Der Zauberberg. Erster Band

Part 12

Chapter 123,509 wordsPublic domain

„Mein Vater,“ sagte er gedehnt und schwärmerisch, – „er war ein so feiner Mann, – empfindlich am Körper wie an der Seele! Wie liebte er im Winter sein kleines, warmes Studierstübchen, von Herzen liebte er es, stets mußten zwanzig Grad Réaumur darin herrschen, vermöge eines rotglühenden Öfchens, und wenn man an naßkalten Tagen oder an solchen, wenn der schneidende Tramontanawind ging, vom Flure des Häuschens her eintrat, so legte die Wärme sich einem wie ein linder Mantel um die Schultern, und die Augen füllten sich mit wohligen Tränen. Vollgepfropft war das Stübchen mit Büchern und Handschriften, worunter sich große Kostbarkeiten befanden, und zwischen den Geistesschätzen stand er in seinem Schlafrock aus blauem Flanell am schmalen Pult und widmete sich der Literatur, – zierlich und klein von Person, einen guten Kopf kleiner als ich, stellen Sie sich vor! aber mit dicken Büscheln aus grauem Haar an den Schläfen und einer Nase, so lang und fein ... Welch ein Romanist, meine Herren! Einer der Ersten seiner Zeit, ein Kenner unserer Sprache wie wenige, ein lateinischer Stilist wie sonst keiner mehr, ein _uomo letterato_ nach Boccaccios Herzen ... Von weither kamen die Gelehrten, um sich mit ihm zu besprechen, der eine aus Haparanda, ein anderer aus Krakau, sie kamen ausdrücklich nach Padua, unserer Stadt, um ihm Hochachtung zu erweisen, und er empfing sie mit freundlicher Würde. Auch ein Dichter von Distinktion war er, welcher in seinen Mußestunden Erzählungen in der elegantesten toskanischen Prosa verfaßte, – ein Meister des _idioma gentile_“, sagte Settembrini mit äußerstem Genuß, indem er die heimatlichen Silben langsam auf der Zunge zergehen ließ und den Kopf dabei hin und her bewegte. „Sein Gärtchen baute er nach dem Beispiele Vergils,“ fuhr er fort, „und was er sprach, war gesund und schön. Aber warm, warm mußte er es haben in seinem Stübchen, sonst zitterte er und konnte wohl Tränen vergießen vor Ärger, daß man ihn frieren ließ. Und nun stellen Sie sich vor, Ingenieur, und Sie, Leutnant, was ich, der Sohn meines Vaters, an diesem verdammten und barbarischen Orte leiden muß, wo der Körper im hohen Sommer vor Kälte zittert und erniedrigende Eindrücke beständig die Seele foltern! Ach, es ist hart! Welche Typen, die uns umgeben! Dieser närrische Teufelsknecht von Hofrat. Krokowski“ – und Settembrini tat, als müsse er sich die Zunge zerbrechen – „Krokowski, dieser schamlose Beichtvater, der mich haßt, weil meine Menschenwürde mir verbietet, mich zu seinem pfäffischen Unwesen herzugeben ... Und an meinem Tische ... Welche Gesellschaft, in der ich zu speisen gezwungen bin! Zu meiner Rechten sitzt ein Bierbrauer aus Halle – Magnus ist sein Name – mit einem Schnurrbart, der einem Heubündel ähnelt. ‚Lassen Sie mich mit der Literatur in Ruhe!‘ sagt er. ‚Was bietet sie? Schöne Charaktere! Was fang ich mit schönen Charakteren an! Ich bin ein praktischer Mann, und schöne Charaktere kommen im Leben fast gar nicht vor.‘ Dies ist die Vorstellung, die er sich von der Literatur gebildet hat. Schöne Charaktere ... o Mutter Gottes! Seine Frau, ihm gegenüber, sitzt da und verliert Eiweiß, während sie mehr und mehr in Stumpfsinn versinkt. Es ist ein schmutziger Jammer ...“

Ohne daß sie sich miteinander verständigt hätten, waren Joachim und Hans Castorp eines Sinnes über diese Reden: sie fanden sie wehleidig und unangenehm aufrührerisch, freilich auch unterhaltsam, ja bildend in ihrer kecken und wortscharfen Aufsässigkeit. Hans Castorp lachte gutmütig über das „Heubündel“ und auch über die „schönen Charaktere“, oder vielmehr über die drollig verzweifelte Art, in der Settembrini davon sprach. Dann sagte er:

