Part 15
Er war dreizehn Jahre alt, Untertertianer, ein Junge in kurzen Hosen, und stand auf dem Schulhof im Gespräch mit einem anderen, ungefähr gleichaltrigen Jungen aus einer anderen Klasse, – einem Gespräch, das Hans Castorp ziemlich willkürlich vom Zaune gebrochen hatte, und das ihn, obgleich es seines sachlichen und knapp umschriebenen Gegenstandes wegen nur ganz kurz sein konnte, doch im höchsten Grade erfreute. Es war die Pause zwischen der vorletzten und letzten Stunde, einer Geschichts- und einer Zeichenstunde für Hans Castorps Klasse. Auf dem Hofe, der mit roten Klinkern gepflastert und von einer mit Schindeln gedeckten und mit zwei Eingangstoren versehenen Mauer gegen die Straße abgetrennt war, gingen die Schüler in Reihen auf und nieder, standen in Gruppen, lehnten halb sitzend an den glasierten Mauervorsprüngen des Gebäudes. Es herrschte Stimmengewirr. Ein Lehrer im Schlapphut beaufsichtigte das Treiben, indem er in eine Schinkensemmel biß.
Der Knabe, mit dem Hans Castorp sprach, hieß Hippe, mit Vornamen Pribislav. Als Merkwürdigkeit kam hinzu, daß das r dieses Vornamens wie sch auszusprechen war: es hieß „Pschibislav“; und dieser absonderliche Vorname stimmte nicht schlecht zu seinem Äußeren, das nicht ganz durchschnittsmäßig, entschieden etwas fremdartig war. Hippe, Sohn eines Historikers und Gymnasialprofessors, notorischer Musterschüler folglich und schon eine Klasse weiter als Hans Castorp, obgleich kaum älter als dieser, stammte aus Mecklenburg und war für seine Person offenbar das Produkt einer alten Rassenmischung, einer Versetzung germanischen Blutes mit wendisch-slawischem – oder auch umgekehrt. Zwar war er blond, – sein Haar war ganz kurz über dem Rundschädel geschoren. Aber seine Augen, blaugrau oder graublau von Farbe – es war eine etwas unbestimmte und mehrdeutige Farbe, die Farbe etwa eines fernen Gebirges –, zeigten einen eigentümlichen, schmalen und genau genommen sogar etwas schiefen Schnitt, und gleich darunter saßen die Backenknochen, vortretend und stark ausgeprägt, – eine Gesichtsbildung, die in seinem Falle durchaus nicht entstellend, sondern sogar recht ansprechend wirkte, die aber genügt hatte, ihm bei seinen Kameraden den Spitznamen „der Kirgise“ einzutragen. Übrigens trug Hippe schon lange Hosen und dazu eine hochgeschlossene, blaue, im Rücken gezogene Joppe, auf deren Kragen einige Schuppen von seiner Kopfhaut zu liegen pflegten.
Nun war die Sache die, daß Hans Castorp schon von langer Hand her sein Augenmerk auf diesen Pribislav gerichtet, – aus dem ganzen ihm bekannten und unbekannten Gewimmel des Schulhofes ihn erlesen hatte, sich für ihn interessierte, ihm mit den Blicken folgte, soll man sagen: ihn bewunderte? auf jeden Fall ihn mit ausnehmendem Anteil betrachtete und sich schon auf dem Schulwege darauf freute, ihn im Verkehre mit seinen Klassengenossen zu beobachten, ihn sprechen und lachen zu sehen und von weitem seine Stimme zu unterscheiden, die angenehm belegt, verschleiert, etwas heiser war. Zugegeben, daß für diese Teilnahme kein recht zureichender Grund vorhanden war, wenn man nicht etwa den heidnischen Vornamen, das Musterschülertum (das aber unmöglich ins Gewicht fallen konnte) oder endlich die Kirgisenaugen für einen solchen nehmen wollte, – Augen, die sich zuweilen, bei einem gewissen Seitenblick, der nicht zum Sehen diente, auf eine schmelzende Weise ins Schleierig-Nächtige verdunkeln konnten – so machte Hans Castorp sich doch wenig Sorge um die geistige Rechtfertigung seiner Empfindungen oder gar darum, wie sie etwa notfalls zu benennen gewesen wären. Denn von Freundschaft konnte nicht gut die Rede sein, da er Hippe ja gar nicht „kannte“. Aber erstens lag nicht die geringste Nötigung zur Namengebung vor, da kein Gedanke daran war, daß der Gegenstand je zur Sprache gebracht werden könnte, – dazu eignete er sich nicht und verlangte auch nicht danach. Und zweitens bedeutet ein Name ja, wenn nicht Kritik, so doch Bestimmung, das heißt Unterbringung im Bekannten und Gewohnten, während Hans Castorp doch von der unbewußten Überzeugung durchdrungen war, daß ein inneres Gut, wie dieses, vor solcher Bestimmung und Unterbringung ein für allemal geschützt sein sollte.
Aber gut oder schlecht begründet, jedenfalls waren diese dem Namen und der Mitteilung so fernen Empfindungen von solcher Lebenskraft, daß Hans Castorp sich schon fast seit einem Jahr – ungefähr seit einem Jahr, denn genau waren ihre Anfänge nicht aufzufinden – im stillen damit trug, was zum mindesten für die Treue und Beständigkeit seines Charakters sprach, wenn man erwägt, welche riesige Zeitmasse ein Jahr in diesem Lebensalter bedeutet. Leider wohnt den Bezeichnungen von Charaktereigenschaften regelmäßig ein moralisches Urteil inne, sei es im lobenden oder tadelnden Sinn, obgleich sie alle ihre zwei Seiten haben. Hans Castorps „Treue“, auf die er sich übrigens weiter nichts zugute tat, bestand, ohne Wertung gesprochen, in einer gewissen Schwerfälligkeit, Langsamkeit und Beharrlichkeit seines Gemütes, einer erhaltenden Grundstimmung, die ihm Zustände und Lebensverhältnisse der Anhänglichkeit und des Fortbestandes desto würdiger erscheinen ließ, je länger sie bestanden. Auch war er geneigt, an die unendliche Dauer des Zustandes, der Verfassung zu glauben, worin er sich gerade befand, schätzte sie eben darum und war nicht auf Veränderung erpicht. So hatte er sich an sein stilles und fernes Verhältnis zu Pribislav Hippe im Herzen gewöhnt und hielt es im Grunde für eine bleibende Einrichtung seines Lebens. Er liebte die Gemütsbewegungen, die es mit sich brachte, die Spannung, ob jener ihm heute begegnen, dicht an ihm vorübergehen, vielleicht ihn anblicken werde, die lautlosen, zarten Erfüllungen, mit denen sein Geheimnis ihn beschenkte, und sogar die Enttäuschungen, die zur Sache gehörten und deren größte war, wenn Pribislav „fehlte“: dann war der Schulhof verödet, der Tag aller Würze bar, aber die hinhaltende Hoffnung blieb.
Das dauerte ein Jahr, bis es auf jenen abenteuerlichen Höhepunkt gelangte, dann dauerte es noch ein Jahr, dank der bewahrenden Treue Hans Castorps, und dann hörte es auf – und zwar ohne daß er mehr von der Lockerung und Auflösung der Bande merkte, die ihn an Pribislav Hippe knüpften, als er von ihrer Entstehung gemerkt hatte. Auch verließ Pribislav, infolge der Versetzung seines Vaters, Schule und Stadt; aber das beachtete Hans Castorp kaum noch; er hatte ihn schon vorher vergessen. Man kann sagen, daß die Gestalt des „Kirgisen“ unmerklich aus Nebeln in sein Leben getreten war, langsam immer mehr Deutlichkeit und Greifbarkeit gewonnen hatte, bis zu jenem Augenblick der größten Nähe und Körperlichkeit, auf dem Hofe, eine Weile so im Vordergrunde gestanden hatte und dann allmählich wieder zurückgetreten und ohne Abschiedsweh in den Nebeln entschwunden war.
