Part 24
„... Und also ist Ihr Katarrh in meinen Augen eine Erscheinung dritter Ordnung“, hatte Dr. Krokowski sehr leicht hinzugefügt. „Wie steht es damit? Die Bettruhe wird in dieser Hinsicht gewiß rasch das ihre tun. Was haben Sie heute gemessen?“ Und von da an hatte der Besuch des Assistenten den Charakter einer harmlosen Kontrollvisite getragen, wie er ihn denn auch in den folgenden Tagen und Wochen beständig trug: Dr. Krokowski kam ¾4 Uhr oder auch schon etwas früher über den Balkon herein, begrüßte den Liegenden auf mannhaft heitere Art, stellte die einfachsten ärztlichen Fragen, leitete auch wohl ein kurzes, persönlicher bestimmtes Geplauder ein, scherzte kameradschaftlich, – und wenn alles dies eines Anfluges von Bedenklichkeit nicht entbehrte, so gewöhnt man sich endlich auch an das Bedenkliche, falls es in seinen Grenzen bleibt, und Hans Castorp fand bald nichts mehr gegen das regelmäßige Erscheinen Dr. Krokowskis zu erinnern, das nun einmal zum stehenden Normaltage gehörte und die Stunde der großen Liegekur apostrophierte.
Es war also 4 Uhr, wenn der Assistent wieder auf den Balkon zurücktrat, – das heißt tiefer Nachmittag! Plötzlich und eh mans gedacht, war es tiefer Nachmittag, – der sich übrigens ungesäumt ins annähernd Abendliche vertiefte: denn bis der Tee getrunken war, drunten im Saal und auf Nummer 34, ging es stärkstens auf 5 Uhr und, bis Joachim von seinem dritten Dienstgange zurückkehrte und bei seinem Vetter wieder vorsprach, immerhin so stark auf 6, daß sich die Liegekur bis zum Abendessen, wenn man nur ein wenig rund rechnete, wieder auf eine Stunde beschränkte, – eine spielend aus dem Felde zu schlagende Zeitgegnerschaft, wenn man Gedanken im Kopf und außerdem einen ganzen _orbis pictus_ auf dem Nachttische hat.
Joachim verabschiedete sich zur Mahlzeit. Das Essen wurde gebracht. Das Tal hatte sich längst mit Schatten gefüllt, und während Hans Castorp aß, dunkelte es zusehens im weißen Zimmer. Er saß, wenn er fertig war, in sein Plumeau gelehnt, vor dem abgegessenen Tischleindeckdich und blickte in die rasch zunehmende Dämmerung, die Dämmerung von heute, die von der gestrigen, vorgestrigen oder der vor acht Tagen nur schwer zu unterscheiden war. Es war Abend, – nachdem es eben noch Morgen gewesen. Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er „immer noch“.
Eines Tages, es mochten zehn oder zwölf vergangen sein, seit Hans Castorp bettlägrig geworden war, pochte es um diese Stunde, das heißt: bevor Joachim vom Abendessen und von der Geselligkeit zurückgekehrt war, an die Stubentür, und auf Hans Castorps fragendes Herein erschien Lodovico Settembrini auf der Schwelle, – wobei es mit einem Schlage blendend hell im Zimmer wurde. Denn des Besuchers erste Bewegung, bei noch offener Tür, war gewesen, daß er das Deckenlicht eingeschaltet hatte, welches, von dem Weiß der Decke, der Möbel zurückgeworfen, den Raum im Nu mit zitternder Klarheit überfüllte.
Der Italiener war die einzige Persönlichkeit unter den Kurgästen, nach der Hans Castorp sich in diesen Tagen ausdrücklich und namentlich bei Joachim erkundigt hatte. Joachim berichtete ihm ja ohnedies, sooft er für zehn Minuten auf seines Vetters Bettrand saß oder neben ihm stand – und das geschah zehnmal am Tage – von den kleinen Vorkommnissen und Schwankungen im Alltagsleben der Anstalt, und soweit Hans Castorp Fragen gestellt hatte, waren sie allgemeiner und unpersönlicher Art gewesen. Die Neugier des Isolierten ging dahin, zu wissen, ob etwa neue Gäste angekommen oder von den vertrauten Physiognomien jemand abgereist sei; und es schien ihn zu befriedigen, daß nur jenes der Fall war. Ein „Neuer“ war eingetroffen, ein junger Mann, grünlich und hohl von Gesicht, und hatte seinen Platz am Tische der elfenbeinernen Levi und der Frau Iltis, gleich rechts von dem der Vettern erhalten. Nun, Hans Castorp konnte es erwarten, ihn in Augenschein zu nehmen. Abgereist war also niemand? Joachim verneinte kurz, indem er die Augen niederschlug. Aber er mußte die Frage mehrmals beantworten, eigentlich jeden zweiten Tag, obgleich er schließlich, eine gewisse Ungeduld in der Stimme, ein für allemal Bescheid zu geben versucht und gesagt hatte, seines Wissens stehe niemand vor der Abreise, so schlankerhand werde hier überhaupt ja nicht abgereist.
Was Settembrini betraf, so hatte also Hans Castorp persönlich nach ihm gefragt und zu hören verlangt, was jener „dazu gesagt“ habe. Wozu? „Nun, daß ich hier liege und krank sein soll.“ Wirklich hatte Settembrini sich geäußert, wenn auch sehr knapp. Gleich am Tage von Hans Castorps Verschwinden war er an Joachim mit der Frage nach dem Verbleib des Gastes herangetreten, wobei er sichtlich zu erfahren bereit gewesen war, daß Hans Castorp abgereist sei. Auf Joachims Erklärungen hatte er nur mit zwei italienischen Wörtern erwidert: zuerst hatte er „_Ecco_“ und dann „_Poveretto_“ gesagt, zu deutsch: „da haben wir’s“ und „armer Kleiner“, – man brauchte nicht mehr Italienisch zu verstehen als die beiden jungen Leute, um den Sinn dieser beiden Äußerungen zu erfassen. „Wieso ‚_poveretto_‘?“ hatte Hans Castorp gesagt. „Er sitzt doch auch hier oben mit seiner Literatur, die aus Humanismus und Politik besteht, und kann die irdischen Lebensinteressen wenig fördern. Er sollte mich nur nicht so von oben herab bemitleiden, ich komme immer noch früher ins Flachland als er.“
Nun also stand Herr Settembrini im jäh erleuchteten Zimmer, – Hans Castorp, der sich auf den Ellbogen gestützt und zur Tür gewandt hatte, erkannte ihn blinzelnd und errötete, als er ihn erkannte. Wie immer trug Settembrini seinen dicken Rock mit den großen Aufschlägen, einen etwas schadhaften Umlegekragen dazu und die karierten Hosen. Da er vom Essen kam, hielt er nach seiner Gewohnheit einen hölzernen Zahnstocher zwischen den Lippen. Sein Mundwinkel unter der schönen Schnurrbartbiegung war zu dem bekannten feinen, nüchternen und kritischen Lächeln gespannt.
„Guten Abend, Ingenieur! Ist es erlaubt, sich nach Ihnen umzusehen? Wenn ja, so bedarf es dazu des Lichtes, – verzeihen Sie meine Eigenmächtigkeit!“ sagte er, indem er die kleine Hand schwunghaft zur Deckenlampe emporwarf. „Sie kontemplierten, – ich möchte beileibe nicht stören. Neigung zur Nachdenklichkeit wäre mir ganz begreiflich in Ihrem Fall, und zum Plaudern haben Sie schließlich Ihren Vetter. Sie sehen, meine Überflüssigkeit ist mir vollkommen deutlich. Trotzdem, man lebt auf so engem Raum beieinander, man faßt Teilnahme von Mensch zu Mensch, geistige Teilnahme, Herzensteilnahme ... Es ist eine gute Woche, daß man Sie nicht sieht. Ich fing wahrhaftig an, mir einzubilden, Sie seien abgereist, als ich Ihren Platz drunten im Refektorium leer sah. Der Leutnant belehrte mich eines Besseren, hm, eines weniger Guten, wenn das nicht unhöflich klingt ... Kurz, wie geht es? Was treiben Sie? Wie fühlen Sie sich? Doch nicht allzu niedergeschlagen?“
„Sie sind es, Herr Settembrini! Das ist ja freundlich. Ha, ha, ‚Refektorium‘? Da haben Sie gleich wieder einen Witz gemacht. Nehmen Sie den Stuhl, bitte. Sie stören mich keine Spur. Ich lag da und sinnierte, – sinnieren ist schon viel zu viel gesagt. Ich war einfach zu faul, das Licht anzudrehen. Danke vielmals, es geht mir subjektiv so gut wie normal. Mein Schnupfen ist beinahe behoben durch die Bettruhe, aber er soll ja eine sekundäre Erscheinung sein, wie ich allgemein höre. Die Temperatur ist eben immer noch nicht, wie sie sein sollte, mal 37,5, mal 37,7, das hat sich in diesen Tagen noch nicht geändert.“
„Sie nehmen regelmäßig Messungen vor?“
„Ja, sechsmal am Tage, ganz wie sie alle hier oben. Haha, entschuldigen Sie, ich muß noch lachen darüber, daß Sie unsern Speisesaal ‚Refektorium‘ nannten. So sagt man doch im Kloster, nicht? Davon hat es hier wirklich etwas, – ich war ja noch nie in einem Kloster, aber so ähnlich stelle ich es mir vor. Und die ‚Regeln‘ habe ich auch schon am Schnürchen und beobachte sie ganz genau.“
„Wie ein frommer Bruder. Man kann sagen, Ihr Noviziat ist beendet, Sie haben Profeß getan. Meine feierliche Gratulation. Sie sagen ja auch schon ‚unser Speisesaal‘. Übrigens – ohne Ihrer Manneswürde zu nahe treten zu wollen – erinnern Sie mich fast mehr an ein junges Nönnlein als an einen Mönch, – an so ein eben geschorenes, unschuldiges Bräutchen Christi mit großen Opferaugen. Ich habe früher hie und da solche Lämmer gesehen nie ohne ... nie ohne eine gewisse Sentimentalität. Ah, ja, ja, Ihr Herr Vetter hat mir alles erzählt. Sie haben sich also im letzten Moment noch untersuchen lassen.“
„Da ich febril war –. Ich bitte Sie, Herr Settembrini, bei einem solchen Katarrh hätte ich mich in der Ebene an unseren Arzt gewandt. Und hier, wo man sozusagen an der Quelle sitzt, wo zwei Spezialisten im Hause sind, – es wäre doch komisch gewesen ...“
„Versteht sich, versteht sich. Und gemessen hatten Sie sich also schon, bevor man es Ihnen aufgetragen. Man hatte es Ihnen übrigens sofort empfohlen. Das Thermometer hat Ihnen die Mylendonk zugesteckt?“
„Zugesteckt? Da der Bedarfsfall vorlag, habe ich ihr eines abgekauft.“
„Ich verstehe. Ein einwandfreies Handelsgeschäft. Und wieviel Monate hat der Chef Ihnen aufgebrummt? ... Großer Gott, so habe ich Sie schon einmal gefragt! Erinnern Sie sich? Sie waren frisch angekommen. Sie antworteten so keck damals ...“
„Natürlich weiß ich das noch, Herr Settembrini. Viel Neues habe ich seitdem erlebt, aber das weiß ich doch noch wie heute. Gleich damals waren Sie so amüsant und machten Hofrat Behrens zum Höllenrichter ... Rhadames ... Nein, warten Sie, das ist was anderes ...“
„Rhadamanthys? Mag sein, daß ich ihn beiläufig so nannte. Ich behalte nicht alles, was mein Kopf gelegentlich hervorsprudelt.“
„Rhadamanthys, natürlich! Minos und Rhadamanthys! Auch von Carducci erzählten Sie uns damals gleich ...“
„Erlauben Sie, lieber Freund, _den_ wollen wir beiseite lassen. _Der_ Name nimmt sich in diesem Augenblick gar zu fremdartig aus in Ihrem Munde!“
„Auch gut“, lachte Hans Castorp. „Ich habe durch Sie aber doch viel über ihn gelernt. Ja, damals hatte ich keine Ahnung und antwortete Ihnen, ich sei auf drei Wochen gekommen, anders wußte ich’s nicht. Gerade hatte die Kleefeld mich zur Begrüßung mit dem Pneumothorax angepfiffen, davon war ich etwas außer mir. Aber auch febril fühlte ich mich damals gleich, denn die Luft hier ist ja nicht nur gut _gegen_ die Krankheit, sie ist auch gut _für_ die Krankheit, manchmal bringt sie sie erst zum Ausbruch, und das ist am Ende wohl nötig, wenn Heilung eintreten soll.“
„Eine bestechende Hypothese. Hat Hofrat Behrens Ihnen auch von der Deutschrussin erzählt, die wir voriges Jahr, – nein: vorvoriges Jahr fünf Monate hier hatten? Nicht? Das hätte er tun sollen. Eine liebenswürdige Dame, deutschrussisch ihrer Abstammung nach, verheiratet, junge Mutter. Sie kam aus dem Osten hierher, lymphatisch, blutarm, es lag auch wohl etwas Ernsthafteres vor. Nun, sie lebt einen Monat hier und klagt, sie fühle sich schlecht. Nur Geduld! Es vergeht ein zweiter Monat, und sie behauptet fortgesetzt, daß es ihr nicht besser, sondern schlechter geht. Ihr wird bedeutet, wie es ihr _gehe_, könne einzig und allein der Arzt beurteilen; sie könne nur angeben, wie sie sich _fühle_, – und daran sei wenig gelegen. Mit ihrer Lunge sei man zufrieden. Gut, sie schweigt, sie macht Kur und verliert allwöchentlich an Gewicht. Im vierten Monat wird sie bei Untersuchungen ohnmächtig. Das schade nichts, erklärt Behrens; mit ihrer Lunge sei er recht wohl zufrieden. Als sie aber im fünften Monat nicht mehr gehen kann, schreibt sie dies ihrem Manne nach Osten, und Behrens bekommt einen Brief von ihm, – es stand ‚Persönlich‘ und ‚Dringlich‘ darauf in markiger Schrift, ich habe ihn selbst gesehen. Ja, sagt Behrens nun und zuckt die Achseln, es scheine sich ja herauszustellen, daß sie offenbar das Klima hier nicht vertrage. Die Frau war außer sich. Das hätte er ihr doch früher sagen müssen, rief sie, sie habe es immer gefühlt, ganz und gar verdorben habe sie sich! ... Wir wollen hoffen, daß sie bei ihrem Mann im Osten wieder zu Kräften gekommen ist.“
„Ausgezeichnet! Sie erzählen so hübsch, Herr Settembrini, geradezu plastisch ist jedes Ihrer Worte. Auch über die Geschichte mit dem Fräulein, das im See badete, und der man die Stumme Schwester gab, habe ich noch oft im stillen lachen müssen. Ja, was alles vorkommt. Man lernt gewiß nicht aus. Mein eigener Fall liegt übrigens noch ganz im Ungewissen. Der Hofrat will ja eine Kleinigkeit bei mir gefunden haben, – die alten Stellen, wo ich früher schon krank war, ohne es zu wissen, habe ich selbst beim Klopfen gehört, und nun soll auch eine frische hier irgendwo zu hören sein – ha, ‚frisch‘ ist übrigens eigentümlich gesagt in diesem Zusammenhang. Aber bis jetzt handelt es sich ja nur um akustische Wahrnehmungen, und die rechte diagnostische Sicherheit werden wir erst haben, wenn ich wieder auf bin und die Durchleuchtung und photographische Aufnahme stattgefunden hat. Dann werden wir positiv Bescheid wissen.“
„Meinen Sie? – Wissen Sie, daß die photographische Platte oft Flecken zeigt, die man für Kavernen hält, während sie bloß Schatten sind, und daß sie da, _wo_ etwas ist, zuweilen _keine Flecken_ zeigt? Madonna, die photographische Platte! Hier war ein junger Numismatiker, der fieberte; und da er fieberte, sah man deutlich Kavernen auf der photographischen Platte. Man wollte sie sogar gehört haben! Er wurde auf Phthisis behandelt, und darüber starb er. Die Obduktion lehrte, daß seiner Lunge nichts fehlte, und daß er an irgendwelchen Kokken gestorben war.“
„Nun, hören Sie, Herr Settembrini, gleich von Obduktion reden Sie! Soweit ist es mit mir denn doch wohl noch nicht.“
„Ingenieur, Sie sind ein Schalk.“
„Und Sie sind durch und durch ein Kritiker und Zweifler, das muß man sagen! Nicht einmal an die exakte Wissenschaft glauben Sie. Zeigt denn bei _Ihnen_ die Platte Flecken?“
„Ja, sie zeigt welche.“
„Und sind Sie wirklich etwas krank?“
„Ja, ich bin leider ziemlich krank“, erwiderte Herr Settembrini und ließ das Haupt sinken. Es trat eine Pause ein, in der er hüstelte. Hans Castorp blickte aus seiner Ruhelage auf den zum Schweigen gebrachten Gast. Ihm war, als hätte er mit seinen beiden sehr einfachen Fragen alles mögliche widerlegt und zum Verstummen gebracht, sogar die Republik und den schönen Stil. Von seiner Seite tat er nichts, um das Gespräch wieder in Gang zu bringen.
Nach einer Weile richtete Herr Settembrini sich lächelnd wieder auf.
„Erzählen Sie mir nun, Ingenieur,“ sagte er, „wie haben die Ihren die Nachricht aufgenommen?“
„Das heißt, welche Nachricht? Von der Verzögerung meiner Abreise? Ach, die Meinen, wissen Sie, die Meinen zu Hause bestehen aus drei Onkels, einem Großonkel und zwei Söhnen von ihm, zu denen ich mehr in Vetternverhältnis stehe. Weiter habe ich keine Meinen, ich bin ja sehr früh Doppelwaise geworden. Aufgenommen? Sie wissen ja noch nicht viel, nicht mehr, als ich selbst. Zu Anfang, als ich mich legen mußte, habe ich ihnen geschrieben, ich sei stark erkältet und könne nicht reisen. Und gestern, da es nun doch ein bißchen lange dauerte, habe ich noch einmal geschrieben und gesagt, Hofrat Behrens sei durch den Katarrh auf den Zustand meiner Brust aufmerksam geworden und dringe darauf, daß ich meinen Aufenthalt verlängere, bis Klarheit darüber geschaffen ist. Davon werden sie sehr ruhigen Blutes Kenntnis genommen haben.“
„Und Ihr Posten? Sie sprachen von einem praktischen Wirkungskreis, in den Sie eben einzutreten gedachten.“
„Ja, als Volontär. Ich habe gebeten, mich vorläufig auf der Werft zu entschuldigen. Sie müssen nicht denken, daß deswegen da Verzweiflung herrscht. Die können sich beliebig lange auch ohne Volontär behelfen.“
„Sehr gut! Von dieser Seite betrachtet, ist also alles in Ordnung. Phlegma auf der ganzen Linie. Man ist überhaupt phlegmatisch bei Ihnen zu Lande, nicht wahr? Aber auch energisch!“
„O ja, energisch auch, doch, sehr energisch“, sagte Hans Castorp. Er prüfte die heimatliche Lebensstimmung aus der Entfernung und fand, daß sein Unterredner sie richtig kennzeichne. „Phlegmatisch und energisch, so sind sie wohl.“
„Nun,“ fuhr Herr Settembrini fort, „sollten Sie länger bleiben, so wird es ja nicht fehlen, daß wir hier oben die Bekanntschaft Ihres Herrn Onkels – ich meine den Großonkel – machen. Zweifellos wird er heraufkommen, sich nach Ihnen umzusehen.“
„Ausgeschlossen!“ rief Hans Castorp. „Unter gar keinen Umständen! Keine zehn Pferde bringen ihn hier herauf! Mein Onkel ist stark apoplektisch, wissen Sie, er hat fast keinen Hals. Nein, der braucht einen vernünftigen Luftdruck, es würde ihm hier noch schlimmer ergehen als Ihrer Dame aus dem Osten, alle Zustände würde er kriegen.“
„Das enttäuscht mich. Apoplektisch also? Was nützen mir da Phlegma und Energie. – Ihr Herr Onkel ist wohl reich? Auch Sie sind reich? Man ist reich bei Ihnen zu Hause.“
Hans Castorp lächelte über Herrn Settembrinis schriftstellerische Verallgemeinerung, und dann blickte er wieder aus seiner Ruhelage ins Weite, in die heimatliche Sphäre, der er entrückt war. Er erinnerte sich, er versuchte, unpersönlich zu urteilen, die Distanz ermunterte und befähigte ihn dazu. Er antwortete:
„Man ist reich, ja, – oder man ist es nicht. Und wenn nicht, – desto schlimmer. Ich? Ich bin kein Millionär, aber das meine ist mir sichergestellt, ich bin unabhängig, ich habe zu leben. Sehen wir von mir mal ab. Wenn Sie gesagt hätten: Man _muß_ reich sein da hinten, – dann hätte ich Ihnen zugestimmt. Denn angenommen, man ist _nicht_ reich, oder hört auf, es zu sein, – dann wehe. ‚Der? Hat der denn noch Geld?‘ fragen sie ... Wörtlich so und mit genau solchem Gesicht; ich habe es oft gehört, und ich merke, daß es sich mir eingeprägt hat. Also muß es mir doch wohl sonderbar vorgekommen sein, obgleich ich gewöhnt war, es zu hören, – sonst hätte es sich mir nicht eingeprägt. Oder wie meinen Sie. Nein, ich glaube nicht, daß es zum Beispiel Ihnen, als _homo humanus_, zusagen würde bei uns; selbst mir, der ich doch dort zu Hause bin, ist es öfters kraß vorgekommen, wie ich nachträglich merke, obgleich ich persönlich ja nicht darunter zu leiden gehabt habe. Wer nicht die besten, teuersten Weine servieren läßt bei seinen Diners, zu dem geht man überhaupt nicht, und seine Töchter bleiben sitzen. So sind die Leute. Wie ich hier so liege und es von weitem sehe, kommt es mir kraß vor. Was brauchten Sie für Ausdrücke, – phlegmatisch und? Und energisch! Gut, aber was heißt das? Das heißt hart, kalt. Und was heißt hart und kalt? Das heißt grausam. Es ist eine grausame Luft da unten, unerbittlich. Wenn man so liegt und es von weitem sieht, kann es einem davor grauen.“
Settembrini hörte ihm zu und nickte. Er tat dies noch, als Hans Castorp vorläufig mit seiner Kritik zu Rande gekommen war und nicht mehr sprach. Dann atmete er auf und sagte:
„Ich will die besonderen Erscheinungsformen, die die natürliche Grausamkeit des Lebens innerhalb Ihrer Gesellschaft annimmt, nicht beschönigen. Einerlei, der Vorwurf der Grausamkeit bleibt ein ziemlich sentimentaler Vorwurf. Sie würden ihn an Ort und Stelle kaum erhoben haben, aus Furcht, vor sich selber lächerlich zu werden. Sie haben ihn mit Recht den Drückebergern des Lebens überlassen. Daß Sie ihn jetzt erheben, zeugt von einer gewissen Entfremdung, die ich ungern anwachsen sehen würde, denn wer sich gewöhnt, ihn zu erheben, kann ganz leicht dem Leben, der Lebensform, für die er geboren ist, verloren gehen. Wissen Sie, Ingenieur, was das heißt: ‚Dem Leben verloren gehen‘? Ich, ich weiß es, ich sehe es hier alle Tage. Spätestens nach einem halben Jahr hat der junge Mensch, der heraufkommt (und es sind fast lauter junge Menschen, die heraufkommen), keinen anderen Gedanken mehr im Kopf als Flirt und Temperatur. Und spätestens nach einem Jahr wird er auch nie wieder einen anderen fassen können, sondern jeden anderen als ‚grausam‘ oder, besser gesagt, als fehlerhaft und unwissend empfinden. Sie lieben Geschichten, – ich könnte Ihnen aufwarten. Ich könnte Ihnen von dem Sohn und Ehemann erzählen, der elf Monate hier war, und den ich kannte. Er war ein wenig älter als Sie, glaube ich, – sogar schon etwas älter. Man entließ ihn probeweise als gebessert, er kehrte nach Hause zurück in die Arme seiner Lieben; es waren keine Onkel, es waren Mutter und Gattin. Den ganzen Tag lag er mit dem Thermometer im Munde und wußte von nichts anderem. ‚Das versteht ihr nicht‘, sagte er. ‚Dazu muß man oben gelebt haben, um zu wissen, wie es sein muß. Hier unten fehlen die Grundbegriffe.‘ Es endete damit, daß seine Mutter entschied: ‚Geh nur wieder hinauf. Mit dir ist nichts mehr anzufangen.‘ Und er ging wieder hinauf. Er kehrte in die ‚Heimat‘ zurück, – Sie wissen doch, man nennt dies ‚Heimat‘, wenn man einmal hier gelebt hat. Seiner jungen Frau war er völlig entfremdet, es fehlten ihr die ‚Grundbegriffe‘, und sie verzichtete. Sie sah ein, daß er in der Heimat eine Genossin mit übereinstimmenden ‚Grundbegriffen‘ finden und dableiben werde.“
Hans Castorp schien nur mit halbem Ohre zugehört zu haben. Noch immer schaute er in die Glühlichtklarheit des weißen Zimmers hinein wie in eine Weite. Er lachte verspätet und sagte:
„Die Heimat nannte er es? Das ist wohl wirklich etwas sentimental, wie Sie sagen. Ja, Geschichten wissen Sie ohne Zahl. Ich dachte eben noch weiter nach über das, was wir von Härte und Grausamkeit sprachen, ich habe es mir in diesen Tagen schon verschiedentlich durch den Kopf gehen lassen. Sehen Sie, man muß wohl eine ziemlich dicke Haut haben, um von Natur so ganz einverstanden zu sein mit der Denkungsart der Leute da unten im Tieflande und mit solchen Fragen, wie ‚Hat der denn noch Geld?‘ und dem Gesicht, das sie dazu machen. Mir war es eigentlich nie ganz natürlich, obgleich ich nicht einmal ein _homo humanus_ bin, – ich merke nachträglich, daß es mir immer auffallend vorgekommen ist. Vielleicht hing es mit meiner unbewußten Neigung zur Krankheit zusammen, daß es mir nicht natürlich war, – ich habe die alten Stellen ja selbst gehört, und nun hat Behrens angeblich eine frische Kleinigkeit bei mir gefunden. Es kam mir wohl überraschend, und doch habe ich mich im Grunde nicht sehr darüber gewundert. Geradezu felsenfest habe ich mich eigentlich nie gefühlt; und dann sind meine beiden Eltern so früh gestorben, – ich bin von Kind auf Doppelwaise, wissen Sie ...“
Herr Settembrini beschrieb mit Kopf, Schultern und Händen eine einheitliche Gebärde, die die Frage „Nun, und? Was weiter?“ heiter und artig anschaulich machte.
„Sie sind doch Schriftsteller,“ sagte Hans Castorp, „– Literat; Sie müssen sich auf so etwas doch verstehen und einsehen, daß man unter diesen Umständen nicht so recht derb gesinnt sein und die Grausamkeit der Leute ganz natürlich finden kann, – der gewöhnlichen Leute, wissen Sie, die herumgehen und lachen und Geld verdienen und sich den Bauch vollschlagen ... Ich weiß nicht, ob ich mich richtig ...“
Settembrini verbeugte sich. „Sie wollen sagen,“ erläuterte er, „daß die frühe und wiederholte Berührung mit dem Tode eine Grundstimmung des Gemütes zeitigt, die gegen die Härten und Kruditäten des unbedachten Weltlebens, sagen wir: gegen seinen Zynismus reizbar und empfindlich macht.“
„Genau so!“ rief Hans Castorp in aufrichtiger Begeisterung. „Tadellos ausgedrückt bis aufs i-Tüpfelchen, Herr Settembrini! Mit dem Tode –! Ich wußte es ja, daß Sie als Literat ...“