Part 30
„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine Schwierigkeiten damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letzten Tage haben wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein Vetter mir gleich, als ich ankam. Aber man gewöhnt sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“
„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine sonderbare Art der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu allem fähig. Sie gewöhnt sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.“
„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“
„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. Asien verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Gesichter.“ Und Herr Settembrini wandte diskret den Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“ sagte er, „Steppenwolfslichter, Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein Gefühl steht der Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein.“
Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. Man konnte ihn sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über die feine und trockene Spannung seines Mundwinkels brachte er es nicht hinaus. Er sah dem jungen Manne beim Lachen zu und fragte dann:
„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“
„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp wichtig. „Schon neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die innere Brusttasche.
„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozusagen, einen Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sehen!“ Und Herr Settembrini hob die kleine, mit schwarzen Papierstreifen gerahmte Glasplatte gegen das Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig, während er das funebre Lichtbild prüfte, – ohne ganz deutlich werden zu lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus anderen Gründen geschah.
„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich danke bestens.“ Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, reichte es ihm von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Arm hinüber und abgewandten Gesichtes.
„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. „Und die Knötchen?“
„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie ich über den Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß die Flecke und Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten Teil physiologisch sind. Ich habe hundert Bilder gesehen, die ungefähr aussahen wie Ihres, und die die Entscheidung, ob sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht, einigermaßen in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als Laie, aber immerhin als ein langjähriger Laie.“
„Sieht Ihr eigener Ausweis schlimmer aus?“
„Ja, etwas schlimmer. – Übrigens ist mir bekannt, daß auch unsere Herren und Meister auf dieses Spielzeug allein keine Diagnose gründen. – Und Sie beabsichtigen nun also, bei uns zu überwintern?“
„Ja, lieber Gott ... Ich fange an, mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß ich erst mit meinem Vetter zusammen wieder hinunterfahren werde.“
„Das heißt, Sie gewöhnen sich daran, daß Sie sich nicht ... Sie formulierten das sehr witzig. Ich hoffe, Sie haben Ihre Sachen erhalten, – warme Kleider, solides Schuhwerk?“
„Alles. Alles in schönster Ordnung, Herr Settembrini. Ich habe meine Verwandten informiert, und unsere Haushälterin hat mir alles als Eilgut geschickt. Ich kann es nun aushalten.“
„Das beruhigt mich. Aber halt, Sie brauchen einen Sack, einen Pelzsack, – wo haben wir unsere Gedanken! Dieser Nachsommer ist trügerisch; in einer Stunde kann es tiefer Winter sein. Sie werden hier die kältesten Monate verbringen ...“
„Ja, der Liegesack,“ sagte Hans Castorp, „der ist wohl ein Zubehör. Ich habe auch schon flüchtig daran gedacht, daß wir in den nächsten Tagen mal, mein Vetter und ich, in den Ort gehen müssen und einen kaufen. Man braucht das Ding später nie wieder, aber schließlich für vier bis sechs Monate lohnt es.“
