Part 19
„Exakt!“ rief Settembrini. „Das Panier! Ich sehe, hier weht ein anderer Wind, – kein Zweifel, ich bin vor die rechte Schmiede gekommen. Fluchtartig also ergriff ich es ... Wer so seine Worte zu setzen wüßte! – Darf ich mich nach den Fortschritten Ihrer Gesundheit erkundigen, Frau Stöhr?“
Es war entsetzlich, wie Frau Stöhr sich zierte. „Großer Gott,“ sagte sie, „es ist immer dasselbe, der Herr wissen ja selbst. Man tut zwei Schritte vorwärts und drei zurück, – hat man fünf Monate abgesessen, so kommt der Alte und legt einem ein halbes Jahr zu. Ach, es sind Tantalusqualen. Man schiebt und schiebt, und glaubt man, oben zu sein ...“
„Oh, das ist schön von Ihnen! Sie gönnen dem armen Tantalus endlich einige Abwechslung! Sie lassen ihn austauschweise einmal den berühmten Marmor wälzen! Das nenne ich wahre Herzensgüte. Aber wie ist es, Madame, es gehen geheimnisvolle Dinge mit Ihnen vor. Man hat Geschichten von Doppelgängerei, Astralleibern ... Ich habe daran nicht geglaubt bisher, aber was sich mit Ihnen zuträgt, macht mich irre ...“
„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir treiben.“
„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und wir werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache mir gestern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewegung im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang – das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Vernunft und Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, sage ich zu mir selbst, ‚und beobachtet treulich die Verordnung, um baldigst heimkehren zu können in die Arme des Herrn Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie zu derselben Stunde im _cinematógrafo_ (Herr Settembrini sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) – im _cinematógrafo_ der Kurhausarkaden gesehen worden sind und hernach noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar ...“
Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-vertraulich und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefälligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hinauszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte.
„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese Baisers – in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er trage ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen, und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“
Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kitzelt.
„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, sagte Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen und die Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ...“
„Hi, hi, hi ...“
„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ fragte der Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann, der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh ers gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in _Baccho et ceteris_. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so kann ers auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“
Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vorgenommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen werden würden. In der letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung nach, das Hündchen der Madame Capatsoulias aus Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias nicht allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust mit beiden Händen preßte.
Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, wenn die große Mehrzahl der Patienten den Saal schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter abräumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte, deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig sich beeinflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten.
Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und etwas wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem, kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln, höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Österreich und die Heilige Allianz konspiriert, die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne dumpfer Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied gewisser, über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, – ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte, als sei es auch jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, fast hundert Jahre, es war Geschichte, und aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung zu kommen. Auch hatte sich mit dem Aufrührer- und Konspirantentum dieses Großvaters, wie sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war Frucht und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern, einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden Ordnungssinn gleichzusetzen –, so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen mochte gleichbedeutend gewesen sein.
Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Settembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern eines gewissen Hand- und Staatsstreichversuches, den man in Turin unternommen, und an dem er mit Wort und Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu benutzt, in Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die Unabhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu bluten. Hier war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Landflüchtigkeit, hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als Advokat gewirkt, keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das gesprochene und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini, der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf den jungen Hans Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe sich zeit seines Lebens ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern gezeigt habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vaterland, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Großvater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz getragen hatte, aber in gründlich anderem Sinne, als dieser Großvater hier: an die altmodische Tracht dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps eigentliches, einer vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise und unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte, bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans Castorp dachte darüber nach, indes seine Augen sich festsahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte, so, daß es ebensogut als ein Zeichen der Bewunderung für Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans Lorenz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der Taufschale, des stehend-wandernden Erbstückes neigen, – gerundeten Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick gelobend gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich alle Rechte gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie nun beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der im Süden, und beide zu dem Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder Himmelsgegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die eine, bald in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewesen, die Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte zehn Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen Wasser dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte, höchst zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen waren Hans Castorps geblendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und Landschaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken.
Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit und des Fortschritts“ nannte. Unter dem letzteren hatte Hans Castorp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er fand denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Italiener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Ehre in Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden worden sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die Druckerpresse: denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, Hans Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der Bank am Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser Mächte selbst willen zu geschehen, sondern in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische Vervollkommnung der Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen. Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem er so sprach, faßte er in _einer_ Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereinigung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbreitung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es zum Gesetz erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste konfus an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis in den Grund seiner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres 1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den Wassern geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, Bäume, Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien ihm stark, und noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja geradezu anstößig.
Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn abgeschmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die Barrikaden den „Volksthron“ genannt und erklärt hatte, es gelte, „die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen“.
Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Reisenden und Hospitanten, der sich gegen keinen Eindruck verhärtet und die Dinge an sich herankommen läßt, in dem Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – etwas wie eine Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu sein, die Vorschrift und Mahnung eines irgendwie schlechten Gewissens, bestimmte ihn, dem Italiener zuzuhören, ein Bein über das andere geschlagen und an seiner Maria Mancini ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel gegen den Berghof emporstiegen.
Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen würde, – es war die der Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn immer neue Völker raffte die Menschlichkeit auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. Doch fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes Jahrhundert noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und Religionen zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini und lächelte fein unter seinem Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft, der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz der bürgerlichen Demokratie werde er bringen, das leuchtende Gegenstück zu jener dreimal infamen Allianz der Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind Großvater Giuseppe gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv seines Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich gelte es aufs Haupt zu schlagen und zu zerstören, einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes und dann, um die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die Wege zu leiten.
Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis wohllautenden Ergießungen interessierte Hans Castorp nun gar nicht mehr, sie mißfiel ihm, ja berührte ihn peinlich wie eine persönliche oder nationale Verbissenheit, sooft sie wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu schweigen, der, wenn der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit verfinsterten Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch Hans Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken, – offenbar lagen sie außer der Grenze dessen, wovon versuchsweise sich beeinflussen zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn mahnte, und zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr Settembrini sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern.