Part 21
„Dreiundvierzig“, quäkte sie ungedämpft. „Es stimmt. Menschenskind, _on me dit, que vous avez pris froid_, _I hear, you have caught a cold_, _Wy, kaschetsja, prostudilisj_, ich höre, Sie sind erkältet? Wie soll ich reden mit Ihnen? Deutsch, ich sehe schon. Ach, der Besuch vom jungen Ziemßen, ich sehe schon. Ich muß in den Operationssaal. Da ist einer, der wird chloroformiert und hat Bohnensalat gegessen. Wenn man seine Augen nicht überall hat ... Und Sie, Menschenskind, wollen sich hier erkältet haben?“
Hans Castorp war verblüfft über diese Redeweise einer altadligen Dame. Während sie sprach, ging sie über ihre eigenen Worte hinweg, indem sie unruhig, in rollender, schleifenförmiger Bewegung den Kopf mit suchend erhobener Nase hin und her wandte, wie Raubtiere im Käfig tun, und ihre sommersprossige Rechte, leicht geschlossen und den Daumen nach oben, vor sich im Handgelenk schlenkerte, als wollte sie sagen: „Rasch, rasch, rasch! Hören Sie nicht auf das, was ich sage, sondern reden Sie selbst, daß ich fortkomme!“ Sie war eine Vierzigerin, kümmerlichen Wuchses, ohne Formen, angetan mit einem weißen, gegürteten, klinischen Schürzenkleid, auf dessen Brust ein Granatkreuz lag. Unter ihrer Schwesternhaube kam spärliches rötliches Haar hervor, ihre wasserblauen, entzündeten Augen, an deren einem zum Überfluß ein in der Entwicklung sehr weit vorgeschrittenes Gerstenkorn saß, waren unsteten Blicks, die Nase aufgeworfen, der Mund froschmäßig, außerdem mit schief vorstehender Unterlippe, die sie beim Sprechen schaufelnd bewegte. Indessen Hans Castorp betrachtete sie mit all der bescheiden duldsamen und vertrauensvollen Menschenfreundlichkeit, die ihm angeboren war.
„Was ist denn das für eine Erkältung, he?“ fragte die Oberin wieder, indem sie ihre Augen durchdringend zu machen suchte, was aber nicht gelang, da sie abschweiften. „Wir lieben solche Erkältungen nicht. Sind Sie öfter erkältet? War Ihr Vetter nicht auch so oft erkältet? Wie alt sind Sie denn? Vierundzwanzig? Das Alter hat’s in sich. Und nun kommen Sie hier herauf und sind erkältet? Wir sollten hier nicht von ‚Erkältung‘ reden, geehrtes Menschenskind, das ist so ein Schnickschnack von unten. (Das Wort „Schnickschnack“ nahm sich ganz abscheulich und abenteuerlich aus in ihrem Munde, wie sie es mit der Unterlippe schaufelnd hervorbrachte.) Sie haben den wunderschönsten Katarrh der Luftwege, das gebe ich zu, das sieht man Ihnen an den Augen an – (Und wieder machte sie den sonderbaren Versuch, ihm durchdringend in die Augen zu blicken, ohne daß es ihr recht gelingen wollte.) Aber Katarrhe kommen nicht von der Kälte, sondern sie kommen von einer Infektion, für die man aufnahmelustig war, und es fragt sich nur, ob eine unschuldige Infektion vorliegt oder eine weniger unschuldige, alles andere ist Schnickschnack. (Schon wieder das schauderhafte „Schnickschnack“!) Ist ja möglich, daß Ihre Aufnahmelustigkeit mehr zum Harmlosen neigt“, sagte sie und sah ihn an mit ihrem vorgeschrittenen Gerstenkorn, er wußte nicht, wie. „Hier haben Sie ein harmloses Antiseptikum. Wird Ihnen möglicherweise gut tun.“ Und sie holte aus der schwarzen Ledertasche, die ihr am Gürtel hing, ein Päckchen hervor, das sie auf den Tisch stellte. Es war Formamint. „Übrigens sehen Sie angeregt aus; als ob Sie Hitze hätten.“ Und sie ließ nicht ab, ihm in das Gesicht zu blicken, aber immer mit etwas beiseite gehenden Augen. „Haben Sie sich gemessen?“
Er verneinte.
