Der Zauberberg. Erster Band

Part 18

Chapter 183,643 wordsPublic domain

Nachdem also Frau Chauchat sich zwei- oder dreimal zufällig oder unter magnetischer Einwirkung beim Essen nach jenem Tisch umgewandt hatte und jedesmal den Augen Hans Castorps begegnet war, blickte sie zum viertenmal mit Vorbedacht hinüber und begegnete seinen Augen auch diesmal. In einem fünften Fall ertappte sie ihn zwar nicht unmittelbar; er war gerade nicht auf dem Posten. Doch fühlte er es sofort, daß sie ihn ansah, und blickte ihr so eifrig entgegen, daß sie sich lächelnd abwandte. Mißtrauen und Entzücken erfüllten ihn angesichts dieses Lächelns. Wenn sie ihn für kindlich hielt, so täuschte sie sich. Sein Bedürfnis nach Verfeinerung war bedeutend. Bei sechster Gelegenheit, als er ahnte, spürte, die innere Kunde gewann, daß sie herüberblickte, tat er, als betrachte er mit eindringlichem Mißfallen eine finnige Dame, die an seinen Tisch getreten war, um mit der Großtante zu plaudern, hielt eisern durch, wohl zwei oder drei Minuten lang, und gab nicht nach, bis er sicher war, daß die Kirgisenaugen dort drüben von ihm abgelassen hatten, – eine wunderliche Schauspielerei, die Frau Chauchat nicht nur durchschauen mochte, sondern ausdrücklich durchschauen _sollte_, damit Hans Castorps große Feinheit und Selbstbeherrschung sie nachdenklich stimme ... Es kam zu folgendem. In einer Eßpause wandte Frau Chauchat sich nachlässig um und musterte den Saal. Hans Castorp war auf dem Posten gewesen: ihre Blicke trafen sich. Indes sie einander ansehen – die Kranke unbestimmt spähend und spöttisch, Hans Castorp mit erregter Festigkeit (er biß sogar die Zähne zusammen, während er ihren Augen standhielt) – will ihr die Serviette entfallen, ist im Begriffe, ihr vom Schoße zu Boden zu gleiten. Nervös zusammenzuckend greift sie danach, aber auch ihm fährt es in die Glieder, es reißt ihn halbwegs vom Stuhle empor, und blindlings will er über acht Meter Raum hinweg und um einen zwischenstehenden Tisch herum ihr zu Hilfe stürzen, als würde es eine Katastrophe bedeuten, wenn die Serviette den Boden erreichte ... Knapp über dem Estrich wird sie ihrer noch habhaft. Aber aus ihrer gebückten Haltung, überquer zu Boden geneigt, die Serviette am Zipfel und mit verfinsterter Miene, offenbar ärgerlich über die unvernünftige kleine Panik, der sie unterlegen und an der sie ihm, wie es scheint, die Schuld gibt, – blickt sie noch einmal nach ihm zurück, bemerkt seine Sprungstellung, seine emporgerissenen Brauen und wendet sich lächelnd ab.

Über dies Vorkommnis triumphierte Hans Castorp bis zur Ausgelassenheit. Jedoch blieb der Rückschlag nicht aus, denn Madame Chauchat wandte sich nun volle zwei Tage lang, also während der Dauer von zehn Mahlzeiten, überhaupt nicht mehr nach dem Saale um, ja, unterließ es sogar, sich bei ihrem Eintritt, wie es sonst ihre Gepflogenheiten gewesen, dem Publikum zu „präsentieren“. Das war hart. Aber da diese Unterlassungen sich ganz ohne Zweifel auf ihn bezogen, so war eine Beziehung eben doch deutlich vorhanden, wenn auch in negativer Gestalt; und das mochte genügen.

Er sah wohl, daß Joachim vollständig recht gehabt hatte mit seiner Bemerkung, es sei gar nicht leicht, hier Bekanntschaft zu machen, außer mit Tischgenossen. Denn während der einzigen knappen Stunde nach dem Diner, in der eine gewisse Geselligkeit regelmäßig statthatte, die aber oft auf zwanzig Minuten zusammenschrumpfte, saß Madame Chauchat ohne Ausnahme mit ihrer Umgebung, dem hohlbrüstigen Herrn, der humoristischen Wollhaarigen, dem stillen Dr. Blumenkohl und den hängeschultrigen Jünglingen, im Hintergrunde des kleinen Salons, der dem „Guten Russentisch“ vorbehalten schien. Auch drängte Joachim stets bald zum Aufbruch, um die Abendliegekur nicht zu verkürzen, wie er sagte, und vielleicht noch aus anderen diätetischen Gründen, die er nicht anführte, die aber Hans Castorp ahnte und achtete. Wir erhoben den Vorwurf der Zügellosigkeit gegen ihn, aber wohin seine Wünsche nun immer gehen mochten, die gesellschaftliche Bekanntschaft mit Frau Chauchat war es nicht, was er anstrebte, und mit den Umständen, die dagegen wirkten, war er im Grunde einverstanden. Die unbestimmt gespannten Beziehungen, die sein Schauen und Betreiben zwischen ihm und der Russin hergestellt hatte, waren außergesellschaftlicher Natur, sie verpflichteten zu nichts und durften zu nichts verpflichten. Denn ein beträchtliches Maß von gesellschaftlicher Ablehnung vertrug sich wohl mit ihnen, auf seiner Seite, und die Tatsache, daß er den Gedanken an „Clawdia“ dem Klopfen seines Herzens unterlegte, genügte bei weitem nicht, den Enkel Hans Lorenz Castorps in der Überzeugung wankend zu machen, daß er mit dieser Fremden, die ihr Leben getrennt von ihrem Mann und ohne Trauring am Finger an allen möglichen Kurorten verbrachte, sich mangelhaft hielt, die Tür hinter sich zufallen ließ, Brotkugeln drehte und zweifellos an den Fingern kaute, – daß er, sagen wir, in Wirklichkeit, das heißt: über jene geheimen Beziehungen hinaus, nichts mit ihr zu schaffen haben könne, daß tiefe Klüfte ihre Existenz von der seinen trennten, und daß er vor keiner Kritik, die er anerkannte, mit ihr bestehen würde. Einsichtigerweise war Hans Castorp ganz ohne persönlichen Hochmut; aber ein Hochmut allgemeiner und weiter hergeleiteter Art stand ihm ja auf der Stirn und um die etwas schläfrig blickenden Augen geschrieben, und aus ihm entsprang das Überlegenheitsgefühl, dessen er sich beim Anblick von Frau Chauchats Sein und Wesen nicht entschlagen konnte noch wollte. Es war sonderbar, daß er sich dieses weitläufigen Überlegenheitsgefühls besonders lebhaft und vielleicht überhaupt zum erstenmal bewußt wurde, als er Frau Chauchat eines Tages Deutsch sprechen hörte, – sie stand, beide Hände in den Taschen ihres Sweaters, nach Schluß einer Mahlzeit im Saale, und mühte sich, wie Hans Castorp im Vorübergehen wahrnahm, im Gespräch mit einer anderen Patientin, einer Liegehallengenossin wahrscheinlich, auf übrigens reizende Art um die deutsche Sprache, Hans Castorps Muttersprache, wie er mit plötzlichem und nie gekanntem Stolze empfand, – wenn auch nicht ohne gleichzeitige Neigung, diesen Stolz dem Entzücken aufzuopfern, womit ihr anmutiges Stümpern und Radebrechen ihn erfüllte.

Mit einem Worte: Hans Castorp sah in seinem stillen Verhältnis zu dem nachlässigen Mitgliede Derer hier oben ein Ferienabenteuer, das vor dem Tribunal der Vernunft – seines eigenen vernünftigen Gewissens – keinerlei Anspruch auf Billigung erheben konnte: hauptsächlich deshalb nicht, weil Frau Chauchat ja krank war, schlaff, fiebrig und innerlich wurmstichig, ein Umstand, der mit der Zweifelhaftigkeit ihrer Gesamtexistenz nahe zusammenhing und auch an Hans Castorps Vorsichts- und Abstandsgefühlen stark beteiligt war ... Nein, ihre wirkliche Bekanntschaft zu suchen, kam ihm nicht in den Sinn, und was das andere betraf, so würde es ja in anderthalb Wochen, wenn er bei Tunder & Wilms in die Praxis trat, wohl oder übel folgenlos beendet sein.

