Part 31
„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf auf der Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ – Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit Verbeugung und einer salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden, „besonders wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß bejahe, ehre und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens vertrete gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen die Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses Prinzip ist der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges Mondscheingespinst und -gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den Leib ausgespielt zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper _und Geist_ bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, – mystisch und böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des christlichen Obskurantismus erheben ...“
Hans Castorp wehrte ab.
„... Sie werden,“ beharrte Settembrini, „diesen Vorwurf ganz vergebens erheben, wenn humanistischer Adelsstolz die Gebundenheit des Geistes an das Körperliche, an die Natur eines Tages als Erniedrigung, als Schimpf empfinden lernt. Wissen Sie, daß von dem großen Plotinus die Äußerung überliefert ist, er schäme sich, einen Körper zu haben?“ fragte Settembrini und verlangte so ernstlich eine Antwort, daß Hans Castorp genötigt war, zu gestehen, das sei das erste, was er höre.
„Porphyrius überliefert es. Eine absurde Äußerung, wenn Sie wollen. Aber das Absurde, das ist das geistig Ehrenhafte, und nichts kann im Grunde ärmlicher sein, als der Einwand der Absurdität, dort, wo der Geist gegen die Natur seine Würde behaupten will, sich weigert, vor ihr abzudanken ... Haben Sie von dem Erdbeben zu Lissabon gehört?“
„Nein, – ein Erdbeben? Ich sehe hier keine Zeitungen ...“
„Sie mißverstehen mich. Nebenbei bemerkt, ist es bedauerlich – und kennzeichnend für diesen Ort, – daß Sie es hier versäumen, die Presse zu lesen. Aber Sie mißverstehen mich, das Naturereignis, von dem ich spreche, ist nicht aktuell, es fand vor beiläufig hundertundfünfzig Jahren statt ...“
„Ja so! Oh, warten Sie, – richtig! Ich habe gelesen, daß Goethe damals nachts in Weimar in seinem Schlafzimmer zu seinem Diener sagte ...“
„Ah, – nicht davon wollte ich reden“, unterbrach ihn Settembrini, indem er die Augen schloß und seine kleine braune Hand in der Luft schüttelte. „Übrigens vermengen Sie die Katastrophen. Sie haben das Erdbeben von Messina im Sinn. Ich meine die Erschütterung, die Lissabon heimsuchte, im Jahre 1755.“
„Entschuldigen Sie.“
„Nun, Voltaire empörte sich dagegen.“
„Das heißt ... wie? Er empörte sich?“
„Er revoltierte, ja. Er nahm das brutale Fatum und Faktum nicht hin, er weigerte sich, davor abzudanken. Er protestierte im Namen des Geistes und der Vernunft gegen diesen skandalösen Unfug der Natur, dem drei Viertel einer blühenden Stadt und Tausende von Menschenleben zum Opfer fielen ... Sie staunen? Sie lächeln? Mögen Sie immerhin staunen, was das Lächeln betrifft, so nehme ich mir die Freiheit, es Ihnen zu verweisen! Voltaires Haltung war die eines echten Nachkömmlings jener alten Gallier, die ihre Pfeile gegen den Himmel schleuderten ... Sehen Sie, Ingenieur, da haben Sie die Feindschaft des Geistes gegen die Natur, sein stolzes Mißtrauen gegen sie, sein hochherziges Bestehen auf dem Rechte zur Kritik an ihr und ihrer bösen, vernunftwidrigen Macht. Denn sie ist die Macht, und es ist knechtisch, die Macht hinzunehmen, sich mit ihr abzufinden ... wohlgemerkt, sich _innerlich_ mit ihr abzufinden. Da haben Sie aber auch jene Humanität, die sich schlechterdings in keinen Widerspruch verstrickt, sich keines Rückfalls in christliche Duckmäuserei schuldig macht, wenn sie im Körper das böse, das widersacherische Prinzip zu erblicken sich entschließt. Der Widerspruch, den Sie zu sehen meinen, ist im Grunde immer derselbe. ‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘ Nichts ... wenn sie Sache der Belehrung, der Befreiung und des Fortschritts ist. Alles ... wenn ihr der scheußliche _haut-goût_ des Grabes anhaftet. Es ist mit dem Körper nicht anders. Man muß ihn ehren und verteidigen, wenn es sich um seine Emanzipation und Schönheit handelt, um die Freiheit der Sinne, um Glück, um Lust. Man muß ihn verachten, sofern er als Prinzip der Schwere und der Trägheit sich der Bewegung zum Lichte entgegensetzt, ihn verabscheuen, sofern er gar das Prinzip der Krankheit und des Todes vertritt, sofern sein spezifischer Geist der Geist der Verkehrtheit ist, der Geist der Verwesung, der Wollust und der Schande ...“
Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp stehend, fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu werden. Entsatz näherte sich für Hans Castorp: Joachim betrat, zwei Postkarten in der Hand, das Lesezimmer, die Rede des Literaten brach ab, und die Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ins gesellschaftlich Leichte hinüberwechselte, verfehlte nicht ihren Eindruck auf seinen Schüler, – wenn man Hans Castorp so nennen konnte.
