Part 11
„Nein, wirklich, ich habe alles verstanden!“ beteuerte Hans Castorp. „Die Stumme Schwester ist also nur eine Quecksilbersäule, ganz ohne Bezifferung, – Sie sehen, ich habe es vollkommen aufgefaßt!“ Aber dann fuhr er doch mit Joachim im Lift hinauf, zusammen mit mehreren anderen Patienten, – die Geselligkeit war beendet für heute, man ging auseinander und suchte Hallen und Loggien auf, zur abendlichen Liegekur. Hans Castorp ging mit auf Joachims Zimmer. Der Boden des Korridors mit dem Kokosläufer vollführte sanfte Wellenbewegungen unter seinen Füßen, aber er empfand es nicht weiter unangenehm. Er setzte sich in Joachims großen geblümten Lehnstuhl – ein solcher Stuhl stand auch in seinem eigenen Zimmer – und zündete sich eine Maria Mancini an. Sie schmeckte nach Leim, nach Kohle und manchem anderen, nur nicht, wie sie sollte; doch fuhr er trotzdem fort, sie zu rauchen, während er zusah, wie Joachim sich zur Liegekur fertig machte, seine litewkaartige Hausjoppe anlegte, darüber einen älteren Paletot zog und dann mit der Nachttischlampe und seinem russischen Übungsbuch auf den Balkon hinausging, wo er das Lämpchen einschaltete und auf dem Liegestuhl, das Thermometer im Munde, sich mit erstaunlicher Gewandtheit in zwei große Kamelhaardecken zu wickeln begann, die über den Stuhl gebreitet waren. Hans Castorp sah mit aufrichtiger Bewunderung, wie geschickt er es ausführte. Er schlug die Decken, eine nach der anderen, zuerst von links der Länge nach bis unter die Achsel über sich, hierauf von unten über die Füße und dann von rechts, so daß er endlich ein vollkommen ebenmäßiges und glattes Paket bildete, aus dem nur Kopf, Schultern und Arme hervorsahen.
„Das machst du ja ausgezeichnet“, sagte Hans Castorp.
„Es ist die Übung“, antwortete Joachim, indem er beim Sprechen das Thermometer mit den Zähnen festhielt. „Du lernst es auch. Morgen müssen wir uns unbedingt ein paar Decken für dich besorgen. Du kannst sie unten schon wieder brauchen, und hier bei uns sind sie unerläßlich, besonders da du ja keinen Pelzsack hast.“
„Ich lege mich aber bei Nacht nicht auf den Balkon“, erklärte Hans Castorp. „Das tue ich nicht, ich sage es dir gleich. Es würde mir gar zu sonderbar vorkommen. Alles hat seine Grenzen. Und irgendwie muß ich ja schließlich auch markieren, daß ich nur zu Besuch bin bei euch hier oben. Ich sitze hier noch etwas und rauche meine Zigarre, wie es sich gehört. Sie schmeckt miserabel, aber ich weiß, daß sie gut ist, und das muß mir für heute genügen. Jetzt ist die Uhr gleich neun, – allerdings, leider ist es noch nicht mal neun. Aber wenn es halb zehn ist, dann ist es ja schon so weit, daß man halbwegs normalerweise zu Bett gehen kann.“
Ein Frostschauer überlief ihn, – einer und dann mehrere rasch hintereinander. Hans Castorp sprang auf und lief zum Wandthermometer, als gelte es, ihn _in flagranti_ ertappen. Nach Réaumur waren neun Grad im Zimmer. Er faßte die Röhren an und fand sie tot und kalt. Er murmelte etwas Ungeordnetes, des Inhalts, wenn auch August sei, so sei es doch eine Schande, daß nicht geheizt werde, denn nicht auf den Monatsnamen komme es an, den man eben schreibe, sondern auf die herrschende Temperatur, und die sei so, daß ihn friere wie einen Hund. Aber sein Gesicht brannte. Er setzte sich wieder, stand nochmals auf, bat murmelnd um Erlaubnis, Joachims Bettdecke nehmen zu dürfen und breitete sie sich, im Stuhle sitzend, über den Unterkörper. So saß er, hitzig und fröstelnd, und quälte sich mit der widerlich schmeckenden Zigarre. Ein großes Elendsgefühl überkam ihn; ihm war, als sei es ihm noch nie im Leben so schlecht ergangen. „Das ist ja ein Elend!“ murmelte er. Dazwischen aber berührte ihn plötzlich ein ganz absonderlich ausschweifendes Gefühl der Freude und Hoffnung, und als er es empfunden hatte, saß er nur noch da, um zu warten, ob es nicht vielleicht wiederkäme. Es kam aber nicht wieder; nur das Elend blieb. Und so stand er denn schließlich auf, warf Joachims Decke aufs Bett zurück, murmelte verzerrten Mundes etwas wie „Gute Nacht!“ und „Erfriere nur nicht!“ und „Zum Frühstück holst du mich ja wohl wieder“ und schwankte über den Korridor in sein Zimmer hinüber.
