Der Zauberberg. Erster Band

Part 34

Chapter 343,130 wordsPublic domain

Die Bände waren schwer, unhandlich; Hans Castorp stützte sie im Liegen mit dem unteren Rande gegen die Brust, den Magen. Es drückte, aber er nahm das in Kauf; halboffenen Mundes ließ er seine Augen über die gelehrten Seiten hinuntersteigen, die fast unnötigerweise vom rötlichen Schein des beschirmten Lämpchens erhellt waren, da sie notfalls im starken Mondlicht lesbar gewesen wären, – folgte mit dem Kopf, bis sein Kinn auf der Brust lag, eine Haltung, worin der Lesende, bevor er das Gesicht zur nächsten Seite hob, wohl nachdenkend, schlummernd oder im Halbschlummer nachdenkend etwas verweilte. Er forschte tief, er las, während der Mond über das kristallisch glitzernde Hochgebirgstal seinen gemessenen Weg ging, von der organisierten Materie, den Eigenschaften des Protoplasmas, der zwischen Aufbau und Zersetzung in sonderbarer Seinsschwebe sich erhaltenden empfindlichen Substanz und ihrer Gestaltbildung aus anfänglichen, doch immer gegenwärtigen Grundformen, las mit dringlichem Anteil vom Leben und seinem heilig-unreinen Geheimnis.

Was war das Leben? Man wußte es nicht. Es war sich seiner bewußt, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wußte nicht, was es sei. Bewußtsein als Reizempfindlichkeit, unzweifelhaft, erwachte bis zu einem gewissen Grade schon auf den niedrigsten, ungebildetsten Stufen seines Vorkommens, es war unmöglich, das erste Auftreten bewußter Vorgänge an irgendeinen Punkt seiner allgemeinen oder individuellen Geschichte zu binden, Bewußtsein etwa durch das Vorhandensein eines Nervensystems zu bedingen. Die niedersten Tierformen hatten kein Nervensystem, geschweige daß sie ein Großhirn gehabt hätten, doch wagte es niemand, ihnen die Fähigkeit der Empfindung von Reizen abzusprechen. Auch konnte man das Leben betäuben, dieses selbst, nicht nur besondere Organe der Reizempfänglichkeit, die es etwa ausbildete, nicht nur die Nerven. Man konnte die Reizbarkeit jedes mit Leben begabten Stoffes im Pflanzen- wie im Tierreich vorübergehend aufheben, konnte Eier und Samenfäden mit Chloroform, Chloralhydrat oder Morphium narkotisieren. Bewußtsein seinerselbst war also schlechthin eine Funktion der zum Leben geordneten Materie, und bei höherer Verstärkung wandte die Funktion sich gegen ihren eigenen Träger, ward zum Trachten nach Ergründung und Erklärung des Phänomens, das sie zeitigte, einem hoffnungsvoll-hoffnungslosen Trachten des Lebens nach Selbsterkenntnis, einem Sich-in-sich-Wühlen der Natur, vergeblich am Ende, da Natur in Erkenntnis nicht aufgehen, Leben im Letzten sich nicht belauschen kann.

