Part 33
„Aus Wasser“, antwortete Behrens. „Für organische Chemie interessieren Sie sich also auch? Das ist allergrößtenteils Wasser, woraus der humanistische Menschenleib besteht, nichts Besseres und nichts Schlechteres, es ist keine Ursache, heftig zu werden. Die Trockensubstanz beträgt bloß fünfundzwanzig Prozent, und davon sind zwanzig Prozent gewöhnliches Hühnereiweiß, Proteinstoffe, wenn Sie es ein bißchen nobler ausdrücken wollen, denen eigentlich nur noch ein bißchen Fett und Salz zugesetzt ist, das ist so gut wie alles.“
„Aber das Hühnereiweiß. Was ist das?“
„Allerlei Elementares. Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Schwefel. Manchmal auch Phosphor. Sie entwickeln ja eine ausschweifende Wißbegier. Manche Eiweiße sind auch mit Kohlehydraten verbunden, das heißt mit Traubenzucker und Stärke. Im Alter wird das Fleisch zäh, das kommt, weil das Kollagen im Bindegewebe zunimmt, der Leim, wissen Sie, wichtigster Bestandteil der Knochen und Knorpel. Was soll ich Ihnen denn noch erzählen? Da haben wir im Muskelplasma ein Eiweiß, das Myosinogen, das im Tode zu Muskelfibrin gerinnt und die Totenstarre erzeugt.“
„Ja so, die Totenstarre“, sagte Hans Castorp munter. „Sehr gut, sehr gut. Und dann kommt die Generalanalyse, die Anatomie des Grabes.“
„Na, selbstredend. Das haben Sie übrigens schön gesagt. Dann wird die Sache weitläufig. Man fließt auseinander, sozusagen. Bedenken Sie all das Wasser! Und die anderen Ingredienzien sind ohne Leben ja wenig haltbar, sie werden durch die Fäulnis in simplere Verbindungen zerlegt, in anorganische.“
„Fäulnis, Verwesung,“ sagte Hans Castorp, „das ist doch Verbrennung, Verbindung mit Sauerstoff, soviel ich weiß.“
„Auffallend richtig. Oxydation.“
„Und Leben?“
„Auch. Auch, Jüngling. Auch Oxydation. Leben ist hauptsächlich auch bloß Sauerstoffbrand des Zelleneiweiß, da kommt die schöne tierische Wärme her, von der man manchmal zu viel hat. Tja, Leben ist Sterben, da gibt es nicht viel zu beschönigen, – _une destruction organique_, wie irgendein Franzos es in seiner angeborenen Leichtfertigkeit mal genannt hat. Es riecht auch danach, das Leben. Wenn es uns anders vorkommt, so ist unser Urteil bestochen.“
„Und wenn man sich für das Leben interessiert,“ sagte Hans Castorp, „so interessiert man sich namentlich für den Tod. Tut man das nicht?“
„Na, so eine Art von Unterschied bleibt da ja immerhin. Leben ist, daß im Wechsel der Materie die Form erhalten bleibt.“
„Wozu die Form erhalten“, sagte Hans Castorp.
„Wozu? Hören Sie mal, das ist aber kein bißchen humanistisch, was Sie da sagen.“
„Form ist ete-pe-tete.“
„Sie haben entschieden was Unternehmendes heute. Förmlich was Durchgängerisches. Aber ich falle nun ab“, sagte der Hofrat. „Ich werde nun melancholisch“, sagte er und legte seine riesige Hand über die Augen. „Sehen Sie, das kommt so über mich. Da habe ich nun Kaffee mit Ihnen getrunken, und es hat mir geschmeckt, und auf einmal kommt es über mich, daß ich melancholisch werde. Die Herren müssen mich nun schon entschuldigen. Es war mir was Besonderes und hat mir allen möglichen Spaß gemacht ...“
Die Vettern waren aufgesprungen. Sie machten sich Vorwürfe, sagten sie, den Herrn Hofrat so lange ... Er gab beruhigende Gegenversicherungen. Hans Castorp beeilte sich, Frau Chauchats Porträt ins Nebenzimmer zu tragen und wieder an seinen Platz zu hängen. Sie betraten den Garten nicht mehr, um in ihr Quartier zu gelangen. Behrens wies ihnen den Weg durch das Gebäude, indem er sie bis zur Verbindungsglastür geleitete. Sein Nacken schien stärker als sonst herauszutreten in dem Gemütszustand, der plötzlich über ihn gekommen war, er blinzelte mit seinen Quellaugen, und sein infolge der einseitigen Lippenschürzung schiefes Schnurrbärtchen hatte einen kläglichen Ausdruck gewonnen.
