Part 22
„Das wäre also nach deinem Wunsche verabredet“, sagte Hans Castorp. „Glücklicher konnte es sich ja gar nicht treffen, und nun bin ich gemeldet. Er wird ja weiter auch nicht viel tun können in der Sache, als mir vielleicht einen Lakritzensaft oder Brusttee verschreiben, aber angenehm ist es doch, ein bißchen ärztlichen Zuspruch zu haben, wenn man sich fühlt wie ich. Aber warum er nur immer so unmäßig forsch daherredet!“ sagte er. „Anfangs machte es mir Spaß, aber auf die Länge ist es mir unlieb. ‚Gesegnete Nahrungsaufnahme‘! Was für ein Kauderwelsch. Man kann sagen: ‚Gesegnete Mahlzeit‘! denn ‚Mahlzeit‘ ist ein poetisches Wort sozusagen, wie ‚tägliches Brot‘, und verträgt sich ganz gut mit ‚gesegnet‘. Aber ‚Nahrungsaufnahme‘ ist ja die reine Physiologie, und dazu Segen zu wünschen, das ist doch ein höhnisches Gerede. Ich sehe es auch nicht gern, wenn er raucht, es hat etwas Beängstigendes für mich, weil ich weiß, daß es ihm nicht bekommt und ihn melancholisch macht. Settembrini sagte von ihm, seine Lustigkeit sei gezwungen, und Settembrini ist ein Kritiker, ein Mann des Urteils, das muß man ihm lassen. Ich sollte vielleicht auch mehr urteilen und nicht alles nehmen, wie es ist, er hat ganz recht. Aber manchmal fängt man mit Urteil und Tadel und gerechtem Ärgernis an, und dann kommt ganz anderes dazwischen, was mit Urteilen gar nichts zu tun hat, und dann ist es aus mit der Sittenstrenge, und die Republik und der schöne Stil kommen einem auch nur noch abgeschmackt vor ...“
Er murmelte Undeutliches, schien selbst nicht ganz klar über das, was er meinte. Auch sah ihn sein Vetter denn nur von der Seite an und sagte „Auf Wiedersehn“, worauf ein jeder auf sein Zimmer und in seine Balkonloge ging.
„Wieviel?“ fragte Joachim nach einer Weile gedämpft, obgleich er nicht gesehen, daß Hans Castorp sein Thermometer wieder zu Rate gezogen hatte ... Und Hans Castorp antwortete gleichgültigen Tones:
„Nichts Neues.“
Wirklich hatte er gleich bei seinem Eintritt seinen zierlichen Erwerb von heute morgen vom Waschtisch genommen, hatte die 37,6, die nun ihre Rolle ausgespielt hatten, durch senkrechte Stöße zerstört und sich ganz wie ein Alter, die gläserne Zigarre im Munde, in die Liegekur verfügt. Aber allzu hochfliegenden Erwartungen entgegen und obgleich er das Instrument volle acht Minuten unter der Zunge behalten, hatte Merkurius sich nicht weiter ausgedehnt, als wieder nur bis 37,6, – was ja übrigens Fieber war, wenn auch kein höheres, als schon am früheren Vormittage vorhanden gewesen. Nach Tische stieg das schimmernde Säulchen auf 37,7, verharrte abends, als der Patient nach den Erregungen und Neuigkeiten des Tages sehr müde war, auf 37,5, und zeigte in der nächsten Morgenfrühe gar nur auf 37, um gegen Mittag die gestrige Höhe wieder zu erreichen. Unter diesen Ergebnissen kam die Hauptmahlzeit des folgenden Tages und mit ihrer Beendigung die Stunde des Rendezvous heran.