Beim Auskleiden sang er vor sich hin, jedoch nicht aus Fröhlichkeit. Mechanisch und ohne den rechten Bedacht erledigte er die kleinen Handgriffe und kulturellen Pflichten der Nachttoilette, goß hellrotes Mundwasser aus dem Reiseflakon ins Glas und gurgelte diskret, wusch sich die Hände mit seiner guten und milden Veilchenseife und zog das lange Batisthemd an, das auf der Brusttasche mit den Buchstaben H C bestickt war. Dann legte er sich und löschte das Licht, indem er seinen heißen, verstörten Kopf auf das Sterbekissen der Amerikanerin zurückfallen ließ.
Aufs bestimmteste hatte er erwartet, daß er sogleich in Schlaf sinken werde, doch stellte sich das als Irrtum heraus, und seine Lider, die er vorhin kaum offenzuhalten vermocht hatte, – jetzt wollten sie durchaus nicht geschlossen bleiben, sondern öffneten sich unruhig zuckend, sobald er sie senkte. Es war noch nicht seine gewohnte Schlafenszeit, sagte er sich, und dann hatte er wohl tagüber zuviel gelegen. Auch wurde draußen ein Teppich geklopft, – was ja wenig wahrscheinlich und in der Tat überhaupt nicht der Fall war; sondern es erwies sich, daß sein Herz es war, dessen Schlag er außer sich und weit fort im Freien hörte, genau so, als werde dort draußen ein Teppich mit einem geflochtenen Rohrklopfer bearbeitet.
Es war im Zimmer noch nicht völlig dunkel geworden; der Schein der Lämpchen draußen in den Logen, bei Joachim und bei dem Paare vom Schlechten Russentisch, fiel durch die offene Balkontür herein. Und während Hans Castorp mit blinzelnden Lidern auf dem Rücken lag, erneute sich ihm plötzlich ein Eindruck, ein einzelner des Tages, eine Beobachtung, die er mit Schrecken und Zartgefühl sogleich zu vergessen gesucht hatte. Es war der Ausdruck, den Joachims Gesicht angenommen hatte, als von Marusja und ihren körperlichen Eigenschaften die Rede gewesen war, – diese ganz eigentümlich klägliche Verzerrung seines Mundes nebst fleckigem Erblassen seiner gebräunten Wangen. Hans Castorp verstand und durchschaute, was es bedeutete, verstand und durchschaute es auf eine so neue, eingehende und intime Art, daß der Rohrklopfer da draußen seine Schläge sowohl der Schnelligkeit wie der Stärke nach verdoppelte und beinahe die Klänge des Abendständchens in „Platz“ übertäubte – denn es war wieder Konzert in jenem Hotel dort unten; eine symmetrisch gebaute und abgeschmackte Operettenmelodie klang durch das Dunkel herüber, und Hans Castorp pfiff sie im Flüstertone mit (man kann ja flüsternd pfeifen), während er mit seinen kalten Füßen unter dem Federdeckbett den Takt dazu schlug.
Das war natürlich die rechte Art nicht einzuschlafen, und Hans Castorp spürte jetzt auch gar keine Neigung dazu. Seit er auf so neuartige und lebhafte Weise verstanden, warum Joachim sich verfärbt hatte, schien die Welt ihm neu, und jenes Gefühl ausschweifender Freude und Hoffnung berührte ihn wieder in seinem Innersten. Übrigens wartete er noch auf etwas, ohne sich recht zu fragen, worauf. Als er aber hörte, wie die Nachbarn zur Rechten und Linken die abendliche Liegekur beendeten und ihre Zimmer aufsuchten, um die horizontale Lage draußen mit derjenigen drinnen zu vertauschen, gab er vor sich selbst der Überzeugung Ausdruck, daß das barbarische Ehepaar Frieden halten werde. Ich kann ruhig einschlafen, dachte er. Sie werden heute abend Frieden halten, das erwarte ich aufs Bestimmteste! Aber sie taten es nicht, und Hans Castorp hatte es auch gar nicht aufrichtig gedacht, ja, die Wahrheit zu sagen, hätte er es persönlich und seinerseits nicht einmal verstanden, wenn sie Frieden gegeben hätten. Trotzdem erging er sich in tonlos hervorgestoßenen Ausrufen des heftigsten Erstaunens über das, was er hörte. „Unerhört!“ rief er ohne Stimme. „Das ist enorm! Wer hätte dergleichen für möglich gehalten?“ Und zwischendurch beteiligte er sich wieder mit flüsternden Lippen an der abgeschmackten Operettenmelodie, die hartnäckig herübertönte.
Später kam der Schlummer. Aber mit ihm kamen die krausen Traumbilder, noch krausere, als in der ersten Nacht, aus denen er des öfteren schreckhaft oder einem wirren Einfall nachjagend emporfuhr. Ihm träumte, er sähe Hofrat Behrens mit krummen Knien und steif nach vorn hängenden Armen die Gartenpfade dahinwandeln, indem er seine langen und gleichsam öde anmutenden Schritte einer fernen Marschmusik anpaßte. Als der Hofrat vor Hans Castorp stehenblieb, trug er eine Brille mit dicken, kreisrunden Gläsern und faselte Ungereimtes. „Zivilist natürlich“, sagte er und zog, ohne um Erlaubnis zu bitten, Hans Castorps Augenlid mit Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Hand herunter. „Ehrsamer Zivilist, wie ich gleich bemerkte. Aber nicht ohne Talent, gar nicht ohne Talent zur erhöhten Allgemeinverbrennung! Würde mit den Jährchen nicht geizen, den flotten Dienstjährchen bei uns hier oben! Na, nun mal hoppla die Herren und los mit dem Lustwandel!“ rief er, indem er seine beiden enormen Zeigefinger in den Mund steckte und so eigentümlich wohllautend darauf pfiff, daß von verschiedenen Seiten und in verkleinerter Gestalt die Lehrerin und Miß Robinson durch die Lüfte geflogen kamen und sich ihm rechts und links auf die Schultern setzten, wie sie im Speisesaal rechts und links von Hans Castorp saßen. So ging der Hofrat mit hüpfenden Tritten davon, wobei er mit einer Serviette hinter die Brille fuhr, um sich die Augen zu wischen, – man wußte nicht, was da zu trocknen war, ob Schweiß oder Tränen.
Dann schien es dem Träumenden, als befinde er sich auf dem Schulhof, wo er so viele Jahre hindurch die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden verbracht, und sei im Begriffe, sich von Madame Chauchat, die ebenfalls zugegen war, einen Bleistift zu leihen. Sie gab ihm den rotgefärbten, nur noch halblangen in einem silbernen Crayon steckenden Stift, indem sie Hans Castorp mit angenehm heiserer Stimme ermahnte, ihn ihr nach der Stunde bestimmt zurückzugeben, und als sie ihn ansah, mit ihren schmalen blaugraugrünen Augen über den breiten Backenknochen, da riß er sich gewaltsam aus dem Traum empor, denn nun hatte er es und wollte es festhalten, woran und an wen sie ihn eigentlich so lebhaft erinnerte. Eilig brachte er die Erkenntnis für morgen in Sicherheit, denn er fühlte, daß Schlaf und Traum ihn wieder umfingen, und sah sich alsbald in der Lage, Zuflucht vor Dr. Krokowski suchen zu müssen, der ihm nachstellte, um Seelenzergliederung mit ihm vorzunehmen, wovor Hans Castorp eine tolle, eine wahrhaft unsinnige Angst empfand. Er floh vor dem Doktor behinderten Fußes an den Glaswänden vorbei durch die Balkonlogen, sprang mit Gefahr seines Lebens in den Garten hinab, suchte in seiner Not sogar die rotbraune Flaggenstange zu erklettern und erwachte schwitzend in dem Augenblick, als der Verfolger ihn am Hosenbein packte.