Vorderhand allerdings stand es so mit ihm, daß er angefangen hatte, die Gemütsbewegungen, Spannungen, Erfüllungen und Enttäuschungen, die ihm aus seinen zarten Beziehungen zu der Patientin erwuchsen, als den eigentlichen Sinn und Inhalt seines Ferienaufenthaltes zu betrachten, ganz ihnen zu leben und seine Laune von ihrem Gedeihen abhängig zu machen. Die Umstände leisteten ihrer Pflege den wohlwollendsten Vorschub, denn man lebte bei feststehender und jedermann bindender Tagesordnung auf beschränktem Raum beieinander, und wenn auch Frau Chauchat in einem anderen Stockwerk – im ersten – zu Hause war (sie hielt übrigens ihre Liegekur, wie Hans Castorp von der Lehrerin hörte, in einer gemeinsamen Liegehalle, nämlich der, die sich auf dem Dache befand, derselben, in der Hauptmann Miklosich neulich das Licht abgedreht hatte), so war doch allein schon durch die fünf Mahlzeiten, aber auch sonst auf Schritt und Tritt, vom Morgen bis zum Abend die Möglichkeit, ja Unumgänglichkeit der Begegnung gegeben. Und auch dies, ebenso wie das andere, daß keine Sorgen und Mühen die Aussicht versperrten, fand Hans Castorp famos, wenn auch solches Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr zugleich etwas Beklemmendes hatte.

Doch half er sogar noch ein bißchen nach, rechnete und stellte seinen Kopf in den Dienst der Sache, um das Glück zu verbessern. Da Frau Chauchat gewohnheitsmäßig verspätet zu Tische kam, so legte er es darauf an, ebenfalls zu spät zu kommen, um ihr unterwegs zu begegnen. Er versäumte sich bei der Toilette, war nicht fertig, wenn Joachim eintrat, um ihn abzuholen, ließ den Vetter vorangehen und sagte, er käme gleich nach. Beraten von dem Instinkt seines Zustandes, wartete er einen gewissen Augenblick ab, der ihm der richtige schien, und eilte ins erste Stockwerk hinab, wo er nicht die Treppe benutzte, die die Fortsetzung derjenigen bildete, die ihn herabgeführt hatte, sondern den Korridor fast bis ans Ende, bis zur anderen Treppe verfolgte, die einer längst bekannten Zimmertür – es war die von Nr. 7 – nahegelegen war. Auf diesem Wege, den Korridor entlang, von einer Treppe zur anderen, bot sozusagen jeder Schritt eine Chance, denn jeden Augenblick konnte die bewußte Tür sich öffnen, – und das tat sie wiederholt: krachend fiel sie hinter Frau Chauchat zu, die für ihre Person lautlos hervorgetreten war und lautlos zur Treppe glitt ... Dann ging sie vor ihm her und stützte das Haar mit der Hand, oder Hans Castorp ging vor ihr her und fühlte ihren Blick in seinem Rücken, wobei er ein Reißen in den Gliedern sowie ein Ameisenlaufen den Rücken hinunter verspürte, in dem Wunsche aber, sich vor ihr aufzuspielen, so tat, als wisse er nichts von ihr und führe sein Einzelleben in kräftiger Unabhängigkeit, – die Hände in die Rocktaschen grub und ganz unnötigerweise die Schultern rollte oder sich heftig räusperte und sich dabei mit der Faust vor die Brust schlug, – alles, um seine Unbefangenheit zu bekunden.