„Gott, ja, die Gesellschaft ist wohl ein bißchen gemischt in so einer Anstalt. Man kann sich die Tischnachbarn nicht aussuchen, – wohin sollte denn das auch führen. An unserem Tisch sitzt auch so eine Dame ... Frau Stöhr, – ich denke mir, daß Sie sie kennen? Mörderlich ungebildet ist sie, das muß man ja sagen, und manchmal weiß man nicht recht, wo man hinsehen soll, wenn sie so plappert. Und dabei klagt sie sehr über ihre Temperatur und daß sie so schlaff ist, und ist wohl leider gar kein ganz leichter Fall. Das ist so sonderbar, – krank und dumm – ich weiß nicht, ob ich mich richtig ausdrücke, aber mich mutet es ganz eigentümlich an, wenn einer dumm ist und dann auch noch krank, wenn das so zusammenkommt, das ist wohl das Trübseligste auf der Welt. Man weiß absolut nicht, was man für ein Gesicht dazu machen soll, denn einem Kranken möchte man doch Ernst und Achtung entgegenbringen, nicht wahr, Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges, wenn ich so sagen darf. Aber wenn nun immer die Dummheit dazwischen kommt mit ‚Fomulus‘ und ‚kosmische Anstalt‘ und solchen Schnitzern, da weiß man wahrhaftig nicht mehr, ob man weinen oder lachen soll, es ist ein Dilemma für das menschliche Gefühl und so kläglich, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich meine, es reimt sich nicht, es paßt nicht zusammen, man ist nicht gewöhnt, es sich zusammen vorzustellen. Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug und besonders machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich sage da wohl mehr, als ich verantworten kann“, schloß er. „Es ist nur, weil wir zufällig darauf kamen ...“ Und er verwirrte sich.

Auch Joachim war etwas verlegen, und Settembrini schwieg mit erhobenen Augenbrauen, indem er sich den Anschein gab, als warte er aus Höflichkeit das Ende der Rede ab. In Wirklichkeit hatte er es darauf abgesehen, Hans Castorp erst völlig aus dem Konzept kommen zu lassen, bevor er antwortete:

„Sapristi, Ingenieur, Sie legen da philosophische Gaben an den Tag, deren ich mich gar nicht von Ihnen versehen hätte! Ihrer Theorie zufolge müßten Sie weniger gesund sein, als Sie sich den Anschein geben, da Sie offenbar Geist besitzen. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß ich Ihren Deduktionen nicht folgen kann, daß ich sie ablehne, ja ihnen in wirklicher Feindseligkeit gegenüberstehe. Ich bin, wie Sie mich da sehen, ein wenig unduldsam in geistigen Dingen und lasse mich lieber einen Pedanten schelten, als daß ich Ansichten unbekämpft ließe, die mir so bekämpfenswert scheinen wie die von Ihnen entwickelten ...“

„Aber, Herr Settembrini ...“

„Ge–statten Sie mir ... Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie wollen sagen, daß Sie es so ernst nicht gemeint haben, daß die von Ihnen vertretenen Anschauungen nicht ohne Weiteres die Ihren sind, sondern daß Sie gleichsam nur eine der möglichen und in der Luft schwebenden Anschauungen aufgriffen, um sich unverantwortlicherweise einmal darin zu versuchen. So entspricht es Ihrem Alter, welches männlicher Entschlossenheit noch entraten und vorderhand mit allerlei Standpunkten Versuche anstellen mag. _Placet experiri_“, sagte er, indem er das _c_ von „_Placet_“ weich, nach italienischer Mundart sprach. „Ein guter Satz. Was mich stutzig macht, ist eben nur die Tatsache, daß Ihr Experiment sich gerade in dieser Richtung bewegt. Ich bezweifle, daß hier Zufall waltet. Ich befürchte das Vorhandensein einer Neigung, die sich charaktermäßig zu befestigen droht, wenn man ihr nicht entgegentritt. Darum fühle ich mich verpflichtet, Sie zu korrigieren. Sie äußerten, Krankheit mit Dummheit gepaart sei das Trübseligste auf der Welt. Ich kann Ihnen das zugeben. Auch mir ist ein geistreicher Kranker lieber als ein schwindsüchtiger Dummkopf. Aber mein Protest beginnt, wenn Sie Krankheit mit Dummheit im Verein gewissermaßen als einen Stilfehler betrachten, als eine Geschmacksverirrung der Natur und ein _Dilemma für das menschliche Gefühl_, wie Sie sich auszudrücken beliebten. Wenn Sie Krankheit für etwas so Vornehmes und – wie sagten Sie doch – _Ehrwürdiges_ zu halten scheinen, daß sie sich mit Dummheit schlechterdings _nicht zusammenreimt_. Dies war ebenfalls Ihr Ausdruck. Nun denn, nein! Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht ehrwürdig, – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu. Vielleicht rufe ich am sichersten Ihren Abscheu gegen sie wach, wenn ich Ihnen sage, daß sie betagt und häßlich ist. Sie rührt aus abergläubisch zerknirschten Zeiten her, in denen die Idee des Menschlichen zum Zerrbild entartet und entwürdigt war, angstvollen Zeiten, denen Harmonie und Wohlsein als verdächtig und teuflisch galten, während Bresthaftigkeit damals einem Freibrief zum Himmelreich gleichkam. Vernunft und Aufklärung jedoch haben diese Schatten vertrieben, welche auf der Seele der Menschheit lagerten, – noch nicht völlig, sie liegen noch heute im Kampfe mit ihnen; dieser Kampf aber heißt Arbeit, mein Herr, irdische Arbeit, Arbeit für die Erde, für die Ehre und die Interessen der Menschheit, und täglich aufs neue gestählt in solchem Kampfe, werden jene Mächte den Menschen vollends befreien und ihn auf den Wegen des Fortschrittes und der Zivilisation einem immer helleren, milderen und reineren Lichte entgegenleiten.“