Kaum jedoch hatte er sich ein wenig beruhigt und war wieder eingeschlummert, als sich der Sachverhalt folgendermaßen für ihn gestaltete. Er bemühte sich, mit der Schulter Settembrini vom Fleck zu drängen, welcher dastand und lächelte, – fein, trocken und spöttisch, unter dem vollen, schwarzen Schnurrbart, dort, wo er sich in schöner Rundung aufwärts bog, und dieses Lächeln eben war es, was Hans Castorp als Beeinträchtigung empfand. „Sie stören!“ hörte er sich deutlich sagen. „Fort mit Ihnen! Sie sind nur ein Drehorgelmann, und Sie stören hier!“ Allein Settembrini ließ sich nicht von der Stelle drängen, und Hans Castorp stand noch, um nachzudenken, was hier zu tun sei, als ihm ganz unverhofft die ausgezeichnete Einsicht zuteil wurde, was eigentlich die Zeit sei: nämlich nichts anderes, als einfach eine Stumme Schwester, eine Quecksilbersäule ganz ohne Bezifferung, für diejenigen, welche mogeln wollten, – worüber er mit dem bestimmten Vorhaben erwachte, seinem Vetter Joachim morgen von diesem Funde Mitteilung zu machen.
Unter solchen Abenteuern und Entdeckungen verging die Nacht, und auch Hermine Kleefeld sowie Herr Albin und Hauptmann Miklosich, welch letzterer Frau Stöhr in seinem Rachen davontrug und von Staatsanwalt Paravant mit einem Speere durchbohrt wurde, spielten ihre verworrene Rolle dabei. Einen Traum aber träumte Hans Castorp sogar zweimal in dieser Nacht und zwar beide Male genau in derselben Form, – das letztemal gegen Morgen. Er saß im Saal mit den sieben Tischen, als unter dem größten Geschmetter die Glastür ins Schloß fiel und Madame Chauchat hereinkam, im weißen Sweater, die eine Hand in der Tasche, die andere am Hinterkopf. Statt aber zum Guten Russentische zu gehen, bewegte die unerzogene Frau sich ohne Laut auf Hans Castorp zu und reichte ihm schweigend die Hand zum Kusse, – aber nicht den Handrücken reichte sie ihm, sondern das Innere, und Hans Castorp küßte sie in die Hand, in ihre unveredelte, ein wenig breite und kurzfingerige Hand mit der aufgerauhten Haut zu Seiten der Nägel. Da durchdrang ihn wieder von Kopf bis zu Fuß jenes Gefühl von wüster Süßigkeit, das in ihm aufgestiegen war, als er zur Probe sich des Druckes der Ehre ledig gefühlt und die bodenlosen Vorteile der Schande genossen hatte, – dies empfand er nun wieder in seinem Traum, nur ungeheuer viel stärker.
Viertes Kapitel
Notwendiger Einkauf
„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp am dritten Tage ironisch seinen Vetter ...
Es war ein schrecklicher Wettersturz.