Jener Augenblick aber, die gewagte und abenteuerliche Situation, in die Hans Castorp sich nun wieder versetzt fand, das Gespräch, ein wirkliches Gespräch mit Pribislav Hippe, kam folgendermaßen zustande. Die Zeichenstunde war an der Reihe, und Hans Castorp bemerkte, daß er seinen Bleistift nicht bei sich hatte. Jeder seiner Klassengenossen brauchte den seinen; aber er hatte ja unter den Angehörigen anderer Klassen diesen und jenen Bekannten, den er um einen Stift hätte angehen können. Am bekanntesten jedoch, fand er, war ihm Pribislav, am nächsten stand ihm dieser, mit dem er im stillen schon so viel zu tun gehabt hatte; und mit einem freudigen Aufschwunge seines Wesens beschloß er, die Gelegenheit – eine Gelegenheit nannte er es – zu benutzen und Pribislav um einen Bleistift zu bitten. Daß das ein ziemlich sonderbarer Streich sein werde, da er Hippe in Wirklichkeit ja nicht kannte, das entging ihm, oder er kümmerte sich doch nicht darum, verblendet von merkwürdiger Rücksichtslosigkeit. Und so stand er denn nun im Gewühle des Klinkerhofes wirklich vor Pribislav Hippe und sagte zu ihm:
„Entschuldige, kannst du mir einen Bleistift leihen?“
Und Pribislav sah ihn an mit seinen Kirgisenaugen über den vorstehenden Backenknochen und sprach zu ihm mit seiner angenehm heiseren Stimme, ohne Verwunderung oder doch ohne Verwunderung an den Tag zu legen.
„Gern“, sagte er. „Du mußt ihn mir nach der Stunde aber bestimmt zurückgeben.“ Und zog sein Crayon aus der Tasche, ein versilbertes Crayon mit einem Ring, den man aufwärts schieben mußte, damit der rot gefärbte Stift aus der Metallhülse wachse. Er erläuterte den einfachen Mechanismus, während ihre beiden Köpfe sich darüberneigten.
„Aber mach ihn nicht entzwei!“ sagte er noch.
Wo dachte er hin? Als ob Hans Castorp die Absicht gehabt hätte, den Stift etwa _nicht_ zurückzuerstatten oder gar ihn fahrlässig zu behandeln.
Dann sahen sie einander lächelnd an, und da nichts mehr zu sagen blieb, so kehrten sie sich erst die Schultern und dann die Rücken zu und gingen.
Das war alles. Aber vergnügter war Hans Castorp in seinem Leben nie gewesen, als in dieser Zeichenstunde, da er mit Pribislav Hippes Bleistift zeichnete, – mit der Aussicht obendrein, ihn nachher seinem Besitzer wieder einzuhändigen, was als reine Dreingabe zwanglos und selbstverständlich aus dem vorhergehenden folgte. Er war so frei, den Bleistift etwas zuzuspitzen, und von den rot lackierten Schnitzeln, die abfielen, bewahrte er drei oder vier fast ein ganzes Jahr lang in einer inneren Schublade seines Pultes auf, – niemand, der sie gesehen hätte, würde geahnt haben, wie Bedeutendes es damit auf sich hatte. Übrigens vollzog die Rückgabe sich in den einfachsten Formen, was aber ganz nach Hans Castorps Sinne war, ja, worauf er sich sogar etwas Besonderes zugute tat, – abgestumpft und verwöhnt, wie er war, durch den intimen Verkehr mit Hippe.
„Da“, sagte er. „Danke sehr.“
Und Pribislav sagte gar nichts, sondern revidierte nur flüchtig den Mechanismus und schob das Crayon in die Tasche ...
Dann hatten sie nie wieder miteinander gesprochen, aber dies eine Mal, dank Hans Castorps Unternehmungsgeist, war es eben doch geschehen ...