„Es lohnt, es lohnt. – Ingenieur!“ sagte Herr Settembrini leise, indem er näher an den jungen Mann herantrat. „Wissen Sie nicht, daß es grauenhaft ist, wie Sie mit den Monaten herumwerfen? Grauenhaft, weil unnatürlich und Ihrem Wesen fremd, nur auf der Gelehrigkeit Ihrer Jahre beruhend. Ach, diese übergroße Gelehrigkeit der Jugend! – sie ist die Verzweiflung der Erzieher, denn vor allem ist sie bereit, sich im Schlimmen zu bewähren. Reden Sie nicht, wie es in der Luft liegt, junger Mensch, sondern wie es Ihrer europäischen Lebensform angemessen ist! Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, – nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei! Diese Leute“ – und Herr Settembrini deutete mit dem Kinn über die Schulter hinter sich – „richten Sie sich innerlich nicht nach ihnen, lassen Sie sich von ihren Begriffen nicht infizieren, setzen Sie vielmehr Ihr Wesen, Ihr _höheres_ Wesen gegen das ihre, und halten Sie heilig, was Ihnen, dem Sohn des Westens, des göttlichen Westens, – dem Sohn der Zivilisation, nach Natur und Herkunft heilig ist, zum Beispiel die Zeit! Diese Freigebigkeit, diese barbarische Großartigkeit im Zeitverbrauch ist asiatischer Stil, – das mag ein Grund sein, weshalb es den Kindern des Ostens an diesem Orte behagt. Haben Sie nie bemerkt, daß, wenn ein Russe ‚vier Stunden‘ sagt, es nicht mehr ist, als wenn unsereins ‚eine‘ sagt? Leicht zu denken, daß die Nonchalance dieser Menschen im Verhältnis zur Zeit mit der wilden Weiträumigkeit ihres Landes zusammenhängt. Wo viel Raum ist, da ist viel Zeit, – man sagt ja, daß sie das Volk sind, das Zeit hat und warten kann. Wir Europäer, wir können es nicht. Wir haben so wenig Zeit, wie unser edler und zierlich gegliederter Erdteil Raum hat, wir sind auf genaue Bewirtschaftung des einen wie des anderen angewiesen, auf Nutzung, Nutzung, Ingenieur! Nehmen Sie unsere großen Städte als Sinnbild, diese Zentren und Brennpunkte der Zivilisation, diese Mischkessel des Gedankens! In demselben Maße, wie der Boden sich dort verteuert, Raumverschwendung zur Unmöglichkeit wird, in demselben Maße, bemerken Sie das, wird dort auch die Zeit immer kostbarer. _Carpe diem!_ Das sang ein Großstädter. Die Zeit ist eine Göttergabe, dem Menschen verliehen, damit er sie nutze – sie nutze, Ingenieur, im Dienste des Menschheitsfortschritts.“
Selbst dieses letzte Wort, so viele Hindernisse es seiner mediterranen Zunge bieten mochte, hatte Herr Settembrini auf erfreuliche Art, klar, wohllautend und – man kann wohl sagen – plastisch zu Gehör gebracht. Hans Castorp antwortete nicht anders, als mit der kurzen, steifen und befangenen Verbeugung eines Schülers, der eine verweisartige Belehrung entgegennimmt. Was hätte er erwidern sollen? Dies Privatissimum, das Herr Settembrini ihm insgeheim, mit dem Rücken gegen die ganze übrige Gästeschaft und beinahe flüsternd, gehalten, hatte zu sachlichen, zu ungesellschaftlichen, zu wenig gesprächsmäßigen Charakter getragen, als daß der Takt erlaubt hätte, auch nur Beifall zu äußern. Man antwortet einem Lehrer nicht: „Das haben Sie schön gesagt.“ Hans Castorp hatte es wohl früher manchmal getan, gewissermaßen um das gesellschaftliche Gleichheitsverhältnis zu wahren; allein so dringlich erzieherisch hatte der Humanist noch niemals gesprochen; es blieb nichts übrig, als die Vermahnung einzustecken, – benommen wie ein Schuljunge von soviel Moral.
Man sah übrigens Herrn Settembrini an, daß seine Gedankentätigkeit auch im Schweigen noch ihren Fortgang nahm. Noch immer stand er dicht vor Hans Castorp, so daß dieser sich sogar ein wenig zurückbeugte, und seine schwarzen Augen waren in fixer und sinnend blinder Einstellung auf des jungen Mannes Gesicht gerichtet.
„Sie leiden, Ingenieur!“ fuhr er fort. „Sie leiden wie ein Verirrter, – wer sähe es Ihnen nicht an? Aber auch Ihr Verhalten zum Leiden sollte ein europäisches Verhalten sein, – nicht das des Ostens, der, weil er weich und zur Krankheit geneigt ist, diesen Ort so ausgiebig beschickt ... Mitleid und unermeßliche Geduld, das ist seine Art, dem Leiden zu begegnen. Es kann, es darf die unsrige, die Ihre nicht sein! ... Wir sprachen von meiner Post ... Sehen Sie, hier ... Oder besser noch, – kommen Sie! Es ist unmöglich, hier ... Wir ziehen uns zurück, wir treten dort drüben ein. Ich mache Ihnen Eröffnungen, welche ... Kommen Sie!“ Und sich umwendend, zog er Hans Castorp fort aus dem Vestibül, in das erste, dem Portal am nächsten gelegene der Gesellschaftszimmer, das als Schreib- und Leseraum eingerichtet und jetzt leer von Gästen war. Es zeigte eichene Wandtäfelungen unter seinem hellen Gewölbe, Bücherschränke, einen von Stühlen umgebenen, mit gerahmten Zeitungen belegten Tisch in der Mitte und Schreibgelegenheiten unter den Bögen der Fensternischen. Herr Settembrini schritt bis in die Nähe eines der Fenster vor, Hans Castorp folgte ihm. Die Tür blieb offen.