Während sie über Korridore und Treppen gingen, sagte Hans Castorp:
„Gib zu, daß das eine gute Idee von mir war.“
„Jedenfalls war es eine Abwechslung“, erwiderte Joachim. „Und ausgesprochen habt ihr euch ja über mancherlei Dinge bei dieser Gelegenheit, das muß man sagen. Mir ging es sogar ein bißchen zu sehr drüber und drunter. Es ist nun hohe Zeit, daß wir vorm Tee doch wenigstens noch auf zwanzig Minuten in den Liegedienst kommen. Du findest es vielleicht ete-pe-tete von mir, daß ich so darauf halte, – durchgängerisch, wie du neuerdings bist. Aber du hast es ja schließlich auch nicht so nötig wie ich.“
Forschungen
So kam, was kommen mußte, und was hier zu erleben Hans Castorp noch vor kurzem sich nicht hätte träumen lassen: der Winter fiel ein, der hiesige Winter, den Joachim schon kannte, da der vorige noch in voller Herrschaft gewesen, als er hier eingetroffen war, vor dem aber Hans Castorp sich etwas fürchtete, obgleich er sich ja bestens dafür gerüstet wußte. Sein Vetter suchte ihn zu beruhigen.
„Du mußt es dir nicht allzu grimmig vorstellen,“ sagte er, „nicht gerade arktisch. Man spürt die Kälte wenig wegen der Lufttrockenheit und der Windstille. Wenn man sich gut verpackt, kann man bis tief in die Nacht auf dem Balkon bleiben, ohne zu frieren. Es ist die Geschichte mit der Temperaturumkehr oberhalb der Nebelgrenze, es wird wärmer in höheren Lagen, man hat das früher nicht so gewußt. Eher ist es schon kalt, wenn es regnet. Aber du hast ja nun deinen Liegesack, und geheizt wird auch ein bißchen, wenn Not an den Mann kommt.“
Übrigens konnte von Überrumpelung und Gewalttätigkeit nicht die Rede sein, der Winter kam gelinde, er sah vorderhand nicht sehr anders aus, als mancher Tag, den auch der Hochsommer schon mit sich geführt hatte. Ein paar Tage lang hatte Südwind geweht, die Sonne drückte, das Tal schien verkürzt und verengt, nahe und nüchtern lagen die Alpenkulissen des Ausgangs. Dann zogen Wolken auf, drangen vom Piz Michel und Tinzenhorn gegen Nordosten vor, und das Tal verdunkelte sich. Dann regnete es schwer. Dann wurde der Regen unrein, weißlichgrau, Schnee hatte sich dareingemischt, es war schließlich nur noch Schnee, das Tal war angefüllt mit Gestöber, und da das reichlich lange so ging, auch die Temperatur unterdessen beträchtlich gefallen war, so konnte der Schnee nicht ganz wegschmelzen, er war naß, aber er blieb liegen, das Tal lag in dünnem, feuchtem, schadhaftem weißen Gewand, gegen welches das Nadelrauh der Lehnen schwarz abstach; im Speisesaal erwärmten die Röhren sich laulich. Das war Anfang November, um Allerseelen, und es war nicht neu. Auch im August war es schon so gewesen, und längst hatte man sich entwöhnt, den Schnee als ein Vorrecht des Winters zu betrachten. Stets und bei jeder Witterung, wenn auch nur von ferne, hatte man welchen vor Augen gehabt, denn immer schimmerten Reste und Spuren davon in den Spalten und Schründen der felsigen Rätikonkette, die dem Taleingang vorzuliegen schien, und immer hatten die fernsten Bergmajestäten des Südens im Schnee herübergegrüßt. Aber beides hielt an, der Schneefall und der Wärmerückgang. Der Himmel hing blaßgrau und niedrig über dem Tal, löste sich in Flocken