Der zweite Tag, den der Hospitant vollständig hier oben verlebt hatte, war prächtig-sommerlich gewesen. Tiefblau leuchtete der Himmel über den lanzenartigen Wipfeltrieben der Fichten, während die Ortschaft im Talgrunde grell in der Hitze schimmerte und das Geläut der Kühe, die umherwandelnd das kurze, erwärmte Mattengras der Lehnen rupften, heiter-beschaulich die Lüfte erfüllte. Die Damen waren schon zum ersten Frühstück in zarten Waschblusen erschienen, einige sogar mit durchbrochenen Ärmeln, was nicht alle gleich gut gekleidet hatte, – Frau Stöhr zum Beispiel kleidete es entschieden schlecht, ihre Arme waren zu schwammig, Duftigkeit der Kleidung eignete sich nun einmal nicht für sie. Auch die Herrenwelt des Sanatoriums hatte der schönen Witterung auf verschiedene Weise in ihrem Äußeren Rechnung getragen. Lüsterjacken und leinene Anzüge waren aufgetaucht, und Joachim Ziemßen hatte elfenbeinfarbene Flanellhosen zu seinem blauen Rock getragen, eine Zusammenstellung, die seiner Erscheinung ein vollständig militärisches Gepräge verlieh. Was Settembrini betraf, so hatte er zwar wiederholt das Vorhaben geäußert, den Anzug zu wechseln. „Teufel!“ hatte er gesagt, als er nach dem Lunch mit den Vettern in den Ort hinunterpromenierte, „wie die Sonne brennt! Ich sehe, ich werde mich leichter kleiden müssen.“ Aber trotzdem es gewählt ausgedrückt war, hatte er nach wie vor seinen langen Flaus mit den großen Aufschlägen und seine gewürfelten Beinkleider anbehalten, – wahrscheinlich war das alles, was er an Garderobe besaß.
Am dritten Tage jedoch war es genau, als ob die Natur zu Falle gebracht und jede Ordnung auf den Kopf gestellt würde; Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Es war nach der Hauptmahlzeit, und man befand sich seit zwanzig Minuten in der Liegekur, als die Sonne sich eilig verbarg, häßlich torfbraunes Gewölk über die südöstlichen Kämme heraufzog und ein Wind von fremder Luftbeschaffenheit, kalt und das Gebein erschreckend, als käme er aus unbekannten, eisigen Gegenden, plötzlich durch das Tal fegte, die Temperatur umstürzte und ein ganz neues Regiment eröffnete.
„Schnee“, sagte Joachims Stimme hinter der Glaswand.
„Was meinst du mit ‚Schnee‘?“ fragte Hans Castorp darauf. „Du willst doch nicht sagen, daß es jetzt schneien wird?“
„Sicher“, antwortete Joachim. „Den Wind, den kennen wir. Wenn der kommt, dann gibt es Schlittenbahn.“
„Unsinn!“ sagte Hans Castorp. „Wenn mir recht ist, so schreiben wir Anfang August.“
Aber Joachim hatte wahr gesprochen, eingeweiht, wie er war in die Verhältnisse. Denn binnen wenigen Augenblicken setzte unter wiederholten Gewitterschlägen ein gewaltiges Schneetreiben ein, – ein Gestöber, so dicht, daß alles in weißen Dampf gehüllt erschien und man von Ortschaft und Tal fast nichts mehr erblickte.
Es schneite den ganzen Nachmittag fort. Die Zentralheizung ward angezündet, und während Joachim seinen Pelzsack in Benutzung nahm und sich im Kurdienste nicht stören ließ, flüchtete sich Hans Castorp in das Innere seines Zimmers, rückte einen Stuhl an die erwärmten Röhren und blickte von dort unter häufigem Kopfschütteln in das Unwesen hinaus. Am nächsten Morgen schneite es nicht mehr; aber obgleich das Außenthermometer einige Wärmegrade zeigte, war der Schnee doch fußhoch liegen geblieben, so daß eine vollkommene Winterlandschaft sich vor Hans Castorps verwunderten Blicken ausbreitete. Man hatte die Heizung wieder ausgehen lassen. Die Zimmertemperatur betrug sechs Grad über Null.
„Ist jetzt euer Sommer zu Ende?“ fragte Hans Castorp seinen Vetter mit bitterer Ironie ...
„Das kann man nicht sagen“, erwiderte Joachim sachlich. „Will’s Gott, so wird es noch schöne Sommertage geben. Selbst im September ist das noch sehr wohl möglich. Aber die Sache ist die, daß die Jahreszeiten hier nicht so sehr voneinander verschieden sind, weißt du, sie vermischen sich sozusagen und halten sich nicht an den Kalender. Im Winter ist oft die Sonne so stark, daß man schwitzt und den Rock auszieht beim Spazierengehen, und im Sommer, nun, das siehst du ja schon, wie es im Sommer hier manchmal ist. Und dann der Schnee – er bringt alles durcheinander. Es schneit im Januar, aber im Mai nicht viel weniger, und im August schneit es auch, wie du bemerkst. Im ganzen kann man sagen, daß kein Monat vergeht, ohne daß es schneit, das ist ein Satz, an dem man festhalten kann. Kurz, es gibt Wintertage und Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben.“
„Das ist ja eine schöne Konfusion“, sagte Hans Castorp. Er ging in Überschuhen und Winterpaletot mit seinem Vetter in den Ort hinab, um sich Decken für die Liegekur zu besorgen, denn es war klar, daß er bei dieser Witterung mit seinem Plaid nicht auskommen werde. Vorübergehend erwog er sogar, ob er nicht zum Kauf eines Pelzsackes schreiten solle, nahm dann aber Abstand davon, ja, schreckte gewissermaßen vor dem Gedanken zurück.
„Nein, nein,“ sagte er, „bleiben wir bei den Decken! Ich werde unten schon wieder Verwendung für sie haben, und Decken hat man ja überall, es ist weiter nichts so Besonderes oder Aufregendes dabei. Aber so ein Pelzsack ist etwas gar zu Spezielles, – versteh’ mich recht, wenn ich mir einen Pelzsack anschaffe, käme ich mir selber vor, als ob ich mich hier häuslich niederlassen wollte und schon gewissermaßen zu euch gehörte ... Kurz, ich will nichts weiter sagen, als daß es ja absolut nicht lohnen würde, für die paar Wochen eigens einen Pelzsack zu kaufen.“
Joachim stimmte dem zu, und so erstanden sie denn in einem hübschen, reichhaltigen Geschäft des Englischen Viertels zwei solche Kamelhaardecken, wie Joachim sie hatte, ein besonders langes und breites, angenehm weiches Fabrikat in Naturfarbe, und gaben Order, daß sie sofort ins Sanatorium gesandt werden sollten, ins Internationale Sanatorium „Berghof“, Zimmertür 34. Gleich heute nachmittag wollte Hans Castorp sie zum erstenmal in Gebrauch nehmen.
Natürlich war es um die Zeit nach dem zweiten Frühstück, denn sonst bot die Tagesordnung keine Gelegenheit, in den Ort hinunterzugehen. Es regnete jetzt, und der Schnee auf den Straßen hatte sich in spritzenden Eisbrei verwandelt. Auf dem Heimwege holten sie Settembrini ein, welcher unter einem Regenschirm, wenn auch barhäuptig, ebenfalls dem Sanatorium zustrebte. Der Italiener sah gelb aus und befand sich ersichtlich in elegischer Stimmung. In reinen und wohlgeformten Worten jammerte er über die Kälte, die Nässe, unter der er so bitter litt. Wenn wenigstens geheizt würde! Aber diese elenden Machthaber ließen die Heizung ja ausgehen, sobald es zu schneien aufhöre, – eine stumpfsinnige Regel, ein Hohn auf alle Vernunft! Und als Hans Castorp einwandte, er denke sich, daß eine mäßige Zimmertemperatur wohl zu den Kurprinzipien gehöre, – man wolle einer Verwöhnung der Patienten offenbar damit vorbeugen, da antwortete Settembrini mit dem heftigsten Spott. Ei, in der Tat, die Kurprinzipien. Die hehren und unantastbaren Kurprinzipien! Hans Castorp spreche wahrhaftig in dem richtigen Tone von ihnen, nämlich in dem der Religiosität und der Unterwürfigkeit. Nur auffallend – wenn auch in einem durchaus erfreulichen Sinne auffallend, – daß gerade diejenigen unter ihnen so unbedingte Verehrung genössen, die mit den ökonomischen Interessen der Gewalthaber genau übereinstimmten, – während man denen gegenüber, bei denen dies weniger zutreffe, ein Auge zuzudrücken geneigt sei ... Und während die Vettern lachten, kam Settembrini auf seinen verstorbenen Vater zu sprechen, im Zusammenhang mit der Wärme, nach der er sich sehnte.