Donnerwetter, dachte Hans Castorp bestürzt und beschämt, das ist ja eine Arie! Womit habe ich denn das herausgefordert? Etwas trocken kommt es mir übrigens vor. Und was er nur immer mit der Arbeit will. Immer hat er es mit der Arbeit, obgleich es doch wenig hierher paßt. Und er sagte:

„Sehr schön, Herr Settembrini. Es ist geradezu hörenswert, wie Sie das so zu sagen wissen. Man könnte es gar nicht ... gar nicht plastischer ausdrücken, meine ich.“

„Rückneigung,“ setzte Settembrini wieder ein, indem er seinen Regenschirm über den Kopf eines Vorübergehenden hinweghob, „geistige Rückneigung in die Anschauungen jener finsteren, gequälten Zeiten – glauben Sie mir, Ingenieur, das ist Krankheit, – eine sattsam erforschte Krankheit, für welche die Wissenschaft verschiedene Namen besitzt, einen aus der Sprache der Schönheits- und Seelenlehre und einen aus der der Politik, – Schulausdrücke, die nichts zur Sache tun und deren Sie gern entraten mögen. Da aber im Geistesleben alles zusammenhängt und eines sich aus dem andern ergibt, da man dem Teufel nicht den kleinen Finger reichen darf, ohne daß er die ganze Hand nimmt und den ganzen Menschen dazu ... da andererseits ein gesundes Prinzip immer nur lauter Gesundes zeitigen kann, gleichviel, welches man nun an den Anfang stelle, – so prägen Sie es sich ein, daß Krankheit, weit entfernt, etwas Vornehmes, etwas allzu Ehrwürdiges zu sein, um mit Dummheit leidlicherweise verbunden sein zu dürfen, vielmehr _Erniedrigung_ bedeutet, – ja, eine schmerzliche, die Idee verletzende Erniedrigung des Menschen, die man im Einzelfalle schonen und betreuen möge, aber die geistig zu ehren _Verirrung_ – prägen Sie sich das ein! – eine Verirrung und aller geistigen Verirrung Anfang ist. Diese Frau, deren Sie Erwähnung taten, – ich verzichte darauf, mich ihres Namens zu entsinnen – Frau Stöhr also, ich danke sehr – kurzum, diese lächerliche Frau, – nicht ihr Fall ist es, wie mir scheint, der das menschliche Gefühl, wie Sie sagten, in ein Dilemma versetzt. Krank und dumm, – in Gottes Namen, das ist die Misere selbst, die Sache ist einfach, es bleibt nichts als Erbarmen und Achselzucken. Das Dilemma, mein Herr, die _Tragik_ beginnt, wo die Natur grausam genug war, die Harmonie der Persönlichkeit zu brechen – oder von vornherein unmöglich zu machen –, indem sie einen edlen und lebenswilligen Geist mit einem zum Leben nicht tauglichen Körper verband. Kennen Sie Leopardi, Ingenieur, oder Sie, Leutnant? Ein unglücklicher Dichter meines Landes, ein bucklichter, kränklicher Mann mit ursprünglich großer, durch das Elend seines Körpers aber beständig gedemütigter und in die Niederungen der Ironie herabgezogener Seele, deren Klagen das Herz zerreißen. Hören Sie dieses!“

Und Settembrini begann, italienisch zu rezitieren, indem er die schönen Silben auf der Zunge zergehen ließ, den Kopf hin und her bewegte und zuweilen die Augen schloß, unbekümmert darum, daß seine Begleiter kein Wort verstanden. Sichtlich war es ihm darum zu tun, sein Gedächtnis und seine Aussprache selbst zu genießen und vor den Zuhörern zur Geltung zu bringen. Endlich sagte er:

„Aber Sie verstehen nicht, Sie hören, ohne den schmerzlichen Sinn zu erfassen. Der Krüppel Leopardi, meine Herren, empfinden Sie dies ganz, entbehrte vor allem der Frauenliebe, und dies war es wohl namentlich, was ihn unfähig machte, der Verkümmerung seiner Seele zu steuern. Der Glanz des Ruhmes und der Tugend verblaßte ihm, die Natur erschien ihm böse – übrigens _ist_ sie böse, dumm und böse, ich gebe ihm recht hierin – und er verzweifelte – es ist furchtbar zu sagen – er verzweifelte an Wissenschaft und Fortschritt! Hier haben Sie Tragik, Ingenieur. Hier haben Sie Ihr ‚Dilemma für das menschliche Gefühl‘, – nicht bei jener Frau dort, – ich lehne es ab, mein Gedächtnis um ihren Namen zu bemühen ... Sprechen Sie mir nicht von der ‚Vergeistigung‘, die durch Krankheit hervorgebracht werden kann, um Gottes willen, tun Sie es nicht! Eine Seele ohne Körper ist so unmenschlich und entsetzlich, wie ein Körper ohne Seele, und übrigens ist das erstere die seltene Ausnahme und das zweite die Regel. In der Regel ist es der Körper, der überwuchert, der alle Wichtigkeit, alles Leben an sich reißt und sich aufs widerwärtigste emanzipiert. Ein Mensch, der als Kranker lebt, ist _nur_ Körper, das ist das Widermenschliche und Erniedrigende, – er ist in den meisten Fällen nichts Besseres als ein Kadaver ...“

„Komisch“, sagte Joachim plötzlich, indem er sich vorbeugte, um seinen Vetter anzusehen, der an Settembrinis anderer Seite ging. „Etwas ganz ähnliches hast du doch neulich auch gesagt.“

„So?“ sagte Hans Castorp. „Ja, es kann ja wohl sein, daß mir was ähnliches auch schon durch den Kopf ging.“

Settembrini schwieg während einiger Schritte. Dann sagte er:

„Desto besser, meine Herren. Desto besser, wenn dem so ist. Die Absicht lag mir fern, Ihnen irgendwelche Originalphilosophie vorzutragen, – das ist nicht meines Amtes. Wenn unser Ingenieur schon seinerseits Übereinstimmendes angemerkt hat, so bestätigt dies nur meine Mutmaßung, daß er geistig dilettiert, daß er nach Art begabter Jugend mit den möglichen Anschauungen vorläufig nur Versuche anstellt. Der begabte junge Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt, er ist vielmehr ein Blatt, auf dem gleichsam mit sympathetischer Tinte alles schon geschrieben steht, das Rechte wie das Schlechte, und Sache des Erziehers ist es, das Rechte entschieden zu entwickeln, das Falsche aber, das hervortreten will, durch sachgemäße Einwirkung auf immer auszulöschen. Die Herren haben Einkäufe gemacht?“ fragte er veränderten, leichten Tones ...

„Nein, nichts weiter,“ sagte Hans Castorp, „das heißt ...“

„Wir haben ein paar Decken für meinen Vetter besorgt“, antwortete Joachim gleichgültig.

„Für die Liegekur ... Bei dieser Hundekälte ... Ich soll ja mitmachen die paar Wochen“, sagte Hans Castorp lachend und sah zu Boden.

„Ah, Decken, Liegekur“, sagte Settembrini. „So, so, so. Ei, ei, ei. In der Tat: _Placet experiri_!“ wiederholte er mit italienischer Aussprache und verabschiedete sich, denn sie hatten, begrüßt von dem hinkenden Concierge, das Sanatorium betreten, und in der Halle schwenkte Settembrini in die Konversationsräume ab, um vor Tische die Zeitungen zu lesen, wie er sagte. Die zweite Liegekur schien er schwänzen zu wollen.