hin, die lautlos und unaufhörlich fielen, in übertriebener und leicht beunruhigender Ausgiebigkeit, und stündlich wurde es kälter. Es kam der Morgen, da Hans Castorp in seinem Zimmer sieben Grad hatte, und am folgenden waren es nur noch fünf. Das war der Frost, und er hielt sich in Grenzen, aber er hielt sich. Es hatte bei Nacht gefroren, nun fror es auch am Tage, und zwar von morgens bis abends, wobei es weiterschneite, mit kurzen Unterbrechungen den vierten und fünften, den siebenten Tag. Der Schnee sammelte sich nun mächtig an, nachgerade wurde er zur Verlegenheit. Man hatte auf dem Dienstwege zur Bank am Wasserlauf, sowie auf dem Fahrweg hinab ins Tal, Gehbahnen geschaufelt; aber sie waren schmal, es gab kein Ausweichen darauf, bei Begegnungen mußte man in den Schneedamm zur Seite treten und versank bis zum Knie. Eine Schneewalze aus Stein, von einem Pferde gezogen, das ein Mann am Halfter führte, rollte den ganzen Tag über die Straßen des Kurortes drunten, und eine Schlittentram, gelb und von altfränkisch postkutschenhafter Gestalt, mit einem Schneepfluge vorn, der die weißen Massen schaufelnd beiseite warf, verkehrte zwischen dem Kurhausviertel und dem „Dorf“ genannten nördlichen Teil der Siedelung. Die Welt, die enge, hohe und abgeschiedene Welt Derer hier oben, erschien nun dick bepelzt und gepolstert, es war kein Pfeiler und Pfahl, der nicht eine weiße Haube trug, die Treppenstufen zum Berghofportal verschwanden, verwandelten sich in eine schiefe Ebene, schwere, humoristisch geformte Kissen lasteten überall auf den Zweigen der Kiefern, da und dort rutschte die Masse ab, zerstäubte und zog als Wolke und weißer Nebel zwischen den Stämmen dahin. Verschneit lag rings das Gebirge, rauh in den unteren Bezirken, weich zugedeckt die über die Baumgrenze hinausragenden, verschieden gestalteten Gipfel. Es war dunkel, die Sonne stand nur als ein bleicher Schein hinter dem Geschleier. Aber der Schnee gab ein indirektes und mildes Licht, eine milchige Helligkeit, die Welt und Menschen gut kleidete, wenn auch die Nasen unter den weißen oder farbigen Wollmützen rot waren.
Im Speisesaal, an den sieben Tischen, beherrschte der Anbruch des Winters, der großen Jahreszeit dieser Gegenden, das Gespräch. Viele Touristen und Sportsleute, hieß es, seien eingetroffen und bevölkerten die Hotels von „Dorf“ und „Platz“. Man schätzte die Höhe des geworfenen Schnees auf sechzig Zentimeter, und seine Beschaffenheit sei ideal im Sinne des Skiläufers. An der Bobbahn, die drüben am nordwestlichen Hange von der Schatzalp zu Tal führte, werde eifrig gearbeitet, schon in den nächsten Tagen könne sie eröffnet werden, vorausgesetzt, daß nicht der Föhn einen Strich durch die Rechnung mache. Man freute sich auf das Treiben der Gesunden, der Gäste von unten, das nun sich hier wieder entwickeln werde, auf die Sportsfeste und Rennen, denen man auch gegen Verbot beizuwohnen gedachte, indem man die Liegekur schwänzte und entwischte. Es gab etwas Neues, hörte Hans Castorp, eine Erfindung aus Norden, das Skikjöring, ein Rennen, wobei sich die Teilnehmer auf Skiern stehend von Pferden ziehen lassen würden. Dazu wollte man entwischen. – Auch von Weihnachten war die Rede.