„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht haben, – verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, – wenn mir recht ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist kein übler Räsonneur, Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn es ihm darauf ankommt.“
Humaniora
Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch einer dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelte Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche, einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, die über hohen Gegenden waltet.
Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor einem Rondell junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das Tal erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Wunsch und Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, bevor sie den Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch von Joachim. Genau genommen, waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp war ja nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst Patient. Er schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Seitentaschen seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die Asche noch nicht abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts hing, und genoß nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun völlig wieder habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, – was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner trockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünfundsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. Die moralische Genugtuung verstärkte den physischen Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbestände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen umflatterten Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt.
Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Garten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen, wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden, der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz, den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, die sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, den feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren klein im Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten Gestalt und zu dem Umfange seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er zusammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas verlegen, da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte, sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten.
„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Patienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht nötig. Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.“
Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Rechten.
„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine bräunliche Schöne?“
„Maria Mancini, _Postre de Banquett_ aus Bremen, Herr Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?“
„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen ihre Etuis.
„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hinreichte. „Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St. Felix-Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten. Ein rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps, und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes. Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf ...“
Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus:
„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechkiste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“
Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Havannas geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei kleine Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte er, „eine nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich zu Sinne wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im Leben. Nach Hause zu kommen, war keine Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst recht, mich laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, – mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, über Stock und Stein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung ... Ich war überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst und Festivität schließen sich ja nicht aus, das weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk brachte mich mit ihren Anwendungen aus der Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage, einer Kampferinjektion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.“
Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Tränen gefüllt hatten.
„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich.
Der Hofrat tat, als pralle er zurück.
„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“
„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es fiel mir eben ein.“
„Na, dann will ich mich mal nicht aufs Leugnen verlegen. Wir sind allzumal schwächliche Menschen. Ja, so was ist vorgekommen. _Anch’ io sono pittore_, wie jener Spanier zu sagen pflegte.“
„Landschaften?“ fragte Hans Castorp kurz und gönnerhaft. Die Umstände verleiteten ihn zu diesem Tone.
„Soviel Sie wollen!“ antwortete der Hofrat mit verlegener Prahlerei. „Landschaften, Stilleben, Tiere, – was ein Kerl ist, schreckt überhaupt vor gar nichts zurück.“
„Aber keine Porträts?“
„Auch ein Porträt ist wohl mal mit untergelaufen. Wollen Sie mir Ihres in Auftrag geben?“
„Ha, ha, nein. Aber es wäre sehr freundlich, wenn Herr Hofrat uns Ihre Bilder bei Gelegenheit mal zeigen würden.“
Auch Joachim, nachdem er den Vetter erstaunt betrachtet, beeilte sich zu versichern, daß das sehr freundlich sein würde.
Behrens war entzückt, geschmeichelt bis zur Begeisterung. Er wurde sogar rot vor Vergnügen, und seine Augen schienen ihre Tränen diesmal vergießen zu wollen.
„Aber gern!“ rief er. „Aber mit dem allergrößten Pläsier! Aber gleich auf der Stelle, wenns Ihnen Spaß macht! Kommen Sie her, kommen Sie mit, ich braue uns einen türkischen Kaffee auf meiner Bude!“ Und er nahm die jungen Leute am Arm, zog sie von der Bank und führte sie, eingehängt zwischen ihnen, den Kiesweg entlang gegen seine Wohnung, die, wie sie wußten, in dem nahen nordwestlichen Flügel des Berghofgebäudes gelegen war.
„Ich habe mich ja selbst,“ erklärte Hans Castorp, „früher hie und da in dieser Richtung versucht.“
„Was Sie sagen. Ganz solide in Öl?“
„Nein, nein, über das eine oder andere Aquarell hab ichs nicht hinausgebracht. Mal ein Schiff, ein Seestück, Kindereien. Aber ich sehe Bilder sehr gern, und darum war ich so frei ...“
Namentlich Joachim fand sich einigermaßen beruhigt und aufgeklärt über seines Vetters befremdende Neugier durch diese Erläuterung, – und mehr für ihn, als für den Hofrat, hatte Hans Castorp sich denn auch auf seine eigenen künstlerischen Versuche berufen. Sie langten an: es gab kein so prächtiges, von Laternen flankiertes Portal an dieser Seite, wie drüben an der Auffahrt. Ein paar gerundete Stufen führten zu der eichenen Haustür empor, die der Hofrat mit einem Drücker seines reichhaltigen Schlüsselbundes öffnete. Seine Hand zitterte dabei; entschieden war er nervös. Ein Vorraum, als Garderobe ausgestattet, nahm sie auf, wo Behrens seinen steifen Hut an den Nagel hing. Drinnen, auf dem kurzen, vom allgemeinen Teil des Gebäudes durch eine Glastür abgetrennten Korridor, an dessen beiden Seiten die Räumlichkeiten der kleinen Privatwohnung lagen, rief er nach dem Dienstmädchen und machte seine Bestellung. Dann ließ er seine Gäste unter jovialen und ermutigenden Redensarten eintreten, – durch eine der Türen zur Rechten.
Ein paar banal-bürgerlich möblierte Räume, nach vorn, gegen das Tal blickend, gingen ineinander, ohne Verbindungstüren, nur durch Portieren getrennt: ein „altdeutsches“ Eßzimmer, ein Wohn- und Arbeitszimmer mit Schreibtisch, über dem eine Studentenmütze und gekreuzte Schläger hingen, wolligen Teppichen, Bibliothek und Sofaarrangement und noch ein Rauchkabinett, das „türkisch“ eingerichtet war. Überall hingen Bilder, die Bilder des Hofrats, – höflich und zur Bewunderung bereit gingen die Augen der Eintretenden sogleich darüberhin. Des Hofrats entschwebte Gattin war mehrmals zu sehen: in Öl und auch als Photographie auf dem Schreibtisch. Es war eine dünn und fließend gekleidete, etwas rätselhafte Blondine, welche, die Hände an der linken Schulter gefaltet – und zwar nicht fest gefaltet, sondern nur so, daß die oberen Fingerglieder schwach ineinander lagen –, ihre Augen entweder gen Himmel gerichtet oder tief niedergeschlagen und unter den langen, schräg von den Lidern abstehenden Wimpern versteckt hielt: nur geradeaus und dem Beschauer entgegen blickte die Selige niemals. Sonst gab es hauptsächlich gebirgige Landschaftsmotive, Berge im Schnee und im Tannengrün, Berge, von Höhenqualm umwogt, und Berge, deren trockene und scharfe Umrisse unter dem Einflusse Segantinis in einen tiefblauen Himmel schnitten. Ferner waren da Sennhütten, wammige Kühe auf besonnter Weide stehend und lagernd, ein gerupftes Huhn, das seinen verdrehten Hals zwischen Gemüsen von einer Tischplatte hängen ließ, Blumenstücke, Gebirglertypen und anderes mehr, – gemalt dies alles mit einem gewissen flotten Dilettantismus, in keck aufgeklecksten Farben, die öfters aussahen, als seien sie unmittelbar aus der Tube auf die Leinwand gedrückt, und die lange gebraucht haben mußten, bis sie getrocknet waren – bei groben Fehlern war es zuweilen wirksam.
Anschauend wie in einer Ausstellung gingen sie die Wände entlang, begleitet vom Hausherrn, der dann und wann ein Motiv bei Namen nannte, meistens aber schweigend, in der stolzen Beklommenheit des Künstlers, es genoß, seine Augen zusammen mit denen Fremder auf seinen Werken ruhen zu lassen. Das Porträt Clawdia Chauchats hing im Wohnzimmer an der Fensterwand, – Hans Castorp hatte es schon beim Eintreten mit raschem Blicke erspäht, obgleich es nur eine entfernte Ähnlichkeit aufwies. Absichtlich mied er die Stelle, hielt seine Begleiter im Eßzimmer fest, wo er einen grünen Blick ins Sergital mit bläulichen Gletschern im Hintergrunde zu bewundern vorgab, steuerte dann aus eigener Machtvollkommenheit zuerst ins türkische Kabinett hinüber, das er, Lob auf den Lippen, ebenfalls gründlich durchmusterte, und besichtigte dann die Eingangswand des Wohnzimmers, auch Joachim manchmal zur Beifallsäußerung auffordernd. Endlich wandte er sich um und fragte mit Maßen stutzend:
„Da ist doch ein bekanntes Gesicht?“
„Erkennen Sie sie?“ wollte Behrens hören.
„Doch, da ist wohl eine Täuschung nicht möglich. Das ist die Dame vom Guten Russentisch, mit dem französischen Namen ...“
„Stimmt, die Chauchat. Freut mich, daß Sie sie ähnlich finden.“
„Sprechend!“ log Hans Castorp, weniger aus Falschheit, als in dem Bewußtsein, daß er, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, das Modell gar nicht hätte erkennen dürfen, – so wenig, wie Joachim es aus eigenen Kräften jemals erkannt hätte, der gute, überlistete Joachim, dem nun freilich ein Licht aufging, das wahre Licht nach dem falschen, das Hans Castorp ihm vorher angezündet. „Ja so“, sagte er leise und schickte sich darein, das Bild betrachten zu helfen. Sein Vetter hatte sich für ihr Fernbleiben von der Verandageselligkeit schadlos zu halten gewußt.
Es war ein Bruststück in Halbprofil, etwas unter Lebensgröße, dekolletiert, mit einer Schleierdraperie um Schultern und Busen, in einen breiten, schwarzen, nach innen abfallenden und am Rande der Leinwand mit einer Goldleiste verzierten Rahmen gefaßt. Frau Chauchat erschien da zehn Jahre älter, als sie war, wie das bei Dilettantenporträts, die charakteristisch sein wollen, zu gehen pflegt. Im ganzen Gesicht war zuviel Rot, die Nase war arg verzeichnet, die Haarfarbe nicht getroffen, zu strohig, der Mund verzerrt, der besondere Reiz der Physiognomie nicht gesehen oder nicht herausgebracht, durch Vergröberung seiner Ursachen verfehlt, das Ganze ein ziemlich pfuscherhaftes Produkt, als Bildnis seinem Gegenstande nur weitläufig verwandt. Aber Hans Castorp nahm es mit der Ähnlichkeit nicht weiter genau, die Beziehungen dieser Leinwand zu Frau Chauchats Person waren ihm eng genug, das Bild _sollte_ Frau Chauchat darstellen, sie selbst hatte in diesen Räumen dazu Modell gesessen, das genügte ihm, bewegt wiederholte er:
„Wie sie leibt und lebt!“
„Sagen Sie das nicht“, wehrte der Hofrat ab. „Es war ein klotziges Stück Arbeit, ich bilde mir nicht ein, so recht damit fertig geworden zu sein, obgleich wir wohl zwanzig Sitzungen gehabt haben, – wie wollen Sie denn fertig werden mit einer so vertrackten Visage. Man denkt, sie muß leicht zu erwischen sein, mit ihren hyperboreischen Jochbeinen und den Augen, wie aufgesprungene Schnitte in Hefegebäck. Ja, hat sich was. Macht man die Einzelheit richtig, verpatzt man das Ganze. Das reine Vexierrätsel. Kennen Sie sie? Möglicherweise sollte man sie nicht abmalen, sondern nach dem Gedächtnis arbeiten. Kennen Sie sie denn?“
„Ja, nein, oberflächlich, wie man hier die Leute so kennt ...“