Hans Castorp erinnerte sich später, daß Madame Chauchat während dieser Mahlzeit einen goldgelben Sweater mit großen Knöpfen und bordierten Taschen getragen hatte, der neu, jedenfalls neu für Hans Castorp gewesen war, und worin sie bei ihrem wie immer verspäteten Eintritt, in der Art, die Hans Castorp so wohl an ihr kannte, einen Augenblick Front gegen den Saal gemacht hatte. Dann war sie, wie täglich fünfmal, zu ihrem Tische geglitten, hatte sich mit weichen Bewegungen niedergelassen und plaudernd zu essen begonnen: Hans Castorp hatte, wie jeden Tag, aber doch mit besonderer Aufmerksamkeit, ihren Kopf sich beim Sprechen bewegen sehen und aufs neue die Rundung ihres Nackens, die schlaffe Haltung ihres Rückens bemerkt, wenn er hinter dem Settembrinis vorbei, der am Ende des schräg zwischenstehenden Tisches saß, zum Guten Russentisch hinübergeblickt hatte. Frau Chauchat ihrerseits hatte sich während des Mittagessens kein einziges Mal nach dem Saale umgeblickt. Als aber der Nachtisch eingenommen gewesen war und die große Ketten- und Pendeluhr an der rechten Schmalseite des Saals, dort, wo der Schlechte Russentisch stand, zwei geschlagen hatte, da war es zu Hans Castorps rätselhafter Erschütterung dennoch geschehen: während die Uhr zwei schlug – eins und zwei – hatte die anmutige Kranke langsam den Kopf und ein wenig auch den Oberkörper gewandt und über die Schulter deutlich und unverhohlen zu Hans Castorps Tische – und nicht nur im allgemeinen zu seinem Tische, nein, unmißverständlich und streng persönlich zu _ihm_ herübergeblickt, ein Lächeln um die geschlossenen Lippen und in ihren schmalgeschnittenen Pribislav-Augen, als wollte sie sagen: „Nun? Es ist Zeit. Wirst du gehen?“ (denn wenn nur die Augen sprechen, geht ja die Rede per Du, auch wenn der Mund noch nicht einmal „Sie“ gesagt hat) – und das war ein Zwischenfall gewesen, der Hans Castorp in tiefster Seele verwirrt und entsetzt hatte, – kaum hatte er seinen Sinnen getraut und entgeistert zuerst in Frau Chauchats Angesicht und dann, die Augen hebend, über ihre Stirn und ihr Haar hin ins Leere geblickt. Wußte sie denn, daß er sich auf zwei Uhr zur Untersuchung hatte bestellen lassen? Genau so hatte es ausgesehen. Und doch war es fast ebenso unwahrscheinlich, wie daß sie hätte wissen sollen, daß er soeben noch, in der jüngstvergangenen Minute, sich gefragt hatte, ob er nicht dem Hofrat durch Joachim sagen lassen sollte, seine Erkältung habe sich schon gebessert und er betrachte die Untersuchung als überflüssig: ein Gedanke, dessen Vorzüge unter jenem fragenden Lächeln freilich dahingewelkt waren und sich in lauter abstoßende Langweiligkeit verwandelt hatten. In der nächsten Sekunde hatte denn Joachim auch schon seine gerollte Serviette auf den Tisch gelegt, hatte ihm mit erhobenen Brauen zugewinkt, sich gegen die Umsitzenden verneigt und den Tisch verlassen, – worauf Hans Castorp innerlich taumelnd, wenn auch äußerlich festen Schrittes, und mit dem Gefühl, daß jenes Blicken und Lächeln immer noch auf ihm läge, dem Vetter zum Saal hinaus folgte.
Sie hatten seit gestern vormittag nicht mehr über ihr heutiges Vorhaben gesprochen, und auch jetzt gingen sie in schweigendem Einverständnis. Joachim beeilte sich: es war schon über die vereinbarte Stunde, und Hofrat Behrens bestand auf Pünktlichkeit. Es ging vom Speisesaal den ebenerdigen Korridor entlang, an der „Verwaltung“ vorbei und die reinliche, mit gebohntem Linoleum belegte Treppe zum Kellergeschoß „hinab“. Joachim klopfte an die Tür, die sich, der Treppe gleich gegenüber, durch ein Porzellanschild als Eingang zum Ordinationszimmer zu erkennen gab.
„_Her_ein!“ rief Behrens, indem er die erste Silbe stark betonte. Er stand inmitten des Raumes, im Kittel, in der Rechten das schwarze Hörrohr, mit dem er sich gegen den Schenkel klopfte.