Von Weihnachten! Nein, daran hatte Hans Castorp noch nicht gedacht. Er hatte leicht sagen und schreiben können, daß er kraft ärztlichen Befundes mit Joachim den Winter hier werde zubringen müssen. Aber das schloß ein, wie sich nun zeigte, daß er hier Weihnachten verleben sollte, und das hatte ohne Zweifel etwas Erschreckendes für das Gemüt, schon deshalb, aber nicht ganz allein deshalb, weil er diese Zeit überhaupt noch niemals anderswo als in der Heimat, im Schoß der Familie, verlebt hatte. In Gottes Namen denn, das wollte nun in den Kauf genommen sein. Er war kein Kind mehr, Joachim schien auch weiter keinen Anstoß daran zu nehmen, sondern sich ohne Weinerlichkeit damit abzufinden, und wo nicht überall und unter welchen Umständen war in der Welt schon Weihnachten begangen worden!
Bei alldem schien es ihm etwas übereilt, vor dem ersten Advent von Weihnachten zu reden; es waren ja noch reichlich sechs Wochen bis dahin. Diese aber übersprang und verschlang man im Speisesaal, – ein inneres Verfahren, auf das Hans Castorp ja schon auf eigene Hand sich verstehen gelernt hatte, wenn er es auch noch nicht in so kühnem Stile zu üben gewöhnt war wie die älter eingesessenen Lebensgenossen. Solche Etappen im Jahreslauf, wie das Weihnachtsfest, schienen ihnen eben recht als Anhaltspunkte und Turngeräte, woran sich über leere Zwischenzeiten behende hinwegvoltigieren ließ. Sie hatten alle Fieber, ihr Stoffumsatz war erhöht, ihr Körperleben verstärkt und beschleunigt, – es mochte am Ende wohl damit zusammenhängen, daß sie die Zeit so rasch und massenhaft durchtrieben. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie Weihnachten schon als zurückgelegt betrachtet und gleich von Neujahr und Fastnacht gesprochen hätten. Aber so leichtlebig und ungesetzt war man mitnichten im Berghofspeisesaal. Bei Weihnachten machte man halt, es gab Anlaß zu Sorgen und Kopfzerbrechen. Man beriet über das gemeinsame Geschenk, das nach bestehender Anstaltsübung dem Chef, Hofrat Behrens, am heiligen Abend überreicht werden sollte, und für das eine allgemeine Sammlung eingeleitet war. Voriges Jahr hatte man einen Reisekoffer geschenkt, wie diejenigen überlieferten, die seit mehr als Jahresfrist hier waren. Man sprach für diesmal von einem neuen Operationstisch, einer Malstaffelei, einem Gehpelz, einem Schaukelstuhl, einem elfenbeinernen und irgendwie „eingelegten“ Hörrohr, und Settembrini empfahl auf Befragen die Schenkung eines angeblich im Entstehen begriffenen lexikographischen Werkes, genannt „Soziologie der Leiden“; doch fiel ihm einzig ein Buchhändler bei, der seit kurzem am Tische der Kleefeld saß. Einigung hatte sich noch nicht ergeben wollen. Die Verständigung mit den russischen Gästen bot Schwierigkeiten. Die Sammlung spaltete sich. Die Moskowiter erklärten, Behrens auf eigene Hand beschenken zu wollen. Frau Stöhr zeigte sich tagelang in größter Unruhe wegen eines Geldbetrages, zehn Franken, die sie bei der Sammlung leichtsinnigerweise für Frau Iltis ausgelegt hatte, und die diese ihr zurückzuerstatten „vergaß“. Sie „vergaß“ es, – die Betonungen, mit denen Frau Stöhr dies Wort versah, waren vielfach abgestuft und sämtlich darauf berechnet, den tiefsten Unglauben an eine Vergeßlichkeit zu bekunden, die allen Anspielungen und feinen Gedächtnisstachelungen, an denen es Frau Stöhr, wie sie versicherte, nicht fehlen ließ, Trotz bieten zu wollen schien. Mehrfach verzichtete Frau Stöhr und erklärte, der Iltis die schuldige Summe zu schenken. „Ich zahle also für mich und für sie,“ sagte sie; „gut, nicht mein ist die Schande!“ Endlich aber war sie auf einen Ausweg verfallen, von dem sie der Tischgesellschaft zu allgemeiner Heiterkeit Mitteilung machte: sie hatte sich die zehn Franken auf der „Verwaltung“ auszahlen und der Iltis in Rechnung stellen lassen, – womit die träge Schuldnerin denn überlistet und wenigstens diese Sache ins gleiche gebracht war.
Es hatte zu schneien aufgehört. Teilweise öffnete der Himmel sich; graublaue Wolken, die sich geschieden, ließen Sonnenblicke einfallen, die die Landschaft bläulich färbten. Dann wurde es völlig heiter. Klarer Frost herrschte, reine, gesicherte Winterspracht um Mitte November, und das Panorama hinter den Bogen der Balkonloge, die bepuderten Wälder, die weichgefüllten Schlüfte, das weiße, sonnige Tal unter dem blaustrahlenden Himmel war herrlich. Abends gar, wenn der fast gerundete Mond erschien, verzauberte sich die Welt und ward wunderbar. Kristallisches Geflimmer, diamantnes Glitzern herrschte weit und breit. Sehr weiß und schwarz standen die Wälder. Die dem Monde fernen Himmelsgegenden lagen dunkel, mit Sternen bestickt. Scharfe, genaue und intensive Schatten, die wirklicher und bedeutender schienen als die Dinge selbst, fielen von den Häusern, den Bäumen, den Telegraphenstangen auf die blitzende Fläche. Es hatte sieben oder acht Grad Frost ein paar Stunden nach Sonnenuntergang. In eisige Reinheit schien die Welt gebannt, ihre natürliche Unsauberkeit zugedeckt und erstarrt im Traum eines phantastischen Todeszaubers.
Hans Castorp hielt sich bis spät in die Nacht in seiner Balkonloge über dem verwunschenen Wintertal, weit länger als Joachim, der sich um zehn, oder doch nicht viel später, zurückzog. Sein vorzüglicher Liegestuhl mit dem dreiteiligen Polster und der Nackenrolle war nahe an das Holzgeländer gerückt, auf dem ein Kissen von Schnee sich hinzog; auf dem weißen Tischchen daneben brannte die elektrische Lampe und stand neben einem Stapel Bücher ein Glas fetter Milch, die Abendmilch, die allen Bewohnern des „Berghofs“ noch um neun Uhr aufs Zimmer gebracht wurde, und in die Hans Castorp sich einen Schuß Kognak goß, um sie sich mundgerechter zu machen. Schon hatte er alle verfügbaren Schutzmittel gegen die Kälte aufgeboten, den ganzen Apparat. Bis über die Brust stak er in dem knöpfbaren Pelzsack, den er in einem einschlägigen Geschäft des Kurorts rechtzeitig erstanden, und hatte um diesen die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.