Er riß die Augen auf, verwirrt von der Tiefe seiner Entrücktheit. „Ich glaube, ich habe geträumt!“ dachte er. „Ja, das war Pribislav. Lange habe ich nicht mehr an ihn gedacht. Wo sind die Schnitzel hingekommen? Das Pult ist auf dem Boden, zu Hause bei Onkel Tienappel. Sie müssen noch in der inneren kleinen Schublade links hinten sein. Ich habe sie nie herausgenommen. Nicht einmal soviel Aufmerksamkeit, sie wegzuwerfen, erwies ich ihnen ... Es war ganz Pribislav, wie er leibte und lebte. Ich hätte nicht gedacht, daß ich ihn je so deutlich wiedersehen würde. Wie merkwürdig ähnlich er ihr sah, – dieser hier oben! Darum also interessiere ich mich so für sie? Oder vielleicht auch: habe ich mich darum so für _ihn_ interessiert? Unsinn! Ein schöner Unsinn. Ich muß übrigens gehen, und zwar schleunigst.“ Aber er blieb doch noch liegen, sinnend und sich erinnernd. Dann richtete er sich auf. „Nun, so leb wohl und hab Dank!“ sagte er und bekam Tränen in die Augen, während er lächelte. Damit wollte er aufbrechen; aber er setzte sich, Hut und Stock in der Hand, rasch noch einmal nieder, denn er hatte bemerken müssen, daß seine Knie ihn nicht recht trugen. „Hoppla,“ dachte er, „ich glaube, das wird nicht gehen! Und dabei soll ich Punkt elf Uhr zum Vortrag im Eßsaal sein. Das Spazierengehen hat hier sein Schönes, aber auch seine Schwierigkeiten, wie es scheint. Ja, ja, aber hierbleiben kann ich nicht. Es ist nur, daß ich vom Liegen etwas lahm geworden bin; in der Bewegung wird es schon besser werden.“ Und er versuchte nochmals, auf die Beine zu kommen, und da er sich gehörig zusammennahm, so ging es.
Immerhin wurde es eine klägliche Heimkehr, nach einem so hochgemuten Auszug. Wiederholt mußte er am Wege rasten, da er fühlte, daß sein Gesicht plötzlich weiß wurde, kalter Schweiß ihm auf die Stirne trat und das regellose Verhalten seines Herzens ihm den Atem benahm. Kümmerlich kämpfte er sich so die Serpentinen hinab; als er aber in der Nähe des Kurhauses das Tal erreichte, sah er klar und deutlich, daß er die gedehnte Wegstrecke zum „Berghof“ unmöglich noch aus eigener Kraft werde überwinden können, und da es keine Trambahn gab und kein Mietsfuhrwerk sich zeigte, so bat er einen Fuhrmann, der einen Stellwagen mit leeren Kisten gegen „Dorf“ hin lenkte, ihn aufsitzen zu lassen. Rücken an Rücken mit dem Kutscher, die Beine vom Wagen hängend, von den Passanten mit verwunderter Teilnahme betrachtet, schwankend und nickend im Halbschlaf und unter den Stößen des Gefährtes, zog er dahin, stieg ab beim Bahnübergange, gab Geld hin, ohne zu sehen, wie viel und wie wenig, und hastete kopfüber die Wegschleife hinan.
„_Dépêchez-vous, monsieur!_“ sagte der französische Türhüter. „_La conférence de M. Krokowski vient de commencer._“ Und Hans Castorp warf Hut und Stock in die Garderobe und zwängte sich hastig-behutsam, die Zunge zwischen den Zähnen, durch die kaum geöffnete Glastür in den Speisesaal, wo die Kurgesellschaft reihenweise auf Stühlen saß, während an der rechten Schmalseite Dr. Krokowski im Gehrock hinter einem gedeckten und mit einer Wasserkaraffe geschmückten Tische stand und sprach ...