„Tempo, Tempo“, sagte er und richtete seine quellenden Augen auf die Wanduhr. „_Un poco più presto, Signori!_ Wir sind nicht ganz ausschließlich für Eure Hochwohlgeboren vorhanden.“
Am doppelten Schreibtisch vorm Fenster saß Dr. Krokowski, bleich gegen sein schwarzes Lüsterhemd, die Ellenbogen auf der Platte, in der einen Hand die Feder, die andere im Bart, vor sich Papiere, wahrscheinlich den Krankenakt, und blickte den Eintretenden mit dem stumpfen Ausdruck einer Persönlichkeit, die nur assistierenderweise anwesend ist, entgegen.
„Na, her mit der Konduite!“ antwortete der Hofrat auf Joachims Entschuldigungen und nahm ihm die Fieberkurve aus der Hand, um sie durchzusehen, während der Patient sich beeilte, seinen Oberkörper freizumachen und die abgelegten Kleidungsstücke an den neben der Tür stehenden Garderobeständer zu hängen. Um Hans Castorp kümmerte man sich nicht. Er stand eine Weile zuschauend und ließ sich später auf einem altmodischen kleinen Fauteuil mit Troddeln an den Armlehnen zur Seite eines Tischchens mit Wasserkaraffe nieder. Bücherschränke mit breitrückigen medizinischen Werken und Aktenfaszikeln standen an den Wänden. An Möbeln war sonst nur noch eine mit weißem Wachstuch überzogene, höher und niedriger zu kurbelnde Chaiselongue vorhanden, über deren Kopfpolster eine Papierserviette gebreitet war.
„Komma 7, Komma 9, Komma 8“, sagte Behrens, die Wochenkarten durchblätternd, in die Joachim die Ergebnisse seiner täglich fünfmaligen Messungen treulich eingetragen. „Immer noch ein bißchen illuminiert, lieber Ziemßen, können nicht gerade behaupten, daß Sie seit neulich solider geworden sind. („Neulich“, das war vor vier Wochen gewesen.) Nicht entgiftet, nicht entgiftet“, sagte er. „Na, das geht natürlich nicht so von heute auf morgen, hexen können wir auch nicht.“
Joachim nickte und zuckte mit seinen bloßen Schultern, obgleich er hätte einwenden können, daß er ja keineswegs erst seit gestern hier oben sei.
„Wie steht es denn mit den Stichen am rechten Hilus, wo es immer verschärft klang? Besser? Na, kommen Sie her! Wollen mal höflich bei Ihnen anklopfen.“ Und die Auskultation begann.
Hofrat Behrens, breitbeinig und rückwärts geneigt, den Hörer unter dem Arme, klopfte zuerst ganz oben an Joachims rechter Schulter, klopfte aus dem Handgelenk, indem er sich des gewaltigen Mittelfingers seiner Rechten als Hammer bediente und die Linke zur Stütze gebrauchte. Dann ging er unter das Schulterblatt hinab und klopfte seitlich am mittleren und unteren Rücken, worauf Joachim, der wohlabgerichtet war, den Arm hob, um auch unter der Achsel klopfen zu lassen. Hierauf wiederholte das Ganze sich linkerseits, und damit fertig, kommandierte der Hofrat „Kehrt!“ zur Beklopfung der Brustseite. Er klopfte gleich unter dem Halse beim Schlüsselbein, klopfte über und unter der Brust, zuerst rechts und dann links. Als er aber sattsam geklopft hatte, ging er zum Horchen über, indem er sein Hörrohr, das Ohr an der Muschel, auf Joachims Brust und Rücken setzte, überallhin, wo er vorhin geklopft hatte. Dabei mußte Joachim abwechselnd stark atmen und künstlich husten, was ihn sehr anzustrengen schien, denn er geriet außer Atem, und in die Augen traten ihm Tränen. Hofrat Behrens aber meldete alles, was er dort innen hörte, dem Assistenten in kurzen, feststehenden Worten zum Schreibtisch hinüber, derart, daß Hans Castorp nicht umhin konnte, an den Vorgang beim Schneider zu denken, wenn der wohlgekleidete Herr einem zu einem Anzuge das Maß nimmt, in herkömmlicher Reihenfolge dem Besteller das Meterband da und dort um den Rumpf und an die Glieder legt und dem gebückt sitzenden Gehilfen die gewonnenen Ziffern in die Feder diktiert. „Kurz“, „verkürzt“, diktierte Hofrat Behrens. „Vesikulär“, sagte er, und abermals: „Vesikulär“ (das war gut, offenbar). „Rauh“, sagte er und schnitt ein Gesicht. „_Sehr_ rauh.“ „Geräusch.“ Und Dr. Krokowski trug alles ein, wie der Angestellte die Ziffern des Zuschneiders.