„Warum nicht?“ fragte sie und ließ ihre schräg vorgeschobene Unterlippe in der Luft stehen ...
Er verstummte. Der Gute war noch so jung, er hatte sich noch das Verstummen des Schuljungen bewahrt, der in der Bank steht, nichts weiß und schweigt.
„Messen Sie sich etwa überhaupt nie?“
„Doch, Frau Oberin. Wenn ich Fieber habe.“
„Menschenskind, man mißt sich in erster Linie, um zu sehen, _ob_ man Fieber hat. Und jetzt haben Sie Ihrer Meinung nach keins?“
„Ich weiß nicht recht, Frau Oberin; ich kann es nicht recht unterscheiden. Ein bißchen heiß und frostig bin ich schon seit meiner Ankunft hier oben.“
„Aha. Und wo haben Sie Ihr Thermometer?“
„Ich habe keins bei mir, Frau Oberin. Wozu, ich bin ja nur zu Besuch hier, ich bin gesund.“
„Schnickschnack! Haben Sie mich gerufen, weil Sie gesund sind?“
„Nein,“ lachte er höflich, „sondern weil ich mich etwas –“
„– Erkältet habe. Solche Erkältungen sind uns schon öfter vorgekommen. Hier!“ sagte sie und kramte wieder in ihrer Tasche, um zwei längliche Lederetuis zum Vorschein zu bringen, ein schwarzes und ein rotes, die sie ebenfalls auf den Tisch legte. „Dieser hier kostet drei Franken fünfzig und der hier fünf Franken. Besser fahren Sie natürlich mit dem zu fünf. Das ist etwas fürs Leben, wenn Sie ordentlich damit umgehen.“
Er nahm lächelnd das rote Etui vom Tisch und öffnete es. Schmuck wie ein Geschmeide lag das gläserne Gerät in die genau nach seiner Figur ausgesparte Vertiefung der roten Samtpolsterung gebettet. Die ganzen Grade waren mit roten, die Zehntelgrade mit schwarzen Strichen markiert. Die Bezifferung war rot, der untere, verjüngte Teil mit spiegelig glänzendem Quecksilber gefüllt. Die Säule stand tief und kühl, weit unter dem Normalgrade tierischer Wärme.
Hans Castorp wußte, was er sich und seinem Ansehen schuldig war.
„Ich nehme diesen“, sagte er, ohne dem anderen nur Beachtung zu schenken. „Den hier zu fünf. Darf ich Ihnen sofort ...“
„Abgemacht!“ quäkte die Oberin. „Nur nicht knausern bei wichtigen Anschaffungen! Eilt nicht, es kommt auf die Rechnung. Geben Sie her, wir wollen ihn erst noch recht klein machen, ganz hinunterjagen – so.“ Und sie nahm ihm das Thermometer aus der Hand, stieß es wiederholt in die Luft und trieb so das Quecksilber noch tiefer, bis unter 35 hinab. „Wird schon steigen, wird schon emporwandern, der Merkurius!“ sagte sie. „Hier haben Sie Ihre Erwerbung! Sie wissen doch wohl, wie es gemacht wird bei uns? Unter die werte Zunge damit, auf sieben Minuten, viermal am Tag, und gut die geschätzten Lippen drum schließen. Adieu, Menschenskind! Wünsche gute Ergebnisse!“ Und sie war aus dem Zimmer.
Hans Castorp, der sich verbeugt hatte, stand am Tische und sah auf die Tür, durch die sie verschwunden war, und auf das Instrument, das sie zurückgelassen. „Das war nun die Oberin von Mylendonk“, dachte er. „Settembrini mag sie nicht, und wahr ist es, sie hat ihre Unannehmlichkeiten. Das Gerstenkorn ist nicht schön, übrigens hat sie es ja wohl nicht immer. Aber warum nennt sie mich immer ‚Menschenskind‘, noch dazu mit einem s in der Mitte? Es ist burschikos und sonderbar. Und da hat sie mir nun ein Thermometer verkauft, sie hat immer ein paar in der Tasche. Es soll ja hier überall welche geben, in allen Läden, auch da, wo man es gar nicht erwarten sollte, Joachim sagte es. Aber ich habe mich nicht zu bemühen brauchen, es ist mir von selbst in den Schoß gefallen.“ Er nahm das zierliche Gerät aus dem Futteral, betrachtete es und ging dann mehrmals in Unruhe damit durch das Zimmer. Sein Herz klopfte rasch und stark. Er sah sich nach der offenen Balkontür um und machte eine Bewegung gegen die Zimmertür, aus dem Antriebe, Joachim aufzusuchen, unterließ es aber dann und blieb wieder am Tische stehen, indem er sich räusperte, um die Dumpfheit seiner Stimme zu prüfen. Hierauf hustete er. „Ja, ich muß nun sehn, ob ich Schnupfenfieber habe“, sagte er und führte rasch das Thermometer in den Mund, die Quecksilberspitze unter die Zunge, so daß das Instrument ihm schräg aufwärts zwischen den Lippen hervorragte, die er fest darum schloß, um keine Außenluft zuzulassen. Dann sah er nach seiner Armbanduhr: es war sechs Minuten nach halb zehn. Und er begann, auf den Ablauf von sieben Minuten zu warten.
„Keine überflüssige Sekunde,“ dachte er, „und keine zu wenig. Auf mich ist Verlaß, nach oben wie nach unten. Man braucht ihn mir nicht mit einer Stummen Schwester zu vertauschen, wie der Person, von der Settembrini erzählte, Ottilie Kneifer.“ Und er ging im Zimmer umher, das Instrument mit der Zunge niederdrückend.
Die Zeit schlich, die Frist schien endlos. Erst zweiundeinehalbe Minute waren verstrichen, als er nach den Zeigern sah, schon besorgt, er könnte den Augenblick verpassen. Er tat tausend Dinge, nahm Gegenstände auf und setzte sie nieder, trat auf den Balkon hinaus, ohne sich seinem Vetter bemerklich zu machen, überblickte die Landschaft, dies Hochtal, seinem Sinn schon urvertraut in allen Gestaltungen: mit seinen Hörnern, Kammlinien und Wänden, mit der links vorgelagerten Kulisse des „Brembühl“, dessen Rücken schräg gegen den Ort hin abfiel und dessen Flanke der rauhe Mattenwald bedeckte, mit den Bergformationen zur Rechten, deren Namen ihm ebenfalls geläufig geworden waren, und der Alteinwand, die das Tal, von hier aus gesehen, im Süden zu schließen schien, – sah hinab auf die Wege und Beete der Gartenplattform, die Felsengrotte, die Edeltanne, lauschte auf ein Flüstern, das aus der Liegehalle drang, wo Kur gemacht wurde, und wandte sich ins Zimmer zurück, wobei er die Lage des Instrumentes im Munde zu verbessern suchte, um dann wieder durch Vorrecken des Armes den Ärmel vom Handgelenk zu ziehen und den Unterarm vor das Gesicht zu biegen. Mit Mühe und Anstrengung, unter Schieben, Stoßen und Fußtritten gleichsam, waren sechs Minuten vertrieben. Da er nun aber, mitten im Zimmer stehend, ins Träumen verfiel und seine Gedanken wandern ließ, so verhuschte die letzte noch übrige ihm unvermerkt auf Katzenpfötchen, eine neue Armbewegung offenbarte ihm ihr heimliches Entkommen, und es war ein wenig zu spät, die achte lag schon zu einem Dritteile im Vergangenen, als er mit dem Gedanken, daß das nichts schade, für das Ergebnis nichts ausmache und zu bedeuten habe, das Thermometer aus dem Munde riß und mit verwirrten Augen darauf niederstarrte.
Er ward nicht unmittelbar klug aus seiner Angabe, der Glanz des Quecksilbers fiel mit dem Lichtreflex des flachrunden Glasmantels zusammen, die Säule schien bald ganz hoch oben zu stehen, bald überhaupt nicht vorhanden zu sein, er führte das Instrument nahe vor die Augen, drehte es hin und her und erkannte nichts. Endlich, nach einer glücklichen Wendung, wurde das Bild ihm deutlich, er hielt es fest und bearbeitete es hastig mit dem Verstande. In der Tat, Merkurius hatte sich ausgedehnt, er hatte sich stark ausgedehnt, die Säule war ziemlich hoch gestiegen, sie stand mehrere Zehntelstriche über der Grenze normaler Blutwärme, Hans Castorp hatte 37,6.
Am hellen Vormittag zwischen zehn und halb elf Uhr 37,6, – das war zuviel, es war „Temperatur“, Fieber als Folge einer Infektion, für die er aufnahmelustig gewesen, und es fragte sich nur, was für eine Art Infektion das war. 37,6, – mehr hatte auch Joachim nicht, mehr hatte hier niemand, der nicht als schwerkrank oder moribund das Bett hütete, weder die Kleefeld mit dem Pneumothorax noch ... noch auch Madame Chauchat. Es war natürlich in seinem Falle wohl nicht ganz das Rechte, – bloßes Schnupfenfieber, wie man es unten nannte. Aber genau zu unterscheiden und auseinanderzuhalten war das nicht, Hans Castorp bezweifelte, daß er diese Temperatur erst bekommen, seit er sich erkältet hatte, und er mußte bedauern, Merkurius nicht schon früher befragt zu haben, gleich anfangs, wie der Hofrat es ihm nahegelegt hatte. Ganz vernünftig war dieser Ratschlag gewesen, das zeigte sich nun, und Settembrini hatte völlig unrecht getan, so höhnisch darüber in die Lüfte zu lachen, – Settembrini mit der Republik und dem schönen Stil. Hans Castorp verachtete die Republik und den schönen Stil, während er immer wieder die Aussage des Thermometers prüfte, die ihm mehrmals durch die Blendung verloren ging und die er dann durch eifriges Drehen und Wenden des Instruments wieder herstellte: sie lautete auf 37,6, und das am frühesten Vormittag!
Seine Bewegung war mächtig. Er ging ein paarmal durch das Zimmer, das Thermometer in der Hand, wobei er es jedoch wagerecht hielt, um nicht durch senkrechte Erschütterung eine Störung hervorzurufen, legte es dann mit aller Bewahrsamkeit auf die Waschtischplatte nieder und ging vorerst einmal mit Paletot und Decken in die Liegekur. Sitzend warf er die Decken um sich, wie er es gelernt hatte, von den Seiten und von unten, eine nach der anderen, mit schon geübter Hand, und lag dann still, die Stunde des zweiten Frühstücks und Joachims Eintritt erwartend. Zuweilen lächelte er, und es war, als lächle er jemandem zu. Zuweilen hob sich seine Brust mit einem beklommenen Beben, und dann mußte er husten aus seiner katarrhalischen Brust.
Joachim fand ihn noch liegend, als er um elf Uhr, nach dem Tönen des Gongs, zu ihm herüberkam, um ihn zum Frühstück abzuholen.
„Nun?“ fragte er verwundert, indem er neben den Stuhl trat ...
Hans Castorp schwieg noch eine Weile und sah vor sich hin. Dann gab er zur Antwort:
„Ja, das Neueste ist also, daß ich etwas Temperatur habe.“
„Was soll das heißen?“ fragte Joachim. „Fühlst du dich fiebrig?“
Hans Castorp ließ wieder ein wenig auf die Antwort warten und gab hierauf mit einer gewissen Trägheit die folgende:
„Fiebrig, mein Lieber, fühle ich mich schon längst, schon die ganze Zeit. Aber jetzt handelt es sich nicht um subjektive Empfindungen, sondern um eine exakte Feststellung. Ich habe mich gemessen.“
„Du hast dich gemessen?! Womit?!“ rief Joachim erschrocken.
„Selbstverständlich mit einem Thermometer“, antwortete Hans Castorp nicht ohne Spott und Strenge. „Die Oberin hat mir eines verkauft. Warum sie einen immer ‚Menschenskind‘ anredet, das weiß ich nicht; korrekt ist es nicht. Aber ein sehr gutes Thermometer hat sie mir in aller Eile verkauft, und wenn du dich überzeugen willst, wieviel es zeigt, so liegt es da drinnen auf dem Waschtisch. Es ist eine minimale Erhöhung.“
Joachim machte kurz kehrt und ging ins Zimmer. Als er zurückkehrte, sagte er zögernd:
„Ja, das sind 37 Komma 5½.“
„Dann ist es etwas zurückgegangen!“ versetzte Hans Castorp rasch. „Es waren sechs.“
„Keinesfalls kann man das minimal nennen für den Vormittag“, sagte Joachim. „Eine schöne Bescherung“, sagte er und stand an seines Vetters Lager, wie man eben vor einer „schönen Bescherung“ steht, die Arme in die Seiten gestemmt und mit gesenktem Kopfe. „Du wirst ins Bett müssen.“
Hans Castorp hatte darauf seine Antwort bereit.
„Ich sehe nicht ein,“ sagte er, „warum ich mich mit 37,6 ins Bett legen soll, wo doch du und so viele andere, die auch nicht weniger haben, – wo ihr alle hier frei herumlauft.“
„Das ist aber doch etwas anderes“, sagte Joachim. „Bei dir ist es akut und harmlos. Du hast Schnupfenfieber.“
„Erstens,“ erwiderte Hans Castorp und teilte seine Rede nun sogar in erstens und zweitens ein, „verstehe ich nicht, warum man mit harmlosem Fieber – ich will einmal annehmen, daß es so etwas gibt – mit harmlosem Fieber das Bett hüten muß, mit anderem aber nicht. Und zweitens sage ich dir ja, daß der Schnupfen mich nicht heißer gemacht hat, als ich schon vorher war. Ich stehe auf dem Standpunkt,“ schloß er, „daß 37,6 gleich 37,6 ist. Könnt ihr damit herumlaufen, kann ich es auch.“
„Ich habe aber vier Wochen liegen müssen, als ich ankam,“ wandte Joachim ein; „und erst als sich zeigte, daß die Temperatur durch Bettruhe nicht verschwand, durfte ich aufstehen.“
Hans Castorp lächelte.
„Nun und?“ fragte er. „Ich denke, bei dir war es etwas anderes? Mir scheint, du verwickelst dich in Widersprüche. Erst unterscheidest du, und dann stellst du gleich. Das ist doch Schnickschnack ...“
Joachim drehte sich auf dem Absatz um, und als er sich seinem Vetter wieder zukehrte, sah man, daß sein gebräuntes Gesicht noch eine Schattierung dunkler geworden war.
„Nein,“ sagte er, „ich stelle nicht gleich, du bist ein Konfusionsrat. Ich meine nur, du bist elend erkältet, man hört es ja an deiner Stimme, und du solltest dich legen, um den Prozeß abzukürzen, da du nächste Woche nach Hause willst. Wenn du aber nicht willst, – ich meine: wenn du dich nicht legen willst, so kannst du es ja lassen. Ich mache dir keine Vorschriften. Jedenfalls müssen wir jetzt zum Frühstück. Mach, es ist über die Zeit!“
„Richtig. Los!“ sagte Hans Castorp und warf die Decken von sich. Er ging ins Zimmer, um sich mit der Bürste übers Haar zu fahren, und während er es tat, sah Joachim noch einmal nach dem Thermometer auf dem Waschtisch, wobei Hans Castorp ihn von weitem beobachtete. Dann gingen sie, schweigend, und saßen wieder einmal an ihren Plätzen im Speisesaal, wo es, wie immer um diese Stunde, weiß schimmerte vor lauter Milch.
Als die Zwergin das Kulmbacher Bier für Hans Castorp brachte, lehnte er es mit ernstem Verzichte ab. Er trinke heute lieber kein Bier, trinke überhaupt nichts, nein, danke sehr, höchstens einen Schluck Wasser. Das erregte Aufsehen. Wieso? Was für Neuerungen! Warum kein Bier? – Er habe ein bißchen Temperatur, warf Hans Castorp hin. 37,6. Minimal.