Zweimal trieb er die Abgefeimtheit noch weiter. Nachdem er am Eßtisch schon Platz genommen, sagte er bestürzt und ärgerlich, indem er sich mit beiden Händen betastete: „Da, ich habe mein Taschentuch vergessen! Jetzt heißt es, sich noch einmal hinaufbequemen.“ Und er ging zurück, damit er und „Clawdia“ einander _begegneten_, was denn doch noch etwas anderes, gefährlicher und von schärferen Reizen war, als wenn sie vor oder hinter ihm ging. Das erstemal, als er dies Manöver ausgeführt, maß sie ihn zwar aus einiger Entfernung mit den Augen, und zwar recht rücksichtslos und ohne Verschämtheit, von oben bis unten, wandte aber, herangekommen, gleichgültig das Gesicht ab und ging so vorüber, so daß das Ergebnis dieses Zusammentreffens nicht hoch zu veranschlagen war. Beim zweitenmal aber sah sie ihn an, und nicht nur von weitem, – die ganze Zeit sah sie ihn an, während des ganzen Vorganges, blickte ihm fest und sogar etwas finster in das Gesicht und drehte im Vorübergehen sogar noch den Kopf nach ihm, – es ging dem armen Hans Castorp durch Mark und Bein. Übrigens sollte man ihn nicht bedauern, da er es nicht anders gewollt und alles selbst in die Wege geleitet hatte. Aber die Begegnung ergriff ihn gewaltig, sowohl während sie sich abspielte wie namentlich noch nachträglich; denn erst als alles vorüber war, sah er recht deutlich, wie es gewesen. Noch niemals hatte er Frau Chauchats Gesicht so nahe, so in allen Einzelheiten klar erkennbar vor sich gehabt: er hatte die kurzen Härchen unterscheiden können, die sich aus dem Geflecht ihres blonden, ein wenig ins Metallisch-Rötliche spielenden und einfach um den Kopf geschlungenen Zopfes lösten, und nur ein paar Handbreit Raum war gewesen zwischen seinem Gesicht und dem ihren in seiner wundersamen, ihm aber von langer Hand her vertrauten Bildung, die ihm zusagte wie nichts in der Welt: einer Bildung, fremdartig und charaktervoll (denn nur das Fremde scheint uns Charakter zu haben), von nördlicher Exotik und geheimnisreich, zur Ergründung auffordernd, insofern ihre Merkmale und Verhältnisse nicht leicht zu bestimmen waren. Das Entscheidende war wohl die Betontheit der hochsitzenden Wangenknochenpartie: sie bedrängte die ungewohnt flach, ungewohnt weit voneinander liegenden Augen und trieb sie ein wenig ins Schiefe, während sie zugleich die Ursache abgab für das weiche Konkav der Wangen, das wiederum, von seiner Seite und mittelbar, die leicht aufgeworfene Üppigkeit der Lippen bewirkte. Dann aber waren da namentlich die Augen selbst gewesen, diese schmal und (so fand Hans Castorp) schlechthin zauberhaft geschnittenen Kirgisenaugen, deren Farbe das Graublau oder Blaugrau ferner Berge war, und die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise völlig ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten, – Clawdias Augen, die ihn rücksichtslos und etwas finster aus nächster Nähe betrachtet hatten und nach Stellung, Farbe, Ausdruck denen Pribislav Hippes so auffallend und erschreckend ähnlich waren! „Ähnlich“ war gar nicht das richtige Wort, – es waren dieselben Augen; und auch die Breite der oberen Gesichtshälfte, die eingedrückte Nase, alles, bis auf die gerötete Weiße der Haut, die gesunde Farbe der Wangen, die bei Frau Chauchat ja aber Gesundheit nur vortäuschte und, wie bei allen hier oben, nichts als ein oberflächliches Erzeugnis der Liegekur im Freien war, – alles war ganz wie bei Pribislav, und nicht anders hatte dieser ihn angesehen, wenn sie auf dem Schulhof aneinander vorübergingen.