„Gott bewahre!“ sagte Hans Castorp, als er mit Joachim im Lift stand. „Das ist wirklich ein Pädagog, – er sagte es ja neulich schon selbst, daß er so eine Ader habe. Man muß furchtbar aufpassen mit ihm, daß man kein Wort zu viel sagt, sonst gibt es ausführliche Lehren. Aber hörenswert ist es ja, wie er zu sprechen versteht, jedes Wort springt ihm so rund und appetitlich vom Munde, – ich muß immer an frische Semmeln denken, wenn ich ihm zuhöre.“

Joachim lachte.

„Das sage ihm lieber nicht. Ich glaube doch, er wäre enttäuscht, zu erfahren, daß du an Semmeln denkst bei seinen Lehren.“

„Meinst du? Ja, das ist noch gar nicht mal sicher. Ich habe immer den Eindruck, daß es ihm nicht ganz allein um die Lehren zu tun ist, vielleicht um sie erst in zweiter Linie, sondern besonders um das Sprechen, wie er die Worte springen und rollen läßt ... so elastisch, wie Gummibälle ... und daß es ihm gar nicht unangenehm ist, wenn man namentlich auch darauf achtet. Bierbrauer Magnus ist ja wohl etwas dumm mit seinen ‚schönen Charakteren‘, aber Settembrini hätte doch sagen sollen, worauf es denn eigentlich ankommt in der Literatur. Ich mochte nicht fragen, um mir keine Blöße zu geben, ich verstehe mich ja auch nicht weiter darauf und hatte bis jetzt noch nie einen Literaten gesehen. Aber wenn es nicht auf die schönen Charaktere ankommt, so kommt es offenbar auf die schönen Worte an, das ist mein Eindruck in Settembrinis Gesellschaft. Was er für Vokabeln gebraucht! Ganz ohne sich zu genieren spricht er von ‚Tugend‘ – ich bitte dich! Mein ganzes Leben lang habe ich das Wort noch nicht in den Mund genommen, und selbst in der Schule haben wir immer bloß ‚Tapferkeit‘ gesagt, wenn ‚_virtus_‘ im Buche stand. Es zog sich etwas zusammen in mir, das muß ich sagen. Und dann macht es mich etwas nervös, wenn er so schimpft, auf die Kälte und auf Behrens und auf Frau Magnus, weil sie Eiweiß verliert, und kurz, auf alles. Er ist ein Oppositionsmann, darüber war ich mir gleich im klaren. Er hackt auf alles Bestehende, und das hat immer etwas Verwahrlostes, ich kann mir nicht helfen.“

„Das sagst du so“, antwortete Joachim bedächtig. „Aber dann hat es doch wieder auch etwas Stolzes, was gar nicht verwahrlost anmutet, sondern im Gegenteil, er ist doch ein Mensch, der auf sich hält, oder auf die Menschen im allgemeinen, und das gefällt mir an ihm, das hat was Anständiges in meinen Augen.“

„Da hast du recht“, sagte Hans Castorp. „Er hat sogar etwas _Strenges_, – es wird einem öfter ganz ungemütlich, weil man sich – sagen wir mal: kontrolliert fühlt, doch, das ist gar keine schlechte Bezeichnung. Willst du glauben, daß ich immer das Gefühl hatte, er wäre nicht einverstanden damit, daß ich mir Decken zum Liegen gekauft habe, er hätte etwas dagegen und hielte sich irgendwie darüber auf?“

„Nein“, sagte Joachim erstaunt und besonnen. „Wie könnte das wohl sein. Das kann ich mir doch nicht denken.“ Und dann ging er, das Thermometer im Munde, mit Sack und Pack in die Liegekur, während Hans Castorp gleich begann, sich für die Mittagsmahlzeit zu säubern und umzukleiden, – es war ohnedies nur noch ein knappes Stündchen bis dahin.

