Der Zauberberg. Erster Band

Part 10

Chapter 103,693 wordsPublic domain

„Herr Albin,“ rief eine Dame hinter ihm drein, „holen Sie lieber Ihren Paletot, ziehen Sie ihn an, tun Sie es mir zuliebe! Sechs Wochen haben Sie mit Lungenentzündung gelegen, und nun sitzen Sie hier ohne Überzieher und decken sich nicht einmal zu und rauchen Zigaretten! Das heißt Gott versuchen, Herr Albin, mein Ehrenwort!“

Aber er lachte nur höhnisch im Weggehen, und schon nach wenigen Minuten kehrte er mit dem Revolver zurück. Da kreischten sie noch alberner als vorhin, und man hörte, daß mehrere von den Stühlen springen wollten, sich in ihre Decken verwickelten und stürzten.

„Sehen Sie, wie klein und blank er ist,“ sagte Herr Albin, „aber wenn ich hier drücke, so beißt er zu ...“ Ein neues Gekreisch. „Er ist natürlich scharf geladen“, fuhr Herr Albin fort. „In dieser Scheibe hier stecken die sechs Patronen, die dreht sich bei jedem Schuß um ein Loch weiter ... Übrigens halte ich mir das Ding nicht zum Spaß“, sagte er, da er bemerkte, daß die Wirkung sich abnutzte, ließ den Revolver in die Brusttasche gleiten und setzte sich wieder mit übergeschlagenem Bein auf seinen Stuhl, indem er sich eine frische Zigarette anzündete. „Durchaus nicht zum Spaß“, wiederholte er und preßte die Lippen zusammen.

„Wozu denn? Wozu denn?“ fragten ahnungsvoll bebende Stimmen. „Entsetzlich!“ schrie plötzlich eine einzelne, und da nickte Herr Albin.

„Ich sehe, Sie fangen an, zu begreifen“, sagte er. „In der Tat, dazu halte ich ihn mir“, fuhr er leichthin fort, nachdem er trotz der überstandenen Lungenentzündung eine Menge Rauch eingezogen und wieder von sich geblasen hatte. „Ich halte ihn in Bereitschaft für den Tag, wo mir dieser Trödel hier zu langweilig wird und wo ich die Ehre haben werde, mich ergebenst zu empfehlen. Die Sache ist ziemlich einfach ... Ich habe einiges Studium darauf verwandt und bin mit mir im reinen darüber, wie sie am besten zu deichseln ist. (Bei dem Worte „deichseln“ ertönte ein Schrei.) Die Herzpartie schaltet aus ... Der Ansatz ist mir da nicht recht bequem ... Auch ziehe ich es vor, das Bewußtsein an Ort und Stelle auszulöschen, nämlich indem ich mir so einen hübschen kleinen Fremdkörper in dieses interessante Organ appliziere ...“ Und Herr Albin deutete mit dem Zeigefinger auf seinen kurzgeschorenen Blondschädel. „Man muß hier ansetzen –“ Herr Albin zog den vernickelten Revolver wieder aus der Tasche und klopfte mit der Mündung an seine Schläfe – „hier oberhalb der Schlagader ... Sogar ohne Spiegel ist es eine glatte Sache ...“

Mehrstimmiger, flehender Protest ward laut, in den sich sogar ein heftiges Schluchzen mischte.

„Herr Albin, Herr Albin, den Revolver weg, nehmen Sie den Revolver von Ihrer Schläfe weg, es ist nicht anzusehen! Herr Albin, Sie sind jung, Sie werden gesund werden, Sie werden ins Leben zurückkehren und sich der allgemeinen Beliebtheit erfreuen, mein Ehrenwort! Ziehen Sie nur Ihren Mantel an, legen Sie sich hin, decken Sie sich zu, machen Sie Kur! Jagen Sie den Bademeister nicht wieder fort, wenn er kommt, um Sie mit Alkohol abzureiben! Lassen Sie das Zigarettenrauchen, Herr Albin, hören Sie, wir bitten um Ihr Leben, Ihr junges, kostbares Leben!“

Aber Herr Albin war unerbittlich.

„Nein, nein,“ sagte er, „lassen Sie mich, es ist gut, ich danke Ihnen. Ich habe noch nie einer Dame etwas abgeschlagen, aber Sie werden einsehen, daß es unnütz ist, dem Schicksal in die Speichen zu fallen. Ich bin im dritten Jahr hier ... ich habe es satt und spiele nicht mehr mit, – können Sie mir das verargen? Unheilbar, meine Damen, – sehen Sie mich an, wie ich hier sitze, bin ich unheilbar, – der Hofrat selbst macht kaum noch ehren- und schandenhalber ein Hehl daraus. Gönnen Sie mir das bißchen Ungebundenheit, das für mich aus dieser Tatsache resultiert! Es ist wie auf dem Gymnasium, wenn es entschieden war, daß man sitzen blieb und nicht mehr gefragt wurde und nichts mehr zu tun brauchte. Zu diesem glücklichen Zustand bin ich nun endgültig wieder gediehen. Ich brauche nichts mehr zu tun, ich komme nicht mehr in Betracht, ich lache über das Ganze. Wollen Sie Schokolade? Bedienen Sie sich! Nein, Sie berauben mich nicht, ich habe massenweise Schokolade auf meinem Zimmer. Acht Bonbonnieren, fünf Tafeln Gala-Peter und vier Pfund Lindschokolade habe ich da oben, – das alles haben die Damen des Sanatoriums mir während meiner Lungenentzündung zustellen lassen ...“

Irgendwoher gebot eine Baßstimme Ruhe. Herr Albin lachte kurz auf, – es war ein flatternd-abgerissenes Lachen. Dann ward es still in der Liegehalle, so still, als sei ein Traum oder Spuk zerstoben; und sonderbar klangen die gesprochenen Worte im Schweigen nach. Hans Castorp lauschte ihnen, bis sie völlig erstorben waren, und obwohl ihm unbestimmt schien, als ob Herr Albin ein Laffe sei, so konnte er sich doch nicht eines gewissen Neides auf ihn erwehren. Namentlich jenes dem Schulleben entnommene Gleichnis hatte ihm Eindruck gemacht, denn er selbst war ja in Untersekunda sitzen geblieben, und er erinnerte sich wohl des etwas schimpflichen aber humoristischen, angenehm verwahrlosten Zustandes, dessen er genossen hatte, als er im vierten Quartal das Rennen aufgegeben und „über das Ganze“ hatte lachen können. Da seine Betrachtungen dumpf und verworren waren, so ist es schwer, sie zu präzisieren. Hauptsächlich schien ihm, daß die Ehre bedeutende Vorteile für sich habe, aber die Schande nicht minder, ja, daß die Vorteile der letzteren geradezu grenzenloser Art seien. Und indem er sich probeweise in Herrn Albins Zustand versetzte und sich vergegenwärtigte, wie es sein müsse, wenn man endgültig des Druckes der Ehre ledig war und auf immer die bodenlosen Vorteile der Schande genoß, erschreckte den jungen Mann ein Gefühl von wüster Süßigkeit, das sein Herz vorübergehend zu noch hastigerem Gange erregte.

Satana macht ehrrührige Vorschläge

Später verlor er das Bewußtsein. Nach seiner Taschenuhr war es halb vier, als Gespräch hinter der linken Glaswand ihn weckte: Dr. Krokowski, der um diese Zeit ohne den Hofrat die Runde machte, sprach dort russisch mit dem unmanierlichen Ehepaar, erkundigte sich, wie es schien, nach dem Befinden des Gatten und ließ sich seine Fiebertabelle zeigen. Dann aber setzte er seinen Weg nicht durch die Balkonlogen fort, sondern umging Hans Castorps Abteil, indem er sich auf den Korridor zurückbegab und durch die Zimmertür bei Joachim eintrat. Daß man solchergestalt einen Bogen um ihn beschrieb und ihn links liegen ließ, empfand Hans Castorp denn doch als etwas verletzend, obgleich ihn nach einem Zusammensein unter vier Augen mit Dr. Krokowski ja durchaus nicht verlangte. Freilich, er war eben gesund und zählte nicht mit, – denn bei denen hier oben, dachte er, lagen die Dinge so, daß derjenige nicht in Betracht kam und nicht gefragt wurde, der die Ehre hatte, gesund zu sein, und das ärgerte den jungen Castorp.

Nachdem Dr. Krokowski sich bei Joachim zwei oder drei Minuten verweilt hatte, ging er den Balkon entlang weiter, und Hans Castorp hörte den Vetter sagen, daß man nun aufstehen und sich zur Vespermahlzeit bereit machen könne. „Schön“, sagte er und stand auf. Aber es schwindelte ihn sehr vom langen Liegen, und der unerquickliche Halbschlaf hatte ihm das Gesicht aufs neue peinlich erhitzt, während er übrigens zum Frösteln neigte, – vielleicht hatte er sich nicht warm genug zugedeckt.

Er wusch sich Augen und Hände, ordnete sein Haar und seine Kleider und traf mit Joachim auf dem Korridor zusammen.

„Hast du diesen Herrn Albin gehört?“ fragte er, als sie die Treppen hinunter gingen ...

„Natürlich“, sagte Joachim. „Der Mensch müßte diszipliniert werden. Stört da die ganze Mittagsruhe mit seinem Geschwätz und regt die Damen so auf, daß er sie um Wochen zurückbringt. Eine grobe Insubordination. Aber wer will denn den Denunzianten machen. Und außerdem sind solche Reden ja den meisten als Unterhaltung willkommen.“

„Hältst du es für möglich,“ fragte Hans Castorp, „daß er Ernst macht mit seiner ‚glatten Sache‘, wie er sich ausdrückt, und sich einen Fremdkörper appliziert?“

„Ach, doch,“ antwortete Joachim, „ganz unmöglich ist es nicht. Dergleichen kommt vor hier oben. Zwei Monate bevor ich kam hat sich ein Student, der schon lange hier war, nach einer Generaluntersuchung im Walde drüben aufgehängt. Es war in meinen ersten Tagen noch viel die Rede davon.“

Hans Castorp gähnte erregt.

„Ja, gut fühle ich mich nicht bei euch,“ erklärte er, „das kann ich nicht sagen. Ich halte es für möglich, daß ich nicht bleiben kann, du, daß ich abreisen muß, – würdest du es mir weiter übelnehmen?“

„Abreisen? Was fällt dir ein!“ rief Joachim. „Unsinn. Wo du gerade erst angekommen bist. Wie willst du denn urteilen nach dem ersten Tage!“

„Gott, ist noch immer der erste Tag? Mir ist ganz, als wäre ich schon lange – lange bei euch hier oben.“

„Nun fange nur nicht wieder an, über die Zeit zu spintisieren!“ sagte Joachim. „Ganz konfus hast du mich heute morgen gemacht.“

„Nein, sei beruhigt, ich habe alles vergessen“, erwiderte Hans Castorp. „Den ganzen Komplex. Jetzt bin ich auch kein bißchen scharf mehr im Kopfe, das ist vorüber ... Nun gibt es also Tee.“

„Ja, und dann gehen wir wieder bis zu der Bank von heute morgen.“

„In Gottes Namen. Aber hoffentlich treffen wir Settembrini nicht wieder. Ich kann mich heute an keinem gebildeten Gespräch mehr beteiligen, das sage ich dir im voraus.“

Im Speisesaal wurden alle Getränke geschenkt, die zu dieser Stunde nur irgend in Betracht kommen. Miß Robinson trank wieder ihren blutroten Hagebuttentee, während die Großnichte Yoghurt löffelte. Außerdem gab es Milch, Tee, Kaffee, Schokolade, ja sogar Fleischbrühe, und überall waren die Gäste, die seit dem üppigen Mittagsmahl zwei Stunden liegend verbracht hatten, eifrig beschäftigt, Butter auf große Schnitten Rosinenkuchen zu streichen.

Hans Castorp hatte sich Tee geben lassen und tauchte Zwieback hinein. Auch etwas Marmelade versuchte er. Den Rosinenkuchen betrachtete er genau, doch erzitterte er buchstäblich bei dem Gedanken, davon zu essen. Abermals saß er an seinem Platze im Saal mit dem einfältig bunten Gewölbe, den sieben Tischen, – zum viertenmal. Etwas später, um sieben Uhr, saß er zum fünftenmal dort, und da galt es das Abendessen. In die Zwischenzeit, welche kurz und nichtig war, fiel ein Spaziergang zu jener Bank an der Bergwand, beim Wasserrinnsal – der Weg war jetzt dicht belebt von Patienten, so daß die Vettern häufig zu grüßen hatten – und eine neuerliche Liegekur auf dem Balkon, von flüchtigen und gehaltlosen anderthalb Stunden. Hans Castorp fröstelte heftig dabei.

Zur Abendmahlzeit kleidete er sich gewissenhaft um und aß dann zwischen Miß Robinson und der Lehrerin Juliennesuppe, gebackenes und gebratenes Fleisch nebst Zubehör, zwei Stücke von einer Torte, in der alles vorkam: Makronenteig, Buttercreme, Schokolade, Fruchtmus und Marzipan, und sehr guten Käse auf Pumpernickel. Wieder ließ er sich eine Flasche Kulmbacher dazu geben. Als er jedoch sein hohes Glas zur Hälfte geleert hatte, erkannte er klar und deutlich, daß er ins Bett gehöre. In seinem Kopfe rauschte es, seine Augenlider waren wie Blei, sein Herz ging wie eine kleine Pauke, und zu seiner Qual bildete er sich ein, daß die hübsche Marusja, die, vornüber geneigt, ihr Gesicht in der Hand mit dem kleinen Rubin verbarg, über _ihn_ lache, obgleich er sich so angestrengt bemüht hatte, keinerlei Veranlassung dazu zu geben. Wie aus weiter Ferne hörte er Frau Stöhr etwas erzählen oder behaupten, was ihm als so tolles Zeug erschien, daß er in verwirrte Zweifel geriet, ob er noch richtig höre oder ob Frau Stöhrs Äußerungen sich vielleicht in seinem Kopfe zu Unsinn verwandelten. Sie erklärte, daß sie achtundzwanzig verschiedene Fischsaucen zu bereiten verstehe, – sie habe den Mut, dafür einzustehen, obgleich ihr eigener Mann sie gewarnt habe, davon zu sprechen. „Sprich nicht davon!“ habe er gesagt. „Niemand wird es dir glauben, und wenn man es glaubt, so wird man es lächerlich finden!“ Und doch wolle sie es heute einmal sagen und offen bekennen, daß es achtundzwanzig Fischsaucen seien, die sie machen könne. Das schien dem armen Hans Castorp entsetzlich; er erschrak, griff sich mit der Hand an die Stirn und vergaß vollkommen, einen Bissen Pumpernickel mit Chester, den er im Munde hatte, fertig zu kauen und hinunterzuschlucken. Noch als man von Tische aufstand, hatte er ihn im Munde.

Man ging durch die Glastür zur Linken hinaus, jene fatale, die immer zufiel und die geradewegs in die vordere Halle führte. Fast alle Gäste nahmen diesen Weg, denn es zeigte sich, daß um die Stunde nach dem Diner in der Halle und den anliegenden Salons eine Art von Geselligkeit stattfand. Die Mehrzahl der Patienten stand in kleinen Gruppen plaudernd umher. An zwei grün ausgeschlagenen Klapptischen lag man dem Spiele ob; es war Domino an dem einen, Bridge an dem anderen Tische, und hier waren es nur junge Leute, die spielten, darunter Herr Albin und Hermine Kleefeld. Ferner gab es ein paar unterhaltende optische Gegenstände im ersten Salon: einen stereoskopischen Guckkasten, durch dessen Linsen man die in seinem Innern aufgestellten Photographien, zum Beispiel einen venezianischen Gondolier, in starrer und blutloser Körperlichkeit erblickte; zweitens ein fernrohrförmiges Kaleidoskop, an dessen Linse man ein Auge legte, um sich, nur durch leichte Handhabung eines Rades, buntfarbige Sterne und Arabesken in zauberhafter Abwechslung vorzugaukeln; eine drehende Trommel endlich, in die man kinematographische Filmstreifen legte und durch deren Öffnungen, wenn man seitlich hineinsah, ein Müller, der sich mit einem Schornsteinfeger prügelte, ein Schulmeister, einen Knaben züchtigend, ein springender Seiltänzer und ein Bauernpärchen im Ländlertanz zu beobachten waren. Hans Castorp, die kalten Hände auf den Knien, blickte längere Zeit in jeden der Apparate. Er verweilte sich auch ein wenig am Bridgetische, wo der unheilbare Herr Albin mit hängenden Mundwinkeln und weltmännisch wegwerfenden Bewegungen die Karten handhabte. In einem Winkel saß Dr. Krokowski, begriffen in frischem und herzlichem Gespräch mit einem Halbkreise von Damen, zu welchem Frau Stöhr, Frau Iltis und Fräulein Levi gehörten. Die Inhaber des Guten Russentisches hatten sich in den anstoßenden kleineren Salon zurückgezogen, der nur durch Portieren vom Spielzimmer getrennt war, und bildeten dort eine intime Clique. Es waren außer Madame Chauchat: ein blondbärtiger, schlaffer Herr mit konkavem Brustkasten und glotzenden Augäpfeln; ein tief brünettes Mädchen von originellem und humoristischem Typus, mit goldenen Ohrringen und wirrem Wollhaar; ferner Dr. Blumenkohl, der sich ihnen zugesellt hatte, und noch zwei hängeschultrige Jünglinge. Madame Chauchat trug ein blaues Kleid mit weißem Spitzenkragen. Sie saß, als Mittelpunkt ihrer Gruppe, auf dem Sofa hinter dem runden Tisch, im Hintergrunde des kleinen Gemaches, das Gesicht dem Spielzimmer zugewandt. Hans Castorp, der die ungezogene Frau nicht ohne Mißbilligung betrachten konnte, dachte bei sich: Sie erinnert mich an irgend etwas, doch kann ich nicht sagen, an was ... Ein langer Mensch von etwa dreißig Jahren und mit gelichtetem Haupthaar spielte an dem kleinen braunen Pianoforte dreimal hintereinander den Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“, und als einige Damen ihn darum baten, begann er das melodiöse Stück zum viertenmal, nachdem er einer nach der anderen tief und schweigend in die Augen geblickt hatte.

„Ist es erlaubt, sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Ingenieur?“ fragte Settembrini, welcher, die Hände in den Hosentaschen, zwischen den Gästen umhergeschlendert war und nun vor Hans Castorp hintrat ... Noch immer trug er seinen grauen, flausartigen Rock und die hell karierten Beinkleider. Er lächelte bei seiner Anrede, und wieder empfand Hans Castorp etwas wie Ernüchterung beim Anblick dieses fein und spöttisch gekräuselten Mundwinkels unter der Biegung des schwarzen Schnurrbartes. Übrigens blickte er den Italiener ziemlich blöde, mit schlaffem Munde und rotgeäderten Augen an.

„Ach, Sie sind es“, sagte er. „Der Herr vom Morgenspaziergang, den wir bei dieser Bank da oben ... beim Wasserlauf ... Natürlich, ich habe Sie sofort wieder erkannt. Wollen Sie glauben,“ fuhr er fort, obgleich er wohl einsah, daß er es nicht hätte sagen dürfen, „daß ich Sie damals im ersten Augenblick für einen Drehorgelmann gehalten habe? ... Das war natürlich der reine Unsinn,“ setzte er hinzu, da er sah, daß Settembrini’s Blick einen kühl forschenden Ausdruck annahm, „– eine furchtbare Dummheit mit einem Wort! Es _ist_ mir sogar vollständig unbegreiflich, wie in aller Welt ich ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht, es hat nichts zu sagen“, erwiderte Settembrini, nachdem er den jungen Mann noch einen Augenblick schweigend betrachtet hatte. „Und wie haben Sie also Ihren Tag verbracht, – den ersten Ihres Aufenthaltes an diesem Lustorte?“

„Ich danke sehr. Ganz vorschriftsmäßig“, antwortete Hans Castorp. „Vorwiegend auf ‚horizontale Art‘, wie Sie es mit Vorliebe nennen sollen.“

Settembrini lächelte.

„Es mag sein, daß ich mich gelegentlich so ausgedrückt habe“, sagte er. „Nun, und Sie fanden sie kurzweilig, diese Lebensweise?“

„Kurzweilig und langweilig, wie Sie nun wollen“, erwiderte Hans Castorp. „Das ist zuweilen schwer zu unterscheiden, wissen Sie. Ich habe mich durchaus nicht gelangweilt, – dazu ist es doch ein allzu munterer Betrieb bei Ihnen hier oben. Man bekommt so viel Neues und Merkwürdiges zu hören und zu sehen ... Und doch ist mir auch andererseits wieder, als ob ich nicht nur einen Tag, sondern schon längere Zeit hier wäre, – geradezu, als ob ich hier schon älter und klüger geworden wäre, so kommt es mir vor.“

„Klüger auch?“ sagte Settembrini und zog die Brauen hoch. „Wollen Sie mir die Frage erlauben: Wie alt sind Sie eigentlich?“

Aber siehe da, Hans Castorp wußte es nicht! Er wußte im Augenblick nicht, wie alt er sei, trotz heftiger, ja verzweifelter Anstrengungen, sich darauf zu besinnen. Um Zeit zu gewinnen, ließ er sich die Frage wiederholen und sagte dann:

„... Ich ... wie alt? Ich bin natürlich im vierundzwanzigsten. Demnächst werde ich vierundzwanzig. Verzeihen Sie, ich bin müde!“ sagte er. „Und Müdigkeit ist noch gar nicht der Ausdruck für meinen Zustand. Kennen Sie das, wenn man träumt und weiß, daß man träumt und zu erwachen sucht und nicht aufwachen kann? Genau so ist mir zumut. Unbedingt muß ich Fieber haben, anders kann ich es mir gar nicht erklären. Wollen Sie glauben, daß ich bis zu den Knien hinauf kalte Füße habe? Wenn man so sagen darf, denn die Knie sind ja natürlich nicht mehr die Füße, – entschuldigen Sie, ich bin im höchsten Grade konfus, und das ist ja auch am Ende kein Wunder, wenn man schon am frühen Morgen mit dem ... mit dem Pneumothorax angepfiffen wird und nachher die Reden dieses Herrn Albin mit anhört und obendrein in horizontaler Lage. Denken Sie, mir ist immer, als dürfte ich meinen fünf Sinnen nicht mehr recht trauen, und ich muß sagen, das geniert mich noch mehr, als die Hitze im Gesicht und die kalten Füße. Sagen Sie mir offen: halten Sie es für möglich, daß Frau Stöhr achtundzwanzig Fischsaucen zu machen versteht? Ich meine nicht, ob sie sie wirklich machen kann – das halte ich für ausgeschlossen – sondern ob sie es auch nur wirklich vorhin bei Tische behauptet hat oder ob es mir nur so vorkam, – nur das möchte ich wissen.“

Settembrini sah ihn an. Er schien nicht zugehört zu haben. Wieder hatten seine Augen „sich festgesehen“, waren in eine fixe und blinde Einstellung geraten, und wie heute morgen sagte er je dreimal „so, so, so“ und „sieh, sieh, sieh“, – spöttisch-nachdenklich und mit scharfem S-Laut.

„Vierundzwanzig sagten Sie?“ fragte er dann ...

„Nein, achtundzwanzig!“ sagte Hans Castorp. „Achtundzwanzig Fischsaucen! Nicht Saucen im allgemeinen, sondern speziell Fischsaucen, das ist das Ungeheuerliche.“

„Ingenieur!“ sagte Settembrini zornig und ermahnend. „Nehmen Sie sich zusammen und lassen Sie mich mit diesem liederlichen Unsinn in Ruhe! Ich weiß nichts davon und will nichts davon wissen. – Im vierundzwanzigsten, sagten Sie? Hm ... gestatten Sie mir noch eine Frage oder einen unmaßgeblichen Vorschlag, wenn Sie so wollen. Da der Aufenthalt Ihnen nicht zuträglich zu sein scheint, da Sie sich körperlich und, wenn mich nicht alles täuscht, auch seelisch nicht wohl bei uns befinden, – wie wäre es denn da, wenn Sie darauf verzichteten, hier älter zu werden, kurz, wenn Sie noch heute nacht wieder aufpackten und sich morgen mit den fahrplanmäßigen Schnellzügen auf- und davonmachten?“

„Sie meinen, ich sollte abreisen?“ fragte Hans Castorp ... „Wo ich gerade erst angekommen bin? Aber nein, wie will ich denn urteilen nach dem ersten Tage!“

Zufällig blickte er ins Nebenzimmer bei diesen Worten und sah dort Frau Chauchat von vorn, ihre schmalen Augen und breiten Backenknochen. Woran, dachte er, woran und an wen in aller Welt erinnert sie mich nur. Aber sein müder Kopf wußte die Frage trotz einiger Anstrengung nicht zu beantworten.

„Natürlich fällt es mir nicht so ganz leicht, mich bei Ihnen hier oben zu akklimatisieren,“ fuhr er fort, „das war doch vorauszusehen, und deshalb gleich die Flinte ins Korn zu werfen, nur weil ich vielleicht ein paar Tage ein bißchen verwirrt und heiß sein werde, da müßte ich mich ja schämen, geradezu feig würde ich mir vorkommen und außerdem ginge es gegen alle Vernunft, – nein, sagen Sie selbst ...“

Er sprach auf einmal sehr eindringlich, mit erregten Schulterbewegungen, und schien den Italiener bestimmen zu wollen, seinen Vorschlag in aller Form zurückzunehmen.

„Ich salutiere der Vernunft“, antwortete Settembrini. „Ich salutiere übrigens auch dem Mute. Was Sie sagen, läßt sich wohl hören, es dürfte schwer sein, etwas Triftiges dagegen einzuwenden. Auch habe ich wirklich schöne Fälle von Akklimatisation beobachtet. Da war im vorigen Jahre Fräulein Kneifer, Ottilie Kneifer, durchaus von Familie, die Tochter eines höheren Staatsfunktionärs. Sie war wohl anderthalb Jahre hier und hatte sich so vortrefflich eingelebt, daß sie, als ihre Gesundheit vollkommen hergestellt war – denn das kommt vor, man wird zuweilen gesund hier oben –, daß sie auch dann noch um keinen Preis fort wollte. Sie bat den Hofrat von ganzer Seele, noch bleiben zu dürfen, sie könne und möge nicht heim, hier sei sie zu Hause, hier sei sie glücklich; da aber lebhafter Zudrang herrschte und man ihr Zimmer benötigte, so war ihr Flehen umsonst, und man beharrte darauf, sie als gesund zu entlassen. Ottilie bekam hohes Fieber, sie ließ ihre Kurve tüchtig ansteigen. Allein man entlarvte sie, indem man ihr das gebräuchliche Thermometer mit einer ‚Stummen Schwester‘ vertauschte, – Sie wissen noch nicht, was das ist, es ist ein Thermometer ohne Bezifferung, der Arzt kontrolliert ihn, indem er ein Maß daran legt und zeichnet die Kurve dann selbst. Ottilie, mein Herr, hatte 36,9, Ottilie war fieberfrei. Da badete sie im See, – wir schrieben Anfang Mai damals, wir hatten Nachtfröste, der See war nicht geradezu eiskalt, er hatte genau genommen ein paar Grad über Null. Sie blieb eine gute Weile im Wasser, um dies oder jenes abzubekommen, – allein der Erfolg? Sie war und blieb gesund. Sie schied in Schmerz und Verzweiflung, unzugänglich den Trostworten ihrer Eltern. ‚Was soll ich da unten?‘ rief sie wiederholt. ‚Hier ist meine Heimat!‘ Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist ... Aber mir scheint, Sie hören mich nicht, Ingenieur? Es kostet Sie Mühe, sich auf den Beinen zu halten, wenn mich nicht alles täuscht. Leutnant, hier haben Sie Ihren Vetter!“ wandte er sich zu Joachim, der eben herantrat. „Führen Sie ihn zu Bette! Er vereinigt Vernunft und Mut, aber heute abend ist er ein wenig hinfällig.“