Hans Castorp folgte den Vorgängen seitwärts geneigten Kopfes, nachdenklich versunken in die Betrachtung von Joachims Oberkörper, dessen Rippen (gottlob war er im Besitz seiner Rippen) sich beim Schnaufen unter der gespannten Haut hoch über den zurückfallenden Magen hoben, – diesem schlanken, gelblich-brünetten Jünglingsoberkörper mit den schwarzen Haaren am Brustknochen und an den übrigens kräftigen Armen, deren einer ein goldenes Kettenarmband um das Handgelenk trug. Turnerarme sind das, dachte Hans Castorp; er hat immer gern geturnt, während ich mir nichts daraus machte, und das hing mit seiner Lust zum Soldatenstande zusammen. Immer war er gut körperlich gesinnt, viel mehr als ich, oder doch auf andere Weise; denn ich war immer ein Zivilist, und es war mir mehr um warm baden und gut essen und trinken zu tun, ihm aber um männliche Anforderungen und Leistungen. Und nun ist auf so ganz andere Weise sein Körper in den Vordergrund getreten und hat sich selbständig und wichtig gemacht, nämlich durch Krankheit. Illuminiert ist er und will sich nicht entgiften und solide werden, so gern der arme Joachim auch Soldat sein möchte im Flachland. Sieh an, er ist gewachsen, wie es im Buche steht, der reine Apollo von Belvedere, bis auf die Haare. Aber innerlich ist er krank und außen zu warm vor Krankheit; denn Krankheit macht den Menschen viel körperlicher, sie macht ihn gänzlich zum Körper ... Und wie er dies dachte, erschrak er und blickte rasch und forschend von Joachims bloßem Oberleib zu seinen Augen hinauf, seinen großen, schwarzen und sanften Augen, die vom künstlichen Atmen und Husten in Tränen standen und bei der Untersuchung mit traurigem Ausdruck über den Zuschauer hin ins Leere sahen.
Unterdessen aber war Hofrat Behrens zu Ende gekommen.
„Na, is gut, Ziemßen“, sagte er. „Alles in Ordnung, so weit es möglich ist. Nächstes Mal“ (das war in vier Wochen), „wird es gewiß überall wieder ein bißchen besser sein.“
„Wie lange meinen Herr Hofrat, daß –“
„Wollen Sie schon wieder drängeln? Sie können Ihre Kerls doch nicht in angeheitertem Zustand kujonieren! Ein halbes Jährchen habe ich neulich gesagt, – rechnen Sie meinetwegen von neulich an, aber betrachten Sie es als Minimum. Schließlich läßt sich ja leben hier, Sie müssen auch höflich sein. Wir sind ja doch kein Bagno und kein ... sibirisches Bergwerk! Oder wollen Sie sagen, daß wir mit so was Ähnlichkeit haben? Is gut, Ziemßen! Wegtreten! Weiter, wer da noch Lust hat!“ rief er und sah in die Luft. Mit ausgestrecktem Arme reichte er dabei sein Hörrohr zu Dr. Krokowski hinüber, der aufstand und es ergriff, um eine kleine Assistenten-Nachprüfung bei Joachim vorzunehmen.
Auch Hans Castorp war aufgesprungen, und die Augen an die Person des Hofrats gefesselt, der, breitbeinig dastehend, offenen Mundes in Gedanken versunken schien, begann er, sich eilig in Bereitschaft zu setzen. Er überhastete sich, fand nicht gleich aus seinem punktierten Manschettenhemd heraus, als er es sich über den Kopf zog. Und dann stand er, weiß, blond und schmal, vor Hofrat Behrens, – von zivilerer Bildung schien er als Joachim Ziemßen.
Aber der Hofrat ließ ihn stehen, in Gedanken noch immer. Dr. Krokowski hatte schon wieder Platz genommen und Joachim sich ans Ankleiden gemacht, als Behrens sich endlich entschloß, von dem, der da auch noch Lust hatte, Notiz zu nehmen.
„Ach so, das wären nun _Sie_!“ sagte er, faßte Hans Castorp mit seiner riesigen Hand am Oberarm, rückte ihn von sich und betrachtete ihn scharf. Nicht ins Gesicht blickte er ihm, wie man einen Menschen ansieht, sondern auf den Körper; drehte ihn um, wie man einen Körper umdreht, und betrachtete auch seinen Rücken. „Hm“, sagte er. „Na, wollen mal sehen, wie Sie sich anspielen.“ Und wie vorhin begann er sein Klopfen.
Er klopfte überall, wo er es bei Joachim Ziemßen getan, und kehrte zu verschiedenen Stellen mehrmals zurück. Längere Zeit klopfte er abwechselnd und zu Vergleichszwecken links oben beim Schlüsselbein und etwas weiter unten.
„Hören Sie?“ fragte er dabei zu Dr. Krokowski hinüber ... Und Dr. Krokowski, fünf Schritte entfernt am Schreibtisch sitzend, bekundete durch eine Kopfneigung, daß er höre: ernst senkte er das Kinn auf die Brust, so daß sein Bart eingedrückt wurde und die Spitzen sich aufwärts bogen.
„Tief atmen! Husten!“ kommandierte der Hofrat, der nun das Hörrohr wieder zur Hand genommen; und Hans Castorp arbeitete schwer, wohl acht oder zehn Minuten lang, während der Hofrat ihn abhorchte. Er sprach kein Wort dabei, setzte das Hörrohr nur dahin und dorthin und horchte namentlich und wiederholt an den Punkten, wo er vorhin schon mit Klopfen verweilt hatte. Dann schob er das Instrument unter den Arm, legte die Hände auf den Rücken und blickte zwischen sich und Hans Castorp auf den Fußboden nieder.
„Ja, Castorp,“ sagte er – und es geschah zum erstenmal, daß er den jungen Mann einfach mit Nachnamen nannte –, „die Sache verhält sich so _praeter-propter_, wie ich sie mir schon immer gedacht hatte. Ich habe Sie auf dem Strich gehabt, Castorp, nun kann ichs Ihnen ja sagen, – von vornherein, schon seit ich zuerst die unverdiente Auszeichnung hatte, Sie kennenzulernen, – und ziemlich sicher vermutet, daß Sie im stillen ein Hiesiger wären und das auch noch einsehen würden, wie schon so mancher, der zum Spaß hier heraufkam und sich mit erhobener Nase umsah und eines Tages erfuhr, daß er gut täte – und nicht bloß ‚gut täte‘, bitte mich wohl zu verstehen – hier ganz ohne unbeteiligte Neugiersallüre eine etwas ausgiebigere Station zu machen.“
Hans Castorp hatte sich verfärbt, und Joachim, im Begriffe, sich die Hosenträger zu knöpfen, hielt inne, wie er da eben stand, und lauschte ...
„Sie haben da einen so netten, sympathischen Vetter,“ fuhr der Hofrat fort, indem er mit dem Kopfe nach Joachims Seite deutete und sich dabei auf Fußballen und Absätzen schaukelte, „– der nun ja hoffentlich bald wird sagen können, daß er einmal krank _gewesen_ ist, aber wenn wir so weit sind, so wird er doch eben immer noch früher einmal krank _gewesen_ sein, Ihr Herr rechter Vetter, und das wirft _a priori_, wie der Denker sagt, so ein gewisses Licht auch auf Sie, lieber Castorp ...“
„Er ist aber nur ein Stiefvetter von mir, Herr Hofrat.“
„Nanu, nanu. Sie werden doch Ihren Cousin nicht verleugnen wollen. Stief oder nicht, er bleibt doch immer ein Blutsverwandter. Von welcher Seite denn?“
„Von mütterlicher, Herr Hofrat. Er ist der Sohn einer Stief–“
„Und Ihre Frau Mama ist vergnügt?“
„Nein, sie ist tot. Sie starb, als ich noch klein war.“
„Oh, warum denn?“
„An einem Blutpfropf, Herr Hofrat.“
„Blutpfropf? Na, es ist ja schon lange her. Und Ihr Herr Vater?“
„Der ist an der Lungenentzündung gestorben –,“ sagte Hans Castorp, „und mein Großvater auch –“, setzte er hinzu.