Was war das Leben? Niemand wußte es. Niemand kannte den natürlichen Punkt, an dem es entsprang und sich entzündete. Nichts war unvermittelt oder nur schlecht vermittelt im Bereiche des Lebens von jenem Punkte an; aber das Leben selbst erschien unvermittelt. Wenn sich etwas darüber aussagen ließ, so war es dies: es müsse von so hoch entwickelter Bauart sein, daß in der unbelebten Welt auch nicht entfernt seinesgleichen vorkomme. Zwischen der scheinfüßigen Amöbe und dem Wirbeltier war der Abstand geringfügig, unwesentlich, im Vergleiche mit dem zwischen der einfachsten Erscheinung des Lebens und jener Natur, die nicht einmal verdiente, tot genannt zu werden, weil sie unorganisch war. Denn der Tod war nur die logische Verneinung des Lebens; zwischen Leben und unbelebter Natur aber klaffte ein Abgrund, den die Forschung vergebens zu überbrücken strebte. Man mühte sich, ihn mit Theorien zu schließen, die er verschlang, ohne an Tiefe und Breite im geringsten dadurch einzubüßen. Man hatte sich, um ein Bindeglied zu finden, zu dem Widersinn der Annahme strukturloser Lebensmaterie, unorganisierter Organismen herbeigelassen, die in der Eiweißlösung von selbst zusammenschössen, wie der Kristall in der Mutterlauge, – während doch organische Differenziertheit zugleich Vorbedingung und Äußerung alles Lebens blieb, und während kein Lebewesen aufzuweisen war, das nicht einer Elternzeugung sein Dasein verdankt hätte. Das Ende des Jubels, mit dem man den Urschleim aus den äußersten Tiefen des Meeres gefischt hatte, war Beschämung gewesen. Es zeigte sich, daß man Gipsniederschläge für Protoplasma gehalten. Um aber nicht vor einem Wunder haltmachen zu müssen – denn das Leben, das aus denselben Stoffen sich aufbaute und in dieselben Stoffe zerfiel wie die unorganische Natur, wäre, unvermittelt, ein Wunder gewesen –, war man trotzdem genötigt, an Urzeugung, das hieß an die Entstehung des Organischen aus dem Unorganischen, zu glauben, die übrigens ebenfalls ein Wunder war. So fuhr man fort, Zwischenstufen und Übergänge zu ersinnen, das Dasein von Organismen anzunehmen, die niedriger standen, als alle bekannten, ihrerseits aber noch ursprünglichere Lebensversuche der Natur zu Vorläufern hatten, Probien, die niemand je sehen würde, da sie sich unter aller mikroskopischen Größe hielten, und vor deren gedachter Entstehung die Synthese von Eiweißverbindungen sich vollzogen haben mußte ...

Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozeß unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Nicht-sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten und fiebrigen Prozeß von Zerfall und Erneuerung mit süß-schmerzlich-genauer Not auf dem Punkte des Seins Balancierenden. Es war nicht materiell, und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme. Aber wiewohl nicht materiell, war es sinnlich bis zur Lust und zum Ekel, die Schamlosigkeit der selbstempfindlich-reizbar gewordenen Materie, die unzüchtige Form des Seins. Es war ein heimlich-fühlsames Sichregen in der keuschen Kälte des Alls, eine wollüstig-verstohlene Unsauberkeit von Nährsaugung und Ausscheidung, ein exkretorischer Atemhauch von Kohlensäure und üblen Stoffen verborgener Herkunft und Beschaffenheit. Es war das durch Überausgleich seiner Unbeständigkeit ermöglichte und in eingeborene Bildungsgesetze gebannte Wuchern, Sichentfalten und Gestaltbilden von etwas Gedunsenem aus Wasser, Eiweiß, Salz und Fetten, welches man Fleisch nannte, und das zur Form, zum hohen Bilde, zur Schönheit wurde, dabei jedoch der Inbegriff der Sinnlichkeit und der Begierde war. Denn diese Form und Schönheit war nicht geistgetragen, wie in den Werken der Dichtung und Musik, auch nicht getragen von einem neutralen und geistverzehrten, den Geist auf eine unschuldige Art versinnlichenden Stoff, wie die Form und Schönheit der Bildwerke. Vielmehr war sie getragen und ausgebildet von der auf unbekannte Art zur Wollust erwachten Substanz, der organischen, verwesend-wesenden Materie selbst, dem riechenden Fleische ...