Was ihn so lange draußen hielt, bis gegen und über Mitternacht (wenn das schlechte Russenpaar die Nachbarloge längst verlassen hatte), war wohl auch der Zauber der Winternacht, zumal sich bis elf Uhr Musik darein wob, die von näher und ferner her aus dem Tale heraufdrang, – hauptsächlich aber Trägheit und Angeregtheit, beides zugleich und im Verein: nämlich die Trägheit und bewegungsfeindliche Müdigkeit seines Körpers und die beschäftigte Angeregtheit seines Geistes, der über gewissen neuen und fesselnden Studien, auf die der junge Mann sich eingelassen, nicht zur Ruhe kommen wollte. Die Witterung setzte ihm zu, der Frost wirkte anstrengend und konsumierend auf seinen Organismus. Er aß viel, nutzte die gewaltigen Berghofmahlzeiten, bei denen auf garniertes Roastbeef gebratene Gänse folgten, mit jenem übergewöhnlichen Appetit, der hier durchaus und im Winter, wie sich zeigte, noch mehr als im Sommer, an der Tagesordnung war. Gleichzeitig beherrschte ihn Schlafsucht, so daß er bei Tage wie an den mondlichten Abenden über den Büchern, die er wälzte, und die wir kennzeichnen werden, oftmals einschlief, um nach einigen Minuten der Bewußtlosigkeit seine Forschungen fortzusetzen. Lebhaftes Sprechen – und er neigte hier mehr als ehemals im Tiefland zu schnellem, rückhaltlosem und selbst gewagtem Plaudern – lebhaftes Sprechen also mit Joachim während ihrer Dienstgänge im Schnee erschöpfte ihn sehr; Schwindel und Zittern, ein Gefühl von Betäubung und Trunkenheit kam ihn an, und sein Kopf stand in Hitze. Seine Kurve war angestiegen seit Einfall des Winters, und Hofrat Behrens hatte etwas von Injektionen fallen lassen, die er bei hartnäckiger Übertemperatur anzuwenden pflegte, und denen zwei Drittel der Gäste, auch Joachim, sich regelmäßig zu unterziehen hatten. Mit der gesteigerten Wärmeerzeugung seines Körpers aber, dachte Hans Castorp, hatte gewiß die geistige Erregung und Rührigkeit zu tun, die ihn an ihrem Teil bis tief in die glitzernde Frostnacht auf seinem Liegestuhl festhielt. Die Lektüre, die ihn fesselte, legte ihm solche Erklärungen nah.
Es wurde nicht wenig gelesen auf den Liegehallen und Privatbalkons des internationalen Sanatoriums „Berghof“, – namentlich von Anfängern und Kurzfristigen; denn die Vielmonatigen oder gar Mehrjährigen hatten längst gelernt, auch ohne Zerstreuung und Beschäftigung des Kopfes die Zeit zu vernichten und kraft inneren Virtuosentums hinter sich zu bringen, ja, sie erklärten es für das Ungeschick von Stümpern, sich dabei an ein Buch zu klammern. Allenfalls möge man eines auf dem Schoß oder dem Beitischchen liegen haben, das genüge vollauf, sich versorgt zu fühlen. Die Anstaltsbücherei, polyglott und an Bilderwerken reich, der erweiterte Unterhaltungsbestand eines zahnärztlichen Wartezimmers, bot sich der freien Benutzung an. Romanbände aus der Leihbibliothek von „Platz“ wurden ausgetauscht. Dann und wann trat ein Buch, eine Schrift auf, um die man sich riß, nach der auch die nicht mehr Lesenden mit nur erheucheltem Phlegma die Hände streckten. Zu dem Zeitpunkt, wo wir halten, ging ein schlecht gedrucktes Heft von Hand zu Hand, das Herr Albin eingeführt hatte und das „Die Kunst, zu verführen“ betitelt war. Es war sehr wörtlich aus dem Französischen übersetzt, ja selbst die Syntax dieser Sprache war in der Übertragung beibehalten, wodurch der Vortrag viel Haltung und prickelnde Eleganz gewann, und entwickelte die Philosophie der Leibesliebe und Wollust im Geist eines weltmännisch-lebensfreundlichen Heidentums. Frau Stöhr hatte es bald gelesen und fand es „berauschend“. Frau Magnus, dieselbe, die Eiweiß verlor, pflichtete ihr rückhaltlos bei. Ihr Gatte, der Bierbrauer, wollte