„Diese Papiere,“ sagte der Italiener, indem er aus der beutelartigen Seitentasche seines Flauses mit fliegender Hand ein Konvolut, ein umfangreiches, schon geöffnetes Briefkuvert zog und seinen Inhalt, verschiedene Drucksachen nebst einem Schreiben, vor Hans Castorps Augen durch die Finger gleiten ließ, „diese Papiere tragen in französischer Sprache den Aufdruck: ‚Internationaler Bund für Organisierung des Fortschritts.‘ Man sendet sie mir aus Lugano, wo sich ein Filialbureau des Bundes befindet. Sie fragen mich nach seinen Grundsätzen, seinen Zielen? Ich gebe sie Ihnen in zwei Worten. Die Liga für Organisierung des Fortschritts leitet aus der Entwicklungslehre Darwins die philosophische Anschauung ab, daß der innerste Naturberuf der Menschheit ihre Selbstvervollkommnung ist. Sie folgert daraus weiter, daß es Pflicht eines jeden ist, der seinem Naturberuf genügen will, am Menschheitsfortschritt tätig mitzuarbeiten. Viele sind ihrem Rufe gefolgt; die Zahl ihrer Mitglieder in Frankreich, Italien, Spanien, der Türkei und selbst in Deutschland ist bedeutend. Auch ich habe die Ehre, in den Bundesregistern geführt zu werden. Ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Reformprogramm großen Stils ist entworfen, das alle augenblicklichen Vervollkommnungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus umfaßt. Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird studiert, man prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration, die ohne Zweifel eine beklagenswerte Begleiterscheinung der zunehmenden Industrialisierung ist. Ferner betreibt der Bund die Gründung von Volksuniversitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch alle die sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zwecke empfehlen, endlich die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch die Entwicklung des internationalen Rechts. Sie sehen, die Anstrengungen der Liga sind hochherzig und umfassend. Mehrere internationale Zeitschriften zeugen von ihrer Tätigkeit, – Monatsrevuen, die in drei oder vier Weltsprachen höchst anregend über die fortschrittliche Entwicklung der Kulturmenschheit berichten. Zahlreiche Ortsgruppen sind in den verschiedenen Ländern gegründet worden, die durch Diskussionsabende und Sonntagsfeiern im Sinne des menschlichen Fortschrittsideals aufklärend und erbaulich wirken sollen. Vor allem beeifert sich der Bund, den politischen Fortschrittsparteien aller Länder mit seinem Material zur Hand zu gehen ... Sie folgen meinen Worten, Ingenieur?“
„Absolut!“ antwortete Hans Castorp heftig und überstürzt. Er hatte bei diesem Wort das Gefühl eines Menschen, der ausgleitet und sich eben noch glücklich auf den Füßen hält.
Herr Settembrini schien befriedigt.
„Ich nehme an, es sind neue, überraschende Einblicke, die Sie da tun?“
„Ja, ich muß gestehen, es ist das erste, was ich über diese ... diese Anstrengungen höre.“
„Hätten Sie nur,“ rief Settembrini leise, „hätten Sie nur früher davon gehört! Aber vielleicht hören Sie noch nicht zu spät davon. Nun, diese Druckschriften ... Sie wollen wissen, was sie behandeln ... Hören Sie weiter! Im Frühjahr war eine feierliche Hauptversammlung des Bundes nach Barcelona einberufen, – Sie wissen, daß diese Stadt sich besonderer Beziehungen zur politischen Fortschrittsidee rühmen kann. Der Kongreß tagte eine Woche lang unter Banketten und Festlichkeiten. Guter Gott, ich wollte hinreisen, es verlangte mich sehnlichst, an den Beratungen teilzunehmen. Aber dieser Schuft von Hofrat verbot es mir unter Todesdrohungen, – und, was wollen Sie, ich fürchtete den Tod und reiste nicht. Ich war verzweifelt, wie Sie sich denken können, über den Streich, den meine unzulängliche Gesundheit mir spielte. Nichts ist schmerzhafter, als wenn unser organisches, unser tierisches Teil uns hindert, der Vernunft zu dienen. Desto lebhafter ist meine Befriedigung über diese Zuschrift des Bureaus von Lugano ... Sie sind neugierig auf ihren Inhalt? Das glaube ich gern! Ein paar flüchtige Informationen ... Der ‚Bund zur Organisierung des Fortschritts‘, eingedenk der Wahrheit, daß seine Aufgabe darin besteht, das Glück der Menschheit herbeizuführen, mit anderen Worten: das menschliche Leiden durch zweckvolle soziale Arbeit zu bekämpfen und am Ende völlig auszumerzen, – eingedenk ferner der Wahrheit, daß diese höchste Aufgabe nur mit Hilfe der soziologischen Wissenschaft gelöst werden kann, deren Endziel der vollkommene Staat ist, – der Bund also hat in