Da drohten sie ihm mit den Zeigefingern, – es war sehr sonderbar. Sie wurden schelmisch, legten den Kopf auf die Seite, kniffen ein Auge zu und rührten die Zeigefinger in Höhe des Ohres, als kämen kecke, pikante Dinge an den Tag von einem, der den Unschuldigen gespielt hatte. „Na, na, Sie“, sagte die Lehrerin, und der Flaum ihrer Wangen rötete sich, indes sie lächelnd drohte. „Saubere Geschichten hört man, ausgelassene. Wart, wart, wart.“ – „Ei, ei, ei“, machte auch Frau Stöhr und drohte mit ihrem kurzen und roten Stummel, indem sie ihn neben die Nase hielt. „Tempus hat er, der Herr Besuch. Sie sind mir einer, – der Rechte sind Sie mir, ein Bruder Lustig!“ – Selbst die Großtante am oberen Tischende drohte ihm scherzhaft und verschlagen zu, als die Nachricht zu ihr drang; die hübsche Marusja, die ihm bisher kaum je Beachtung geschenkt, beugte sich gegen ihn vor und sah ihn, das Apfelsinentüchlein gegen die Lippen gepreßt, mit ihren kugelrunden braunen Augen an, indes sie drohte; auch Dr. Blumenkohl, dem Frau Stöhr die Sache erzählte, konnte nicht umhin, sich der allgemeinen Gebärde anzuschließen, ohne freilich Hans Castorp dabei anzusehen, und nur Miß Robinson zeigte sich teilnahmslos und verschlossenen Sinnes wie immer. Joachim hielt mit anständiger Miene die Augen gesenkt.
Hans Castorp, geschmeichelt von so viel Neckerei, glaubte bescheiden ablehnen zu müssen. „Nein, nein,“ sagte er, „Sie irren sich, mein Fall ist der denkbar harmloseste, ich habe Schnupfen, Sie sehen: die Augen gehen mir über, meine Brust ist verstockt, ich huste die halbe Nacht, es ist unangenehm genug ...“ Aber sie nahmen seine Entschuldigungen nicht an, sie lachten und winkten ihm mit den Händen ab, rufend: „Ja, ja, ja, Flausen, Ausreden, Schnupfenfieber, kennen wir, kennen wir!“ Und dann forderten sie alle auf einmal, daß Hans Castorp sich unverzüglich zur Untersuchung melde. Sie waren belebt von der Nachricht; unter den sieben Tischen war an diesem während des Frühstücks die Unterhaltung am muntersten. Frau Stöhr insbesondere, hochroten, störrischen Gesichts über ihrer Halsrüsche und kleine Sprünge in der Wangenhaut, legte eine fast wilde Gesprächigkeit an den Tag und erging sich über die Vergnüglichkeit des Hustens, – ja, es habe unbedingt eine unterhaltliche und genußreiche Bewandtnis damit, wenn in den Gründen der Brust der Kitzel sich mehre und wachse und man mit Krampf und Pressung so recht tief hinunterlange, um dem Reiz zu genügen: ein ähnlicher Spaß sei das wie das Niesen, wenn die Lust dazu gewaltig anschwelle und unwiderstehlich werde und man mit berauschter Miene ein paarmal stürmisch aus- und einatme, sich wonnig ergäbe und über dem gesegneten Ausbruch die ganze Welt vergäße. Und manchmal komme es zwei-, dreimal hintereinander. Das seien kostenfreie Genüsse des Lebens, wie beispielsweise auch noch, sich im Frühling die Frostbeulen zu kratzen, wenn sie so süßlich juckten, – sich so recht innig und grausam zu kratzen bis aufs Blut in Wut und Vergnügen, und wenn man zufällig in den Spiegel sähe dabei, dann sähe man eine Teufelsfratze.
So schauderhaft eingehend redete die ungebildete Stöhr, bis die kurze, wenn auch reichhaltige Zwischenmahlzeit beendigt war und die Vettern ihren zweiten Vormittagsgang antraten, den Gang hinunter nach Platz Davos. Joachim war in sich gekehrt unterwegs, und Hans Castorp ächzte vor Schnupfen und räusperte sich aus rostiger Brust. Auf dem Heimwege sagte Joachim:
„Ich mache dir einen Vorschlag. Heute ist Freitag, – morgen nach Tische habe ich Monatsuntersuchung. Es ist keine Generaluntersuchung, aber Behrens klopft mich ein bißchen ab und läßt Krokowski ein paar Notizen machen. Da könntest du mitkommen und bitten, dich auch bei der Gelegenheit rasch zu behorchen. Es ist ja lächerlich, – wenn du zu Hause wärst, du ließest Heidekind kommen. Und hier, wo zwei Spezialisten im Hause sind, läufst du herum und weißt nicht, woran du bist, und wie tief es sitzt bei dir, und ob du nicht besser tätest, dich hinzulegen.“
„Schön“, sagte Hans Castorp. „Wie du meinst. Natürlich, so kann ich es machen. Und es ist ja auch interessant für mich, mal einer Untersuchung beizuwohnen.“
So kamen sie überein; und als sie hinauf vor das Sanatorium gelangten, wollte es der Zufall, daß sie mit Hofrat Behrens persönlich zusammentrafen und günstige Gelegenheit fanden, stehenden Fußes ihr Anliegen vorzubringen.
Behrens kam aus dem Vorbau, lang und hochnackig, einen steifen Hut auf dem Hinterkopf und eine Zigarre im Munde, blaubackig und quelläugig, so recht im Zuge der Tätigkeit, im Begriffe, seiner Privatpraxis nachzugehen, Besuche im Ort zu machen, nachdem er soeben im Operationssaal am Werke gewesen, wie er erklärte.
„Mahlzeit, die Herren!“ sagte er. „Immer auf der Walze? War wohl fein in der großen Welt? Ich komme gerade von einem ungleichen Zweikampf auf Messer und Knochensäge, – große Sache, wissen Sie, Rippenresektion. Früher blieben fünfzig Prozent dabei auf dem Tisch des Hauses. Jetzt haben wirs besser raus, aber öfters muß man doch _mortis causa_ vorzeitig einpacken. Na, der von heute konnte ja Spaß verstehen, blieb für den Augenblick ganz stramm bei der Stange ... Doll, so ein Menschenthorax, der keiner mehr ist. Weichteil, wissen Sie, unkleidsam, leichte Trübung der Idee, sozusagen. Na, und Sie? Was macht die werte Befindität? Ist wohl ein fidelerer Lebenswandel zu zweien, was, Ziemßen, alter Schlauberger? Warum weinen Sie denn, Sie Vergnügungsreisender?“ wandte er sich auf einmal an Hans Castorp. „Öffentliches Weinen ist hier nicht erlaubt. Hausordnungsverbot. Da könnte jeder kommen.“
„Das ist mein Schnupfen, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp. „Ich weiß nicht, wie es möglich war, aber ich habe mir einen enormen Katarrh geholt. Husten habe ich auch, und ordentlich auf der Brust liegt es mir.“
„So?“ sagte Behrens. „Dann sollten Sie mal einen verständigen Arzt zu Rate ziehen.“
Die beiden lachten, und Joachim antwortete, indem er die Absätze zusammenzog:
„Wir sind im Begriffe, Herr Hofrat. Ich habe ja morgen Untersuchung, und da wollten wir fragen, ob Sie die Güte hätten, auch meinen Vetter gleich einmal dranzunehmen. Es handelt sich darum, ob er Dienstag wird reisen können ...“
„M. w.!“ sagte Behrens. „M. w. m. F.! Machen wir mit Vergnügen! Hätten wir längst mal machen sollen. Wenn man schon hier ist, soll man das immer mitnehmen. Aber man mag sich ja natürlich nicht aufdrängen. Also morgen um zwei, gleich wenn Sie von der Krippe kommen!“
„Denn ich habe nämlich auch etwas Fieber“, merkte Hans Castorp noch an.
„Was Sie sagen!“ rief Behrens. „Sie wollen mir wohl Neuigkeiten erzählen? Glauben Sie, ich habe keine Augen im Kopf?“ Und er deutete mit dem gewaltigen Zeigefinger auf seine beiden blutunterlaufenen, blau quellenden, tränenden Augäpfel. „Wieviel ist es denn übrigens?“
Hans Castorp nannte bescheiden die Ziffer.
„Vormittags? Hm, nicht übel. Für den Anfang gar nicht so unbegabt. Na, also paarweise angetreten morgen um zwei! Soll mir eine Auszeichnung sein. Gesegnete Nahrungsaufnahme!“ Und mit krummen Knien und rudernden Händen begann er den abschüssigen Weg hinabzustapfen, indes eine Rauchfahne von seiner Zigarre rückwärts wehte.