Part 20
Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, seien Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn alle drei hätten sie ihnen ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, der Großvater, Vater und Enkel, ein jeder nach seiner Art: der Vater nicht weniger als der Großvater Giuseppe, obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer Agitator und Freiheitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter, ein Humanist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben, sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig den Spatzen zu überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Humanist gewesen, und er sei identisch mit jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet ... Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und wettern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schatten- und Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne Luna“ verglichen habe! _Per Bacco_, es sei ein Hochgenuß gewesen! Und hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, – als Bürger einer Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und Weltverneinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde, verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen der „_Donna gentile e pietosa_“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im Gedicht das Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen Lebensarbeit verkörpere ...
Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante gehört, und zwar aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht darauf, in Anbetracht der Windbeutelei des Vermittlers; aber hörenswert war es immerhin, daß Dante ein geweckter Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter zu, wie Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Literat, ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur sei nichts anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, als ja Humanismus selber schon Politik und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans Castorp auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte nun hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu erfahren, inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als „schöne Charaktere“. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um 1250, der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? Dieser Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben und sie das Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken. „Da haben Sie es, meine Herren!“ rief Settembrini. „Da haben Sie es!“ Und er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“ sagte Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß es in der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität und Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in Ihrem Lande,“ sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter, einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine schöne Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum schönen Stile führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner Stil zu schönen Handlungen führe.“ Schön schreiben, das heiße beinahe auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr zum schönen Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher zugleich auch der Geist der Humanität und der Politik sei. Ja, dies alles sei eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, und in _einen_ Namen könne man es zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name setze sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er laute: Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von den Lippen ließ, warf er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie jemand, der einen Toast ausbringt.
Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert auf alle Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne auch gegen Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das Thermometer im Munde hatte und also nur undeutlich antworten konnte, danach auch allzu beschäftigt war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung sein Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch sich von dem blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann geschimpft und ihn aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht hatte, weil er „hier störe“; als Wachender aber hörte er ihm höflich und aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse Widerstände in seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet werden: es waren solche, die von früher her, ursprünglich und immer schon darin vorhanden gewesen, wie auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage besonders ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen Erlebnissen bei Denen hier oben.
Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! Wie versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Erlaubnis zur Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um der Billigkeit, des Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte wohlmeinend seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den schönen Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto statthafter aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen wieder in anderer, in _entgegengesetzter_ Richtung freien Lauf zu lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem _Zwecke_ gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu erlangen, den es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand sich ... Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel.
Das Thermometer
Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.
„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen. „Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt. Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.“
„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich danke!“
„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte, – was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und zwar auf _schriftlicher_ Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus, da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt, daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem 12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken jährlich betrachten durfte.
Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr. Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich jedesmal wehmütig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im Flachland lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten, schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick nicht daran denken zu wollen.
„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“
„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst, ob _ich_ mich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser Katarrh hinzu ...“
Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer überheizten Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging, die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch – es war immer noch „_Ocean steamships_“ – in den freilich arg verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus „Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich, die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dicken Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „_Ocean steamships_“ auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...
Joachim also war des musikalischen Genusses nicht so teilhaftig, und auch die würzige Unterhaltung des Rauchens war ihm fremd; sonst aber lag er ebenso wohlgeborgen in seiner Loge, geborgen und befriedet. Der Tag war zu Ende, für diesmal war alles zu Ende, man war sicher, daß heute nichts mehr geschehen, keine Erschütterungen sich mehr ereignen, keine Zumutungen an die Herzmuskulatur mehr gestellt werden würden. Zugleich aber war man sicher, daß _morgen_ dies alles mit all der Wahrscheinlichkeit, die sich aus der Enge, Gunst und Regelmäßigkeit der Umstände ergab, wieder der Fall sein und von vorn beginnen werde; und diese doppelte Sicherheit und Geborgenheit war überaus behaglich, sie gestaltete zusammen mit der Musik und der wiedergefundenen Würze Marias die Abendliegekur für Hans Castorp zu einer wahrhaft glücklichen Lebenslage.
Das alles nun aber hatte also nicht gehindert, daß der Hospitant und weiche Neuling sich in der Liegekur (oder wie und wo nun immer) tüchtig erkältet hatte. Ein schwerer Schnupfen schien im Anzuge, er saß ihm in der Stirnhöhle und drückte, das Zäpfchen im Halse war weh und wund, die Luft ging ihm nicht wie sonst durch den von der Natur hierzu vorgesehenen Kanal, sondern strich kalt, behindert und Hustenkrampf unaufhörlich erregend hindurch; seine Stimme hatte über Nacht die Klangfarbe eines dumpfen und wie von starken Getränken verbrannten Basses angenommen, und seiner Aussage nach hatte er in eben dieser Nacht kein Auge zugetan, da eine erstickende Trockenheit des Schlundes ihn je und je hatte vom Kissen auffahren lassen.
„Höchst ärgerlich,“ sagte Joachim, „ist das und beinahe peinlich. Erkältungen, mußt du wissen, sind hier nicht _reçus_, man leugnet sie, sie kommen offiziell bei der großen Lufttrockenheit nicht vor, und als Patient würde man übel anlaufen bei Behrens, wenn man sich erkältet melden wollte. Aber bei dir ist es ja etwas anderes, du hast am Ende das Recht dazu. Es wäre doch gut, wenn wir den Katarrh noch abschneiden könnten, im Flachlande kennt man ja Praktiken, hier aber – ich zweifle, ob man sich hier genügend dafür interessieren wird. Krank soll man hier lieber nicht werden, es kümmert sich niemand darum. Das ist eine alte Lehre, du erfährst es nun auch noch zu guter Letzt. Als ich ankam, war hier eine Dame, die hielt sich die ganze Woche ihr Ohr und jammerte über Schmerzen, und schließlich sah Behrens es an. ‚Sie können ganz beruhigt sein,‘ sagt’ er, ‚tuberkulös ist es nicht.‘ Dabei hatte es sein Bewenden. Ja, wir müssen sehn, was sich tun läßt. Ich werde es morgen früh dem Bademeister sagen, wenn er zu mir kommt. Das ist der Dienstweg, und er wird es schon weitergeben, so daß dann doch vielleicht etwas für dich geschieht.“
So Joachim; und der Dienstweg bewährte sich. Schon als Hans Castorp am Freitag von der Morgenmotion in sein Zimmer zurückkehrte, klopfte es bei ihm, und es ergab sich für ihn die persönliche Bekanntschaft mit dem Fräulein von Mylendonk oder der „Frau Oberin“, wie sie genannt wurde, – bisher hatte er die offenbar Vielbeschäftigte immer nur von weitem erblickt, wie sie, aus einem Krankenzimmer kommend, den Korridor überquerte, um in ein gegenüberliegendes einzutreten, oder sie flüchtig im Speisesaal auftauchen sehen und ihre quäkende Stimme vernommen. Nun also galt ihm selbst ihr Besuch; durch seinen Katarrh herbeigezogen, klopfte sie knöchern hart und kurz an seine Stubentür und trat ein, fast bevor er Herein gesagt, indem sie sich auf der Schwelle noch einmal zurückbeugte, um sich der Zimmernummer gewiß zu machen.