Dem jungen Hans Castorp, der über dem glitzernden Tal in seiner von Pelz und Wolle gesparten Körperwärme ruhte, zeigte sich in der vom Scheine des toten Gestirnes erhellten Frostnacht das Bild des Lebens. Es schwebte ihm vor, irgendwo im Raume, entrückt und doch sinnennah, der Leib, der Körper, matt weißlich, ausduftend, dampfend, klebrig, die Haut, in aller Unreinigkeit und Makelhaftigkeit ihrer Natur, mit Flecken, Papillen, Gilbungen, Rissen und körnig-schuppigen Gegenden, überzogen von den zarten Strömen und Wirbeln des rudimentären Lanugoflaums. Es lehnte, abgesondert von der Kälte des Unbelebten, in seiner Dunstsphäre, lässig, das Haupt gekränzt mit etwas Kühlem, Hornigem, Pigmentiertem, das ein Produkt seiner Haut war, die Hände im Nacken verschränkt, und blickte unter gesenkten Lidern hervor, aus Augen, die eine Varietät der Lidhautbildung schief erscheinen ließ, mit halb geöffneten, ein wenig aufgeworfenen Lippen dem Anschauenden entgegen, gestützt auf das eine Bein, so daß der tragende Hüftknochen in seinem Fleische stark hervortrat, während das Knie des schlaffen Beins, leicht abgebogen, bei auf die Zehen gestelltem Fuß sich gegen die Innenseite des belasteten schmiegte. Es stand so, lächelnd gedreht, in seiner Anmut lehnend, die schimmernden Ellbogen vorwärts gespreizt, in der paarigen Symmetrie seines Gliederbaus, seiner Leibesmale. Dem scharf dünstenden Dunkel der Achselhöhlen entsprach in mystischem Dreieck die Nacht des Schoßes, wie den Augen die rot-epithelische Mundöffnung, den roten Blüten der Brust der senkrecht in die Länge gedehnte Nabel entsprach. Unter dem Antriebe eines Zentralorgans und im Rückenmark entspringender motorischer Nerven regten sich Bauch und Brustkorb, die Pleuroperitonealhöhle blähte sich und zog sich zusammen, der Atemhauch, erwärmt und befeuchtet von den Schleimhäuten des Atmungskanals, mit Ausscheidungsstoffen gesättigt, strömte zwischen den Lippen aus, nachdem er in den Luftzellen der Lunge seinen Sauerstoff an das Hämoglobin des Blutes zur inneren Atmung gebunden. Denn Hans Castorp verstand, daß dieser Lebenskörper in dem geheimnisvollen Gleichmaß seines blutgenährten, von Nerven, Venen, Arterien, Haarfiltern durchzweigten, von Lymphe durchsickerten Gliederbaus, mit seinem inneren Gerüst von fettmarkgefüllten Röhrenknochen, von Blatt-, Wirbel- und Wurzelknochen, die aus der ursprünglichen Stützsubstanz, dem Gallertgewebe, mit Hilfe von Kalksalzen und Leim sich befestigt hatten, um ihn zu tragen; mit den Kapseln und schlüpfrig geschmierten Höhlen, Bändern und Knorpeln seiner Gelenke, seinen mehr als zweihundert Muskeln, seinen zentralen, der Ernährung, Atmung, Reizmeldung und Reizentsendung dienenden Organbildungen, seinen Schutzhäuten, serösen Höhlen, absonderungsreichen Drüsen, dem Röhren- und Spaltenwerk seiner verwickelten, durch Leibesöffnungen in die äußere Natur mündenden Innenfläche: daß dieses Ich eine Lebenseinheit von hoher Ordnung war, bei weitem nicht mehr von der Art jener einfachsten Wesen, die mit ihrer ganzen Körperoberfläche atmeten, sich ernährten und sogar dachten, sondern aufgebaut aus Myriaden solcher Kleinorganisationen, die von einer einzigen her ihren Ursprung genommen, sich durch immer wiederkehrende Teilung vervielfältigt, sich zu verschiedenen Dienststellungen und Verbänden geordnet, gesondert, eigens ausgebildet und Formen hervorgetrieben hatten, die Bedingung und Wirkung ihres Wachstums waren.

Der Leib, der ihm vorschwebte, dies Einzelwesen und Lebens-Ich war also eine ungeheuere Vielheit atmender und sich ernährender Individuen, welche, durch organische Einordnung und Sonderzweckgestaltung, des ichhaften Seins, der Freiheit und Lebensunmittelbarkeit in so hohem Grade verlustig gegangen, so sehr zu anatomischen Elementen geworden waren, daß die Verrichtung einiger sich einzig auf Reizempfindlichkeit gegen Licht, Schall, Berührung, Wärme beschränkte, andere es nur noch verstanden, ihre Form durch Zusammenziehung zu verändern oder Verdauungssekrete zu erzeugen, wieder andere zum Schutz, zur Stütze, zur Beförderung der Säfte oder zur Fortpflanzung einseitig ausgebildet und tüchtig waren. Es gab Lockerungen dieser zum hohen Ich vereinigten organischen Pluralität, Fälle, in denen die Vielzahl der Unterindividuen nur auf leichte und zweifelhafte Art zur höheren Lebenseinheit zusammengefaßt war. Der Studierende grübelte über der Erscheinung der Zellkolonien, er vernahm von Halborganismen, Algen, deren einzelne Zellen, nur in einen Mantel von Gallerte eingehüllt, oft weit voneinander lagen, mehrzellige Bildungen immerhin, die aber, zur Rede gestellt, nicht zu sagen gewußt hätten, ob sie als Siedelung einzelliger Individuen oder als Einheitswesen gewürdigt werden wollten und in ihrer Selbstaussage zwischen dem Ich und dem Wir wunderlich geschwankt haben würden. Hier wies die Natur einen Mittelstand auf zwischen der hochsozialen Vereinigung zahlloser Elementarindividuen zu Geweben und Organen einer übergeordneten Ichheit – und der freien Einzelexistenz dieser Einfachheiten: der vielzellige Organismus war nur eine Erscheinungsform des zyklischen Prozesses, in dem das Leben sich abspielte, und der ein Kreislauf von Zeugung zu Zeugung war. Der Befruchtungsakt, das geschlechtliche Verschmelzen zweier Zellenleiber, stand am Anfange des Aufbaues jedes pluralischen Individuums, wie er am Anfange jeder Generationenreihe einzeln lebender Elementargeschöpfe stand und zu sich selbst zurückführte. Denn dieser Akt war nachhaltig durch viele Geschlechter, die seiner nicht bedurften, um sich in immer wiederholter Teilung zu vermehren, bis ein Augenblick kam, wo die ungeschlechtlich entstandenen Nachkommen zur Erneuerung des Kopulationsgeschäftes sich wieder angehalten fanden, und der Kreis sich schloß. So war der vielfache Lebensstaat, entsprungen aus der Kernverschmelzung zweier elterlicher Zellen, das Zusammenleben vieler ungeschlechtlich entstandener Generationen von Zellindividuen; sein Wachstum war ihre Vermehrung, und der Zeugungskreis schloß sich, wenn Geschlechtszellen, zum Sonderzwecke der Fortpflanzung ausgebildete Elemente, sich in ihm hergestellt hatten und den Weg zu einer das Leben neu antreibenden Vermischung fanden.

Ein embryologisches Volumen in die Herzgrube gestützt, verfolgte der junge Abenteurer die Entwicklung des Organismus von dem Augenblick an, wo der Samenfaden, einer von vielen und dieser zuerst, sich antreibend durch die peitschenden Bewegungen seines Hinterleibes, mit seiner Kopfspitze an die Gallerthülle des Eies stieß und sich in den Empfängnishügel einbohrte, den das Protoplasma der Eirinde seiner Annäherung entgegenwölbte. Keine Fratze und Farce war auszudenken, in der die Natur bei der Abwandlung dieses stehenden Herganges sich nicht ernstlich gefallen hätte. Es gab Tiere, bei denen das Männchen im Darm des Weibchens schmarotzte. Es gab andere, bei denen der Arm des Erzeugers der Erzeugerin durch den Rachenschlund in das Innere griff, um seine Sämereien dort niederzulegen, worauf er, abgebissen und ausgespien, allein auf seinen Fingern davonlief, zur Betörung der Wissenschaft, die ihn lange auf Griechisch-Latein als selbständiges Lebewesen ansprechen zu müssen geglaubt hatte. Hans Castorp hörte die Gelehrtenschulen der Ovisten und Animalculisten sich zanken, von denen die einen behauptet hatten, das Ei sei ein in sich vollendeter kleiner Frosch, Hund oder Mensch und der Samen nur der Erreger seines Wachstums, während die anderen im Samenfaden, der Kopf, Arme und Beine besaß, ein vorgebildetes Lebewesen sahen, dem das Ei nur als Nährboden diente, – bis man übereingekommen war, der Ei- und der Samenzelle, die aus ursprünglich ununterscheidbaren Fortpflanzungszellen entstanden waren, gleiche Verdienstlichkeit einzuräumen. Er sah den einzelligen Organismus des befruchteten Eies auf dem Wege, sich in einen vielzelligen umzuwandeln, indem es sich furchte und teilte, sah die Zellenleiber zur Schleimhautlamelle sich zusammenschmiegen, die Keimblase sich einstülpen und einen Becher und Hohlraum bilden, der das Geschäft der Nahrungsaufnahme und Verdauung begann. Das war die Darmlarve, das Urtier, die Gastrula, Grundform alles tierischen Lebens, Grundform der fleischgetragenen Schönheit. Ihre beiden Epithellagen, die äußere und die innere, das Hautsinnesblatt und das Darmdrüsenblatt, erwiesen sich als Primitivorgane, aus denen durch Ein- und Ausstülpungen die Drüsen, die Gewebe, die Sinneswerkzeuge, die Körperfortsätze sich bildeten. Ein Streifen des äußeren Keimblattes verdickte sich, faltete sich zur Rinne, schloß sich zum Nervenrohr und wurde zur Wirbelsäule, zum Gehirn. Und wie der fötale Schleim sich zu faserigem Bindegewebe, zu Knorpel befestigte, indem die Gallertzellen statt Mucin Leimsubstanz zu erzeugen begannen, sah er an gewissen Orten die Bindegewebszellen Kalksalze und Fette aus den umspülenden Säften an sich ziehen und verknöchern. Der Embryo des Menschen kauerte in sich gebückt, geschwänzt, von dem des Schweines durch nichts zu unterscheiden, mit ungeheurem Bauchstiel und stummelhaft formlosen Extremitäten, die Gesichtslarve auf den geblähten Wanst gebeugt, und sein Werden erschien einer Wissenschaft, deren Wahrheitsvorstellung unschmeichelhaft und düster war, als die flüchtige Wiederholung einer zoologischen Stammesgeschichte. Vorübergehend hatte er Kiementaschen wie ein Roche. Es schien erlaubt oder notwendig, aus den Entwicklungsstadien, die er durchlief, auf den wenig humanistischen Anblick zu schließen, den der vollendete Mensch in Urzeiten geboten hatte. Seine Haut war mit zuckenden Muskeln zur Abwehr der Insekten ausgestattet und dicht behaart, die Ausdehnung seiner Riechschleimhaut gewaltig, seine abstehenden, beweglichen, am Mienenspiel lebhaft beteiligten Ohren zum Schallfang geschickter gewesen als gegenwärtig. Damals hatten seine Augen, von einem dritten, nickenden Lide geschützt, seitlich am Kopfe gestanden, mit Ausnahme des dritten, dessen Rudiment die Zirbeldrüse war, und das die oberen Lüfte zu überwachen vermocht hatte. Dieser Mensch hatte außerdem ein sehr langes Darmrohr, viele Mahlzähne und Schallsäcke am Kehlkopf zum Brüllen besessen und auch die männlichen Geschlechtsdrüsen im Innern des Bauchraumes getragen.

Die Anatomie enthäutete und präparierte unserem Forscher die Gliedmaßen des Menschenleibes, sie zeigte ihm ihre oberflächlichen und ihre tiefen, hinteren Muskeln, Sehnen und Bänder: diejenigen der Schenkel, des Fußes und namentlich der Arme, des Ober- und Unterarms, lehrte ihn die lateinischen Namen, mit denen die Medizin, diese Abschattung des humanistischen Geistes, sie nobler- und galanterweise benannt und unterschieden hatte, und ließ ihn vordringen bis zum Skelett, dessen Ausbildung ihm neue Gesichtspunkte lieferte, unter denen die Einheit alles Menschlichen, die Beschlossenheit aller Disziplinen darin sich betrachten ließ. Denn hier fand er sich aufs merkwürdigste an seinen eigentlichen – oder muß man sagen: früheren – Beruf, die wissenschaftliche Charge erinnert, als deren Zugehöriger er bei seiner Ankunft hier oben sich den Begegnenden (Herrn Dr. Krokowski, Herrn Settembrini) vorgestellt hatte. Um irgendetwas zu lernen – es war recht gleichgültig gewesen, was –, hatte er auf Hochschulen dies und das von Statik, von biegungsfähigen Stützen, von Belastung und von der Konstruktion als einer vorteilhaften Bewirtschaftung des mechanischen Materials gelernt. Es wäre wohl kindlich gewesen, zu meinen, daß die Ingenieurwissenschaften, die Regeln der Mechanik auf die organische Natur Anwendung gefunden hätten, aber ebensowenig konnte man sagen, daß sie davon abgeleitet worden seien. Sie fanden sich einfach darin wiederholt und bekräftigt. Das Prinzip des Hohlzylinders herrschte im Bau der langen Röhrenknochen dergestalt, daß mit dem genauen Minimum von solider Substanz den statischen Ansprüchen Genüge geschah. Ein Körper, hatte Hans Castorp gelernt, der den Anforderungen gemäß, die durch Zug und Druck an ihn gestellt werden sollen, nur aus Stäben und Bändern eines mechanisch brauchbaren Materials zusammengesetzt wird, kann dieselbe Belastung ertragen wie ein massiver Körper des gleichen Stoffes. So auch ließ bei der Entstehung der Röhrenknochen sich verfolgen, wie, schritthaltend mit der Bildung kompakter Substanz an ihrer Oberfläche, die inneren Teile, da sie mechanisch unnötig wurden, sich in Fettgewebe, das gelbe Mark, verwandelten. Der Oberschenkelknochen war ein Kran, bei dessen Konstruktion die organische Natur durch die Richtung, die sie den Knochenbälkchen gegeben, auf ein Haar die gleichen Zug- und Druckkurven ausgeführt hatte, die Hans Castorp bei der graphischen Darstellung eines so in Anspruch genommenen Gerätes korrekterweise einzutragen gehabt hätte. Er sah es mit Wohlgefallen, denn er fand sich zum Femur, oder zur organischen Natur überhaupt, nun schon in dreierlei Verhältnis stehen: dem lyrischen, dem medizinischen und dem technischen, – so groß war seine Angeregtheit; und diese drei Verhältnisse, fand er, waren eines im Menschlichen, sie waren Abwandlungen eines und desselben dringlichen Anliegens, humanistische Fakultäten ...

Bei alldem blieben die Leistungen des Protoplasmas ganz unerklärlich, dem Leben schien es verwehrt, sich selbst zu begreifen. Die Mehrzahl der biochemischen Vorgänge war nicht nur unbekannt, sondern es lag in ihrer Natur, sich der Einsicht zu entziehen. Man wußte von dem Aufbau, der Zusammensetzung der Lebenseinheit, die man die „Zelle“ nannte, fast nichts. Was half es, die Bestandteile des toten Muskels aufzuweisen? Der lebende ließ sich chemisch nicht untersuchen; schon jene Veränderungen, die die Totenstarre hervorrief, genügten, um alles Experimentieren nichtssagend zu machen. Niemand verstand den Stoffwechsel, niemand das Wesen der Nervenfunktion. Welchen Eigenschaften verdankten die schmeckenden Körper ihren Geschmack? Worin bestand die verschiedenartige Erregung gewisser Sinnesnerven durch die Riechstoffe? Worin die Riechbarkeit überhaupt? Der spezifische Geruch der Tiere und Menschen beruhte auf der Verdunstung von Substanzen, die niemand zu nennen gewußt hätte. Die Zusammensetzung des Sekrets, das man Schweiß nannte, war wenig geklärt. Die Drüsen, die es absonderten, erzeugten Aromata, die unter Säugetieren zweifellos eine wichtige Rolle spielten, und über deren Bedeutung beim Menschen man nicht unterrichtet zu sein erklärte. Die physiologische Bedeutung offenbar wichtiger Teile des Körpers war in Dunkel gehüllt. Man konnte den Blinddarm beiseite lassen, der ein Mysterium war, und den man beim Kaninchen regelmäßig mit einem breiigen Inhalt angefüllt fand, von dem nicht zu sagen war, wie er wieder hinausgelangen oder sich erneuern mochte. Aber was hatte es auf sich mit der weißen und grauen Substanz des Kopfmarks, was mit dem Sehhügel, der mit dem Optikus kommunizierte, und mit den grauen Einlagerungen der „Brücke“? Die Hirn- und Rückenmarksubstanz war dermaßen zersetzlich, daß keine Hoffnung bestand, je ihren Aufbau zu ergründen. Was enthob beim Einschlafen die Großhirnrinde ihrer Tätigkeit? Was hinderte die Selbstverdauung des Magens, die sich bei Leichen in der Tat zuweilen ereignete? Man antwortete: das Leben; eine besondere Widerstandskraft des lebenden Protoplasmas, – und tat, als bemerke man nicht, daß das eine mystische Erklärung war. Die Theorie einer so alltäglichen Erscheinung wie des Fiebers war widerspruchsvoll. Der gesteigerte Stoffumsatz hatte erhöhte Wärmeproduktion zur Folge. Aber warum steigerte sich nicht, wie sonst, kompensatorisch die Wärmeausgabe? Beruhte die Lähmung der Schweißsekretion auf Kontraktionszuständen der Haut? Aber nur bei Fieberfrost waren solche nachweisbar, denn sonst war die Haut vielmehr heiß. Der „Wärmestich“ kennzeichnete das Zentralnervensystem als Sitz der Ursachen für den erhöhten Umsatz wie für eine Hautbeschaffenheit, die man abnorm zu nennen sich begnügte, da man sie nicht zu bestimmen wußte.