für seine Person bei der Lektüre manches profitiert haben, bedauerte aber, daß Frau Magnus die Schrift in sich aufgenommen, denn dergleichen „verhätschele“ die Frauen und bringe ihnen unbescheidene Begriffe bei. Diese Äußerung verstärkte die Begierde nach dem Buchwerk nicht wenig. Zwischen zwei im Oktober zugereisten Damen der unteren Liegehalle, Frau Redisch, der Gattin eines polnischen Industriellen und einer gewissen Witwe Hessenfeld aus Berlin, von denen jede behauptete, sie habe sich vor der anderen zur Lektüre gemeldet, kam es nach dem Diner zu einer mehr als unerquicklichen, eigentlich gewalttätigen Szene, der Hans Castorp in seiner Balkonloge zuzuhören hatte, und die mit einem hysterischen Schreikrampf einer der beiden Damen – es konnte die Redisch, konnte aber auch die Hessenfeld sein – und der Verbringung der Wuterkrankten auf ihr Zimmer endigte. Die Jugend hatte sich des Traktates früher bemächtigt als die reiferen Jahrgänge. Sie studierte es teilweise gemeinsam nach dem Souper auf verschiedenen Zimmern. Hans Castorp sah, wie der Junge mit dem Fingernagel es im Speisesaal einer jungen, frisch eingetroffenen Leichtkranken, Fränzchen Oberdank, einhändigte, einem blond gescheitelten Haustöchterchen, das erst kürzlich von seiner Mutter heraufgebracht worden war.
Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht solche, die die Stunden des Liegedienstes mit irgendeiner ernsten geistigen Beschäftigung, einem irgendwie förderlichen Studium erfüllten, sei es auch nur, um dadurch eine Verbindung mit dem Leben der Ebene zu bewahren oder der Zeit ein wenig Schwere und Tiefgang, damit sie nicht reine Zeit und sonst überhaupt nichts sei, zu verleihen. Vielleicht war außer Herrn Settembrini, mit seinen Bestrebungen, die Leiden auszumerzen, und dem ehrliebenden Joachim mit seinen russischen Übungsbüchern, noch dieser und jener, der es so hielt, wenn nicht unter den Insassen des Speisesaals, was wirklich unwahrscheinlich war, so möglicherweise gerade unter den Bettlägrigen und Moribunden – Hans Castorp war geneigt, es zu glauben. Ihn selbst angehend, so hatte er sich seinerzeit, da _Ocean steamships_ ihm nichts mehr zu sagen hatte, zusammen mit seinem Winterbedarf, auch einige in seinen Lebensberuf einschlagende Bücher, Ingenieur-Wissenschaftliches, Schiffsbautechnisches, von zuhause heraufkommen lassen. Diese Bände lagen aber vernachlässigt zugunsten anderer, einer ganz verschiedenen Sparte und Fakultät angehöriger Lehrwerke, zu deren Materie der junge Hans Castorp Lust gefaßt. Es waren solche der Anatomie, Physiologie und Lebenskunde, abgefaßt in verschiedenen Sprachen, auf deutsch, französisch und englisch, und sie wurden ihm eines Tages vom Buchhändler des Ortes heraufgeschickt, offenbar, weil er sie bestellt hatte, und zwar auf eigene Hand, stillschweigend, gelegentlich eines Spazierganges, den er ohne Joachim (da dieser gerade zur Injektion oder zum Wiegen bestellt gewesen) nach „Platz“ hinunter gemacht hatte. Joachim sah die Bücher mit Überraschung in seines Vetters Händen. Sie waren teuer gewesen, wie wissenschaftliche Werke sind; die Preise standen noch an den Innenseiten der Deckel und auf den Umschlägen vermerkt. Er fragte, warum Hans Castorp sie sich nicht, wenn er dergleichen schon lesen wolle, vom Hofrat geliehen habe, der diese Literatur doch sicher in guter Auswahl besitze. Aber Hans Castorp erwiderte, er wolle sie selber besitzen, es sei ein ganz anderes Lesen, wenn das Buch einem gehöre; auch liebe er es, mit dem Bleistift dareinzufahren und anzustreichen. Stundenlang hörte Joachim in seines Vetters Loge das Geräusch, mit dem das Papiermesser die Blätter broschierter Bogen trennt.