Exkurs über den Zeitsinn

Als sie vom Essen wieder heraufkamen, lag das Paket mit den Decken schon in Hans Castorps Zimmer auf einem Stuhl, und zum erstenmal machte er an diesem Tage Gebrauch davon, – der geübte Joachim erteilte ihm Unterricht in der Kunst, sich einzupacken, wie es alle hier oben machten und jeder Neuling es gleich erlernen mußte. Man breitete die Decken, eine und dann die andere, über das Stuhllager, so daß sie am Fußende ein reichliches Stück auf den Boden hingen. Dann nahm man Platz und begann, die innere um sich zu schlagen: zuerst der Länge nach bis unter die Achsel, hierauf von unten über die Füße, wobei man sich sitzend bücken und das gefaltete Ende doppelt fassen mußte, und dann von der anderen Seite, wobei der doppelte Fußzipfel gut an den Längsrand zu passen war, wenn die größtmögliche Glätte und Ebenmäßigkeit erzielt werden sollte. Danach beobachtete man genau dasselbe Verfahren bei der äußeren Decke, – ihre Handhabung war etwas schwieriger, und Hans Castorp, als Stümper und Anfänger, ächzte nicht wenig, indem er, sich bückend und wieder ausstreckend, die Griffe übte, die man ihn lehrte. Nur einige wenige Altgediente, sagte Joachim, könnten _beide Decken gleichzeitig_ mit drei sicheren Bewegungen um sich schleudern, aber das sei eine seltene und geneidete Fertigkeit, zu der nicht nur langjährige Übung, sondern auch eine natürliche Anlage gehöre. Über dies Wort mußte Hans Castorp lachen, während er mit schmerzendem Rücken sich zurückfallen ließ, und Joachim, der nicht gleich verstand, was hier komisch war, sah ihn unsicher an, lachte dann aber auch.

„So,“ sagte er, als Hans Castorp ungegliedert und walzenförmig, die nachgiebige Rolle im Nacken und erschöpft von all der Gymnastik im Stuhle lag, „wenn es nun zwanzig Grad Kälte hätte, so könnte dir auch nichts passieren.“ Und dann ging er hinter die Glaswand, um sich ebenfalls einzupacken.

Das mit den zwanzig Grad Kälte bezweifelte Hans Castorp, denn ihn fror entschieden, Schauer überliefen ihn wiederholt, während er durch die Holzbögen in die sickernde, nieselnde Nässe dort draußen blickte, die jeden Augenblick auf dem Punkte schien, wieder in Schneefall überzugehen. Wie sonderbar übrigens, daß er bei all der Feuchtigkeit immer noch so trockenhitzige Backen hatte, als säße er in einem überheizten Zimmer. Auch fühlte er sich lächerlich angegriffen von den Übungen mit den Decken, – wahrhaftig, „_Ocean steamships_“ zitterte ihm in den Händen, sobald er es vor die Augen führte. So überaus gesund war er doch eben auch nicht, – total anämisch, wie Hofrat Behrens gesagt hatte, und deswegen neigte er wohl auch so zum Froste. Die unangenehmen Empfindungen jedoch wurden aufgewogen durch die große Bequemlichkeit seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen Eigenschaften des Liegestuhles, die Hans Castorp beim ersten Versuche schon mit höchstem Beifall empfunden hatte, und die sich wieder und wieder aufs glücklichste bewährten. Lag es an der Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, der passenden Höhe und Breite der Armstützen oder auch nur der zweckmäßigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht humaner gesorgt sein, als durch diesen vorzüglichen Liegestuhl. Und so war denn Zufriedenheit in Hans Castorps Herzen darüber, daß zwei leere und sicher gefriedete Stunden vor ihm lagen, diese durch die Hausordnung geheiligten Stunden der Hauptliegekur, die er, obgleich nur zu Gaste hier oben, als eine ihm ganz gemäße Einrichtung empfand. Denn er war geduldig von Natur, konnte lange ohne Beschäftigung wohl bestehen und liebte, wie wir uns erinnern, die freie Zeit, die von betäubender Tätigkeit nicht vergessen gemacht, verzehrt und verscheucht wird. Um vier erfolgte der Vespertee mit Kuchen und Eingemachtem, etwas Bewegung im Freien sodann, hierauf abermals Ruhe im Stuhl, um sieben das Abendessen, welches, wie überhaupt die Mahlzeiten, gewisse Spannungen und Sehenswürdigkeiten mit sich brachte, auf die man sich freuen konnte, danach ein oder der andere Blick in den stereoskopischen Guckkasten, das kaleidoskopische Fernrohr und die kinematographische Trommel ... Hans Castorp hatte den Tageslauf bereits am Schnürchen, wenn es auch viel zu viel gesagt wäre, daß er schon „eingelebt“, wie man es nennt, gewesen sei.