Analyse
Ein freier Eckplatz winkte glücklicherweise in der Nähe der Tür. Er stahl sich seitlich darauf und nahm eine Miene an, als hätte er hier schon immer gesessen. Das Publikum, mit erster Aufmerksamkeit an Dr. Krokowskis Lippen hängend, beachtete ihn kaum; und das war gut, denn er sah schrecklich aus. Sein Gesicht war bleich wie Leinen und sein Anzug mit Blut befleckt, so daß er einem von frischer Tat kommenden Mörder glich. Die Dame vor ihm freilich wandte den Kopf, als er sich setzte, und musterte ihn mit schmalen Augen. Es war Madame Chauchat, er erkannte sie mit einer Art von Erbitterung. Aber das war doch des Teufels! Sollte er denn nicht zur Ruhe kommen? Er hatte gedacht, hier still am Ziele sitzen und sich ein wenig erholen zu können, und da mußte er sie nun gerade vor der Nase haben, – ein Zufall, über den er sich unter anderen Umständen ja möglicherweise gefreut hätte, aber müde und abgehetzt, wie er war, was sollte es ihm da? Es stellte nur neue Anforderungen an sein Herz und würde ihn während des ganzen Vortrags in Atem halten. Genau mit Pribislavs Augen hatte sie ihn angesehen, in sein Gesicht und auf die Blutflecke seines Anzugs geblickt, – ziemlich rücksichtslos und zudringlich übrigens, wie es zu den Manieren einer Frau paßte, die mit den Türen warf. Wie schlecht sie sich hielt! Nicht wie die Frauen in Hans Castorps heimischer Sphäre, die aufrechten Rückens den Kopf ihrem Tischherrn zuwandten, indes sie mit den Spitzen der Lippen sprachen. Frau Chauchat saß zusammengesunken und schlaff, ihr Rücken war rund, sie ließ die Schultern nach vorne hängen, und außerdem hielt sie auch noch den Kopf vorgeschoben, so daß der Wirbelknochen im Nackenausschnitt ihrer weißen Bluse hervortrat. Auch Pribislav hatte den Kopf so ähnlich gehalten; er jedoch war ein Musterschüler gewesen, der in Ehren gelebt hatte (obgleich nicht dies der Grund gewesen war, weshalb Hans Castorp sich den Bleistift von ihm geliehen hatte), – während es klar und deutlich war, daß Frau Chauchats nachlässige Haltung, ihr Türenwerfen, die Rücksichtslosigkeit ihres Blickes mit ihrem Kranksein zusammenhingen, ja, es drückten sich darin die Ungebundenheit, jene nicht ehrenvollen, aber geradezu grenzenlosen Vorteile aus, deren der junge Herr Albin sich gerühmt hatte ...
Hans Castorps Gedanken verwirrten sich, während er auf Frau Chauchats schlaffen Rücken blickte, sie hörten auf, Gedanken zu sein, und wurden zur Träumerei, in welche Dr. Krokowskis schleppender Bariton, sein weich anschlagendes r wie aus weiter Ferne hereintönte. Aber die Stille im Saal, die tiefe Aufmerksamkeit, die ringsumher alles in Bann hielt, wirkte auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem Dämmern. Er blickte um sich ... Neben ihm saß der dünnhaarige Pianist, den Kopf im Nacken und lauschte mit offenem Munde und gekreuzten Armen. Die Lehrerin, Fräulein Engelhart, weiter drüben, hatte gierige Augen und rotflaumige Flecke auf beiden Wangen, – eine Hitze, die sich auf den Gesichtern anderer Damen wiederfand, die Hans Castorp ins Auge faßte, auch auf dem der Frau Salomon dort, neben Herrn Albin, und der Bierbrauersgattin Frau Magnus, derselben, die Eiweiß verlor. Auf Frau Stöhrs Gesicht, etwas weiter zurück, malte sich eine so ungebildete Schwärmerei, daß es ein Jammer war, während die elfenbeinfarbene Levi, mit halbgeschlossenen Augen und die flachen Hände im Schoß an der Stuhllehne ruhend, vollständig einer Toten geglichen hätte, wenn nicht ihre Brust sich so stark und taktmäßig gehoben und gesenkt hätte, wodurch sie Hans Castorp vielmehr an eine weibliche Wachsfigur erinnerte, die er einst im Panoptikum gesehen und die ein mechanisches Triebwerk im Busen gehabt hatte. Mehrere Gäste hielten die hohle Hand an die Ohrmuschel, oder deuteten dies wenigstens an, indem sie die Hand bis halbwegs zum Ohre erhoben hielten, als seien sie mitten in der Bewegung vor Aufmerksamkeit erstarrt. Staatsanwalt Paravant, ein brauner, scheinbar urkräftiger Mann, schüttelte sogar sein eines Ohr mit dem Zeigefinger, um es hellhöriger zu machen, und hielt es dann wieder Dr. Krokowskis Redeflusse hin.