Der Zauberberg. Erster Band

Part 27

Chapter 273,513 wordsPublic domain

Joachim war abgetreten; der Techniker wechselte die Platte. Hofrat Behrens unterwies den Neuling persönlich, wie er sich zu setzen, zu halten habe. „Umarmen!“ sagte er. „Das Brett umarmen! Stellen Sie sich meinetwegen was anderes darunter vor! Und gut die Brust andrücken, als ob Glücksempfindungen damit verbunden wären! Recht so. Einatmen! Stillgehalten!“ kommandierte er. „Bitte, recht freundlich!“ Hans Castorp wartete blinzelnd, die Lunge voller Luft. Hinter ihm brach das Gewitter los, knisterte, knatterte, knallte und beruhigte sich. Das Objektiv hatte in sein Inneres geblickt.

Er stieg ab, verwirrt und betäubt von dem, was mit ihm geschehen, obgleich ja die Durchdringung ihm nicht im geringsten empfindlich geworden war. „Brav“, sagte der Hofrat. „Nun werden wir selber sehen.“ Und schon hatte Joachim, bewandert wie er war, sich weiter hinbegeben, näher der Ausgangstür an einem Stativ Aufstellung genommen, im Rücken den weitläufig sich aufbauenden Apparat, auf dessen Rückenhöhe man eine halb mit Wasser gefüllte Glasblase mit Verdunstungsröhre gewahrte, vor sich, in Brusthöhe, einen gerahmten Schirm, der an Rollzügen schwebte. Zu seiner Linken, inmitten eines Schaltbretts und Instrumentariums, erhob sich eine rote Lampenglocke. Der Hofrat, vor dem hängenden Schirm auf einem Schemel reitend, entzündete sie. Das Deckenlicht erlosch, nur das Rubinlicht noch erhellte die Szene. Dann hob der Meister auch dieses mit kurzem Handgriff auf, und dichteste Finsternis hüllte die Laboranten ein.

„Erst müssen die Augen sich gewöhnen“, hörte man den Hofrat im Dunkel sagen. „Ganz große Pupillen müssen wir erst kriegen, wie die Katzen, um zu sehen, was wir sehen wollen. Das verstehen Sie ja wohl, daß wir es so ohne weiteres mit unseren gewöhnlichen Tagaugen nicht ordentlich sehen könnten. Den hellen Tag mit seinen fidelen Bildern müssen wir uns erst mal aus dem Sinn schlagen zu dem Behuf.“

„Selbstredend“, sagte Hans Castorp, der hinter des Hofrats Schulter stand, und schloß die Augen, da es ganz gleichgültig war, ob man sie offen hielt, oder nicht, so schwarz war die Nacht. „Erst müssen wir uns mal die Augen mit Finsternis waschen, um so was zu sehen, das ist doch klar. Ich finde es sogar gut und richtig, daß wir uns vorher ein bißchen sammeln, sozusagen in stillem Gebet. Ich stehe hier und habe die Augen geschlossen, es ist mir angenehm schläfrig zu Sinn. Aber wonach riecht es hier nur?“

„Sauerstoff“, sagte der Hofrat. „Das ist Oxygen, was Sie in den Lüften spüren. Atmosphärisches Produkt des Stubengewitters, verstehen Sie mich ... Augen auf!“ sagte er. „Jetzt fängt die Beschwörung an.“ Hans Castorp gehorchte eilig.

Man hörte das Umlegen eines Hebels. Ein Motor sprang auf und sang wütend in die Höhe, wurde aber durch einen neuen Handgriff zur Stetigkeit gebändigt. Der Fußboden bebte gleichmäßig. Das rote Lichtlein, länglich und senkrecht, blickte mit stillem Drohen herüber. Irgendwo knisterte ein Blitz. Und langsam, mit milchigem Schein, ein sich erhellendes Fenster, trat aus dem Dunkel das bleiche Viereck des Leuchtschirms hervor, vor welchem Hofrat Behrens auf seinem Schusterschemel ritt, die Schenkel gespreizt, die Fäuste daraufgestemmt, die Stumpfnase dicht an der Scheibe, die Einblick in eines Menschen organisches Inneres gewährte.

„Sehen Sie, Jüngling?“ fragte er ... Hans Castorp beugte sich über seine Schulter, hob aber noch einmal den Kopf, dorthin, wo im Dunkel Joachims Augen zu vermuten waren, die sanft und traurig blicken mochten, wie damals bei der Untersuchung, und fragte:

„Du erlaubst doch?“

„Bitte, bitte“, antwortete Joachim liberal aus seiner Finsternis. Und beim Schüttern des Erdbodens, im Knistern und Rumoren der spielenden Kräfte spähte Hans Castorp gebückt durch das bleiche Fenster, spähte durch Joachim Ziemßens leeres Gebein. Der Brustknochen fiel mit dem Rückgrat zur dunklen, knorpeligen Säule zusammen. Das vordere Rippengerüst wurde von dem des Rückens überschnitten, das blasser erschien. Geschwungen zweigten oben die Schlüsselbeine nach beiden Seiten ab, und in der weichen Lichthülle der Fleischesform zeigten sich dürr und scharf das Schulterskelett, der Ansatz von Joachims Oberarmknochen. Es war hell im Brustraum, aber man unterschied ein Geäder, dunkle Flecke, ein schwärzliches Gekräusel.

„Klares Bild“, sagte der Hofrat. „Das ist die anständige Magerkeit, die militärische Jugend. Ich habe hier Wänste gehabt, – undurchdringlich, beinahe nichts zu erkennen. Die Strahlen müßte man erst mal entdecken, die durch so eine Fettschicht gehen ... Dies hier ist saubere Arbeit. Sehen Sie das Zwerchfell?“ sagte er und wies mit dem Finger auf den dunklen Bogen, der sich unten im Fenster hob und senkte ... „Sehen Sie die Buckel hier linkerseits, die Erhöhungen? Das ist die Rippenfellentzündung, die er mit fünfzehn Jahren hatte. Tief atmen!“ kommandierte er. „Tiefer! Ich sage _tief_!“ Und Joachims Zwerchfell hob sich zitternd, so hoch es konnte, Aufhellung war in den oberen Lungenteilen zu bemerken, aber der Hofrat war nicht befriedigt. „Ungenügend!“ sagte er. „Sehen Sie die Hilusdrüsen? Sehen Sie die Verwachsungen? Sehen Sie die Kavernen hier? Da kommen die Gifte her, die ihn beschwipsen.“ Aber Hans Castorps Aufmerksamkeit war in Anspruch genommen von etwas Sackartigem, ungestalt Tierischem, dunkel hinter dem Mittelstamme Sichtbarem, und zwar größerenteils zur Rechten, vom Beschauer aus gesehen, – das sich gleichmäßig ausdehnte und wieder zusammenzog, ein wenig nach Art einer rudernden Qualle.

„Sehen Sie sein Herz?“ fragte der Hofrat, indem er abermals die riesige Hand vom Schenkel löste und mit dem Zeigefinger auf das pulsierende Gehänge wies ... Großer Gott, es war das Herz, Joachims ehrliebendes Herz, was Hans Castorp sah!

„Ich sehe dein Herz!“ sagte er mit gepreßter Stimme.

„Bitte, bitte“, antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen, zu schweigen und keine Empfindsamkeiten zu tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. Andacht und Schrecken erfüllten ihn. „Jawohl, jawohl, ich sehe“, sagte er mehrmals. „Mein Gott, ich sehe!“ Er hatte von einer Frau gehört, einer längst verstorbenen Verwandten von Tienappelscher Seite, – sie sollte mit einer schweren Gabe ausgestattet oder geschlagen gewesen sein, die sie in Demut getragen, und die darin bestanden hatte, daß Leute, die baldigst sterben sollten, ihren Augen als Gerippe erschienen waren. So sah nun Hans Castorp den guten Joachim, wenn auch mit Hilfe und auf Veranstaltung der physikalisch-optischen Wissenschaft, so daß es nichts zu bedeuten hatte und alles mit rechten Dingen zuging, zumal er Joachims Zustimmung ausdrücklich eingezogen. Dennoch wandelte Verständnis ihn an für die Melancholie im Schicksal jener seherischen Tante. Heftig bewegt von dem, was er sah, oder eigentlich davon, daß er es sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und Frömmigkeit.

Aber wenige Minuten später stand er selbst im Gewitter am Pranger, während Joachim, wieder geschlossenen Leibes, sich ankleidete. Abermals spähte der Hofrat durch die milchige Scheibe, diesmal in Hans Castorps Inneres, und aus seinen halblauten Äußerungen, abgerissenen Schimpfereien und Redensarten schien hervorzugehen, daß der Befund seinen Erwartungen entsprach. Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Leuchtschirm betrachte, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfingerglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weiter geht an ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. Mit den Augen jener Tienappelschen Vorfahrin erblickte er einen vertrauten Teil seines Körpers, durchschauenden, voraussehenden Augen, und zum erstenmal in seinem Leben verstand er, daß er sterben werde. Dazu machte er ein Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte, – ziemlich dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die Schulter geneigt. Der Hofrat sagte:

„Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu verkennen.“

Und dann tat er den Kräften Einhalt. Der Fußboden kam zur Ruhe, die Lichterscheinungen schwanden, das magische Fenster hüllte sich wieder in Dunkel. Das Deckenlicht ging an. Und während auch Hans Castorp sich in die Kleider warf, gab Behrens den jungen Leuten einige Auskunft über seine Beobachtungen, unter Berücksichtigung ihrer laienhaften Auffassungsfähigkeit. Was im besonderen Hans Castorp betraf, so hatte der optische Befund den akustischen so genau bestätigt, wie die Ehre der Wissenschaft es nur irgend verlangte. Es seien die alten Stellen sowohl wie die frische zu sehen gewesen, und „Stränge“ zögen sich von den Bronchien aus ziemlich weit in das Organ hinein, – „Stränge mit Knötchen“. Hans Castorp werde es selbst auf dem Diapositivbildchen nachprüfen können, das ihm, wie gesagt, demnächst werde eingehändigt werden. Also Ruhe, Geduld, Mannszucht, messen, essen, liegen, abwarten und Tee trinken. Er wandte ihnen den Rücken. Sie gingen. Hans Castorp, hinter Joachim, blickte im Hinausgehen über die Schulter. Vom Techniker eingelassen, betrat Frau Chauchat das Laboratorium.

Freiheit

Wie kam es dem jungen Hans Castorp eigentlich vor? Etwa so, als ob die sieben Wochen, die er nun nachweislich und ohne allen Zweifel schon bei Denen hier oben verbracht hatte, nur sieben Tage gewesen wären? Oder schien ihm im Gegenteil, daß er schon viel, viel länger, als wirklich zutraf, an diesem Orte lebe? Er fragte sich selbst danach, sowohl innerlich, wie auch in der Form, daß er Joachim danach fragte, konnte aber zu keiner Entscheidung kommen. Es war wohl beides der Fall: zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien ihm im Rückblick die hier verbrachte Zeit, nur eben wie es wirklich damit war, so wollte es ihm nicht scheinen, – wobei vorausgesetzt wird, daß Zeit überhaupt Natur, und daß es statthaft ist, den Begriff der Wirklichkeit mit ihr in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall stand der Oktober vor der Tür, jeden Tag konnte er eintreten. Es war ein leichtes für Hans Castorp, sich das auszurechnen, und außerdem wurde er durch Gespräche seiner Mitpatienten darauf hingewiesen, denen er zuhörte. „Wissen Sie, daß in fünf Tagen wieder einmal der Erste ist?“ hörte er Hermine Kleefeld zu zwei jungen Herren ihrer Gesellschaft sagen, dem Studenten Rasmussen und jenem Wulstlippigen, dessen Name Gänser war. Man stand nach der Hauptmahlzeit im Speisedunst zwischen den Tischen herum und zögerte plaudernd, in die Liegekur zu gehen. „Der erste Oktober, ich habe es in der Verwaltung auf dem Kalender gesehen. Das ist der zweite seiner Art, den ich an diesem Lustort verlebe. Schön, der Sommer ist hin, soweit er vorhanden war, man ist um ihn betrogen, wie man um das Leben betrogen ist, im ganzen und überhaupt.“ Und sie seufzte aus ihrer halben Lunge, indem sie kopfschüttelnd ihre von Dummheit umschleierten Augen zur Decke richtete. „Lustig, Rasmussen!“ sagte sie hierauf und schlug ihrem Kameraden auf die abfallende Schulter. „Machen Sie Witze!“ „Ich weiß nur wenige“, erwiderte Rasmussen und ließ die Hände wie Flossen in Brusthöhe hängen; „die aber wollen mir nicht vonstatten gehn, ich bin immer so müde.“ „Es möchte kein Hund,“ sagte Gänser hinter den Zähnen, „so oder ähnlich noch viel länger leben.“ Und sie lachten achselzuckend.

Aber auch Settembrini, seinen Zahnstocher zwischen den Lippen, hatte in der Nähe gestanden, und im Hinausgehen sagte er zu Hans Castorp:

„Glauben Sie ihnen nicht, Ingenieur, glauben Sie ihnen niemals, wenn sie schimpfen! Das tun sie alle ohne Ausnahme, obgleich sie sich nur zu sehr zu Hause fühlen. Führen ein Lotterleben und erheben auch noch Anspruch auf Mitleid, dünken sich zur Bitterkeit berechtigt, zur Ironie, zum Zynismus! ‚An diesem Lustort!‘ Ist es vielleicht kein Lustort? Ich will meinen, daß es einer ist, und zwar in des Wortes zweifelhaftester Bedeutung! ‚Betrogen‘, sagt dies Frauenzimmer; ‚an diesem Lustort um das Leben betrogen.‘ Aber entlassen Sie sie in die Ebene, und ihr Lebenswandel dort unten wird keinen Zweifel darüber lassen, daß sie es darauf anlegt, baldmöglichst wieder heraufzukommen. Ach ja, die Ironie! Hüten Sie sich vor der hier gedeihenden Ironie, Ingenieur! Hüten Sie sich überhaupt vor dieser geistigen Haltung! Wo sie nicht ein gerades und klassisches Mittel der Redekunst ist, dem gesunden Sinn keinen Augenblick mißverständlich, da wird sie zur Liederlichkeit, zum Hindernis der Zivilisation, zur unsauberen Liebelei mit dem Stillstand, dem Ungeist, dem Laster. Da die Atmosphäre, in der wir leben, dem Gedeihen dieses Sumpfgewächses offenbar sehr günstig ist, darf ich hoffen oder muß fürchten, daß Sie mich verstehen.“

Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die noch vor sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur Schall gewesen wären, für deren Bedeutung aber der Aufenthalt hier oben seinen Geist empfänglich gemacht hatte: empfänglich im Sinne intellektuellen Verständnisses, nicht ohne weiteres auch in dem der Sympathie, was vielleicht noch mehr besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner Seele froh war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was geschehen, fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging seine Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte beurteilte und ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht von der Ironie ganz ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, daß er sie ‚politisch verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment an, wo sie aufhört, ein ‚gerades und klassisches Lehrmittel‘ zu sein. Aber eine Ironie, die ‚keinen Augenblick mißverständlich‘ ist, – was wäre denn das für eine Ironie, frage ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar ist Jugend, die sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann das Geschenk zu bemäkeln.

Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin zu abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände auf Herrn Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm ungerecht erschien oder das er aus bestimmten Gründen sich so erscheinen lassen wollte.

„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr- und wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt zu sein! Was wollen Sie eigentlich von ihr?“

„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind auch oft nur Formen der Liederlichkeit.“

„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich sogar an Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er selbst, der Herr Schulmeister? Er ist doch auch krank und kommt immer wieder herauf, und Carducci hätte wenig Freude an ihm.“ Laut sagte er:

„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras beißen, und das nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich schon näher erklären. Wenn Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen eine Folge der Liederlichkeit, so wäre das plausibel ...“

„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu, es wäre Ihnen recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“

„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit manchmal zum Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“

„_Grazie tanto!_“

„Aber Krankheit eine _Form_ der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus der Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch paradox!“

„Oh, ich bitte, Ingenieur, keine Unterstellungen! Ich verachte die Paradoxe, ich hasse sie! Lassen Sie sich alles, was ich Ihnen über die Ironie bemerkte, auch vom Paradoxon gesagt sein, und noch einiges mehr! Das Paradoxon ist die Giftblüte des Quietismus, das Schillern des faulig gewordenen Geistes, die größte Liederlichkeit von allen! Im übrigen stelle ich fest, daß Sie wieder einmal die Krankheit in Schutz nehmen ...“

„Nein, was Sie sagen, interessiert mich. Es erinnert geradezu an manches, was Dr. Krokowski an seinen Montagen vorbringt. Auch er erklärt die organische Krankheit für eine sekundäre Erscheinung.“

„Kein ganz reinlicher Idealist.“

„Was haben Sie gegen ihn?“

„Eben dies.“

„Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?“

„Nicht jeden Tag. – Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd, Ingenieur.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Die Analyse ist gut als Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation, gut, insofern sie dumme Überzeugungen erschüttert, natürliche Vorurteile auflöst und die Autorität unterwühlt, gut, mit anderen Worten, indem sie befreit, verfeinert, vermenschlicht und Knechte reif macht zur Freiheit. Sie ist schlecht, sehr schlecht, insofern sie die Tat verhindert, das Leben an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten. Die Analyse kann eine sehr unappetitliche Sache sein, unappetitlich wie der Tod, zu dem sie denn doch wohl eigentlich gehören mag, – verwandt dem Grabe und seiner anrüchigen Anatomie ...“

„Gut gebrüllt, Löwe“, konnte Hans Castorp nicht umhin zu denken, wie gewöhnlich, wenn Herr Settembrini etwas Pädagogisches geäußert. Er sagte aber nur:

„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller. Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“

„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, und?“

„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans Castorp, indem er sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, die bei diesem Anblick in ihm aufgestiegen waren. „Haben Sie sich Ihres auch einmal zeigen lassen?“

„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein Skelett. Und das ärztliche Ergebnis?“

„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“

„Teufelsknecht.“

„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. Was meinen Sie damit?“

„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“

„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe zu, daß der Mann seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist mir selbst auf die Dauer nicht angenehm; sie hat zuweilen was Gewaltsames, besonders wenn man sich erinnert, daß er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben einzubüßen. Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann ist er doch alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit! Neulich begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation kam, einer Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf Biegen oder Brechen gegangen war. Es machte großen Eindruck auf mich, wie ich ihn so von seiner schwierigen, nützlichen Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut versteht. Noch ganz erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine Zigarre angezündet. Ich war neidisch auf ihn.“

„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“

„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“

„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen wir unsere Stellungen.“

Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34.

„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. Es muß lustiger sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. Unterhalten Sie sich? Sind es interessante Leute, mit denen Sie Kur machen?“

„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“

„Sie meinen Russen?“

„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel spannte sich. „Adieu, Ingenieur!“

Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans Castorp betrat in Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, wie es um ihn stand? Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch nachgespürt und die Wege verfolgt, die seine Augen gingen. Hans Castorp war zornig auf den Italiener und auch auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den Stich herausgefordert hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte, um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt kein Zögern mehr, der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben sein –, fuhr er fort, sich zu ärgern, murmelte dies und das vor sich hin gegen diesen Windbeutel und Räsonneur, der sich in Dinge mischte, die ihn nichts angingen, während er selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, – und fühlte sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, – dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen förmlich die Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er mußte Winterzeug haben, Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz alles, was er mitgenommen haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern ... sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls ein Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns hier oben die Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, ihn wohl gar einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens als Möglichkeit, nach Hause mitgeteilt sein. Es galt diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort unten reinen Wein einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas vorzumachen ...

In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der Technik, die er Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl, mit dem Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen Knien. Er schrieb auf einem Briefbogen der Anstalt, von denen ein Vorrat in der Tischschublade bereit lag, an James Tienappel, der ihm unter den drei Onkels am nächsten stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er sprach von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit, einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier oben zu verbringen, denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger als solche, die sich pompöser anließen, und es gelte doch, nachdrücklich einzugreifen und beizeiten ein für allemal vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte er, sei es ja ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt heraufgekommen und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu lassen; denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand im unklaren geblieben und später vielleicht auf viel empfindlichere Art darüber belehrt worden. Was die voraussichtliche Dauer der Kur betreffe, so möge man sich nicht wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um die Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die Ebene werde zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier andere, als die sonst wohl für Badereisen und Kuraufenthalte gültigen; der Monat sei sozusagen die kleinste Zeiteinheit, und einzeln spiele er gar keine Rolle ...