„So, der auch? Na, soviel von Ihren Vorfahren. Was nun Sie betrifft, so waren Sie ja wohl immer ziemlich bleichsüchtig, nicht? Aber müde wurden Sie gar nicht leicht bei körperlicher und geistiger Arbeit? Doch? Und haben viel Herzklopfen? Neuerdings erst? Schön, und außerdem liegt ja offenbar eine lebhafte Neigung zu Katarrhen der Luftwege vor. Wissen Sie, daß Sie früher schon krank waren?“
„Ich?“
„Ja, ich habe Sie persönlich im Auge. Hören Sie den Unterschied?“ Und der Hofrat klopfte abwechselnd links oben an der Brust und etwas weiter unten.
„Da klingt es etwas dumpfer als hier“, sagte Hans Castorp.
„Sehr gut. Sie sollten Spezialist werden. Das ist also eine Dämpfung, und Dämpfungen beruhen auf veralteten Stellen, wo schon Verkalkung eingetreten ist, Vernarbung, wenn Sie wollen. Sie sind ein alter Patient, Castorp, aber wir wollen es niemandem übelnehmen, daß Sie es nicht erfuhren. Die Frühdiagnose ist schwierig, – zumal für die Herren Kollegen im Flachland. Ich will nicht mal sagen, daß wir feinere Ohren haben, obgleich ja die Spezialübung einiges ausmacht. Aber die Luft hilft uns hören, verstehen Sie, die dünne, trockene Luft hier oben.“
„Gewiß, natürlich“, sagte Hans Castorp.
„Schön, Castorp. Und nun hören Sie mal zu, mein Junge, ich will nun mal mehrere goldene Worte sprechen. Wenn es weiter nichts wäre mit Ihnen, verstehen Sie, und es bei den Dämpfungen und Narben an Ihrem Äolusschlauch da drinnen und mit den kalkigen Fremdkörpern darin sein Bewenden hätte, so würde ich Sie zu Ihren Laren und Penaten schicken und mich auch keinen Deut mehr um Sie kümmern, verstehen Sie wohl? Wie aber die Dinge liegen und weiterhin noch der Befund ist, und wo Sie nun einmal hier bei uns sind, – so lohnt es die Heimreise nicht, Hans Castorp, – in kurzem müßten Sie doch wieder antreten.“
Hans Castorp fühlte aufs neue sein Blut zum Herzen strömen, so daß es hämmerte, und Joachim stand immer noch, die Hände an hinteren Knöpfen, und hatte die Augen niedergeschlagen.
„Denn außer den Dämpfungen,“ sagte der Hofrat, „haben Sie da links oben auch eine Rauhigkeit, die beinahe schon ein Geräusch ist und zweifellos von einer frischen Stelle kommt, – ich will noch nicht von einem Erweichungsherd reden, aber es ist bestimmt eine feuchte Stelle, und wenn Sie’s da unten so weiter treiben, mein Lieber, so geht Ihnen, was hast du was kannst du, der ganze Lungenlappen zum Teufel.“
Hans Castorp stand ohne Regung, um seinen Mund zuckte es sonderbar, und deutlich konnte man sein Herz gegen die Rippen pulsieren sehen. Er blickte zu Joachim hinüber, dessen Augen er nicht fand, und dann wieder in des Hofrats Gesicht mit den blauen Backen, den ebenfalls blauen Quellaugen und dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen.
„Als objektive Bestätigung,“ fuhr Behrens fort, „haben wir da noch Ihre Temperatur: 37,6 zehn Uhr früh, das entspricht so ziemlich den akustischen Wahrnehmungen.“
„Ich dachte nur,“ sagte Hans Castorp, „das Fieber käme von meinem Katarrh.“
„Und der Katarrh?“ versetzte der Hofrat ... „Wovon kommt der? Lassen Sie sich mal was erzählen, Castorp, und passen Sie auf, Sie verfügen ja über hinlänglich zahlreiche Hirnwindungen, soviel ich weiß. Also die Luft hier bei uns, die ist gut gegen die Krankheit, meinen Sie, nicht wahr? Und das ist auch so. Aber sie ist auch gut _für_ die Krankheit, verstehen Sie mich, sie fördert sie erst einmal, sie revolutioniert den Körper, sie bringt die latente Krankheit zum Ausbruch, und so ein Ausbruch, nichts für ungut, ist Ihr Katarrh. Ich weiß nicht, ob Sie schon unten im Tieflande febril gewesen sind, aber hier oben sind Sie es jedenfalls gleich am ersten Tage geworden und nicht erst durch Ihren Katarrh, – um meine Meinung zu sagen.“
„Ja,“ sagte Hans Castorp, „ja, das glaube ich wirklich auch.“
„Sofort waren Sie wahrscheinlich beschwipst“, bekräftigte der Hofrat. „Das sind die löslichen Gifte, die von den Bakterien erzeugt werden; die wirken berauschend auf das Zentralnervensystem, verstehen Sie, und dann kriegt man heitere Bäckchen. Sie gehen nun erst einmal in die Klappe, Castorp; wir müssen sehen, ob wir Sie durch ein paar Wochen Bettruhe nüchtern kriegen. Das Weitere kann nachher kommen. Wir nehmen eine schöne Innenansicht von Ihnen auf – es wird Ihnen Spaß machen, so Einblick zu gewinnen in Ihre eigne Person. Das sage ich Ihnen aber gleich: ein Fall wie Ihrer heilt nicht von heute bis übermorgen, Reklameerfolge und Wunderkuren sind dabei nicht aufzuweisen. Es kam mir doch gleich so vor, als ob Sie ein besserer Patient sein würden, mit mehr Talent zum Kranksein, als der Brigadegeneral da, der immer gleich weg will, wenn er mal ein paar Striche weniger hat. Als ob Stillgelegen nicht ein ebenso gutes Kommando wäre wie Stillgestanden! Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß. Daß Sie mich also nicht enttäuschen, Castorp, und meine Menschenkenntnis nicht Lügen strafen, bitt’ ich mir aus! Und nun marsch, in die Remise mit Ihnen!“
Damit schloß Hofrat Behrens die Unterredung und setzte sich an den Schreibtisch, um als Mann von vielen Geschäften die Pause bis zur nächsten Untersuchung mit schriftlicher Arbeit auszufüllen. Dr. Krokowski aber erhob sich von seinem Platze, schritt auf Hans Castorp zu, und, den Kopf schräg zurückgelegt, eine Hand auf der Schulter des jungen Mannes und kernig lächelnd, so daß in seinem Barte die gelblichen Zähne sichtbar wurden, schüttelte er ihm herzhaft die Rechte.
Fünftes Kapitel
Ewigkeitssuppe und plötzliche Klarheit
Hier steht eine Erscheinung bevor, über die der Erzähler sich selbst zu wundern gut tut, damit nicht der Leser auf eigene Hand sich allzusehr darüber wundere. Während nämlich unser Rechenschaftsbericht über die ersten drei Wochen von Hans Castorps Aufenthalt bei denen hier oben (einundzwanzig Hochsommertage, auf die sich menschlicher Voraussicht nach dieser Aufenthalt überhaupt hatte beschränken sollen) Räume und Zeitmengen verschlungen hat, deren Ausdehnung unseren eigenen halb eingestandenen Erwartungen nur zu sehr entspricht, – wird die Bewältigung der nächsten drei Wochen seines Besuches an diesem Orte kaum so viele Zeilen, ja Worte und Augenblicke erfordern, als jener Seiten, Bogen, Stunden und Tagewerke gekostet hat: im Nu, das sehen wir kommen, werden diese drei Wochen hinter uns gebracht und beigesetzt sein.