Barcelona die Herstellung eines vielbändigen Buchwerkes beschlossen, das den Titel ‚Soziologie der Leiden‘ führen wird, und worin die menschlichen Leiden nach allen ihren Klassen und Gattungen in genauer und erschöpfender Systematik bearbeitet werden sollen. Sie werden mir einwenden: was nützen Klassen, Gattungen, Systeme! Ich antworte Ihnen: Ordnung und Sichtung sind der Anfang der Beherrschung, und der eigentlich furchtbare Feind ist der unbekannte. Man muß das Menschengeschlecht aus den primitiven Stadien der Furcht und der duldenden Dumpfheit herausführen und sie zur Phase zielbewußter Tätigkeit leiten. Man muß sie darüber aufklären, daß Wirkungen hinfällig werden, deren Ursachen man zuerst erkennt und dann aufhebt, und daß fast alle Leiden des Individuums Krankheiten des sozialen Organismus sind. Gut! Dies ist die Absicht der ‚Soziologischen Pathologie‘. Sie wird also in etwa zwanzig Bänden von Lexikonformat alle menschlichen Leidensfälle aufführen und behandeln, die sich überhaupt erdenken lassen, von den persönlichsten und intimsten bis zu den großen Gruppenkonflikten, den Leiden, die aus Klassenfeindschaften und internationalen Zusammenstößen erwachsen, sie wird, kurz gesagt, die chemischen Elemente aufzeigen, aus deren vielfältiger Mischung und Verbindung sich alles menschliche Leiden zusammensetzt, und indem sie die Würde und das Glück der Menschheit zur Richtschnur nimmt, wird sie ihr in jedem Falle die Mittel und Maßnahmen an die Hand geben, die ihr zur Beseitigung der Leidensursachen angezeigt scheinen. Berufene Fachmänner der europäischen Gelehrtenwelt, Ärzte, Volkswirte und Psychologen, werden sich in die Ausarbeitung dieser Enzyklopädie der Leiden teilen, und das General-Redaktionsbureau zu Lugano wird das Sammelbecken sein, in dem die Artikel zusammenfließen. Sie fragen mich mit den Augen, welche Rolle nun mir bei all dem zufallen soll? Lassen Sie mich zu Ende reden! Auch den schönen Geist will dieses große Werk nicht vernachlässigen, soweit er eben menschliches Leiden zum Gegenstande hat. Darum ist ein eigener Band vorgesehen, der, den Leidenden zu Trost und Belehrung, eine Zusammenstellung und kurzgefaßte Analyse aller für jeden einzelnen Konflikt in Betracht kommenden Meisterwerke der Weltliteratur enthalten soll; und – dies ist die Aufgabe, mit der man in dem Schreiben, das Sie hier sehen, Ihren ergebensten Diener betraut.“
„Was Sie sagen, Herr Settembrini! Da erlauben Sie mir aber, Sie herzlich zu beglückwünschen! Das ist ja ein großartiger Auftrag und ganz wie für Sie gemacht, wie mir scheint. Es wundert mich keinen Augenblick, daß die Liga an Sie gedacht hat. Und wie muß es Sie freuen, daß Sie da nun behilflich sein können, die menschlichen Leiden auszumerzen!“
„Es ist eine weitläufige Arbeit,“ sagte Herr Settembrini sinnend, „zu der viel Umsicht und Lektüre erforderlich ist. Zumal,“ fügte er hinzu, während sein Blick sich in der Vielfältigkeit seiner Aufgabe zu verlieren schien, „zumal in der Tat der schöne Geist sich fast regelmäßig das Leiden zum Gegenstande gesetzt hat und selbst Meisterwerke zweiten und dritten Ranges sich irgendwie damit beschäftigen. Gleichviel oder desto besser! So umfassend die Aufgabe immer sein möge, auf jeden Fall ist sie von der Art, daß ich mich ihrer zur Not auch an diesem verfluchten Aufenthalt entledigen kann, obgleich ich nicht hoffen will, daß ich gezwungen sein werde, sie hier zu beenden. Man kann dasselbe,“ fuhr er fort, indem er wieder näher an Hans Castorp herantrat und die Stimme beinahe zum Flüstern dämpfte, „man kann dasselbe von den Pflichten nicht sagen, die _Ihnen_ die Natur auferlegt, Ingenieur! Das ist es, worauf ich hinauswollte, woran ich Sie mahnen wollte. Sie wissen, wie sehr ich Ihren Beruf bewundere, aber da er ein praktischer, kein geistiger Beruf ist, so können Sie ihm, anders als ich, nur in der Welt drunten nachkommen. Nur im Tiefland können Sie Europäer sein, das Leiden auf Ihre Art aktiv bekämpfen, den Fortschritt fördern, die Zeit nutzen. Ich habe Ihnen von der mir zugefallenen Aufgabe nur erzählt, um Sie zu erinnern, um Sie zu sich zu bringen, um Ihre Begriffe richtigzustellen, die sich offenbar unter atmosphärischen Einflüssen zu verwirren beginnen. Ich dringe in Sie: Halten Sie auf sich! Seien Sie stolz und verlieren Sie sich nicht an das Fremde! Meiden Sie diesen Sumpf, dies Eiland der Kirke, auf dem ungestraft zu hausen Sie nicht Odysseus genug sind. Sie werden auf allen Vieren gehen, Sie neigen sich schon auf Ihre vorderen Extremitäten, bald werden Sie zu grunzen beginnen, – hüten Sie sich!“
Der Humanist hatte bei seinen leisen Ermahnungen den Kopf eindringlich geschüttelt. Er schwieg mit niedergeschlagenen Augen und zusammengezogenen Brauen. Es war unmöglich, ihm scherzhaft und ausweichend zu antworten, wie Hans Castorp es zu tun gewohnt war und wie er es auch jetzt einen Augenblick als Möglichkeit erwog. Auch er stand mit gesenkten Lidern. Dann hob er die Schultern und sagte ebenso leise:
„Was soll ich tun?“
„Was ich Ihnen sagte.“
„Das heißt: abreisen?“
Herr Settembrini schwieg.
„Wollen Sie sagen, daß ich nach Hause reisen soll?“
„Das habe ich Ihnen gleich am ersten Abend geraten, Ingenieur.“
„Ja, und damals war ich frei, es zu tun, obgleich ich es unvernünftig fand, die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil die hiesige Luft mir ein bißchen zusetzte. Seitdem hat sich die Sachlage aber doch geändert. Seitdem hat sich diese Untersuchung ergeben, nach der Hofrat Behrens mir klipp und klar gesagt hat, es lohnte die Heimreise nicht, in kurzem müßte ich doch wieder antreten, und wenn ich’s da unten so weitertriebe, so ginge mir, was hast du, was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“
„Ich weiß, jetzt haben Sie Ihren Ausweis in der Tasche.“
„Ja, das sagen Sie so ironisch ... mit der richtigen Ironie natürlich, die keinen Augenblick mißverständlich ist, sondern ein gerades und klassisches Mittel der Redekunst, – Sie sehen, ich merke mir Ihre Worte. Aber können Sie es denn verantworten, mir auf diese Photographie hin und nach dem Ergebnis der Durchleuchtung und nach der Diagnose des Hofrats die Heimreise anzuraten?“
Herr Settembrini zögerte einen Augenblick. Dann richtete er sich auf, schlug auch die Augen auf, die er fest und schwarz auf Hans Castorp richtete, und erwiderte mit einer Betonung, die des theatralischen und effekthaften Einschlages nicht entbehrte:
„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“
Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann. Einflüsse aus der Nähe „stärkten“ ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ Er antwortete:
„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! _Sie_ sind nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fortschrittskongreß gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben hier.“
Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis Pose unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos und sagte:
„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn Ihre Logik der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in einem hier üblichen abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, sonst würde ich Ihnen erwidern, daß ich bedeutend kränker bin als Sie, – leider in der Tat so krank, daß ich die Hoffnung, diesen Ort je wieder verlassen und in die untere Welt zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig selbstbetrügerischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, werde ich dieser Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage irgendwo im Tal ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, aber da meine Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird es mich nicht hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu dienen und dem Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, bereits aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres Wesen hier zu behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie halten mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig ist, indem Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge leisten, – ob es nicht vielmehr _der Körper_ ist und sein böser Hang, dem Sie nur zu bereitwillig gehorchen ...“
„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans Castorp ihn rasch und blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, deren Weißes von roten Adern durchzogen war. Ihm schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man sah es ihm an. „Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich. Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm, so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er es haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profitieren. Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte seinen Einwand:
„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den Körper zu sprechen sein?“
Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß.