte er aus Menschlichkeit, obgleich große Unterschiede vorhanden waren. Und dann begann er mit schicklich gedämpfter Stimme ein Gespräch mit der Witwe des Herrenreiters, zog über die Leidensgeschichte ihres Gatten, seine letzten Tage und Augenblicke, den zu bewerkstelligenden Transport des Körpers nach Kärnten Erkundigungen ein, die von einer teils medizinischen, teils geistlich-sittlichen Teilnahme und Eingeweihtheit zeugten. Die Witwe, in ihrer österreichisch schleppenden und näselnden Sprechweise und zuweilen aufschluchzend, fand es bemerkenswert, daß junge Leute zur Beschäftigung mit fremdem Kummer sich so aufgelegt zeigten; worauf Hans Castorp erwiderte, sein Vetter und er, sie seien ja selber krank, überdies habe er, für seine Person, frühe an den Sterbebetten naher Angehöriger gestanden, er sei Doppelwaise, von langer Hand her sei ihm der Tod vertraut, sozusagen. Welchen Beruf er gewählt habe, fragte sie. Er antwortete, er sei Techniker „gewesen“. – Gewesen? – Gewesen insofern, als nun ja die Krankheit und ein noch recht unbestimmt begrenzter Aufenthalt hier oben dazwischengekommen sei, was doch einen bedeutenden Einschnitt und möglicherweise etwas wie einen Lebenswendepunkt darstelle, was könne man wissen. (Joachim sah ihn mit forschendem Schrecken an.) Und sein Herr Vetter? – Der wolle Soldat sein im Tieflande, er sei Offiziersaspirant. – Oh, sagte sie, das Kriegerhandwerk sei freilich auch ein Beruf, der zum Ernst anhalte, ein Soldat müsse damit rechnen, unter Umständen mit dem Tode in nahe Berührung zu kommen und tue wohl gut, sich frühzeitig an seinen Anblick zu gewöhnen. Sie beurlaubte die jungen Leute mit Dank und freundlicher Fassung, die Achtung erwecken mußte in Anbetracht ihrer beklommenen Lage und besonders der hohen Oxygenrechnung, die der Gatte zurückgelassen. Die Vettern kehrten in ihr Stockwerk zurück. Hans Castorp zeigte sich befriedigt von dem Besuch und geistlich angeregt durch die empfangenen Eindrücke.

„_Requiescat in pace_“, sagte er. „_Sit tibi terra levis. Requiem aeternam dona ei, Domine._ Siehst du, wenn es sich um den Tod handelt und man zu Toten spricht oder von Toten, so tritt auch wieder das Latein in Kraft, das ist die offizielle Sprache in solchen Fällen, da merkt man, was für eine besondere Sache es mit dem Tode ist. Aber es ist nicht aus humanistischer Courtoisie, daß man Lateinisch redet zu seinen Ehren, die Totensprache ist kein Bildungslatein, verstehst du, sondern von einem ganz anderen Geist, einem ganz entgegengesetzten, kann man wohl sagen. Das ist Sakrallatein, Mönchsdialekt, Mittelalter, so ein dumpfer, eintöniger, unterirdischer Gesang gewissermaßen, – Settembrini fände kein Gefallen daran, es ist nichts für Humanisten und Republikaner und solche Pädagogen, es ist von einer anderen Geistesrichtung, der anderen, die es gibt. Ich finde, man muß sich klar sein über die verschiedenen Geistesrichtungen oder Geistesstimmungen, wie man wohl richtiger sagen sollte, es gibt die fromme und die freie. Sie haben beide ihre Vorzüge, aber was ich gegen die freie, die Settembrinische meine ich, auf dem Herzen habe, ist nur, daß sie die Menschenwürde so ganz in Pacht zu haben glaubt, das ist übertrieben. Die andere enthält auch viel menschliche Würde in ihrer Art und gibt Veranlassung zu einer Menge Wohlanstand und properer Haltung und nobler Förmlichkeit, mehr sogar als die ‚freie‘, obgleich sie die menschliche Schwäche und Hinfälligkeit ja besonders im Auge hat und der Gedanke an Tod und Verwesung eine so wichtige Rolle darin spielt. Hast du mal im Theater den ‚Don Carlos‘ gesehen und wie es zuging am spanischen Hof, wenn König Philipp hereinkommt, ganz in Schwarz, mit dem Hosenbandorden und dem Goldenen Vließ, und langsam den Hut zieht, der beinahe schon aussieht wie unsere Melonen, – so nach oben hin zieht er ihn und sagt: ‚Bedeckt euch, meine Granden‘ oder so ähnlich, – im höchsten Grade gemessen ist das, darf man wohl sagen, von Gehenlassen und schlottrigen Sitten kann da nicht die Rede sein, im Gegenteil, und die Königin sagt denn ja auch: ‚In meinem Frankreich wars doch anders‘, natürlich, der ist es zu akkurat und umständlich, die möchte es fideler haben, menschlicher. Aber was heißt menschlich? Menschlich ist alles. Das spanisch Gottesfürchtige und Demütig-Feierliche und streng Abgezirkelte ist eine sehr würdige Fasson der Menschlichkeit, sollte ich meinen, und andererseits kann man mit dem Worte ‚menschlich‘ jede Schlamperei und Schlappheit zudecken, da wirst du mir recht geben.“

„Da gebe ich dir recht,“ sagte Joachim, „Schlappheit und Gehenlassen kann ich natürlich auch nicht leiden, Disziplin muß sein.“

„Ja, das sagst du als Militär, und ich gebe zu, beim Militär versteht man sich auf diese Dinge. Die Witwe hatte ganz recht, von eurem Handwerk zu sagen, es habe eine ernsthafte Bewandtnis damit, denn immer müßtet ihr mit dem äußersten Ernstfalle rechnen und damit, es mit dem Tod zu tun zu bekommen. Ihr habt die Uniform, die ist knapp und propper und hat einen steifen Kragen, das gibt euch _bienséance_. Und dann habt ihr die Rangordnung und den Gehorsam und erweist euch umständlich Ehre untereinander, das geschieht in spanischem Geiste, aus Frömmigkeit, ich mag es im Grunde wohl leiden. Bei uns Zivilisten sollte von diesem Geiste auch mehr herrschen, in unseren Sitten und unserm Gehaben, das wäre mir lieber, ich fände es passend. Ich finde, die Welt und das Leben ist danach angetan, daß man sich allgemein schwarz tragen sollte, mit einer gestärkten Halskrause statt eures Kragens, und ernst, gedämpft und förmlich miteinander verkehren im Gedanken an den Tod, – so wär es mir recht, es wäre moralisch. Siehst du, das ist auch so ein Irrtum und Eigendünkel von Settembrini, noch einer, es ist ganz gut, daß ich gesprächsweise mal darauf komme. Nicht bloß die Menschenwürde meint er in Pacht zu haben, sondern auch die Moral, – mit seiner ‚praktischen Lebensarbeit‘ und seinen Fortschritts-Sonntagsfeiern (als ob man nicht gerade Sonntags an was anderes zu denken hätte als an den Fortschritt) und mit seiner systematischen Ausmerzung der Leiden, wovon du übrigens nichts weißt, aber mir hat er zu meiner Belehrung davon erzählt, – systematisch will er sie ausmerzen, vermittelst eines Lexikons. Und wenn mir nun das gerade unmoralisch vorkommt, – was dann? Ihm sage ich es natürlich nicht, er redet mich ja in Grund und Boden mit seiner plastischen Mundart und sagt: ‚Ich warne Sie, Ingenieur!‘ Aber denken dürfen wird man sich ja sein Teil, – Sire, geben Sie Gedankenfreiheit. Ich will dir was sagen“, schloß er. (Sie waren in Joachims Zimmer hinaufgelangt, und Joachim machte sich zum Liegen bereit.) „Ich werde dir sagen, was ich mir vorgenommen habe. Man lebt hier so Tür an Tür mit sterbenden Leuten und mit dem schwersten Kreuz und Jammer, aber nicht allein, daß man so tut, als ob es einen nichts anginge, sondern man wird auch geschont und geschützt, daß man nur ja nicht damit in Berührung kommt und nichts davon sieht, und den Herrenreiter, den werden sie nun auch wieder heimlich auf die Seite bringen, während wir vespern oder frühstücken. Das finde ich unmoralisch. Die Stöhr wurde ja schon wütend, weil ich den Todesfall nur erwähnte, das ist mir zu albern, und wenn sie schon ungebildet ist und glaubt, daß ‚Leise, leise, fromme Weise‘ im ‚Tannhäuser‘ vorkommt, wie es ihr neulich bei Tische passierte, so könnte sie dabei doch etwas moralischer empfinden, und die anderen auch. Ich habe mir nun vorgenommen, mich in Zukunft etwas mehr um die Schweren und Moribunden im Hause zu kümmern, das wird mir wohltun, – schon unser Besuch eben hat mir gewissermaßen gut getan. Der arme Reuter damals, auf Nr. 25, den ich in meinen ersten Tagen durch die Tür einmal sah, ist gewiß schon längst _ad penates_ gegangen und heimlich auf die Seite gebracht worden, – er hatte schon damals so übertrieben große Augen. Aber dafür sind andere da, das Haus ist voll, es fehlt nie an Zuzug, und Schwester Alfreda oder auch die Oberin oder sogar Behrens selbst werden uns gewiß behilflich sein, eine oder die andere Beziehung herzustellen, das wird sich ja unschwer machen lassen. Nimm an, jemand Moribundes hat Geburtstag, und wir erfahren es, – das läßt sich ja in Erfahrung bringen. Gut, wir schicken dem Betreffenden – oder ihr – ihm oder ihr, je nachdem – einen Blumentopf aufs Zimmer, eine Aufmerksamkeit von zwei ungenannten Kollegen, – beste Genesungswünsche, – das Wort Genesung bleibt höflicherweise immer am Platz. Dann werden wir dem Betreffenden natürlich doch genannt, und er oder sie läßt uns in ihrer Schwäche einen freundlichen Gruß durch die Tür sagen, und vielleicht lädt sie uns auf einen Augenblick ins Zimmer ein, und wir wechseln noch ein paar menschliche Worte mit ihm, bevor er sich auflöst. So denke ich es mir. Bist du nicht einverstanden? Für mein Teil hab ichs mir jedenfalls vorgenommen.“

Joachim hatte gegen diese Absichten denn auch nicht viel zu erinnern. „Es ist gegen die Hausordnung,“ sagte er; „du durchbrichst sie gewissermaßen damit. Aber ausnahmsweise, und wenn du nun einmal den Wunsch hast, wird Behrens dir wohl Permeß geben, denke ich. Du kannst dich ja auf dein medizinisches Interesse berufen.“

„Ja, unter anderem darauf“, sagte Hans Castorp; denn wirklich waren es verschlungene Motive, aus denen sein Wunsch erwuchs. Der Protest gegen den obwaltenden Egoismus war nur eines davon. Was mitsprach, war namentlich auch das Bedürfnis seines Geistes, Leiden und Tod ernst nehmen und achten zu dürfen, – ein Bedürfnis, für das er sich von der Annäherung an die Schweren und Sterbenden Genugtuung und Stärkung erhoffte, als Gegengewicht gegen vielfache Beleidigungen, denen er es sonst auf Schritt und Tritt, alltäglich und stündlich ausgesetzt fand, und durch die gewisse Urteile Settembrinis eine ihn kränkende Bekräftigung erfuhren. Beispiele bieten sich nur zu zahlreich an; hätte man Hans Castorp gefragt, er wäre vielleicht zuerst auf solche Personen im Hause „Berghof“ zu sprechen gekommen, die eingestandenermaßen überhaupt nicht krank waren und vollkommen freiwillig, unter dem offiziellen Vorwande leichter Angegriffenheit, in Wirklichkeit aber nur zu ihrem Vergnügen und weil die Lebensform der Kranken ihnen zusagte, hier lebten, wie die schon beiläufig erwähnte Witwe Hessenfeld, eine lebhafte Frau, deren Leidenschaft das Wetten war: sie wettete mit den Herren, wettete auf alles und um alles, wettete auf das Wetter, das eintreten, die Gerichte, die es geben würde, auf das Ergebnis von Generaluntersuchungen und darauf, wieviel Monate jemandem zugelegt werden würden, auf gewisse Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder Ski-Champions bei sportlichen Konkurrenzen, auf den Verlauf sich anspinnender Liebesgeschichten unter den Gästen und auf hundert andere, oft gänzlich unerhebliche und gleichgültige Dinge, wettete um Schokolade, um Champagner und Kaviar, die dann im Restaurant festlicherweise verzehrt wurden, um Geld, um Kinobilletts und selbst um Küsse, zu gebende und zu nehmende, – kurzum, sie brachte mit dieser ihrer Passion viel Spannung und Leben in den Speisesaal, nur daß ihr Treiben den jungen Hans Castorp natürlich sehr ernst nicht dünken wollte, ja, daß ihr bloßes Vorhandensein ihm als Beeinträchtigung der Würde eines Leidensortes erschien.

Denn diese Würde zu schützen und vor sich selber aufrecht zu halten, war er im Innern treulich bestrebt, so schwer es ihm fallen mochte nach einem nun fast halbjährigen Aufenthalt unter Denen hier oben. Die Einblicke, die er nach und nach in ihr Leben und Treiben, ihre Sitten und Anschauungen getan, waren seinem guten Willen wenig behilflich. Da waren jene beiden mageren Stutzerchen, siebzehn- und achtzehnjährig und „Max und Moritz“ genannt, deren abendliches Aussteigen zum Zwecke des Pokerns und der Zechereien in Damengesellschaft dem Gerede viel Stoff bot. Kürzlich, das heißt etwa acht Tage nach Neujahr (denn man muß festhalten, daß, während wir erzählen, die Zeit in ihrer still strömenden Art rastlos fortschreitet), hatte sich beim Frühstück die Nachricht verbreitet, der Bademeister habe die beiden morgens in zerknitterten Gesellschaftsanzügen auf ihren Betten betroffen. Auch Hans Castorp lachte; aber wenn es beschämend für seinen guten Willen war, so war es noch gar nicht viel im Vergleich mit den Geschichten des Rechtsanwalts Einhuf aus Jüterbog, eines spitzbärtigen Vierzigers mit schwarzbehaarten Händen, der seit einiger Zeit an Stelle des genesenen Schweden am Tisch Settembrinis saß und nicht nur jede Nacht betrunken nach Hause kam, sondern dies neulich überhaupt nicht getan hatte, vielmehr auf der Wiese gefunden worden war. Er galt für einen gefährlichen Liederjahn, und Frau Stöhr konnte auf die – im Tiefland übrigens verlobte – junge Dame mit ihrem Finger weisen, die man zu einer bestimmten Stunde aus Einhufs Zimmer hatte treten sehen, bekleidet nur mit einem Pelz, unter dem sie nichts weiter als eine Reformhose getragen haben sollte. Das war skandalös, – nicht nur in allgemein moralischem Sinn, sondern skandalös und beleidigend für Hans Castorp persönlich, im Sinn seiner geistigen Bemühungen. Es kam aber hinzu, daß er an die Person des Rechtsanwalts nicht denken konnte, ohne auch Fränzchen Oberdank mit einzubeziehen, jenes glattgescheitelte Haustöchterchen, das vor wenigen Wochen von ihrer Mutter, einer würdigen Provinzdame, heraufgeleitet worden war. Fränzchen Oberdank hatte bei ihrer Ankunft und nach der ersten Untersuchung für leichtkrank gegolten; aber mochte sie Fehler begangen haben, mochte ein Fall vorliegen, in dem die Luft zunächst nicht sowohl _gegen_, als vor allen Dingen einmal _für_ die Krankheit gut gewesen war, oder mochte die Kleine in irgendwelche Intrigen und Aufregungen verstrickt worden sein, die ihr geschadet hatten: vier Wochen nach ihrem Eintritt geschah es, daß sie, von einer neuen Untersuchung kommend, beim Betreten des Speisesaals ihr Handtäschchen in die Luft warf und mit heller Stimme ausrief: „Hurra, ein Jahr muß ich bleiben!!“ – worüber im ganzen Saal ein homerisches Gelächter sich verbreitet hatte. Aber vierzehn Tage später war die Nachricht in Umlauf gekommen, daß Rechtsanwalt Einhuf an Fränzchen Oberdank wie ein Schurke gehandelt habe. Übrigens kommt dieser Ausdruck auf unsere Rechnung oder allenfalls auf die Hans Castorps; denn den Trägern der Nachricht schien diese ihrem Wesen nach wohl nicht neu genug, um zu so starken Worten anzuregen. Auch gaben sie achselzuckend zu verstehen, daß zu solchen Geschichten ja zweie gehörten, und daß vermutlich nichts gegen Wunsch und Willen eines Beteiligten geschehen sei. Wenigstens war dies Frau Stöhrs Verhalten und sittliche Stimmung in fraglicher Angelegenheit.