Das war erschütternd in jedem Sinn; Hans Castorp war begeistert von der Begegnung, und zugleich spürte er etwas wie aufsteigende Angst, eine Beklemmung derselben Art, wie das Eingesperrtsein mit dem günstigen Ungefähr auf engem Raum ihm verursachte: auch dies, daß der längst vergessene Pribislav ihm hier oben als Frau Chauchat wieder begegnete und ihn mit Kirgisenaugen ansah, war wie ein Eingesperrtsein mit Unumgänglichem oder Unentrinnbarem, – in beglückendem und ängstlichem Sinn Unentrinnbarem. Es war hoffnungsreich und zugleich auch unheimlich, ja bedrohlich, und ein Gefühl der Hilfsbedürftigkeit kam den jungen Hans Castorp an, – in seinem Inneren vollzogen sich unbestimmte und instinktmäßige Bewegungen, die man als ein Sichumsehen, als ein Tasten und Suchen nach Hilfe, nach Rat und Stütze hätte ansprechen mögen; er dachte nacheinander an verschiedene Personen, an die zu denken etwa zuträglich sein mochte.

Da war Joachim, der gute, ehrenfeste Joachim an seiner Seite, dessen Augen in diesen Monaten einen so traurigen Ausdruck angenommen, und der zuweilen so wegwerfend-heftig mit den Achseln zuckte, wie er es früher nie und nimmer getan, – Joachim mit dem „Blauen Heinrich“ in der Tasche, wie Frau Stöhr dies Gerät zu bezeichnen pflegte: mit einem so störrisch schamlosen Gesicht, daß es Hans Castorp jedesmal in der Seele entsetzte ... Der redliche Joachim also war da, der Hofrat Behrens tirrte und plagte, um fortzukommen und in der „Ebene“ oder im „Flachlande“, wie man hier die Welt der Gesunden mit einem leisen, aber deutlichen Akzent von Geringschätzung nannte, seinen ersehnten Dienst tun zu können. Damit er schneller dazu gelange und Zeit spare, mit der man hier so verschwenderisch umging, hielt er denn vorerst einmal mit aller Gewissenhaftigkeit den Kurdienst ein, – tat es um seiner baldigen Genesung willen, ohne Frage, aber, wie Hans Castorp manchmal zu spüren glaubte, ein wenig doch auch um des Kurdienstes willen, der am Ende ein Dienst war wie ein anderer, und Pflichterfüllung war Pflichterfüllung. So drängte denn Joachim abends schon nach einer Viertelstunde aus der Geselligkeit fort in die Liegekur, und das war gut, denn seine militärische Genauigkeit kam dem zivilen Sinn Hans Castorps gewissermaßen zu Hilfe, der sich sonst wohl, sinn- und aussichtsloserweise, gern noch des längeren an der Geselligkeit beteiligt hätte, mit Aussicht auf den kleinen Russensalon. Daß aber Joachim so dringlich darauf bedacht war, die Abendgeselligkeit abzukürzen, das hatte noch einen anderen, verschwiegenen Grund, auf den sich Hans Castorp genau verstand, seit er Joachims fleckiges Erblassen und jene eigentümlich klägliche Art, in der sein Mund sich in gewissen Augenblicken verzerrte, so genau verstehen gelernt hatte. Denn auch Marusja, die ewig lachlustige Marusja mit dem kleinen Rubin an ihrem schönen Finger, dem Apfelsinenparfüm und der hohen, wurmstichigen Brust war ja bei der Geselligkeit meistens zugegen, und Hans Castorp begriff, daß dieser Umstand Joachim forttrieb, weil er ihn allzusehr, auf eine schreckliche Weise anzog. War auch Joachim „eingesperrt“, – noch enger und beklemmender sogar als er selbst, da ja Marusja mit ihrem Apfelsinentüchlein zu allem Überfluß auch noch fünfmal am Tage mit ihnen zusammen an demselben Eßtisch saß? Jedenfalls hatte Joachim viel zu viel mit sich selbst zu tun, als daß sein Dasein eigentlich innerlich hilfreich für Hans Castorp hätte sein können. Seine tägliche Flucht aus der Geselligkeit wirkte zwar ehrenhaft, aber nichts weniger als beruhigend auf diesen, und dann kam es ihm augenblicksweise auch vor, als ob Joachims gutes Beispiel in bezug auf die Pflichttreue im Kurdienst, die kundige Anleitung dazu, die er ihm zuteil werden ließ, ihr Bedenkliches hätten.

Hans Castorp war noch nicht zwei Wochen an Ort und Stelle, aber es schien ihm länger, und die Tagesordnung Derer hier oben, die Joachim an seiner Seite so dienstfromm beobachtete, hatte angefangen, in seinen Augen das Gepräge einer heilig-selbstverständlichen Unverbrüchlichkeit anzunehmen, so daß ihm das Leben im Flachlande drunten, von hier gesehen, fast sonderbar und verkehrt erschien. Schon hatte er in der Handhabung der beiden Decken, mit denen man bei kalter Witterung in der Liegekur ein ebenmäßig Paket, eine richtige Mumie aus sich machte, schöne Gewandtheit gewonnen; es fehlte nicht viel, so tat er es Joachim gleich in der sicheren Fertigkeit und Kunst, sie vorschriftsmäßig um sich zu schlagen, und fast mußte er sich wundern bei dem Gedanken, daß in der Ebene drunten niemand etwas von dieser Kunst und Vorschrift wußte. Ja, das war wunderlich; – aber zugleich wunderte sich Hans Castorp darüber, daß er es wunderlich fand, und jene Unruhe, die ihn innerlich nach Rat und Stütze sich umsehen ließ, stieg neuerdings in ihm auf.

Er mußte an Hofrat Behrens denken und an seinen _sine pecunia_ erteilten Rat, ganz so zu leben wie die Patientenschaft und sich sogar auch zu messen, – und an Settembrini, der über diesen Rat so laut in die Luft hinein gelacht und dann etwas aus der „Zauberflöte“ zitiert hatte. Ja, auch an diese beiden dachte er probeweise, um zu sehen, ob es ihm gut täte. Hofrat Behrens war ja ein weißhaariger Mann, er hätte Hans Castorps Vater sein können. Dazu war er Vorsteher der Anstalt, die höchste Autorität, – und väterliche Autorität war es, wonach der junge Hans Castorp ein unruhiges Herzensbedürfnis empfand. Und doch wollte es ihm nicht gelingen, wenn er es versuchte, des Hofrats mit kindlichem Vertrauen zu gedenken. Er hatte hier seine Frau begraben, ein Kummer, von dem er vorübergehend etwas wunderlich geworden war, und dann war er am Orte geblieben, weil das Grab ihn band, und außerdem weil er selbst etwas abbekommen hatte. War es nun vorbei damit? War er gesund und unzweideutig gesonnen, die Leute gesund zu machen, damit sie recht bald ins Flachland zurückkehren und Dienst tun könnten? Seine Backen waren beständig blau, und eigentlich sah er aus, als hätte er Übertemperatur. Aber das mochte auf Täuschung beruhen und nur die Luft schuld sein an dieser Gesichtsfarbe: Hans Castorp selber spürte hier ja tagein, tagaus eine trockene Hitze, ohne Fieber zu haben, soweit er es ohne Thermometer beurteilen konnte. Zwar, wenn man den Hofrat reden hörte, konnte man wieder zuweilen an Übertemperatur glauben; es war nicht ganz richtig mit seiner Redeweise: sie klang so forsch und fidel und gemütlich, aber es war etwas Sonderbares darin, etwas Exaltiertes, besonders wenn man die blauen Backen mit in Betracht zog, sowie die tränenden Augen, die aussahen, als weine er immer noch über seine Frau. Hans Castorp erinnerte sich dessen, was Settembrini über des Hofrats „Schwermut“ und „Lasterhaftigkeit“ ausgesagt, und daß er ihn eine „verworrene Seele“ genannt hatte. Das mochte Bosheit sein und Windbeutelei; aber er fand trotzdem, daß es nicht sonderlich stärkend sei, an Hofrat Behrens zu denken.

Aber da war denn freilich noch dieser Settembrini selbst, der Oppositionsmann, Windbeutel und „_homo humanus_“, wie er sich selber nannte, der es ihm mit vielen prallen Worten verwiesen hatte, Krankheit und Dummheit zusammen einen Widerspruch und ein Dilemma für das menschliche Gefühl zu nennen. Wie stand es mit ihm? Und war es zuträglich, an ihn zu denken? Hans Castorp erinnerte sich wohl, wie er in mehreren der übermäßig lebhaften Träume, die hier oben seine Nächte erfüllten, Ärgernis genommen an dem feinen, trockenen Lächeln des Italieners, das sich unter der schönen Rundung seines Schnurrbartes kräuselte, wie er ihn einen Drehorgelmann gescholten und ihn wegzudrängen versucht hatte, weil er hier störe. Aber das war im Traum gewesen, und der wachende Hans Castorp war ein anderer, weniger ungehemmt als der des Traumes. Im Wachen mochte es etwas anderes sein, – vielleicht tat er gut daran, es innerlich mit Settembrinis neuartigem Wesen zu versuchen, – mit seiner Aufsässigkeit und Kritik, obgleich sie larmoyant und geschwätzig war. Er selbst hatte sich ja einen Pädagogen genannt; offenbar wünschte er Einfluß zu nehmen; und den jungen Hans Castorp verlangte es herzlich, beeinflußt zu werden, – was ja freilich so weit nicht zu gehen brauchte, daß er sich von Settembrini bestimmen ließ, seinen Koffer zu packen und vor der Zeit abzureisen, wie jener es neulich allen Ernstes in Vorschlag gebracht hatte.

_Placet experiri_, dachte er bei sich lächelnd, denn so viel Latein verstand er auch noch, ohne sich einen _homo humanus_ nennen zu dürfen. Und so hatte er denn ein Auge auf Settembrini und hörte bereitwillig und nicht ohne prüfende Aufmerksamkeit auf das, was er alles zum besten gab bei Begegnungen, wie sie bei den gemessenen Kurpromenaden zur Bank an der Bergwand oder nach „Platz“ hinab sich beiläufig ereigneten, oder bei anderer Gelegenheit, zum Beispiel wenn Settembrini nach beendeter Mahlzeit sich als erster erhob und in seinen karierten Beinkleidern, einen Zahnstocher zwischen den Lippen, durch den Saal mit den sieben Tischen schlenderte, um gegen alle Vorschrift und Übung ein wenig am Tische der Vettern zu hospitieren. Er tat es, indem er in anmutiger Haltung, mit gekreuzten Füßen, Aufstellung nahm und mit dem Zahnstocher gestikulierend plauderte. Oder er zog auch einen Stuhl heran, nahm Platz an einer Ecke zwischen Hans Castorp und der Lehrerin einerseits oder zwischen Hans Castorp und Miß Robinson andererseits und sah zu, wie die neun Tischgenossen ihren Nachtisch verzehrten, auf den er verzichtet zu haben schien.

„Ich bitte um Zutritt in diesen edlen Kreis“, sagte er, indem er den Vettern die Hand schüttelte und die übrigen Personen mit einer Verbeugung umfaßte. „Dieser Bierbrauer dort drüben ... von dem verzweiflungsvollen Anblick der Bierbrauerin zu schweigen. Aber dieser Herr Magnus, – soeben hat er einen völkerpsychologischen Vortrag gehalten. Wollen Sie hören? ‚Unser liebes Deutschland ist eine große Kaserne, gewiß. Aber es steckt viel Tüchtigkeit dahinter, und ich tausche unsere Gediegenheit für die Höflichkeit der andern nicht ein. Was hilft mir alle Höflichkeit, wenn ich vorn und hinten betrogen werde?‘ In diesem Stile. Ich bin am Rand meiner Kräfte. Dann sitzt da mir gegenüber ein armes Wesen mit Friedhofsrosen auf den Backen, eine alte Jungfer aus Siebenbürgen, die ohne Unterbrechung von ihrem ‚Schwager‘ spricht, einem Menschen, von dem niemand etwas weiß, noch wissen will. Kurzum, ich kann nicht mehr, ich habe mich aus dem Staub gemacht.“

„Fluchtartig haben Sie das Panier ergriffen,“ sagte Frau Stöhr; „das kann ich mir denken.“